Switzerland

Das Formel-1-Team Ferrari ist rot vor Scham

Mattia Binotto ist der mächtigste Mann der Boxengasse. Doch schon nach zwei Rennen in der laufenden Saison muss der Ferrari-Teamchef um seinen Posten bangen.

Mattia Binottos Ferrari fährt wieder einmal hinterher, der Konkurrenz und den eigenen Erwartungen.

Mattia Binottos Ferrari fährt wieder einmal hinterher, der Konkurrenz und den eigenen Erwartungen.

Imago

Nach zwei Rennen in einem Not-Kalender schon von einer letzten Chance zu sprechen, scheint übertrieben. Selbst für einen Formel-1-Rennstall wie Ferrari, der sich permanent in einem emotionalen Ausnahmezustand befindet. Doch die beiden Auftritte in Österreich haben gezeigt, dass die Scuderia einmal mehr hinterherfährt: der Konkurrenz und den eigenen Erwartungen.

Vor dem Grossen Preis von Ungarn an diesem Wochenende ist das stolze Team nur die fünfte Kraft im Feld. Der Motor lahmt, das lässt sich auch an den schlechten Ergebnissen der Kundenrennställe Alfa Romeo und Haas ablesen. Zyniker sprechen davon, dass die Hausfarbe der Italiener einen ganz neuen Farbton angenommen hat: Rot vor Scham.

Dass Ferraris Rennfahrer Charles Leclerc und Sebastian Vettel gleich in der ersten Runde kollidieren, dass sich diese Karambolage schon zum zweiten Mal in vier Rennen wiederholt – dafür kann Mattia Binotto nichts. Für alles andere schon. Der in Lausanne geborene und 50 Jahre alte Ingenieur ist auf dem Papier der mächtigste Mann der Boxengasse, Team- und Technikchef in einem.

Vor allem ist Binotto momentan ein einsamer Mann, denn die Alleinverantwortung ist wohl eine der Schwächen des Rennstalls, der nun schon 13 Jahre auf einen WM-Titel wartet, die zweitlängste Durststrecke der Historie. Unter normalen Umständen ist die Hoffnung auf Besserung gering. Der Mann mit der Harry-Potter-mässigen Brille gesteht in seiner jovialen Art, dass es für Probleme in der Formel 1 leider keine Zauberstäbe gebe.

Dabei sollte diese Saison eine ganz besondere für Mattia Binotto werden. Er feiert in dieser schnelllebigen Branche ein eher seltenes Dienstjubiläum. 25 Jahre ist es her, seit er über die renommierten technischen Hochschulen in Lausanne und Modena zu Ferrari kam und in der Testabteilung des Rennteams sogleich die Motorenentwicklung verantwortete.

Die ganz grosse Feier soll dann in diesem Herbst steigen, wenn die Scuderia ihren 1000. Grand Prix fährt, der eigens nach Mugello vergeben wurde und Grosser Preis der Toskana genannt wird. Den Erfolgsdruck erhöht das noch. Zuletzt fehlte den roten Rennwagen mehr als eine Sekunde pro Runde auf die Bestzeit; das ist auch angesichts der Zeitnot in diesem komprimierten Rennjahr und der technischen Beschränkungen nicht so leicht aufzuholen und selbst durch eine ausgeklügelte Aerodynamik kaum wettzumachen.

Mattia Binotto, der im letzten Jahr die Rückschläge noch meist weggelächelt hatte, der nach aussen selbst die ausser Kontrolle geratene Rivalität zwischen Leclerc und Vettel gelassen hinzunehmen schien, ist ernster geworden. Dass er sich Ende 2018 im internen Konkurrenzkampf gegen den damaligen Teamchef Maurizio Arrivabene durchgesetzt hatte und so zu Allmacht kam, ist nun sein Problem: Es brennt an allen Enden.

Wo zuerst löschen? Zumal mechanische und menschliche Probleme völlig unterschiedliche Lösungsansätze und damit Kompetenzen benötigen – etwa bezüglich der Rivalität zwischen den beiden Piloten. Zwei Führungsjobs in Personalunion, das gibt es nur bei Ferrari. Binotto hatte mit seinem Willen die Ferrari-Oberen überzeugt, auch mit seiner versöhnlichen Art. Arrivabene war der Mann der grossen Geste, Binotto ist einer der grossen Gedanken.

