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Wie Corona die Zeit anhält und den Kapitalismus erschüttert

Der Kapitalismus ist auf die Zukunft ausgerichtet. Egal ob Investitionen, Innovationsprozesse, die Aufnahme von Krediten oder der Konsum – entschieden wird immer durch die Linse einer erwarteten und zugleich als offen wahrgenommenen Zukunft.

Die Corona-Krise hat diese zeitliche Ordnung des Wirtschaftssystems ins Wanken gebracht. Zumindest kurzzeitig. Einreisesperren und Regeln zur Distanzwahrung haben die selbstverständlichsten Erwartungen von Unternehmen, Arbeitnehmern und Konsumenten weggefegt. Reisen? Ins Kino gehen? Zum Arbeitsplatz kommen? Plötzlich ging nichts mehr davon. Stabiles Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent, wie die Bundesregierung am Anfang des Jahres prognostiziert hatte? Sicher nicht!

Was uns an dieser Krise so bestürzt, ist die Erschütterung der Zeitordnung, auf der unser Wirtschaftssystem und letztlich unsere Gesellschaft aufbaut. Wirtschaftliche Entscheidungen sind immer riskant, weil die Zukunft offen ist. Doch Vorhersagen und Prognosen schaffen in der Regel die notwendige Beruhigung, dass die Zukunft zumindest nicht völlig willkürlich hereinbricht. Wir glauben, die Zukunft zumindest so weit zu erkennen, dass wir vernünftig entscheiden können. Manchmal geht das gut aus, manchmal nicht. Doch insgesamt erzeugen die Akteure so die Dynamik des Wirtschaftssystems.

Wir suchen Antworten in der Vergangenheit – vergebens

Die Corona-Pandemie hat dies in Frage gestellt. Sie hat eine überbordende Ungewissheit erzeugt. Die vielbemühte Metapher des „Auf-Sicht-Fahrens“ ist ja eigentlich keine geographische, sondern eine zeitliche Metapher. Die Zukunft erscheint völlig vernebelt. Kein Orientierung gebendes Narrativ kann sich durchsetzen. Die Aneignung der Zukunft durch stabile, handlungsanleitende Prognosen ist verschlossen. In Analogien zur Vergangenheit wird nach Ankern gesucht – die Wirtschaftskrise von 2008, die Weltwirtschaftskrise, die Spanische Grippe oder sogar die Pest.

Doch all diese Analogien geben keinen Halt, weil sich daraus völlig unterschiedliche Schlüsse ziehen lassen und man letztlich doch weiß, dass jede Krise anders ist. Studien zeigen, dass es die Ungewissheit nicht reduziert, viele Szenarien zu planen, weil immer mehr mögliche Entwicklungen als plausibel erscheinen. Je unsicherer die Zukunft aussieht, desto frenetischer wird die Suche nach neuer Erwartungssicherheit. Solange diese fehlt, wird erst einmal stillgehalten. Die um ihren Zukunftshorizont gebrachten Wirtschaftsakteure halten an ihrer Liquidität fest und verstärken dadurch die Krise weiter.

Die gewaltigen Hilfsmaßnahmen des Staates lassen sich als Beruhigungspillen verstehen, die Planungssicherheit suggerieren. Nicht Entlassungen, sondern Überbrückung durch Kurzarbeitergeld. Nicht Insolvenz, sondern staatliche Kredite. Nicht Unterbrechung der Zahlungsströme des Finanzsystems, sondern unbegrenzte Liquidität durch Aufkaufprogramme der Zentralbanken. Dies sind Lehren aus der Depression der frühen dreißiger Jahre. Staatliche Überbrückungsmaßnahmen, eine politische Rhetorik der Beruhigung, aber auch die Diskussion um die Wiederöffnung von Wirtschaft und öffentlichem Leben zielen darauf, Zuversicht zu vermitteln und den ins Stocken geratenen Wirtschaftsmotor durch positive Zukunftserwartungen wieder in Gang zu bringen. Wessen Zukunft dabei als systemrelevant gilt und an wessen Zukunft gespart werden darf, wird politisch entschieden.

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