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Germany

Synode in Dresden: Die EKD und die Frage nach der Seerettung

Die Frage, wie politisch die Kirche sein soll, ist so alt wie die christliche Religion selbst. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gibt es derzeit mehrere Anlässe, die Chancen und Risiken politischer Theologien abermals gegeneinander abzuwägen. An die Chancen erinnerte zu Beginn der diesjährigen EKD-Synode in Dresden der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. „Ohne die mutigen Pfarrer“, erklärte der CDU-Politiker, „wäre der Wendeherbst 1989 gar nicht möglich gewesen.“ Kretschmer hob hervor, dass das Machtmonopol des Regimes von Kirchenleuten bereits in Frage gestellt wurde, als SED und Stasi noch scheinbar fest im Sattel saßen.

Reinhard Bingener

Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

Der Bedeutung der Kirchen für die friedliche Revolution wird unter Historikern zwar unterschiedlich große Bedeutung zugemessen. Innerhalb der Kirche versteht man das dreißigjährige Jubiläum des Falls der Mauer gleichwohl als Ermutigung, sich weiterhin politisch zu engagieren.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bedarf solcher Ermutigung nicht. Er zählt ohnehin zu denen, die sich in der Tradition Karl Barths immer sowohl Bibel wie auch Zeitung auf den Schreibtisch legen. „Fromm und politisch“ müsse die Kirche sein, wiederholt der frühere Theologieprofessor immer wieder.

Einen beträchtlichen Teil seiner Energie wendet der EKD-Ratsvorsitzenden seit einigen Monaten für die Seenotrettung im Mittelmeer auf. Bedford-Strohm treibt seine Kirche in dieser Frage an und hat sich mit dem Plan durchgesetzt, ein weiteres Rettungsschiff zu ermöglichen. Gegenwärtig laufen Planungen, bei der anstehenden Versteigerung des staatlichen Forschungsschiffes „Poseidon“ mitzubieten und es hernach zu einem Rettungsschiff umzubauen. Den Betrieb soll die Organisation „Sea Watch“ übernehmen.

Bedford-Strohm stößt mit seinen nautischen Plänen nicht nur auf Applaus. Er erzählt zwar gerne, wie viel Zustimmung er erfahre. Die persönlichen Begegnungen des Bischofs aus Bayern dürften indes nur einen Teil der Realität abbilden. In den Kirchenämtern laufen kritische Rückmeldungen bis hin zu angekündigten Austritten ein. Und den Einwand, die Kirche laufe Gefahr, zum Handlanger von Schleppern zu werden, hört man vielerorts auch in den Gemeinden. Solche Vorgänge machen deutlich, dass eine klare politische Parteinahme der Kirchenspitze fast immer ein Preisschild trägt. Ein EKD-Synodaler erzählt in der Aussprache am Sonntag sogar, dass seine eigene Ehefrau wegen des geplanten Schiffes aus der Kirche ausgetreten ist.

Die Bereitschaft zur Zahlung solch eines Preises ist unter den Führungskräften der Kirche unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Skepsis äußert sich wegen der moralischen Aufladung des Themas zwar nicht offen. Aber selbst im EKD-Rat gibt es Strömungen, die Bedford-Strohms Aktivismus gerne bremsen würden. Im Rat wurde etwa durchgesetzt, dass keine Kirchensteuermittel aus dem Haushalt der EKD für den Kauf des Schiffs aufgewendet werden. Stattdessen sollen Spenden an einen Verein fließen. Ob einzelne Landeskirchen dann auch Kirchensteuern in diesen Topf geben, bleibt abzuwarten.

Bedford-Strohm bemüht sich inzwischen um die Klarstellung, dass die EKD kein Reeder werden wolle. Dieses Missverständnis hatte die EKD anfangs klaglos hingenommen. Erst später erkannte man die Gefahr, allzu unmittelbar mit dem hochpolitisierten Schiffsprojekt verknüpft zu werden.

Mindestens ebenso stark wie das Rettungsschiff beschäftigt die EKD-Synode eine politische Theologie, von der man bisher fest annahm, dass man sie längst hinter sich gelassen hat. Eigentlich hätte die Dresdner Tagung mit einer Predigt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing eröffnet werden. Doch Rentzing konnte diese Predigt nicht mehr halten, weil er mittlerweile von seinem Bischofsamt zurückgetreten ist. Zuvor waren alte Texte Rentzings bekannt geworden, die von der sächsischen Kirchenleitung als „in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ bewertet werden.

Rentzing soll sich erklären

Um den Vorgang zu verstehen, muss man die Aufsätze theologiehistorisch einordnen: Rentzing wandelt in seinen Texten auf den Spuren des reaktionären und hochgradig politisierten Luthertums der 1920er Jahre, das mit der damaligen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) konform ging und zu einer ständischen Gesellschaft zurückkehren wollte. Eine solche „Ordnungstheologie“ schien aus Kirche und Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeschieden worden zu sein. Zumindest spielte „Ordnungstheologie“ auf kirchlichen Schlüsselpositionen seit vielen Jahren keine Rolle mehr – vermeintlich keine Rolle, wie man nun hinzufügen muss.

Rentzing hat zwar erklärt, dass er die Gedankenwelt der „konservativen Revolution“ mittlerweile hinter sich gelassen habe. Auf der EKD-Synode herrscht dennoch Verärgerung darüber, dass er dies nur in kargen Worten tat und seither abgetaucht ist. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister äußerte, man erwarte nun eine klare Stellungnahme. Diese habe Rentzing „bisher vermieden“, sagte Meister. „Das bedauere ich sehr.“

Rentzing soll sich nun am Freitag vor der sächsischen Landessynode erklären. Vielleicht wird er dann auch auf die Frage eingehen, inwiefern untergründig ein Zusammenhang besteht zwischen dem ausgeprägten politischen Sendungsbewusstsein seiner früheren Texte und seiner vorgeblich unpolitischen Amtsführung als sächsischer Bischof. Mit Bewertungen der AfD und ihrer Ansichten hatte sich Rentzing nämlich merklich zurückgehalten. In der Geschichte der Kirche ist aber auch das nichts Neues. Um politische Theologien zu ergründen, muss man bisweilen dialektisch denken.

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