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„Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass es Rassismus nicht mehr gebe“

Grundfarbe Deutsch: Warum ich dahin gehe, wo die Rassisten sind

Doktor Umes Arunagirinathan lädt in seinem Buch „Grundfarbe Deutsch“ zu einem Gespräch ein. Mit biografischen Elementen beschreibt er seine Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland.

KURIER: Fühlen Sie sich einer Nationalität zugehörig?

Umes Arunagirinathan: Meine Grundfarbe ist Deutsch und ich fühle mich vom Herzen Deutschland zugehörig. Ich habe lange dafür gekämpft die Staatsangehörigkeit zu bekommen und trotz aller Hürden bin ich sehr dankbar für die Möglichkeiten, die mir hier geboten wurden.

Warum haben Sie „Grundfarbe Deutsch“ geschrieben?

Ich wollte ein Buch über Identität schreiben, jedoch nicht als Ausländer oder Flüchtling, sondern als ein Bürger dieses Landes. Wir haben eine sehr bunte Gesellschaft, mit einer großen Vielfalt an Kulturen.

Jeder Mensch bringt seine Farbe und färbt und bereichert ein Land. Damit eine solche Gesellschaft funktionieren kann, braucht es jedoch eine Grundfarbe, mit der sich alle identifizieren können. Sonst kommt es zu Parallelgesellschaften, die nicht miteinander kommunizieren. Nur mit einer gemeinsamen Grundfarbe bleiben wir im Dialog und ich glaube, dass ich mit diesem Buch einen Impuls geben kann.

Was ist für Sie Rassismus?

Rassismus ist für mich das größte Gift für ein menschliches Zusammenleben. Es stammt von dem pathologischen Selbstbewusstsein gewisser Gruppen, die davon überzeugt sind, dass ihre Identität besser als jede andere sei, und das gleicht eigentlich einer Krankheit.

Wie erleben Sie Rassismus am Arbeitsplatz? Sind Rassismus und Medizin eine spezielle Konstellation?

Häufig ist es keine offene Art des Rassismus, sondern eine versteckte. Zum Beispiel würden einige aufgrund meines Aussehens gar nicht auf die Idee kommen, dass ich Arzt bin. Im medizinischen Bereich braucht es deswegen mehr Repräsentation. Wir sind nämlich auch abhängig von Zuwanderung im Gesundheitswesen.

Wie sehen Sie die Entwicklung? Ist es besser oder schlechter geworden?

Ich persönlich merke, dass die Vorfälle mit der Zeit weniger werden. Einen Grund dafür sehe ich darin, dass die Thematik offen angesprochen wird. Ein weiterer Aspekt ist auch der Kontakt zu Leuten verschiedener Kulturen. So werden Vorurteile abgebaut. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass es Rassismus nicht mehr gebe, aber die Entwicklung ist positiv und wir müssen diese Entwicklung halten und fördern.

Bei wem liegt die Verantwortung? Bei jedem Einzelnen? Was müssen Arbeitgeber tun?

Die Verantwortung liegt auf jeden Fall bei jedem Einzelnen von uns. Man kann als einzelne Person gegen Rassismus vieles tun, aber natürlich können Arbeitgeber in der Berufswelt mehr bewegen. Das beginnt schon beim Recruiting. Die bunte Gesellschaft sollte sich auch in der Arbeitswelt widerspiegeln. Ein Arbeitgeber kann, ob in Krankenhäusern oder in Kleinunternehmen, sehr viel zu einer offeneren Arbeitskultur beitragen.

Wo sollte der erste Schritt gesetzt werden und was kann man als einzelne Person tun?

Man muss zunächst seinen Blickwinkel erweitern, seine eigenen Handlungen hinterfragen und reflektieren. Welche Vorurteile und welche Verhaltensmuster habe ich? Dafür muss man mit Menschen, die sich von einem selbst unterscheiden ein Gespräch suchen. Außerdem kann man Verwandte und Freunde, die sich rassistisch äußern auch direkt darauf ansprechen und aufklären.

Meinungen und Vorurteile bilden sich über eine lange Zeitspanne hin weg, deswegen wäre ein weiterer Schritt, dass Thema in Schulen präsenter zu machen. Ich denke nämlich, dass Erwachsene viel von Kindern lernen können.

Wie gehen Sie mit „Alltagsrassismus“ um?

Ich reagiere nicht wütend. Im Gegenteil, ich bleibe freundlich. Alles andere hilft meiner Erfahrung nach nicht. Mit meiner Freundlichkeit versuche ich die Situation zu überwinden. Es ist ein Lernprozess und die Geduld kostet natürlich viel Kraft. Gleichzeitig versuche ich den Personen, eine Möglichkeit zu geben, ihr Verhalten zu reflektieren. Die meisten merken nämlich nicht, dass gewisse Handlungen und Aussagen rassistisch sind.

Sie suchen durch dieses Buch das Gespräch, hilft das?

Ich habe sehr viele Rückmeldungen von den unterschiedlichsten Leuten erhalten. Viele sagen mir, dass sie jetzt im Alltag gewisse Dinge anders bewerten. Andere finden es gut, dass ich mir kein Blatt vor den Mund nehme und nicht nur einseitig über die Thematik spreche. Ich hoffe, mit diesem Buch einen Weitblick zu bieten.