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„Wir sind nicht der Totengräber der Innenstädte“

Ein Wachstumsmarkt ist der Onlinehandel schon seit vielen Jahren. In der Corona-Krise verstärkt sich der Trend zum Interneteinkauf aber noch mal zusätzlich. Laut dem Institut für Handelsforschung (IfH) sind die Umsätze 2020 mindestens doppelt so stark gestiegen wie noch im Vorjahr auf zwischen 80 und 88 Milliarden Euro.

Im Interview erklärt Gero Furchheim, der Präsident des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH), warum er mit weiter stark steigenden Zahlen rechnet. Außerdem spricht der Unternehmer, der selbst den Designmöbelversender Cairo aus dem hessischen Groß-Umstadt leitet, über die von der Politik vorgeschlagene Paketsteuer und die Versäumnisse der Innenstadthändler.

Gero Furchheim

WELT: Herr Furchheim, im stationären Handel drohen 50.000 Standortschließungen, meldet der Branchenverband HDE. Der Onlinehandel dagegen schnellt von Rekord zu Rekord. Ist Ihre Branche der Totengräber der Innenstädte?

Gero Furchheim: So werden die Versender derzeit tatsächlich gerne abgestempelt. Aber dagegen wehre ich mich. Wir sind nicht der Totengräber der Innenstädte. Da herrscht bei vielen auch ein völlig verklärter Blick auf die Handelslandschaft, die schon lange nicht mehr durch kleine, inhabergeführte Fachgeschäfte bestimmt wird – so sehr diese den Verbrauchern auch am Herz liegen. Natürlich macht der Onlinehandel Druck im Wettbewerb und kann seine Marktanteile stetig steigern, aktuell sogar ganz besonders. Aber das hat ja Gründe. Zudem kommen Angriffe auf die Innenstadt auch noch von ganz anderer Seite.

WELT: Woher denn?

Furchheim: Zur Konkurrenz gehören auch Discounter, Outlets und Shoppingcenter. Zudem haben aktuelle und noch zu erwartende Leerstände in den Innenstädten auch mit viel zu hohen Mieten zu tun, mit unzureichenden Verkehrskonzepten und mit Einschränkungen bei den Öffnungszeiten wie dem Verbot von einzelnen verkaufsoffenen Sonntagen. Vermieter, Politik und Gewerkschaften sind aber gut darin, auf den Onlinehandel zu zeigen, wenn es der Innenstadt schlecht geht.

WELT: Sie sprachen davon, dass es gute Gründe für die steigenden Marktanteile des Onlinehandels gibt. Welche sind das?

Furchheim: Corona und der Lockdown sind aktuell eine Sondersituation, die noch mal beschleunigend wirkt. Die Entwicklung Richtung online gab es aber auch schon lange davor. Das Verhalten und die Ansprüche der Verbraucher haben sich einfach verändert. Und diese neuen Bedürfnisse können wir bedienen. Das betrifft zum Beispiel die breite Auswahl. Die Konsumenten wollen sich nicht mehr darauf begrenzen, ob beispielsweise ein Kleidungsstück in der richtigen Farbe oder passenden Größe zufällig noch im Laden liegt. Extrem wichtig ist aber auch das Thema Kundenbewertungen. Und wir haben in der Corona-Zeit bewiesen, dass wir auch als Grundversorger geeignet sind. Angriffsflächen hatten wir in der Vergangenheit noch beim Thema Beratung und Inspiration. Aber auch das können wir im E-Commerce heute extrem gut darstellen.

WELT: Welche Angriffsflächen bieten die Innenstadthändler?

Furchheim: Es gibt viele Einzelhändler, die eifrig experimentiert und nach Antworten in diesem Wettbewerb gesucht haben. Da würde ich nie von einer Schuld oder Mitschuld sprechen, wenn die Geschäfte nicht so laufen wie erhofft. Aber man muss auch sagen, dass es genug Händler gibt, die im Herzen irgendwie gehofft haben, dass das mit dem Internet irgendwann wieder vorbeigeht und deswegen gar nichts ausprobiert haben. Da ist die Schere im Kopf immer noch vorhanden. Die bekommen in den kommenden Monaten und Jahren massive Probleme, genauso wie diejenigen Anbieter und Formate, die austauschbar sind und keine überzeugende Antwort auf die Frage geben, warum ich als Kunde nicht per E-Commerce einkaufen soll. Man muss es so hart sagen: Vieles ist heute einfach aus der Zeit gefallen. Wer jetzt erst anfängt, sich Gedanken zu machen, wie das mit der Digitalisierung funktioniert, hat einen Rückstand, der nicht mehr aufzuholen ist.

