Switzerland

Autorin beschreibt schonungslos das Leben als Selbstversorger: Albtraum Landleben

Corona weckt die Sehnsucht nach dem Land. Nach Kartoffeln-aus-der-Erde-Holen, Hühner-um-sich-Scharen, Frühstück unterm Apfelbaum, Kuhmelken. Claudia Heuermann (55) kennt diese Sehnsucht. Sie beliess es nicht beim Träumen. Heuermann zog aufs Land. Mit ihrem Mann und ihren damals vier- und sechsjährigen Söhnen. Und zwar in ein altes Farmhaus in den Catskill Mountains, rund 200 Kilometer von New York entfernt. Die deutsche Dokumentar-Filmerin wurde zur Selbstversorgerin.

Eins vornweg: Claudia Heuermann lebt mittlerweile wieder in München. Alleinerziehend.

Begonnen hatte alles, wie man sich das so vorstellt: Die Familie baute zuerst das Bauernhaus um. Sie kochten über dem Feuer im Garten, gingen bei Sonnenuntergang schlafen, freute sich auf jeden neuen Morgen, darauf, die von der aufgehenden Sonne rot angeleuchteten Berge zu bestaunen, morgens in der kleinen Bucht zu baden, während noch Nebelfetzen über dem Wasser hingen. Als «absolut magisch», beschreibt Claudia Heuermann diese erste Zeit. Als Wochen in denen sie und ihr Mann sich abends glücklich in die Arme sanken, die warme Erde zwischen ihren Körpern spürten – über ihnen die Sterne. Für die beiden Buben war es das Paradies. «Ein Abenteuerurlaub» ohne Ende. Manchmal konnte Claudia Heuermann ihr Glück kaum fassen. «Freiheit pur.»

Schleichend änderte sich das.

Claudia Heuermann war im Haus. Sah draussen ihre Buben in einen Baum starren. Da war ein Schwarzbär auf den Ästen. Sie rannte, um ihre Kinder zu retten. Kurze Zeit später vernahm die Familie nachts beunruhigende Geräusche aus dem Estrich – es stellte sich heraus, dass dort eine Flughörnchen-Kolonie hauste. Kurz darauf folgte die Zeckenplage. Die war so schlimm, dass die Kinder nicht einmal mehr einen Ball aus dem Gebüsch fischen durften. Claudia Heuermann sagt: «In all den Träumen, in all der Planung waren diese kleinen schwarzen Punkte nie vorgekommen.» Nie hätte sie damit gerechnet, dass Zecken so viel Platz in ihrem täglichen Leben einnehmen würden. Ein Horrorritual, morgens und abends jeden Körper nach den kleinen Viechern abzusuchen. Der Wald war nun also für die Kinder wegen der Bären verboten und der Waldrand wegen der Zecken.

Vom Lotti zum Otto

Heuermann kümmerte sich um den Hof, während ihr Mann in der nächstgelegenen Stadt Woodstock arbeitete. Sie bestellte den grossen Garten, machte Ahornsirup, wartete, bis aus den Hühnereiern im Brutkasten Bibeli schlüpften. Eines davon war Lotti. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass Lotti ein Hahn war – so wurde aus ihr Otto. Otto griff an, wen er konnte. Pickte Heuermann sogar in die Augen. Sie wagte sich nur noch mit Taucherbrille in den Hühnerstall. Otto jagte dann aber auch den Kindern und dem Pöstler nach. «Er war der Albtraum der Gegend.» Irgendwann war genug. Otto musste geschlachtet werden. Heuermann wollte das selber tun. Vor lauter Tränen sah sie kaum noch etwas, als sie zum Messer griff. Und am Sonntag gab es dann Otto und Kartoffelstock zum Zmittag. «Ich fühlte mich wie eine Mörderin» – sie dachte darüber nach, Vegetarierin zu werden.

Die Ziegen Leila und Nelly waren ihre Freude. Heuermann machte Käse und Seife aus der Milch. Vom Melken allerdings bekam sie eine Sehnenscheidenentzündung und wegen der Arbeit im Ziegenstall siedelte sich ein Schimmelpilz in ihrer Lunge an, der sie ernsthaft krank machte. Auch erlebte sie bald, weshalb jeder Ziegenverkäufer der Gegend ständig nur von Ziegenparasiten sprach. Ein weiterer Kampf, dem sie sich stellen musste. Dazu kamen Stürme und Überschwemmungen.

Traum ist ausgeträumt

Heuermann war mit ihrer Familie aufs Land gezogen, um in einer Einheit mit der Natur zu leben. Heute sagte sie: «Es war ein ständiges Tauziehen, ein ständiger Kampf zwischen der Natur und mir. Ich fühlte mich oft als Eindringling.»

Sieben Jahre lebte die Familie in der Wildnis. Dann kamen die Söhne in die Pubertät, fanden das Landleben langweilig, und Heuermann und ihr Mann merkten, dass sie als Paar eigentlich überhaupt nicht zusammenpassten. Als dann auch noch ein Schwarzbär die Hühner frass, spürte Heuermann: Der Traum ist ausgeträumt.

Das nun getrennte Paar verkaufte den Hof und Heuermann zog 2018 mit ihren beiden Söhnen nach München.

Was sie in der Wildnis gelernt hat, begleite sie täglich, sagt Heuermann während eines Telefongesprächs. Beim Einkaufen sehe sie Milch, Fleisch und Eier heute mit ganz anderen Augen. «Ich weiss nun, wie viel Arbeit da drinsteckt.» Und, ja: Heuermann ist nun Vegetarierin. Auch den Klimawandel habe sie auf der Farm unmittelbar erfahren. Sie lernte, dass die Böden frieren müssen im Winter, damit Parasiten sich nicht übermässig vermehren – da wären wir wieder bei den Ziegenparasiten, die ihr das Leben schwer gemacht hatten. «Vor den Jahren in der Wildnis war der Klimawandel abstrakt für mich.»

Söhne blühten auf in der Stadt

Claudia Heuermann ist sich sicher, dass es die richtige Entscheidung war, zurück in die Stadt zu ziehen. «Meine Söhne sind richtig aufgeblüht, seit wir in München leben. Sie fühlen sich hier viel freier.» Sie selber geniesst es, sich wieder ohne Auto fortbewegen zu können und ihre Freunde in der Nähe zu haben. Die Stille und Weite des Landlebens vermisst sie hingegen immer mal wieder. Und ganz besonders auch ihre Tiere. «Es liegt wohl in der menschlichen Natur, sich nach dem zu sehnen, was man nicht hat.»

Über ihre Jahre in der Wildnis hat sie nun ein schonungslos ehrliches Buch geschrieben. Ihre Botschaft: «Wir romantisieren das Landleben und unterschätzen, wie grausam es sein kann.» Trotz vieler schmerzhafter Erfahrung rät sie jedem: «Folge deinem Traum. Probiere es aus!» Sie ist überzeugt, dass sie es ihr Leben lang bereut hätte, hätte sie es nicht gewagt. «Vieles erkennt der Mensch doch erst, wenn er es ausprobiert.»

Claudia Heuermann: Land oder Leben. ConBook

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