Austria

Neue Buhlschaft mit Klassikerton

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Die gebürtige Russin Valery Tscheplanowa war auch schon im „Tatort“ zu sehen. An der Stadt liebt sie Burgen, Wasser und das Café Bazar.

Welt, schau auf uns!“, markerschütternd klang dieser Ruf Valery Tscheplanowas in den „Persern“ von Aischylos 2018 im Landestheater bei den Salzburger Festspielen. Ulrich Rasche, der im September die erste Saison Martin Kušejs im Burgtheater mit den „Bakchen“ des Euripides eröffnet, hatte das Stück über die Niederlage der Perser gegen die Griechen in der Seeschlacht von Salamis 472 v. Chr. inszeniert. „Meisterhaft, mit viel Sinn für Text, Choreografie, Musik“, lobte Norbert Mayer in der „Presse“ die Aufführung. Heuer spielt Tscheplanowa die Buhlschaft an der Seite von Jedermann Tobias Moretti.

Tscheplanowa wurde 1980 in Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau, geboren. Sie hieß damals noch Veronica. Aus Liebe zu ihrem früh verstorbenen Vater, der Mathematiker war − ein Interesse, welches die Tochter teilte − nahm Tscheplanowa seinen Namen an. Als das Mädchen acht Jahre alt war, lernte ihre Mutter, eine Dolmetscherin, einen Entertainer kennen, sie heiratete ihn und folgte ihm nach Deutschland. Dort trennten sich die beiden. Die Mutter sprach nach der Übersiedlung in den Westen kein Wort Russisch mehr mit ihrer achtjährigen Tochter und bat deutsche Kinder, dieser ihre Sprache beizubringen, ein brachial anmutender, aber wirksamer Versuch der Integration.

Allerdings verstummte Tscheplanowa zunächst für ein halbes Jahr komplett, bevor sie akzentfreies Deutsch zu reden begann. Bei einem späteren Studienaufenthalt in Russland entdeckte sie die Sprache neu.

Tscheplanowa studierte Tanz und Puppenspiel. Derzeit ist sie freischaffend, engagiert war sie am Deutschen Theater in Berlin, am Münchner Residenztheater, am Schauspiel Frankfurt. Sie war in Männerrollen zu erleben, wie als Franz Moor in Schillers „Räubern“, und als Maria Stuart. Ferner spielte sie Gretchen und Helena 2017 in Frank Castorfs „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. In der zweiten Vorstellung riss ihr Kreuzband, sie machte weiter mit Kniemanschette an einem Bein und Stiletto am anderen. Und wurde als Gretchen zur Schauspielerin des Jahres gewählt.

„Zeit ist das Kostbarste“

Dabei hatte Tscheplanowa zunächst vor allem drehen wollen, sie war auch in Filmen und im „Tatort“ zu sehen. Die Liebe zur Sprache habe sie zum Theater geführt, sagt sie und: Sie schätze Regisseure mit einer starken eigenen Handschrift wie Michael Thalheimer, Andreas Kriegenburg, René Pollesch oder Hans Neuenfels; in dessen „Antigone“-Inszenierung 2016 in München spielte sie die Hauptrolle. „Inneres Leuchten und Intensität“, bescheinigte ihr die „Süddeutsche Zeitung“. „Die Zeit“ nannte sie „eine der besten Theaterschauspielerinnen unserer Zeit“. Der mit nur 44 Jahren verstorbene Theaterkritiker Martin Eich hatte 2012 mit Tscheplanowa drei Gespräche verabredet, doch die Schauspielerin konterte alsbald mit Gegenfragen per Mail nach Gott, Willensfreiheit, Moral und Charakter. Sie wollte nicht mehr über sich reden, denn wie wäre das „Sich-Brüsten“ in so einem Falle zu vermeiden? Sie wolle „lieber gemeinsam denken. Davon kriege ich nie genug.“

Tscheplanowa ist vielfach kreativ, sie schreibt, dichtet und zeichnet. Sie spricht gern mit einer Nonne, was sie inspiriert, und das Kostbarste für sie ist Zeit – wie sie 2018 Daniel Kalt im Interview mit dem „Schaufenster“ erklärte: „Wenn man sich gegen die Geschwindigkeit der Welt, wie wir sie heute kennen, stellen will, dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Das braucht Kraft und Zeit. Diese Zeit will ich mir nehmen.“

Über den Unterschied zwischen einem fixen Engagement und dem Nicht-Gebundensein an ein Theater sagte Tscheplanowa in diesem Gespräch: „Ich denke, dass man als Freischaffender so arbeiten muss, als würde man zum Ensemble gehören. Das heißt, nicht denken: ,Oh, ich darf mich nicht beschweren, ich darf nichts einfordern.‘“

Die „Salzburger Nachrichten“ drehten mit der vielschichtigen Künstlerin einen Clip, der auf YouTube zu sehen ist, hier spricht sie auch über die Buhlschaft: „Ich traue mich nicht zu sagen, dass das eine Rolle ist. Die Buhlschaft ist ein Auftritt. Ich freue mich auf das Spektakel auf dem Domplatz.“

Das Kleid kannte sie damals noch nicht, sie hoffte, es sei rot, rot und schön sind zwei Begriffe, die im Russischen verwandt sind. Der Wunsch nach einem roten Kleid ist mittlerweile jedenfalls in Erfüllung gegangen. Und auch das Ambiente scheint Tscheplanowa zu gefallen, sagte sie doch über Salzburg, sie liebe die Berge, das Eingekesselte, das ihr wie ein Rahmen erscheine. Ähnliches trifft wohl auch auf den Domplatz zu. Wo hält sie sich in Salzburg am liebsten auf? An allen Orten, an denen es Wasser gibt, außerdem nahe der Festung und im Café Bazar.

Sieben weitere Neubesetzungen

30 Sätze hat die Buhlschaft, 99 Jahre ist der Jedermann alt. Heuer gibt es neben der Buhlschaft sieben weitere Neubesetzungen: Gregor Bloéb, Bruder von Tobias Moretti, spielt den Teufel, Falk Rockstroh den Glauben, Björn Meyer den dicken, Tino Hillebrand den dünnen Vetter, Helmut Mooshammer den armen Nachbarn, Mark Kofler den Koch und Michael Masula den Schuldknecht.

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