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Siegfried Russwurm: Der Präsident aus der Provinz

Siegfried Russwurm nennt ihn den „Realitycheck“: den Moment, wenn er von beruflichen Reisen in seinen Wohnort Marktgraiz in Oberfranken zurückkehrt. Was die rund 600 Einwohner dort bewegt, ist nicht nur weit weg von dem, womit sich der frühere Siemens-Vorstand und heutige Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp beruflich beschäftigt. Sondern auch weit weg von den Themen, die im Berliner Politikbetrieb diskutiert werden. Etwa die Verkehrswende: „Die Aussage, dass die Mobilitätsdrehscheibe der Zukunft der Bahnhof sein muss, stößt dort auf Unverständnis“, sagt Russwurm über seine nordbayerische Heimat. Auch die Jüngeren wollten nicht aufs eigene Auto verzichten. Diese Lebensrealität müsse die Politik sehen. „Wenn diese Regionen der Rust Belt der Bundesrepublik werden, dann ist nichts gewonnen“, sagt Russwurm in Anspielung auf die Bewohner im ländlichen Amerika und deren Aversion gegen das Establishment in Washington.

Vom kommenden Jahr an wird der 57 Jahre alte Ingenieur viele Gelegenheiten haben, solche Beobachtungen in Berlin einzuspeisen. Im Januar löst er Dieter Kempf, ebenfalls 57 Jahre, als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ab, so hat es die Mitgliederversammlung des Verbands am Montag entschieden. Der BDI zählt zu den mächtigsten Interessenvertretungen in Berlin. Mal leiser, mal lauter kommentiert er die Gesetzesvorhaben der Bundesregierung, versucht, im Sinne der Industrie Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Einmal im Jahr kommt es zum direkten Schlagabtausch auf dem vom Verband ausgerichteten „Tag der Industrie“. Im vergangenen Jahr ging es dabei hoch her. Kempf warf der Bundesregierung vor, ihr Vertrauen verspielt zu haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rechnete im Gegenzug vor, wie viel Zeit sie sich schon mit den Verstößen der Autoindustrie habe beschäftigen müssen.

„Spannend wird’s allemal“

Als Russwurm sich vor einigen Tagen in einem ersten Gespräch den Berliner Journalisten vorstellte, da klang er schon ziemlich präsidial. Mit einer „ordentlichen Position Respekt“ gehe er die neue Aufgabe an. „Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Standorts.“ Auf welche Regierungskonstellation er nach der Bundestagswahl im nächsten Herbst hofft, behält Russwurm lieber für sich. Nur so viel: Den Wandel der Grünen von der Protestpartei zu einer, die mitregieren will, findet er „hochinteressant“. Bange wird ihm angesichts einer möglichen schwarz-grünen Koalition nicht. „Aber spannend wird’s allemal.“ Er hoffe nur darauf, dass sich die Parteien keinen Wettbewerb um die unrealistischsten Wahlversprechen lieferten.

Mit der Corona-Krisenpolitik ist Russwurm „im Großen und Ganzen“ zufrieden. „Auch weil es einen Konsens gibt, dass eine funktionierende Industrie wichtig ist.“ Es sei jedoch falsch, davon auszugehen, dass die Struktur der deutschen Volkswirtschaft nach dieser Pandemie so bleiben werde wie zuvor. „Corona hat nicht die Pause-Taste gedrückt“, sagt Russwurm und verweist darauf, wie viel weiter andere Länder, nicht nur die Asiaten, sondern auch die Skandinavier, in puncto Digitalisierung seien. Den Deutschen attestiert er eine gewisse Selbstzufriedenheit, die sich auch in den aktuellen Hilfsprogrammen widerspiegele. Deren Ziel, den Status quo der Wirtschaftsstruktur zu erhalten, ist ihm zu wenig. „Wenn die Politik nicht nur den Mangel verwalten will, muss sie auf Wachstum setzen.“ Zugleich beobachtet er: „Das Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft schwindet.“ Dass durch die Corona-Krise die Kluft zwischen Niedrig- und Gutverdienern noch größer werde, mache die Sache nicht einfacher.

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