Verkehrswende, dieses bei Ökos beliebte Schlagwort, klappt nur mit einer aufgerüsteten BVG. Mehr Busse und Bahnen, mehr Linien und engere Takte für umweltfreundliche Mobilität. Also sind die Verkehrsbetriebe Berlins künftigem rot-grün-rotem Senat nicht nur lieb, sondern auch teuer.

Von Hildburg Bruns und Justus Jeep

Ticket-Einnahmen und Landes-Zuschüsse reichen für die vielen Wünsche nicht. Grünen-Frontfrau Bettina Jarasch (52) schlägt deshalb als neue Einnahmequelle ein Pflicht-Ticket für jeden Touristen vor – und höhere Parkgebühren für alle.​

„Die werden wir brauchen, wenn wir nicht nur das weiterverfolgen wollen, was jetzt schon geplant ist, sondern darüber hinausgehen wollen, etwa bei der U-Bahn“, sagte die Grünen-Politikerin dem Tagesspiegel.

Diese Ideen werden schon länger diskutiert, jetzt scheinen sie im Rahmen der Koalitionsverhandlungen konkret zu werden. Denn mit dem Wunsch nach einer City-Maut für Autofahrer als Einnahmequelle beißen die Grünen bei den Koalitionspartnern SPD und Linke auf Granit.

Wolfgang (70) und Margrith Kohr (67) aus Franken: „Wir sind bei Verwandten untergebracht, fänden eine solche pauschale Abgabe aber gut. 5 Euro sind total okay. Und man kennt solche Abgabe-Regelung ja auch schon, zum Beispiel bei der Kurtaxe“​ (Foto: Ralf Günther)
Wolfgang (70) und Margrith Kohr (67) aus Franken: „Wir sind bei Verwandten untergebracht, fänden eine solche pauschale Abgabe aber gut. 5 Euro sind total okay. Und man kennt solche Abgabe-Regelung ja auch schon, zum Beispiel bei der Kurtaxe“​ (Foto: Ralf Günther)

Also Touristen noch mehr abzocken (sie zahlen seit 2014 schon City-Tax)?

Jarasch: „Mein Eindruck ist, es würde kaum Touristen davon abhalten, nach Berlin zu kommen, wenn sie ein Ticket bekommen, mit dem sie sich überall bewegen können.“

Sandra (46), Holger (46) und​ Melissa Mühe (12) aus Göttingen: „Wir machen Sightseeing, haben uns in einem Hotel eingenistet. Man sollte frei entscheiden dürfen, wann man Bus fährt und dafür zahlt – und wann man läuft. Wir wollen laufen“ (Foto: Ralf Günther)
Sandra (46), Holger (46) und​ Melissa Mühe (12) aus Göttingen: „Wir machen Sightseeing, haben uns in einem Hotel eingenistet. Man sollte frei entscheiden dürfen, wann man Bus fährt und dafür zahlt – und wann man läuft. Wir wollen laufen“ (Foto: Ralf Günther)

„Das ist total kontraproduktiv und nicht zu Ende gedacht“, schimpft dagegen Burkhard Kieker (60), Chef von VisitBerlin, gegenüber B.Z. „Es torpediert unsere Willkommenskultur und wird die BVG mit der Brechstange schwächen.“ Denn die Verkäufe am Automaten würden zurückgehen.

Aber die Grünen kalkulieren anders: Wenn im Hotel zusammen mit der Übernachtungssteuer gleich 5 Euro/Tag abgezogen werden (Kinder ab sechs 2,50 Euro), müssten sie weniger zahlen als am Automaten (derzeit 8,80 Euro/Tag). Der Nachteil: Sie müssten auch zahlen, wenn sie gar nicht mit Bus und Bahn fahren.

lona Wilmont (35), Eric De-Geus (48) aus Arnheim in den Niederlanden: „Die Idee ist super. Es macht öffentlichen Personennahverkehr attraktiver und es verstärkt die Idee der autofreien Innenstadt. Ohne Autos wäre Berlin noch schöner“​ (Foto: Ralf Günther)
lona Wilmont (35), Eric De-Geus (48) aus Arnheim in den Niederlanden: „Die Idee ist super. Es macht öffentlichen Personennahverkehr attraktiver und es verstärkt die Idee der autofreien Innenstadt. Ohne Autos wäre Berlin noch schöner“​ (Foto: Ralf Günther)

„Was sollen Touristen noch alles finanzieren? Übernachtungssteuer plus verpflichtendes ÖPNV-Ticket wären einzigartig und würden den Re-Start des Berlin-Tourismus im europäischen Wettbewerb grob fahrlässig aufs Spiel setzen“, kritisiert Hans-Jörg Schulze, Tourismus-Experte der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Der Senat hat schon mal geprüft, was das Pflicht-Ticket bringen würde: Wenn man zusätzliche Einnahmen im Hotel mit den Ausfällen an Automaten verrechnet, wären es 65 bis 175 Millionen Euro/Jahr – je nachdem, ob fürs Ticket 5 oder 8 Euro am Tag angesetzt werden.​

