Austria

Testessen in der Sattlerei

Ein bisschen Großstadt für mehr Kontrast im Zweiten, dazu Dry-Aged Tafelspitz für Schwärmereien.

In der Heinestraße zwischen Großdiskontern, sonnigem Treiben am Rabbiner-Friedman-Platz und Müllentsorgungsplatz fällt die Sattlerei fürs Erste fast ein wenig aus dem Rahmen. Außen wie innen in Dunkelgrau gehalten, der Eingang imposant eingefasst vom gold-verwischten Türrahmen, links die Aperobar, weiter hinten der Chef’s Table und die gläserne Weinkammer, rechts der lange Tresen im Restaurantbereich, die Hintergrundmusik dezent-jazzig, die Atmosphäre kühl bis cool, kosmopolitisch. Beinahe könnte ich mich in einer richtigen Großstadt wähnen, gäb’s da nicht die raumhohen Fenster. So sitz ich also in dieser New Yorker Bar im Zweiten und schau Anrainern und Anrainerinnen draußen amüsiert beim Flaschentrennen zu. „Die Sattlerei lebt vom Kontrast, deshalb gehört sie eben nicht in den Ersten“, sagt Jürgen Sattler über sein Restaurant. Es ist das erste Restaurantprojekt des ehemaligen Bankers aus Seewinkel, das er gemeinsam mit seiner Familie umgesetzt hat. Im Lockdown eröffnet als Greißlerei und Sandwich-Take-away, hat sie nun endlich den ­regulären Betrieb aufgenommen.

Die Sattlerei
Die Sattlerei Christine Pichler

Die einzige wirklich warme Lichtquelle im Essbereich ist das große Fenster hin zur Küche hinterm Tresen, wo man Küchenchef Lewis Emerson aus Yorkshire und seinem Team beim Werken zusehen kann. Seine britische Herkunft schlägt sich weniger in der Abendkarte als wochenends und morgens nieder: Von Mittwoch bis Sonntag wird English Breakfast serviert, wochenends gibt’s Pork Belly Party und Sunday Roast nach englischem Rezept. Die Abendkarte ist angenehm überschaubar und auffallend regional. Fantastisch etwa die Makrele als Vorspeise, auf zitronig-frischem Gurkensalat mit Brunnenkressemayo, Dill und salzigen, hauchdünnen Bacon-Chips. Die Hühnerconsommé mit Ravioli hätte wiederum ein wenig aufregender sein können. Außergewöhnlich ist dann aber der Dry-Aged Tafelspitz mit Schlepp: Das Fleisch mit Fettkrüstchen ist butterweich und auf den Punkt, das Safterl aufs Feinste reduziert, dazu der warme, geschmorte Salat feinsäuerlich abgeschmeckt. Kurz lässt der Koch da mein Herz höherschlagen. Im besten Fall wird übrigens Anfang Juli auch der Gastgarten fertig; falls man drinnen also die Orientierung verliert, kann man sich beim Aperol im Garten dann doch vergewissern, dass man noch mitten im Zweiten sitzt.

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