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Explosionen in Beirut: Es war wie eine Atombombe

Durch die Detonationen nahe des Hafens kamen mindestens 50 Menschen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Die Katastrophe trifft das Land in schwerster Krise seit Jahrzehnten.

Beirut/Tunis. Hochhäuser schwankten, Balkone krachten zu Boden, Fenster rissen aus ihren Verankerungen. Auf der Stadtautobahn entlang der Corniche von Beirut türmten sich zerbeulte Autos mit aufgerissenen Türen und aufgeblasenen Airbags. Weite Teile des Hafens und seiner Umgebung waren übersäht mit Ziegeln, Betonteilen und zerborstenen Containern. Zwei gigantische Explosionen erschütterten am Dienstagnachmittag die libanesische Hauptstadt. Sie waren bis in das 240 Kilometer entfernte Zypern zu hören waren.

Handyvideos zeigten eine riesige Staub- und Feuerwalze, die sich über die umliegenden Wohnviertel wälzte. „Es war wie eine Atombombe“, sagte einer der Augenzeugen, ein 43-jähriger Lehrer. Nach ersten Berichten kamen durch die Apokalypse mindestens 50 Menschen ums Leben, weitere Leichen werden unter den Trümmern vermutet. Der libanesische Gesundheitsminister Hamad Hassan sprach von „hunderten Verletzten“. Dienstagnacht war von mindestens 2700 verwundeten Menschen die Rede.

Rauch über dem Hafen von Beirut.
Rauch über dem Hafen von Beirut. REUTERS

Blutüberströmt und unter Schock

Blutüberströmte Passanten irrten unter Schock durch die Straßen. Zahlreiche Besatzungsmitglieder von im Hafen liegenden Schiffen wurden durch die Druckwelle herumgeschleudert und verletzt. In dem hafennahen Einkaufsviertel Hamra blieb kaum ein Geschäft, Café oder Restaurant unbeschädigt. Gebäudeteile lösten sich, Schaufenster gingen zu Bruch. Autos wurden von Trümmern getroffen.

Die Ursache der Mega-Detonation blieb bis zum Abend unklar. Der Chef der libanesischen Staatssicherheit, General Abbas Ibrahim, erklärte bei einer ersten Inspektion vor Ort, im Hafen sei ein Lager explodiert, in dem sich Sprengstoff befand, der vor einigen Jahren beschlagnahmt worden sei. Libanons Präsident Michael Aoun rief am Abend den Obersten Verteidigungsrat zu einer Krisensitzung in seiner Residenz zusammen, dem Baabda Palast. Ministerpräsident Hassan Diab rief für Mittwoch einen „Tag der nationalen Trauer“ aus.

In manchen Stadtteilen stürzten Häuser ein.
In manchen Stadtteilen Beiruts stürzten Häuser ein. APA/AFP/-

Die verheerende Katastrophe trifft den Libanon zu einem Zeitpunkt, an dem das Land in der schwersten Wirtschafts- und Staatskrise seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 steckt. Der Zedernstaat, einst gepriesen als „die Schweiz des Orients“, ist bankrott. In seinem maroden Banksystem sind mindestens 80 Milliarden Dollar versickert, wahrscheinlich sehr viel mehr. Der Wert der libanesischen Lira fällt seit Monaten ins Bodenlose, die Gehälter haben mittlerweile 80 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt.

Breite Teile der Bevölkerung haben wegen der Inflation ihre Ersparnisse verloren. Die Hälfte aller Libanesen lebt an der Armutsgrenze. Immer mehr Geschäfte müssen schließen. Krankenhäuser können ihr Personal nicht mehr bezahlen, während die Zahl der Corona-Infektionen seit Anfang Juli rasant steigt. Weite Teile des Landes sind jeden Tag bis zu 20 Stunden ohne Strom. Selbst die Hauptstadt Beirut liegt abends weitgehend im Dunkeln. Stinkende Müllberge stapeln sich in den Straßen. Die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) stecken in einer Sackgasse, weil sich Beiruts politische Klasse nicht auf ein Reformprogramm einigen kann.

Zudem will das „Sondertribunal für den Libanon“ (STL) in Den Haag Freitag dieser Woche nach sechs Jahren Prozess das Urteil im Hariri-Prozess verkünden. Vor 15 Jahren wurde der Milliardär und langjährige Ministerpräsident Rafik Hariri in Beirut durch eine Zwei-Tonnen-Lastwagenbombe getötet, die eine ganze Häuserzeile in Schutt und Asche legte. Mit ihm starben damals 21 Menschen, 226 wurden verletzt. Angeklagt sind vier Tatverdächtige der Hisbollah. Alle sind untergetaucht, niemand ist bis heute gefasst. Und so könnten die Urteile angesichts der aufgewühlten Lage im Land die Spannungen zwischen der schiitischen Hisbollah und den sunnitischen Libanesen neu entfachen.

(APA/AFP/dpa)

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