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Vor 30 Jahren beginnt die Debatte um belastetes Kieselrot auf Plätzen und Wegen

Die Sanierung von Kieselrot-Flächen: Fachleute in Ganzkörperschutzanzügen tragen 2002 im Frankenberger Teichgelände belastetes Material von Wegen ab.

Vor 30 Jahren nahm ein Umweltdrama seinen Anfang: Mit giftigem Kieselrot aus Marsberg bedeckte Plätze und Wege mussten aufwendig und teuer saniert werden. Im Kreis waren etwa 50 Flächen betroffen. Ein Rückblick.

Waldeck-Frankenberg – Mannshohe Gitter sperren über Monate Sportstätten ab, in Parlamenten laufen hitzige Diskussionen ums Geld, Sportvereine bangen um ihre Zukunft und protestieren – und am Ende rücken doch Fachleute in weißen Ganzkörperschutzanzügen an und befüllen ihre „Big Packs“. Das sind die sichtbarsten Zeichen des Umweltdramas.

Gefahr ist Jahrzehnte lang nicht bekannt

Bedenkenlos haben viele Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg Kieselrot auf Sportplätzen oder Wegen verbaut. Über Jahrzehnte weiß niemand von der lauernden Gefahr. Bis Wissenschaftler in Bremen 1991 bei Routineuntersuchungen auf hohe Dioxinwerte stoßen. Schnell finden sie die Ursache: das Kieselrot aus Marsberg. Die damalige SPD-Umweltsenatorin Eva-Maria Lemke-Schulte schlägt Alarm, bundesweit beginnt die Suche nach belasteten Plätzen.

Zunächst 35 Flächen ermittelt

Im August 1991 liegen für Waldeck-Frankenberg Ergebnisse von umfangreichen, 20.000 D-Mark teuren Proben vor: 35 Flächen im Kreis sind betroffen, von Rhoden im Norden bis Röddenau im Süden, von Willingen im Westen bis Alraft im Osten.

Grenzwerte deutlich überschritten

Das Bundesgesundheitsamt hat für Spielplätze einen Grenzwert von 100 Nanogramm Gift pro Kilo Trockenmasse festgelegt, für Sportplätze 1000 Nanogramm – viele Plätze im Kreis liegen um ein Mehrfaches darüber, die Spitzenreiter:

Kein Zutritt: Auch das Arolser Beekmann-Stadion war 1991 von den Platzsperrungen betroffen.

Umgehend werden Plätze gesperrt, Leichtathleten dürfen nicht mehr trainieren, Fußballer müssen bei laufender Saison auf andere Sportplätze ausweichen.

Sanierung angeordnet

Die Grünen-Gesundheitsministerin Iris Blaul setzt im September 1991 setzt sie einen Erlass in Kraft, der den Eigentümern bis ins Detail die Sicherung und die Sanierung der belasteten Kieselrot-Flächen vorschreibt. Das Ziel sei gewesen, das belastete Material aus der Umgebung zu entfernen und die Verschleppung von Dioxinen und Furanen soweit wie möglich auszuschießen, berichtet die Leiterin des Dezernats Abfallwirtschaft im Kasseler Regierungspräsidium, Birgitt Krumminga.

Protest in Dodenau: Beim Besuch von Ministerpräsident Hans Eichel demonstrieren Fußballer des TSV 1992 gegen den Kieselrot-Erlass der Landesregierung. Sie fordern, ihren Hartplatz freizugeben, sonst sei der Verein in Gefahr.

Kommunen und Vereine haben keine Ahnung, wie sie die Arbeiten bezahlen sollen. Es kommt zu Protesten von Vereinen, Bürgermeister beklagen sich. Allein Diemelsee müsste für die Komplettsanierung der 150 Meter langen Aschenbahn am Vasbecker Sportplatz 500 000 Mark aufwenden – „nicht machbar“, stellt Bürgermeister Hans-Jürgen Fischer im Parlament fest.

Erzürnt schreibt der Erste Kreisbeigeordnete Manfred Steiner im Oktober 1991 einen Brief nach Wiesbaden: Bei rund 20 000 Tonnen Kieselrot kämen im Kreis Kosten von rund 20 Millionen D-Mark zusammen, damit drohe Kommunen und Vereinen der Ruin. Seine Forderung: Das Land müsse sich beteiligen.

Beihilfen vom Land

Am 30. September 1992 gibt die hessische Landesregierung den Kommunen die Möglichkeit, für Kieselrot-Sanierungen Darlehn aus dem hessischen Investitionsfonds zu beantragen. Außerdem stellt sie Gelder als Investitionspauschale zur Verfügung. Allein der Kreis stellt im Nachtragshaushalt für 1995 für die Sanierung 1,5 Millionen Mark bereit.

Sanierung abgeschlossen

Die zuständige „Hessischen Industriemüll-Gesellschaft“ bringt das ausgebaute Kieselrod in die Untertage-Deponie Herfa-Neurode – Grünen-Staatssekretär Rainer Baake unterzeichnet den entsprechenden Erlass.  

In einer zweiten Phase von 2001 bis 2003  werden weitere Flächen saniert - dieses Material muss nicht mehr nach Herfa-Neurode.

„In Hessen sind damit weitestgehend alle Flächen, die mit Kieselrot belastet waren, saniert“, berichtet Birgitt Krumminga. DR. KARL SCHILLING

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