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„Skandal, dass so viele Erstwähler die FDP gewählt haben. Ich finde das schrecklich“

Es war ein Aufeinandertreffen der Generationen und Lebenseinstellungen: Gerhart Baum, 89-jährige Koryphäe der FDP diskutierte bei „Markus Lanz“ mit Cansin Köktürk, 28-jährige Sozialarbeiterin aus Bochum und seit einem Jahr Mitglied der Grünen.

Als es zu Beginn der Sendung mit weiteren Gästen um das Thema der Migrationswelle über Belarus und die polnische Grenze ging, beklagte Köktürk: „Wir sitzen hier und debattieren, warum nicht dieses Land mehr macht oder die da mehr Leute aufnehmen – warum fangen wir nicht einfach damit an und nehmen die Leute auf?“

Lanz erinnerte Köktürk daran, dass Deutschland das seit Jahren ja tue. „Wir können aber noch mehr Leute aufnehmen“, entgegnete sie, forderte „handeln und nicht rumlabern“. Als Baum sagte, dass die Aufnahmebereitschaft nicht „grenzenlos“ sein könne, konterte Köktürk mit einem klaren „Ich denke schon“.

Köktürk war eine der wenigen Rednerinnen, die das Ampel-Sondierungspapier auf dem Parteitag der Grünen kürzlich scharf kritisierte. Sie prangerte an, dass keine Lösung genannt sei für die „wahrhaftige Beseitigung der Armut in diesem Land“. Es fehle auch „der ehrliche Wille, die tief gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen“.

Köktürk für Abschaffung aller Hartz-IV-Sanktionen

Bei Lanz erklärte sie, sie habe vor den Koalitionsverhandlungen noch mal einen gewissen Druck erzeugen wollen. Sie fände es gut, wenn die Grünen mitregieren, „aber unter diesen Voraussetzungen, was auf dem Sondierungspapier stand, war ich nicht damit einverstanden“.

Köktürk forderte auch die komplette Abschaffung von Sanktionen im Bereich der Sozialhilfe. Aus ihrer täglichen Berufserfahrung mit Betroffenen hätten diese schlicht keinen Nutzen. Köktürk fragte, ob jemand in der Runde je einen Hartz-IV-Antrag ausgefüllt habe. „Für Menschen, die beispielsweise schon tief in der Obdachlosigkeit, in der Armut oder Depression hängen, ist die Mitwirkungspflicht unglaublich anstrengend und lästig.“ Randgruppen würden dadurch nur noch verzweifelter, ein Negativstrudel verstärke sich.

Köktürks Alternativlösung ist das bedingungslose Grundeinkommen. Auf Nachfrage erklärte sie, dies solle ungefähr 1500 Euro netto betragen. Aber woher kommt all das Geld? Für Köktürk sei das „ganz simpel: Vermögenssteuer, Steuererhöhungen, die Reichen geben ab. Wir machen eine Umverteilung“.

Lanz Köktürk

Gerhart Baum und Cansin Köktürk in der Diskussion

Quelle: ZDF

Baum fand das naiv: „Ganz simpel ist das nicht. Wo beginnt denn der Reichtum? Wo schöpfen Sie denn ab? Was sollen die Mittelschichten abgeben, die heute sowieso hoch belastet sind?“

Köktürk reagierte mit einer Gegenfrage: Ob Baum eine bessere Idee habe, um Menschen Sicherheit zu bieten. Diese fehle in Deutschland schlicht: „Es kann nicht sein, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben: in der Gesundheit, in der Bildung, in der sozialen Teilhabe.“

„Skandal, dass so viele Erstwähler die FDP gewählt haben“

Kinder sollten nicht auf Konkurrenz, sondern auf ein Füreinander und Solidarität getrimmt werden, so Köktürk weiter. Für sie persönlich sei es ein „Skandal, dass so viele Erstwähler die FDP gewählt haben. Ich finde das schrecklich und es hat mich erschrocken“.

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Das konnte Baum so nicht stehen lassen: „Ich bitte Sie! Ist Ihnen der Begriff Leistung so fremd, dass Menschen eine Leistung erbringen wollen, dass man Ihnen eine Chance eröffnet, etwas zu leisten?“

Köktürk konkretisierte: „Ich finde es schlimm, dass unsere Generation nicht sieht, wie vorrangig Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit im Gegensatz zur liberalen Freiheit und zur Wirtschaft sind. Das ist meine Meinung“. Der Fokus in der Gesellschaft liege schon in der Erziehung viel zu sehr auf Leistung, Karriere, Geld und Wachstum, die Menschen würden innerlich verarmen.

Lanz sah das anders: „Ich glaube, dass junge Erstwähler, die FDP wählen, das Gefühl haben, sie müssten ihr Leben selbst in die Hand nehmen“. Baum pflichtete ihm bei.

Köktürk offenbarte daraufhin ihr Problem mit dem liberalen Begriff der Freiheit. Aus ihrer Sicht gebe es liberale Freiheit immer nur auf Kosten anderer. Baum war erneut erschüttert. „Wir sind doch nicht rein leistungsfixierte Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft die sich nur bewährt, wenn wir gemeinsame Werte leben.“ Gerade deswegen gebe es ja auch so etwas wie die soziale Marktwirtschaft.

Köktürks knappe Antwort: „Das sehe ich nicht so“ – gefolgt von einer Einladung, sie in ihrem Arbeitsalltag zu begleiten.