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Syker verzichtet 21 Tage lange aufs Auto – und viele andere tun es ihm gleich

Wenn's nach Andreas Schmidt, könnte die Aktion Stadtradeln für ihn sofort losgehen. Aber bis zum offiziellen Start für Syke muss er noch bis Montag warten.

Wenn's nach Andreas Schmidt, könnte die Aktion Stadtradeln für ihn sofort losgehen. Aber bis zum offiziellen Start für Syke muss er noch bis Montag warten. (Michael Braunschädel)

Moment. Die braune Aktentasche fehlt noch. „Nur mit der bin ich echt“, sagt Andreas Schmidt, lacht und presst das gute Stück an seinen Körper. Jetzt kann der Fotograf mit der Arbeit beginnen. Andreas Schmidt will auf dem Bild ja schließlich genauso aussehen, wie er jetzt jeden Morgen aussieht, wenn er mit dem Rad zur Arbeit nach Syke fährt. Schmidt hat da eine gewisse Verpflichtung übernommen. Der Kriminalhauptkommissar aus dem Örtchen Gödestorf, das zur Stadt Syke gehört, ist der sogenannnte „Star-Radler“ der Aktion Stadtradeln.

„Na ja, Star-Radler“, sagt Schmidt, „das können wir auch gern streichen. Schreiben Sie lieber so etwas wie Vorzeige-Radler, wenn es sein muss.“ Es muss. Denn Schmidt wird ab dem 25. Mai drei Wochen lang jeden Weg, den er machen muss, nur noch mit dem Fahrrad zurücklegen. Sein Auto bleibt in der Garage, mehr noch, er will sogar  versuchen, nicht einmal als Beifahrer in einem Auto unterwegs zu sein. Er will stattdessen Kilometer sammeln mit dem Fahrrad für die Stadt Syke. Jeder Radkilometer zählt.

So wie Schmidt machen es in Niedersachsen und im Rest der Republik Tausende. Die Aktion Stadtradeln, eine Kampagne des bundesweiten Klimabündnisses, bringt inzwischen im 13. Jahr Menschen dazu, für 21 Tage möglichst häufig auf ihr Auto zu verzichten, um den CO2-Ausstoß zu verringern.

In diesem Jahr haben sich bislang 975 Kommunen deutschlandweit auf der Internetseite www.stadtradeln.de angemeldet. 11.600 Radler sind das bisher. Dort, wo die Aktion bereits läuft, haben sie schon jetzt 1,3 Millionen Kilometer zusammengeradelt und damit 195 Tonnen CO2 vermieden, das sonst ihre Autos ausgestoßen hätten. Die zurückgelegten Kilometer werden online im sogenannten KM-Buch notiert oder über die Stadtradel-App getrackt.

In Bremen und umzu fast 100 Teams dabei

In Bremen und umzu sind ab kommenden Montag fast 100 Teams aus den Gemeinden Stuhr, Weyhe, Syke, Bassum und Twistringen dabei. In der Stadt Delmenhorst gehen ab Anfang Juni Radler an den Start, im Landkreis Oldenburg ab Mitte des Monats, in Verden und Oldenburg schließlich ab September. Im Herbst werden die Sieger gekürt.

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Andreas Schmidt hat sich für die 21 Tage ab nächsten Montag vorgenommen, 750 Kilometer mit dem Fahrrad zu fahren. „Das sollte zu schaffen sein“, sagt der 55-Jährige. Allein der Weg zur Arbeit und zurück nach Hause ist 15 Kilometer lang. Schmidt genießt besonders morgens in aller Frühe die Strecke, die ihn vom Fleckchen Gödestorf vorbei an Wiesen, Feldern und Wälder zum Revier nach Syke führt. Manchmal, wenn es die Zeit erlaubt, fährt er sogar freiwillig einen Umweg, weil es ihm so gut gefällt.

Auch nach Feierabend fährt Schmidt schon jetzt jeden Tag – meistens gemeinsam mit seiner Ehefrau – zusätzlich um die 20 bis 25 Kilometer, am Wochenende dürfen es auch gern 50 Kilometer sein. Schlachte, Wümmewiesen, Teufelsmoor, Blockland – die Schmidts sind viel mit dem Rad in Bremen und umzu unterwegs. „Ganz ehrlich“, sagt Schmidt, „gerade in Zeiten von Corona gibt es nichts Schöneres, als sich zu bewegen und raus in die Natur zu kommen.“ Und davon gibt es gerade bei ihm in der Nähe reichlich.     

