logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo
star Bookmark: Tag Tag Tag Tag Tag
Germany

So entstand die umstrittenste Grenze Europas

Gut gemeint ist meistens das Gegenteil von gut. Am 8. Januar 1918 hatte US-Präsident Woodrow Wilson vor beiden Kammern des US-Kongresses seinen 14-Punkte-Plan verkündet, der einen Ausweg aus dem Gemetzel des Weltkriegs weisen sollte. Der vorletzte Punkt lautete: „Ein unabhängiger polnischer Staat sollte errichtet werden, der alle Gebiete einzuschließen hätte, die von unbezweifelbar polnischer Bevölkerung bewohnt sind; diesem Staat sollte ein freier und sicherer Zugang zur See geöffnet werden.“

Auf den Tag genau 23 Monate später, am 8. Dezember 1919, unterschrieb Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau in seiner Funktion als Vorsitzender der Friedenskonferenz von Versailles eine Erklärung, in der die künftige Ostgrenze Polens definiert wurde. Zunächst hatte eine Kommission im Frühjahr 1919 die Westgrenze festgelegt; das war einfach, denn sie konnte dem Kriegsverlierer Deutschland diktiert werden.

Quelle: Infografik WELT

Die Ostgrenze dagegen musste mit Russland geklärt werden, doch dort herrschte seit Ende 1917 Bürgerkrieg – und die Siegermächte in Versailles hatten noch die Hoffnung, dass nicht die Bolschewiki gewinnen würden, sondern die „weißen“, monarchistischen Truppen. Also wollte man ein mögliches prowestliches Russland nicht zu sehr verärgern.

Ohne klare Grenzen konnte es jedoch keinen polnischen Staat geben. Zu einem Staat gehören, der bekannten Drei-Elemente-Lehre des Staatsrechtlers Georg Jellinek zufolge, immer gleichermaßen Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt. Staatsgebiet wird aber definiert durch Grenzen. Mehr als hundert Jahre lang, fast vier Generationen, hatte es gar keinen Staat Polen gegeben; das sollte sich nun wieder ändern.

Dabei war sich Wilson des Problems durchaus bewusst, als er seine 14 Punkte verkündete: In Ostmitteleuropa gab es viele Gebiete, die eben nicht ethnisch eindeutig zuzuordnen waren. In seinen Worten: mit „unbezweifelbar polnischer Bevölkerung“.

The ruins of Minsk in Belarus during the Polish-Soviet War, 1920. (Photo by Slava Katamidze Collection/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Minsk ín Ruinen – ein Bild aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg 1920

Quelle: Getty Images

Im Gegenteil lebten vom Baltikum bis Nordostungarn verschiedene Ethnien, wenn auch zum Teil lokal getrennt, in denselben Regionen: Litauer neben Polen, Weißrussen neben Ukrainern, außerdem im Süden Slowaken, ferner die Nachfahren deutscher Siedler sowie hunderttausende vielfach in eigenen „Schtetln“ wohnende einheimische Juden. Eine klare Trennung entlang ethnischer Grenzen war hier unmöglich.

Weil aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein weiteres Ziel von Wilson war, um künftig den Frieden zu bewahren, war klar, dass es Mehrheitsentscheidungen und massenhafte Migration geben würde – von Minderheiten in beide Richtungen der festzulegenden Grenzen. Man nannte das verharmlosend „Entflechtung der Ethnien“, was am Ende der Balkankriege 1913 bereits Hunderttausende in Bulgarien, Griechenland und dem Osmanischen Reich die Heimat gekostet hatte.

Der Namensgeber: Lord George Curzon, britischer Außenminister 1919 bis 1924

Der Namensgeber: der britische Außenminister Lord George Curzon

Quelle: Getty Images

Eine sachlich begründete Linie festzulegen, die Grundlage einer solchen „Entflechtung“ sein sollte, war das Ziel der Erklärung vom 8. Dezember 1919. Die vorgeschlagene Linie sollte vom Schnittpunkt der ostpreußischen Grenze mit der Nordgrenze des Kreises Suwałki über Zegary, weiter über Grodno und Baranowo entlang des Flusses Swisłocz verlaufen, dann von Jałówka und Mielnik nach Niemirów, weiter nach Brest Litowsk und entlang des Stromes Bug bis dorthin, wo das Flüsschen Neretwa in den Bug mündete.

Im Süden, in der Region Ostgalizien, gab es drei Varianten der vorgeschlagenen Grenze: eine, die mehrere Kreise mit starker jüdischer Bevölkerung zur Ukraine gehören lassen würde, eine mittlere und eine, mit der die Regionalmetropole Lemberg zu Polen kommen sollte.

05.1920, Kijów Defilada wojsk polskich przez ul. Wielka Wlodzimierska. Fot. NN, Muzeum Wojska Polskiego w Warszawie - nr neg. 26117/11 MW - dar Mikolaja Konosewicza, 28.12.1926

Anfang 1920 eröffnete die polnische Armee ihre Offensive nach Osten. Im Mai zogen die Truppen in Kiew ein

Quelle: Wikipedia/Public Domain

Westlich davon war Polnisch die Sprache der relativen Mehrheit der Bevölkerung, östlich überwogen dagegen Weißrussisch, Ukrainisch, Litauisch, Russisch und Jiddisch. Doch für die polnischen Politiker war die Sprache nicht das entscheidende Argument. Ihnen schwebte vielmehr das Großreich der Polnisch-Litauischen Union vor Augen, die vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zeitweise weite Teile der Ukraine und Russlands beherrscht hatte.

