Switzerland

Das tödliche Zögern im Oktober – in der Schweiz sterben zurzeit mehr Menschen an Covid-19 als in den meisten anderen Ländern

Die zweite Welle fordert in der Schweiz bedrückend viele Todesopfer. Wie gehen die Regierenden mit der Verantwortung um? Und genügen die jetzigen Massnahmen, um das Sterben einzudämmen?

Fabian Schäfer, Larissa Rhyn, Bern (Text), Alexandra Kohler (Grafik)

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hinterlässt in der Schweizer Todesfallstatistik tiefe Spuren. In den ersten beiden Novemberwochen sind je 1700 bis 1800 Frauen und Männer über 65 Jahre verstorben, wenn man alle Todesursachen zusammenzählt. Der Einfluss des Virus lässt sich erahnen, indem man diese Zahlen dem langjährigen Erwartungswert gegenüberstellt: In «normalen» Zeiten wären je etwa 600 dieser Verstorbenen noch am Leben. Dies geht aus den Zahlen hervor, die das Bundesamt für Statistik jeweils am Dienstag aktualisiert. Die effektiven Todesfälle liegen seit der Woche vom 19. Oktober deutlich über den Erwartungen. Die Statistiker sprechen von «Übersterblichkeit».

Nachdem die Schweiz die erste Welle noch relativ gut gemeistert hat, trifft sie die zweite mit Wucht. Für die gesamte Dauer der Pandemie weist der Bund bis jetzt 3930 Covid-19-Tote aus, 2230 davon seit Anfang Juni. Laut den Daten der Kantone sind bisher sogar schon über 4250 Personen gestorben. So oder so ist der Anteil der Bevölkerung, der in den letzten Tagen dem Virus erlegen ist, in der Schweiz höher als in den meisten anderen Staaten. Gewiss, diese Vergleiche sind mit Vorsicht zu geniessen, weil die Definition der Corona-Todesopfer keine exakte Wissenschaft ist. Dennoch deuten auch internationale Statistiken zur Gesamtzahl aller Todesfälle darauf hin, dass das Virus in der Schweiz besonders heftig wütet.

Weltweit haben zurzeit nur ein Dutzend Länder mehr Corona-Tote zu beklagen als die Schweiz

Todesfälle in den vergangenen 14 Tagen pro 100 000 Einwohner, 20 Länder* mit den meisten Toten pro 100 000 Einwohner

SlowenienBosnien-HerzegowinaBelgienTschechienNordmazedonienBulgarienPolenItalienUngarnKroatienGeorgienArmenienSchweizFrankreichÖsterreichRumänienJordanienPortugalGrossbritannienKosovo25,122,822,221,918,718,515,114,414,313,813,713,412,312,311,411,110,19,898,6

Der «Sonderfall» Schweiz sorgt selbst im Ausland für Aufsehen. Gravierende Vorwürfe machen die Runde, auch im Inland. Die Ökonomin Monika Bütler zum Beispiel hat kürzlich im «Tages-Anzeiger» gesagt, die hohe Todesrate sei der Preis der liberalen Massnahmen. Der Bundesrat und die Kantonsregierungen, die das Land zurzeit gemeinsam durch die Pandemie steuern, müssen sich früher oder später unbequemen Fragen stellen. In aller Schärfe formuliert: Lässt die Schweiz aus Rücksicht auf die Wirtschaft Menschen sterben?

Ueli Maurer findet es «durchaus okay», was passiert ist

Nicht einmal im Bundesrat ist man sich einig. Gesundheitsminister Alain Berset stellte Ende Oktober in Abrede, dass die Schweiz in der zweiten Welle wirtschaftliche Überlegungen stärker gewichte als in der ersten. Im Interview mit der NZZ sagte der SP-Bundesrat, es gebe keinen Gegensatz zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Man orientiere sich am «Optimum», mit dem man unter beiden Aspekten das Beste mache.

Beim Finanzminister tönt es anders. SVP-Bundesrat Ueli Maurer sagte am Samstag gegenüber Radio SRF zur hohen Zahl der Neuansteckungen: «Wir sind bewusst ein gewisses Risiko eingegangen, weil wir eine Güterabwägung gemacht haben.» Gesundheit sei wichtig, aber die Wirtschaft müsse auch leben. Was in den letzten Wochen passiert ist, war laut Maurer «so zu erwarten» und «durchaus okay».