WELT: CDU und CSU wollen diese Händler schützen und schlagen nun eine Paketsteuer vor, um die Innenstädte zu retten.

Furchheim: Das hat mich zunächst fassungslos gemacht. Mittlerweile sehe ich es aber eher als Versuch, mit dem Aufbau von Feindbildern in einer nachrichtenarmen Zeit in die Medien zu kommen. Ich fand es daher gut, dass sich der stationäre Handel nicht vor diesen Karren hat spannen lassen. Auch dort wird ein solcher Vorschlag wenig überraschend abgelehnt. Denn damit bestraft man am Ende ja nicht die Onlineriesen, die man vielleicht im Kopf hatte, sondern in erster Linie den mittelständischen Handel, der sich ein Onlinestandbein aufgebaut hat. Jeder weitere Schritt hin zum E-Commerce wird damit noch zusätzlich belastet. Und erlauben Sie mir noch eine Spitze...

WELT: ...welche denn?

Furchheim: Die Deutsche Post kämpft mit aller Härte darum, Rekordgewinne einzufahren. Das wird sicherlich dem Aktionär Blackrock mit seinen 5,08 Prozent der Aktien gut gefallen. Aber 50 Prozent der Gewinne fließen am Ende in die Bundeskasse. Da kommt also schon einiges an, das nur nicht Paketsteuer heißt. Dieses Geld könnte man ja auch in Hilfen für Händler oder die Belebung von Innenstädten stecken.

WELT: Streitthema ist auch immer wieder der Umgang mit Retouren. Die Politik plant eine sogenannte Obhutspflicht, damit zurückgeschickte Ware nicht im Müll landet. Was ist Ihr Standpunkt?

Furchheim: Kein Händler hat ein Interesse daran, dass seine Waren im Müll landen. Man müsste eine Obhutspflicht also gar nicht gesetzlich festschreiben. Viel wichtiger wäre ein anderer Punkt: Es ist völlig inakzeptabel, dass ein Händler Umsatzsteuer zahlen muss, wenn er nicht mehr verwendbare Ware verschenkt, gleichzeitig aber keine Abgaben fällig werden, wenn er die Ware vernichtet. Das muss von der Politik endlich geregelt werden. Es kann nicht sein, dass Politiker mahnend den Zeigefinger heben, vorher aber nicht die eigenen Hausaufgaben machen. Die Obhutspflicht steht jetzt im Kreislaufwirtschaftsgesetz, die noch ausstehende Verordnung hierzu darf daraus aber kein Bürokratiemonster machen mit Protokollpflichten, die kaum umsetzbar sind.

WELT: Wie lange kann der Onlineboom noch anhalten und welche Dimensionen erwarten Sie?

Furchheim: Wir sprechen schon seit langer Zeit nicht mehr von Boom. Denn ein Boom ist ein Strohfeuer. Und das ist der Onlinehandel nun wirklich nicht. Clubhouse ist Boom. Wir aber haben seit vielen Jahren zweistellige Wachstumsraten. Und das kann auch noch über eine lange Zeit so weitergehen. Ich sehe praktisch keine Grenze.

WELT: Was ist mit der Logistik und den Zustellern?

Furchheim: Logistik, die planbar mit zweistelligen Wachstumsraten umgeht, kann sich vorbereiten und ihre Organisation effektiver aufstellen. Wenn mehr bestellt wird, lohnt sich vielleicht für einzelne Straßen oder Bezirke auch das Elektrolastenrad für die Zustellung. Problematisch wird es bei sprunghaftem Wachstum. Dadurch gab es auch ein paar Kapriolen im vergangenen Jahr. Trotzdem ist es sehr gut und stabil gelaufen. Außerdem gibt es ja noch reichlich Möglichkeiten für Innovationen: Potenzial sehe ich zum Beispiel beim Thema Zustellorte mit Themen wie Paketabgabe in den Kofferraum von parkenden Autos, der Auslieferung per Drohne oder mit Zustellrobotern. Deutschland ist da noch sehr zurückhaltend, im Ausland wird deutlich mehr experimentiert.

