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So kam die Wahrheit über den Vietnam-Krieg ans Licht

Es sind etwa 5,75 Gigabyte Daten, genauer: Scans. Anders ausgedrückt: mehr als 7000 Seiten in 47 Bänden, davon rund 4000 kopierte Dokumente und etwa 3000 Seiten Auswertung. Seit einigen Jahren steht die als „Pentagon Papers“ bekannt gewordene Sammlung auf der Website der US-amerikanischen National Archives für jeden am Vietnamkrieg interessierten Nutzer zum Download bereit. Allzu oft abgerufen und gar gelesen wird sie wohl nicht.

Vor einem halben Jahrhundert hingegen war das Bekanntwerden dieses Bestandes eine Sensation. Am 13. Juni 1971 begann die „New York Times“ mit dem Abdruck kleiner Ausschnitte aus diesen damals streng geheimen Unterlagen – und sorgte damit für ein politisches Erdbeben.

New Nork Times Ausriss Vietnam Archive

Die Titelseite der "New York Times" vom 13. Juni 1971 mit dem ersten Artikel über die „Pentagon Papers“

Quelle: The New York Times

Der Artikel mit der Schlagzeile „Vietnam-Archiv: Pentagon-Studie zeigt zwei Jahrzehnte der zunehmenden US-Einmischung“ stand auf der Titelseite der damals wohl wichtigsten Zeitung der Welt und wurde zur Blamage für die Regierung von Präsident Richard Nixon. Denn die US-Bürger erhielten Einblick in jene Entscheidungen, die zum Engagement der USA im zunehmend umstrittenen Krieg in Südostasien von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre geführt hatten. Und die Papiere zeigten: Was mehrere Regierungen, angefangen von Präsident Harry S. Truman über Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy bis hin zu Lyndon B. Johnson, der Öffentlichkeit mitgeteilt hatten, entsprach nicht der Wahrheit.

Bei dem „Vietnam-Archiv“ genannten Bestand, seinerzeit auch als „McNamara Report“ bekannt und heute allgemein als „Pentagon Papers“, handelte es sich um eine 1967/68 auf Befehl des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara angefertigte interne Studie. Sie zeichnete nach, wie sich die USA immer tiefer in den Vietnam-Konflikt verstrickt hatten.

June 1966, U S Secretary of Defense Robert McNamara at a press conference. (Photo by Getty Images/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Robert McNamara bei einer Pressekonferenz zum Thema Vietnam

Quelle: Getty Images

Der vormalige Ford-Chef McNamara, einer der zwei, drei mächtigsten US-Politiker in den 1960er-Jahren, hatte die Auswertung geheimer Unterlagen in Auftrag gegeben, um ein genaueres Bild der Eskalation zu bekommen, an der er jahrelang mitgewirkt hatte, die er aber augenscheinlich selbst nicht mehr verstand. Bei dem Bericht, den rund drei Dutzend Pentagon-Beamte erarbeitet hatten, handelte es sich um politischen Sprengstoff höchster Brisanz. Er wurde für streng geheim erklärt, und die rund 15 davon hergestellten Exemplare wurden unter Verschluss gestellt.

Dennoch Zugang zu dem Material hatte der einstige Marines-Oberleutnant und jetzige Politanalytiker Daniel Ellsberg: als Mitarbeiter des Thinktanks Rand Corporation. Der Harvard-Absolvent hatte sich, durch eigene Anschauung als ziviler Berater der US-Botschaft in Vietnam 1965 bis 1967, vom Befürworter zum entschiedenen Gegner des Krieges entwickelt. Ende 1969 begann er insgeheim, Kopien des Berichts anzufertigen – ein schwerer Verstoß gegen Geheimhaltungsvorschriften.