Katrin (36), Mario (38) und Saskia Kirsten (9) aus Dresden: „Grundsätzlich sollte man zu nix gezwungen werden. Wir haben heute morgen entschieden, dass wir das Stück zum Brandenburger Tor zu Fuß laufen. Dann will ich doch nicht für ein Tagesticket bezahlen müssen“​ (Foto: Ralf Günther)
Katrin (36), Mario (38) und Saskia Kirsten (9) aus Dresden: „Grundsätzlich sollte man zu nix gezwungen werden. Wir haben heute morgen entschieden, dass wir das Stück zum Brandenburger Tor zu Fuß laufen. Dann will ich doch nicht für ein Tagesticket bezahlen müssen“​ (Foto: Ralf Günther)

Berlin zockt seine Touris ab … dabei bringen sie der Stadt ​17 Milliarden im Jahr

Touristen sind der Stadt lieb und teuer. Vor der Pandemie gaben sie laut Industrie- und Handelskammer (IHK) im Jahr 17 Milliarden Euro aus, 200.000 Berliner leben von den Besuchern.​

Wie schlimm es die Stadt trifft, wenn Touristen wegbleiben, zeigen folgende Zahlen aus einer parlamentarischen Anfrage des Abgeordneten Marcel Luthe (44, Freie Wähler).​

Selamawit (18) und Honneybal G. (29) aus den Niederlanden haben sich fünf Tage in einer Airbnb-Wohnung einquartiert: „Die Ticketpreise für die BVG sind hier viel zu hoch. Für kurze Strecken ist der E-Roller billiger – das ergibt überhaupt kein Sinn“ (Foto: Ralf Günther)
Selamawit (18) und Honneybal G. (29) aus den Niederlanden haben sich fünf Tage in einer Airbnb-Wohnung einquartiert: „Die Ticketpreise für die BVG sind hier viel zu hoch. Für kurze Strecken ist der E-Roller billiger – das ergibt überhaupt kein Sinn“ (Foto: Ralf Günther)

► Taxifahrer: Im Monat vor Ausbruch des ersten Corona-Falls (Februar 2020) gab‘s im Taxigewerbe 6177 Vollzeitfahrer – im März 2021 nur noch 4414.

Man sieht es auch an der zurückgehenden Zahl der Konzessionen: Während es vor der Pandemie noch über 8000 angemeldete Taxen gab, sind es inzwischen nur noch ca. 6100. Ein Rückgang um ein Viertel!​

► Handel: Touristen shoppten in der Hauptstadt im Jahr 2019 für rund 5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Viertel des Umsatzes aller Berliner Geschäfte.​

Normen (36), Katja (34) und Oskar Humbeutel (6) aus Chemnitz: „Dann müsste man sich zumindest nicht mehr mit den komplizierten Fahrscheinautomaten beschäftigen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis müsste aber stimmen. Nur: Wer würde noch E-Roller mieten, wenn Touristen schon für die BVG bezahlt haben“​ (Foto: Ralf Günther)
Normen (36), Katja (34) und Oskar Humbeutel (6) aus Chemnitz: „Dann müsste man sich zumindest nicht mehr mit den komplizierten Fahrscheinautomaten beschäftigen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis müsste aber stimmen. Nur: Wer würde noch E-Roller mieten, wenn Touristen schon für die BVG bezahlt haben“​ (Foto: Ralf Günther)

► Übernachtungen: Während der Pandemie halbierte sich die Zahl, in diesem Jahr gab’s bis Juli 1,7 Mio. Übernachtungen. Die Zahl der Hotelmitarbeiter schrumpfte von 15 158 (Februar 2020) auf 11 799 (März 2021).​

► City-Tax: Die Übernachtungssteuer wurde vor acht Jahren eingeführt. 2019 brachte sie dem Finanzsenator 55 Millionen Euro, in diesem Jahr erst 8 Millionen (bis Oktober).​

Steve (75) aus Kalifornien: „Ich bin mit einer Reisegruppe unterwegs. Wenn durch das Pflicht-Ticket Aufwand und Papierkram wegfallen, finde ich die Idee sehr gut. Die deutsche Bürokratie ist nämlich wahnsinnig anstrengend“​ (Foto: Ralf Günther)
Steve (75) aus Kalifornien: „Ich bin mit einer Reisegruppe unterwegs. Wenn durch das Pflicht-Ticket Aufwand und Papierkram wegfallen, finde ich die Idee sehr gut. Die deutsche Bürokratie ist nämlich wahnsinnig anstrengend“​ (Foto: Ralf Günther)

► Gastronomie: Auch hier sank die Zahl der Festangestellten von 23.102 (Februar 2020) auf 19.859 (März 2021).​

► BVG: Genau lassen sich die Fahrgeld-Einnamen durch Touristen nicht beziffern, aber es gab eine Kundenbefragung nach ihrer Herkunft, die nahelegt: 2019 lieferten Touristen 15 % der Einnahmen (129,6 Millionen Euro), im Pandemie-Jahr 2020 nur 8 Prozent (58 Mio. Euro) und im laufenden Jahr 10 Prozent (46 Mio. Euro).​