Vor allem die Möglichkeit, dass Polen auf Lemberg verzichten sollte, brachte Warschaus nationale Gemüter in Wallung. Clemenceau, für den ein starkes Polen als Gegengewicht zu Deutschland von strategischer Bedeutung war, setzte sich daher für die östliche Variante ein. Doch David Lloyd George, der britische Premier, war dazu nicht bereit – er stimmte lediglich einer vorläufigen Aufschiebung des Beschlusses zu.

Ohnehin schien diese Grenzlinie zum Jahreswechsel 1919/20 bedeutungslos, waren doch polnisch-nationale Truppen weit über diesen Vorschlag hinaus nach Osten vorgedrungen. Längst hatten sie eindeutig litauisch, weißrussisch und ukrainisch dominierte Gebiete von den Bolschewiki erobert.

So blieb diese Linie bedeutungslos, bis es im September 1920 in Riga zu Friedensverhandlungen zwischen den im Russischen Bürgerkrieg siegreichen Bolschewiki und der Republik Polen kam. Nun war von der Linie keine Rede mehr, obwohl sie gerade jetzt ihren Namen erhielt – nach dem amtierenden britischen Außenminister Lord George Curzon. Denn seine Unterschrift stand auf einer Note, mit der Großbritannien am 11. Juli 1920 Polen und den Bolschewiki diese Grenze als Kompromiss vorschlug. Ansonsten hatte er mit dieser Linie nichts zu tun, interessierte sich auch gar nicht dafür.

WARSAW, POLAND - AUGUST 1920: Strategic talks before the Niemen Offensive, as a part of the Polish-Soviet war. Pictured from the left: general Leonard Skierski, member of the French Mission Paul Henrys, Marshal Jozef Pilsudski. Headquarters of the Polish Chief of State in Lapy, Poland, August 1920. (Photo by Laski Diffusion/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Jozef Pilsudski (r.), der Anführer der wiedergegründeten polnischen Republik, 1920 mit französischen Offizieren

Quelle: Getty Images

Polen lehnte ab, weil dann es große Teile der gerade eroberten Gebiet hätte abtreten müssen, in dem 1,5 Millionen ethnische Polen, aber auch etwa sechs Millionen weißrussisch, ukrainisch und litauisch sprechende Menschen sowie 1,4 Millionen Juden lebten. Von „unbezweifelbar polnischer Bevölkerung“ konnte für die Gebiete östlich des nun allgemein Curzon-Linie genannten Grenzvorschlags wirklich nicht die Rede sein.

Sowjetrussland fand sich damit ab, weil es ohnehin nicht mehr die Kraft hatte, militärisch etwas zu ändern. Doch die Schmach blieb – und das Gefühl, diese ethnisch eben nicht vorwiegend polnischen Gebiete zurückbekommen zu müssen.

Für Jörn Leonhard, Historiker in Freiburg und Autor des Standardwerkes „Der überforderte Frieden“ über die Neuordnung Europas durch den Vertrag von Versailles, ist die weitere Entwicklung „ein eindrückliches Beispiel für die längerfristigen Kettenreaktionen, die sich aus gegenseitigen Revisionsansprüchen“ ergeben.

In den Verhandlungen über das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt am 23. August 1939 nämlich forderte die Sowjetunion, dass die Demarkationslinie zwischen dem deutsch und dem von der Roten Armee zu besetzenden Teil Polens etwa entlang der Curzon-Linie verlaufen sollte. Da Hitler ohnehin mittelfristig die UdSSR angreifen und besiegen wollte, machte es ihm nichts aus, das zuzugestehen. Stalin dagegen konnte sich offenbar gut an die vorgeschlagene Demarkationslinie erinnern.

Als die Aufteilung Polens besiegelt wurde

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag machte dem NS-Regime den Weg frei zum Überfall auf Polen - und zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Wie sein Widerpart Stalin setzte Hitler alles auf eine Karte.

Quelle: WELT

Von Ende September 1939 an folgte die nunmehr faktisch deutsch-sowjetische Grenze dem Vorschlag vom 8. Dezember 1919. Aber nur bis zum 22. Juni 1941: Als die Wehrmacht nämlich Stalins Reich angriff, setzten ihre Truppen zuerst über den Fluss Bug.

Als nach der unübersehbaren Kriegswende Ende 1943 die „Großen Drei“ Churchill, Roosevelt und Stalin zum ersten Mal in Teheran zusammenkamen, forderte Stalin die Verlegung der polnischen Ostgrenze auf die Curzon-Linie – was zwangsläufig zu einer „Westverschiebung“ Polens führen musste und damit zum Verlust von seit Jahrhunderten deutsch geprägten Regionen wie Schlesien, Ostpreußen oder Pommern.

Mit der Folge einer gewaltigen Zwangsmigration gen Westen – und zwar nicht nur von Deutschen, sondern ebenso von polnischen Einwohnern der östlich der Curzon-Linie gelegenen Gebiete in das nun hinzugekommene Westpolen. Auch das war eine Art „ethnischer Entflechtung“ – allerdings um den Preis von insgesamt mehr als 15 Millionen Vertriebenen, vier Fünfteln davon Deutschen, die ihre Heimat verloren.

Polish women soldiers in combat, possibly during the Polish-Soviet War, circa 1921. (Photo by FPG/Hulton Archive/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Im Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919–1921) mobilisierte Polen auch Frauen

Quelle: Getty Images

Sie finden „Weltgeschichte“ auch auf Facebook. Wir freuen uns über ein Like.

Themes
ICO