Er gab einen Satz seiner Kopien an die „New York Times“ weiter, die mit dem Abdruck begann – und damit den bekanntermaßen jähzornigen und sprunghaften Präsidenten Richard Nixon reizte. Sein Stabschef Bob Halderman beschrieb am Tag nach der ersten Veröffentlichung im Oval Office die möglichen Folgen: „Für den Normalbürger ist das alles ein Haufen Kauderwelsch. Aber aus dem Kauderwelsch sieht man ganz klar eine Sache: Man kann der Regierung nicht trauen; man kann nicht glauben, was sie sagt; man darf sich nicht auf ihr Urteil verlassen; die angenommene Unfehlbarkeit von Präsidenten, die in Amerika weithin akzeptiert ist, wird dadurch schwer verletzt.“

Daniel Ellsberg, circa 1971. (Photo by Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Daniel Ellsberg auf einem Porträt von 1971

Quelle: Getty Images

Nixon ließ die Redaktion der „New York Times“ massiv unter Druck setzen und verbot nach vier Folgen der Serie weitere Veröffentlichungen. Das war ein nie zuvor da gewesener Eingriff in die Pressefreiheit der USA. Zwar kassierte der Oberste Gerichtshof außergewöhnlich schnell die entsprechende Anordnung eines Bundesgerichts, aber doch erst am 30. Juni 1971.

Doch das machte nichts: Nach dem zunächst gültigen Verbot für die „New York Times“, weitere Teile des Berichts zu veröffentlichten, gab Ellsberg Passagen an die „Washington Post“, und als ihre Redaktion ebenfalls ein Verbot erreichte, an den „Boston Globe“. Insgesamt versorgte der Whistleblower 17 verschiedene Zeitungen mit den geheimen Informationen. So tanzte Ellsberg den herumwütenden Nixon elegant aus.

Bald danach stellte sich Ellsberg der Polizei und wurde angeklagt; die Vorwürfe lauteten: Er habe das aus dem Jahr 1917 stammende Spionagegesetz verletzt und „Regierungseigentum gestohlen“. Beides war ziemlich begründet; dem 40-Jährigen drohte damit lebenslange Haft (und wirklich lebenslänglich, nicht 15 oder 20 oder 25 Jahre).

Doch wieder kam Nixon mit einer gesetzwidrigen Reaktion ungewollt Ellsberg zu Hilfe: Am 3. September 1971 brachen Mitglieder seines geheimen Teams für „dirty tricks“ bei einem Psychiater ein, bei dem Ellsberg in Behandlung war. Sie sahen seine natürlich streng vertrauliche Akte durch, fanden aber keine belastenden Informationen und ließen sie auf dem Boden der Praxis liegen. Für die ermittelnden Beamten war es daher nicht sehr schwer zu erkennen, welchem Ziel der erfolglose Einbruch gedient hatte.

1971: The cover of the paperback edition of 'The Pentagon Papers' by Neil Sheehan; the 'papers,' published in the New York Times, revealed government deceit over the conduct of the war in Vietnam. (Photo by MPI/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Die "Pentagon Papers" als Buch, erschienen im Herbst 1971

Quelle: Getty Images

Erst als der Fall 1973 vor Gericht kam, erfuhren Ellsberg und die US-Öffentlichkeit von dem Einbruch und von illegalen Abhörmaßnahmen. Zwischenzeitlich war außerdem dasselbe Team für „schmutzige Angelegenheiten“ beim Einbruch in das Wahlkampfhauptquartier der Demokratischen Partei im Hotel „Watergate“ festgenommen worden. Angesichts dessen stellte der zuständige Richter den Prozess gegen Ellsberg am 11. Mai 1973 wegen „groben Fehlverhaltens der Regierung und illegaler Beweiserhebung“ ein: „Die bizarren Ereignisse haben die Verfolgung dieses Falles unheilbar infiziert“, lautete die Begründung.

15 Monate später musste Nixon als erster und bislang einziger US-Präsident von seinem Amt zurücktreten; seine Verstrickung in illegale Machenschaften und sein irrationales Herumwüten erschienen selbst seiner eigenen Partei untragbar. Ellsberg wurde ein bekannter Friedensaktivist, auf den sich auch spätere Whistleblower gern beriefen und berufen.

Allerdings meist zu Unrecht: Nur wenige der vermeintlichen Sensationen, mit denen zum Beispiel Wikileaks zeitweise die Öffentlichkeit bombardierte, hatten auch nur annähernd die Bedeutung der „Pentagon Papers“. Denn dabei handelt es sich fast ausschließlich um Rohmaterial ganz normaler militärischer, diplomatischer und geheimdienstlicher Vorgänge, während Ellsberg verdichtete Ergebnisse der Analyse unzähligen Originalmaterials veröffentlichte.

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