Aus seinem Arbeitszimmer in der ersten Etage schaut er auf eine nette Silhouette mit Marienkirche und Neptunbrunnen. Doch mitunter ist der Ausblick für Michael Müller (55, SPD) recht düster.

Als Rathaus-Chef ist er für exakt 3.669.098 Berliner verantwortlich. Und denen mutet er allem Anschein nach bald den zweiten Lockdown zu!

Sollten sich die Infektionszahlen nicht schnell ändern, sieht Müller kaum noch einen Ausweg. „Es gibt nicht mehr allzu viel, was man beschließen kann an Maßnahmen, es gibt keine neuen Wege mehr, keine neuen Verfahren, die man umsetzen kann“, so der Regierende Freitag.

Berlins Regierender Bürgermeister und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) (Foto: picture alliance/dpa)
Berlins Regierender Bürgermeister und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) (Foto: picture alliance/dpa)

Seine letzte Warnung: „Jetzt kommt es darauf an, unsere bisherigen Beschlüsse auch umzusetzen. Das Gute ist, dass ein übergroßer Teil der Berliner ohnehin diese Maßnahmen sehr ernst nimmt. Einige wenige tun es nicht und die müssen jetzt erfahren, dass es uns ernst ist.“ Hinter verschlossenen Türen machte Müller wiederholt klar, dass er einen zweiten Lockdown wegen der wirtschaftlichen Folgen mit aller Macht verhindern will, ihn lediglich als letzte Option sieht.

Seit Ausbruch der Pandemie hatte der Rathaus-Chef immer wieder einschneidende Maßnahmen in Aussicht gestellt. Mal recht emotional, meist aber als unaufgeregter Landesvater.

Klar wurde jedoch meist: Die Drohungen sind ernst!

► Mitte März brachte er eine Ausgangssperre in Spiel, bekam dafür sogar Beifall von der Opposition. Eine klassische Ausgangssperre gab es nicht. Aber den ersten Lockdown: Versammlungen mit mehr als zehn Personen wurden untersagt, Gaststätten durften nur noch Außer-Haus-Verkauf anbieten. Schulen und Kitas wurden geschlossen. „Diese weiteren Maßnahmen sind nötig, um die Ausbreitung des Corona-Virus’ zu verlangsamen“, begründete Müller.

Nach dem damaligen Höchstwert am 26. März (286 neu gemeldete Fälle) ging die Zahl der Infektionen zunächst leicht zurück. Am 9. April wurden 176 neue Fälle gemeldet, am 30. April noch 57.

Eine Frau sitzt im März 2020 alleine auf einer Bank vor der St.-Thomas-Kirche in Kreuzberg (Foto: picture alliance/dpa)
Eine Frau sitzt im März 2020 alleine auf einer Bank vor der St.-Thomas-Kirche in Kreuzberg (Foto: picture alliance/dpa)

► Nach den Sommerferien stiegen die Zahlen dann wieder stärker an (68 Fälle am 1. September, 276 am 30. September) – plötzlich machte sich auch Müller mehrfach für ein Alkoholverbot stark. Die Koalitionspartner Grüne und (vor allem) Linke mauerten, Müller setzte sich aber schließlich durch.

Seit dem 10. Oktober ist der Alkoholverkauf nach 23 Uhr verboten. Aber: Der Erfolg ist umstritten, die Infektionszahlen steigen weiterhin.

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Bei einer allgemeinen Maskenpflicht war Müller stets skeptisch. Seit dem 3. Oktober gilt nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Geschäften: Maske auf! Erst zusätzlich in Büros und (ab heute) auch auf zehn Straßen und allen Wochenmärkten.

Die Kritik an der Sperrstunde und der Erfolg der Wirte vor Gericht ärgern Müller sichtlich – diese Woche warf er den klagenden Gastronomen Egoismus vor. Wobei Müller stets klarstellt, dass er die Branche nicht pauschal verurteilt, so lange sie sich an die Regeln hält.

Die „Neue Odessa Bar“ an der Torstraße (Foto: Michael Hübner / nurfotos.de)
Die „Neue Odessa Bar“ an der Torstraße (Foto: Michael Hübner / nurfotos.de)

Eine Maßnahme lehnte Müller jedoch vehement ab – ein Beherbungsverbot für Bewohner von Risikogebieten. Weder für Berliner in anderen Bundesländern noch umgekehrt. Eine Vier-Millionen-Stadt könne man nicht abriegeln, argumentierte er.

Nach Müllers nochmaliger Drohung fragen sich viele seiner Berliner: Läuft schon der Countdown zum zweiten Lockdown?