WELT: Sehen Sie Bereiche, in denen Online auch dauerhaft nur eine Nebenrolle spielen wird? Oder durchdringt E-Commerce wie der Krake alle Bereiche des Handels?

Furchheim: Einen Kraken würde ich als Bild jetzt nicht verwenden. Wir sind eher der liebe Elefant, der überall seinen Rüssel reinsteckt und schnuppert. Chancen bestehen dabei wirklich überall. Das zeigt sich mehr und mehr. Nehmen Sie meine Domäne, also den Möbelhandel. Da wurde immer gesagt, dass die Menschen Sofas, Betten und Schränke ausprobieren und dabei persönlich beraten werden wollen. Mittlerweile liegt der Onlineanteil bei fast 20 Prozent.

Bei uns im Unternehmen hatten wir letztens einen Kunden mit einem Warenkorb im Wert von 96.000 Euro, den er sich im Webshop einfach zusammengeklickt hat. Wir haben selbst nicht dran geglaubt und das Ganze für einen Fake gehalten und deswegen Vorauskasse verlangt. Als das Geld dann kurz darauf bei uns eingetroffen ist, wussten auch wir, dass es sich um eine ernsthafte Bestellung gehandelt hat. Und dann haben wir eben nicht kleine Pakete gepackt, sondern einen großen Lkw geschickt. Was ich mit dieser Anekdote sagen will: Ich sehe keine Grenzen. E-Commerce kann und wird in jedem Bereich eine Rolle spielen. Selbst so Themen wie Frischblumen sind digitalisierbar durch beispielsweise ein Blumen-Abo aus dem Internet. Und sogar Schnittkäse lässt sich bestellen bei einem Spezialisten im Umland von Osnabrück. Denn anders als auf dem Wochenmarkt werden in Netz auch die versteckten Raritäten gesucht. Ohnehin hat das Thema Lebensmittelversand kräftig Fahrt aufgenommen in der Corona-Krise.

WELT: Inwieweit drängen Onlinehändler mittlerweile eigentlich selbst in den stationären Handel? Amazon hat in Amerika ja bereits Läden eröffnet.

Furchheim: Wenn sich die Mieten in den Innenstädten im Zuge der Krise wieder auf ein Normalniveau reduzieren, kann das durchaus interessant sein für viele Onlinehändler. Dem stationären Handel wird von Experten regelmäßig das Thema Omnichannel empfohlen. Aber das muss ja keine Einbahnstraße sein. Da können dann wechselnde Themenbereiche gezeigt und zum Erlebnis gemacht werden. Oder man präsentiert stationär nur die Bestseller. Daten zu Verkaufszahlen haben wir im Onlinehandel ja genug. Amazon macht das in den USA in seinen Läden. Dort gibt es im Bereich Bücher sogenannte „Unputdownable“-Regale mit denjenigen Büchern, die auf dem Kindle-Reader innerhalb von drei Tagen verschlungen worden sind. Das hat echt Zukunft. Aber noch mal: Es muss sich am Ende auch wirtschaftlich rechnen. Daher hängt viel ab von den Vermietern.

WELT: Inwieweit arbeitet die Branche an neuen Verpackungen? Das Umweltbundesamt mahnt an, dass es deutlich zu viel Verpackungsmüll in Deutschland gibt und dass der Onlinehandel daran nicht unschuldig ist.

Furchheim: Es gibt interessante Ansätze bei der Wiederverwendbarkeit von Verpackungen. Der wichtigste Trend ist aber, dass immer häufiger auf eine gesonderte Versandverpackung verzichtet wird. Denn wenn die Verkaufsverpackung so konzipiert ist, dass sie zugleich auch Versandverpackung sein kann, entsteht kein zusätzlicher Verpackungsmüll gegenüber dem Ladengeschäft. Da gibt es derzeit viel Dialog zwischen Onlinehändlern und Herstellern. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, Volumen zu reduzieren, indem Pakete von den entsprechenden Anlagen so zugeschnitten werden, dass kaum noch Luft in den Kartons ist. Das nimmt auch beim Transport weniger Platz in Anspruch und schont damit die Umwelt.

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