Offenbar verliert er sich gerade in seinen Visionen. Sein Irrlauf durch das Fahrerlager am vergangenen Sonntag wirkt da sinnbildlich. Die Enttäuschung in Italien wird immer grösser, die Fragen lauter, ob der Mann an der Spitze genügend Souveränität hat, das Team aus der Krise zu führen. Schnell wird aufgerechnet, dass sein Vorgänger als Cheftechniker in Maranello, der Brite James Allison, mit Mercedes inzwischen WM-Titel in Serie gewinnt.

Das trägt nicht zur Festigung von Binottos Stellung bei. Dass der Automobilweltverband FIA in einem bis heute nicht publizierten, ominösen Bussgeld-Entscheid das letztjährige Ferrari-Triebwerk so beschnitten hat, dass das springende Pferdchen nun lahmt, muss dem Mann an der Spitze auch angelastet werden. Der Stolz bei Ferrari, der oft in Sturheit mündet, und die mangelnden personellen Alternativen könnten Binotto trotz dem Unmut des Ferrari-Präsidenten Louis Camilleri vorerst retten. Diskutiert wird offenbar aber bereits über eine neue Aufteilung von Zuständigkeiten.

Eine Bilderbuchkarriere hat jedenfalls sichtbare Kratzer bekommen. Binotto war als junger Ingenieur mit frischen Ideen eine der treibenden Kräfte in der grossen Ära Anfang des Millenniums; er wurde 2004 von der Testabteilung zum Chefingenieur des Rennteams befördert. Sein Wissen, seine Fähigkeit, schnell zu reagieren, und sein Netzwerk in der «gestione sportiva» haben ihn die Karriereleiter aufsteigen lassen. Alle drei Jahre eine Beförderung, bis hin zum Technikdirektor im Sommer 2016 und zum Teamchef im vergangenen Januar. Zum Amtsantritt versprach er vor allem Beharrlichkeit: «Damit werden wir den Traum von Enzo Ferrari niemals enden lassen.» Er zählt dazu alle jene Fähigkeiten auf, die wichtig sind und die kaum anderthalb Jahre später so schmerzlich vermisst werden: Leidenschaft, Entschlossenheit, Integrität, Mut, Exzellenz.

Nach dem Debakel in der Steiermark musste er konstatieren: «Was wir abliefern, entspricht nicht dem Anspruch einer Marke wie Ferrari. Die Stoppuhr lügt nicht, die Fakten lassen sich nicht ignorieren.» Daher fleht er seine Mannen an, sich jetzt nicht auch noch selbst zu zerfleischen. Es sei nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, jetzt müsse das Team Einigkeit zeigen. Er selbst blickt dann gern in die Zeit zurück, als Michael Schumacher zu Ferrari kam, spricht unverdrossen von einem «wachsenden Team mit einem soliden Fundament» und will das auch auf seine derzeitige Mannschaft bezogen wissen. Was er damit wirklich sagen will: Er brauche noch Zeit.

Aber das mit der Geduld ist so eine Sache in der Formel 1, gerade bei Ferrari. Von Michael Schumacher, sagt Binotto, habe er gelernt, niemals aufzugeben. Und wie wichtig harte Arbeit sei. Beistand kommt von Ross Brawn, heute Geschäftsführer der Formel 1, früher einer der Weltmeistermacher bei Ferrari. Auch Brawn begann als technischer Direktor: «Der Druck von aussen ist immens. Er muss jetzt dafür sorgen, dass die Mitarbeiter den Glauben nicht verlieren und sich auf das konzentrieren, was getan werden muss.»

Brawn spricht von einem langen Weg, der vor Binotto und Ferrari liege. Aufmunterung kommt ausgerechnet vom Gegenspieler. «Die Formel 1 braucht ein starkes Ferrari-Team», sagt der Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Football news:

Liverpool kann für 13 Millionen Euro Olympiakos-Verteidiger Tsimikas kaufen
Müller über Lewandowski ist der beste Stürmer der Welt: wir werden am Freitag Sehen. Messi hat auch gut gespielt
Willian appellierte an die Chelsea-Fans: ich Gehe mit hoch gehobenem Kopf. Ich werde dich vermissen
Ronaldo ist ermutigt, dass Pirlo Juventus führte
Messi in der Länderspielpause gegen Napoli: Lasst uns keine Dummheiten machen. Wir haben zwei Tore Vorsprung, spielen ruhig
Traoré erlitt in dieser Saison 4-mal eine Schulterluxation. Jetzt schmiert er mit Babyöl, damit es nicht reicht
Bonucci-Sarri: Danke und viel Glück, Herr