Die Aktion Stadtradeln hat viele prominente Unterstützer. Die Schauspieler Peter Lohmeyer, Michaela May und Hannes Jaenicke werben dafür, so oft wie möglich das Auto stehen zu lassen und aufs Rad umzusteigen. Der Sänger Max Raabe, 2019 zur fahrradfreundlichsten Persönlichkeit des Jahres gekürt, hat gedichtet: „Nichts ist so schön wie Fahrrad fahr’n, das ist das Optimale und lüftet die Sandale.“ Das Stadtradeln hat sich etabliert. Für die Gemeinde Stuhr hat in diesem Jahr eine Musikpädagogin ein Lied geschrieben, "Ich bin ein Fahrrad-Kind“ heißt es. Star-Radler ist in Twistringen der Erste Stadtrat, und in Stuhr nehmen unter anderem Teams der Feuerwehr, der Grünen und Mitarbeiter des Rathauses teil.

Schmidt will Menschen zum Nachdenken übers Autofahren anregen

Schmidt, der bis vor einigen Jahren vor allem als Fußballtrainer in der Gegend um Syke bekannt war und sich nun in der Kommunalpolitik engagiert, ist bislang stets in einer Gruppe mit seinen Mitstreitern von der Freien Wählergemeinschaft beim Stadtradeln dabei gewesen. In diesem Jahr hat Schmidt erstmals eine Familiengruppe angemeldet, in der seine Frau, seine Eltern und sein Sohn mit Freundin mitfahren. Sie sammeln die Kilometer als Team, aber ein bisschen Wettkampf dürfte auch dabei sein. „Vor allem mein Sohn“, glaubt Schmidt, „wird Ehrgeiz entwickeln.“ Der Filius arbeitet bei der Berufsfeuerwehr in Bremen.  

Schmidt ist es bei allem Spaß, die ihm die Aktion bereitet, auch tatsächlich ein Anliegen, die Menschen zum Nachdenken übers Autofahren anzuregen. „Ich selbst habe festgestellt, dass man auf viele Fahrten verzichten kann“, sagt er. Schmidt könnte es sich auch bequemer machen. In Gödestorf, wo er mit knapp 600 Menschen lebt, gibt es keinen Supermarkt, keine Apotheke, keine Kirche. Die Schule ist vor rund 20 Jahren geschlossen worden. Ohne Auto, ließe sich leicht sagen, kannst du hier draußen nichts werden. „Mit dem ÖPNV ist es auf dem Land schwierig“, sagt Schmidt. Deshalb hat die Familie auch zwei Autos, aber die benutzt sie sehr bewusst und in der Regel nur, wenn das Rad keine Alternative darstellt.

Die Organisatoren des Stadtradelns rechen auf ihrer Homepage vor, dass sich etwa 7,5 Millionen Tonnen CO2 allein Deutschland vermeiden ließen, wenn rund 30 Prozent der Kurzstrecken bis sechs Kilometer mit dem Rad statt mit dem Auto zurückgelegt würden. In acht von zehn Haushalten in Deutschland gibt es laut Bundesverkehrsministerium Fahrräder. Aber nur zehn Prozent der täglichen Wege würden mit dem Rad zurückgelegt. Diesen Anteil zu erhöhen, ist das große Ziel.

Bei den Schmidts läuft man damit offene Türen ein. Gleich im Anschluss an den Pressetermin mit dem WESER-KURIER will Andreas Schmidt mit seiner Frau noch eine Runde drehen. „Wir rollen dann vom Hof und entscheiden spontan: Wollen wir nach links? Oder wollen wir nach rechts?“ Heiligenfelde, Thedinghausen, Gödestorfer oder Wachendorfer Bruch – sie haben die freie Auswahl. Grün und ruhig ist es dort überall. Die Kilometer, die sie machen, zählen aber noch nicht fürs Stadtradeln. Darauf müssen sie noch bis Montag warten.

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