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So aktuell, wie man nur sein kann

Die globale Finanz- und Bankenkrise von 2008 hat er noch mitbekommen, aber nicht mehr die Langzeitwirkungen dieses Desasters einer kapitalistischen Weltzivilisation. Folgen, die bis heute nicht aufgearbeitet sind, allerdings längst und unübersehbar zu einem massiven Legitimationsverlust des Systems geführt haben.

Was er zu all dem zu sagen hätte, können wir Ralf Dahrendorf, den programmatischen Vordenker einer liberalen, also auf Eigentum an Produktionsmitteln und wirtschaftlichem Wettbewerb fußenden Gesellschaft, nicht mehr fragen. Er starb an diesem Montag vor zehn Jahren in Köln (wo seine dritte Frau als Ärztin arbeitete); er, der mit seinen bedeutenden (und noch lebenden) Zeitgenossen Jürgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger das Geburtsjahr 1929 teilte, in dem sich mit dem New Yorker Börsencrash die erste große durch sich selbst verursachte Krise des Kapitalismus im Weltmaßstab anbahnte.

Lord Ralf Dahrendorf im Jahre 2009 in Berlin

Lord Ralf Dahrendorf im Jahre 2009 in Berlin

Besagte Frage drängt sich freilich auf – sie verdankt sich dem Gespür, dass gerade im aktuellen zeitdiagnostischen Diskurs seine Stimme wie sonst so leicht keine fehlt. Dies bringt dem Leser auch die soeben erschienene, von Thomas Hauser verfasste Biografie – die zweite nach der 2017er Arbeit von Franziska Meifort – über Dahrendorf zu Bewusstsein, die aus dem nämlichen Erkenntnisinteresse geschrieben ist – dem daran, was er uns heute zu sagen hat. Als ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der Badischen Zeitung war Hauser gut vertraut mit Dahrendorf, der (wohl auch von seinem Wohndomizil im Schwarzwald aus) für das Blatt regelmäßig Beiträge schrieb.

Hauser stellt das Leben, vor allem aber auch das Denken und Schaffen Dahrendorfs angesichts des überschaubaren Buchumfangs bemerkenswert eindringlich dar. Defizite sind dabei hinzunehmen: Auf Strecken ist die Arbeit eine unkommentierte Zitatreihung, und wichtige Themen und Stationen fehlen leider: die Begegnung mit Karl Popper, die Beteiligung am legendären Positivismusstreit mit den Vertretern der Kritischen Theorie. Dennoch liest man dieses Porträt mit Gewinn, und sei es, weil es einen ermuntert, mal wieder das eine oder andere Dahrendorf-Buch aus dem Regal zu holen.

Dahrendorf, Sohn eines sozialdemokratischen Hamburger Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus, war – Hauser tut es nachdrücklich dar – mit einer Vielzahl herausragender Begabungen gesegnet. Das wird in den Rollen sichtbar, die er im Lauf seines Lebens ausfüllte: Altphilologe, Philosoph, Sozialwissenschaftler, junger Professor in Saarbrücken und Tübingen, mitreißender Redner, FDP-Abgeordneter im Stuttgarter Landtag und im Bundestag, Außen-Staatssekretär im ersten Kabinett Brandt/Scheel, EG-Kommissar, Direktor der London School of Economics, Mitbegründer der Reformuni Konstanz, Mitglied des Londoner Oberhauses und, und, und... Manche dieser Tätigkeiten übte er – so das Gastspiel bei der FDP – nur kurzfristig aus; es war die neugierige und zum Teil auch frustrierte intellektuelle Ungeduld, die ihn zu immer neuen Ufern trieb.

Vor allem aber beschäftigten ihn – gegen Lebensende erst recht – die Gefahren, die einem freiheitlich verfassten Gemeinwesen von vielen Seiten drohen. Ja, was hätte er gesagt zum heutigen Zustand von Politik und Gesellschaft, der eine durchaus verschärfte Lage anzeigt?

Wobei die Bedrohung nicht nur von Terroristen und populistischen Regierungen im demokratischen Westen kommt, sondern auch von der politischen Erpressungsmacht eines globalisierten Kapitals und einer obszön aufklappenden Schere zwischen Arm und Reich im Weltmaßstab wie innerhalb der nationalstaatlich gebundenen Gesellschaften. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass immer mehr Menschen von demokratischer Teilhabe, damit aber de facto auch von der Ausübung fundamentaler Freiheitsrechte, wie Dahrendorf sie verstand, ausgeschlossen sind.

Liest man jetzt noch einmal in seinen Schriften – Hauser liefert, wie gesagt, viele Fundstellen –, wird man feststellen, dass er zu den Problemen dieser 2020er Zeit wohl mitnichten geschwiegen hätte – geschwiegen aus Ratlosigkeit oder weil er hätte einsehen müssen, mit seinen marktliberalen Überzeugungen aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Nein, vielen Äußerungen gerade aus der Spätzeit scheint im nachhinein eine geradezu seherische Kraft innezuwohnen. Der Binnenraum dessen, was man gemeinhin als Liberalismus bezeichnet, wurde dabei mutig überschritten – bis er sogar noch sein Gegenteil umfasste.

1997 in einem „Zeit“-Beitrag, „dass die direkt am Unternehmensgewinn Beteiligten alle Vorteile, die indirekt an der Unternehmensexistenz Interessierten alle Nachteile haben.“ Und weiter: „Der Weltmarkt frisst die Teilhabe-Suchenden und lässt die, die Anteile haben, ungeschoren.“ Das klingt nicht liberal nach eingeengtem Verständnis, sondern eher nach der Kapitalismus-Kritik eines Wolfgang Streeck. Genauso wie diese Erkenntnis aus 2004: „Demokratie schafft keine Marktwirtschaft und Marktwirtschaft keine Demokratie.“

Dahrendorf, der einst das egalitäre Prinzip „Bildung ist ein Bürgerrecht“ formuliert hatte, sah mit Sorge, dass die fortschreitende soziale Spaltung genauso wie die global vernetzte Technik-Entwicklung ein Heer von Modernisierungsverlierern produzieren würde. „Und was machen wir mit denen?“, war eine der pessimistischen Fragen, die ihn bis zuletzt umtrieben.

Nein, Dahrendorfs Liberalismus ist nicht überholt, er ist so aktuell wie eh und je – weil er ein engagierter Verfechter nicht nur der (individuellen) Freiheit, sondern auch der Bedingungen war, die sie erst ermöglichen. Es wäre nicht schlecht, wenn sich die Partei, die in Deutschland den organisierten Liberalismus repräsentiert – die FDP – dieses Erbes einmal wieder erinnerte.

Thomas Hauser: „Ralf Dahrendorf. Denker, Politiker, Publizist“, Kohlhammer, 158 Seiten, 27 Euro

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