Simonetta Sommaruga will es «genau anschauen»

Das war entwaffnend ehrlich. Frei übersetzt: Seht her, der Bundesrat steht hin und übernimmt die Verantwortung, auch wenn es schwierig ist. Einen auffällig anderen Ton hat gleichentags die Bundespräsidentin angeschlagen. «Die hohen Todeszahlen (. . .) machen mich betroffen und traurig», erklärte Simonetta Sommaruga im Interview mit den Zeitungen von «CH-Media». Es gehe hier nicht um Statistiken, sondern um Menschen, so die Sozialdemokratin weiter. Und dann: «Ich möchte das genau anschauen und wissen, warum so viele bei uns sterben.»

War das ein verzweifelter Versuch, für das hundertfache Sterben eine andere Ursache zu finden als das eigene Handeln? Die Exekutiven von Bund und Kantonen können für sich in Anspruch nehmen, dass sie nicht allein waren. Namhafte Parteien, Verbände und Medien haben sich klar gegen frühere und schärfere Massnahmen ausgesprochen. Doch das ändert nichts daran, dass letztlich die Regierungen die Verantwortung tragen. Wenn Sommaruga sagt, sie wolle genau wissen, weshalb so viele Menschen stürben, spricht daraus die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht allein daran liegt, was der Bundesrat und die Kantonsregierungen getan oder eben nicht getan haben.

Das Timing dürfte wichtiger sein als die Härte der Massnahmen

Laut Fachleuten können zwar auch andere Faktoren die Todesfallzahl beeinflussen, zum Beispiel der Bevölkerungsanteil der älteren Generationen oder das Verhalten in Alters- und Pflegeheimen. Aber sie seien nur zweitrangig. Entscheidend seien die Fallzahlen. So banal das klingt: Je mehr Personen sich anstecken, desto mehr werden auch sterben. Und für die Ausbreitung des Virus seien die staatlich verordneten Massnahmen von zentraler Bedeutung.

Wichtig ist laut den Epidemiologen vor allem das Timing. Hier dürfte denn auch das Hauptproblem in der Schweiz liegen: Nachdem die Fallzahlen im Oktober enorm schnell gestiegen sind, haben Bund und Kantone lange gewartet, bis sie wirkungsvolle Massnahmen beschlossen. Letztere wurden erst Ende Monat verhängt. Dieses Zögern hatte seine Gründe – die einen verweisen auf den Föderalismus, die anderen auf die fehlende Akzeptanz von schärferen Auflagen in der Bevölkerung. Es hatte aber auch eine klare Folge: Das Virus hat sich im Land stärker verbreitet, als dies bei einem früheren Eingreifen der Fall gewesen wäre. Mit den unausweichlichen Folgen in der Todesfallstatistik. Verhängnisvoll war dies vor allem in den Kantonen, in denen die Fallzahlen bereits ein relativ hohes Niveau erreicht hatten.

Für die Zukunft ist indes eine andere Frage wesentlich: Genügen die momentanen Massnahmen von Bund und Kantonen, um zu verhindern, dass weiterhin so viele Senioren sterben? Oder haben die Kritiker recht, die zusätzliche Eingriffe wie die landesweite Schliessung aller Gastrobetriebe verlangen?

Der Schweizer Mittelweg könnte funktionieren, sagt Epidemiologe Althaus

Der Berner Epidemiologe Christian Althaus erklärt auf Anfrage, dass er die Strategie stützt, die sich seit Ende Oktober entwickelt hat: verhältnismässig milde Massnahmen auf Bundesebene, die von den Kantonen vor Ort bei Bedarf mit zusätzlichen Auflagen ergänzt werden. «Ich anerkenne, dass die Schweiz einen eigenen Mittelweg gewählt hat, der die Einschränkungen minimiert – und im Prinzip funktionieren könnte.» Der Lockdown im Frühling habe gezeigt, dass in der Schweiz solche Massnahmen enorm effizient umgesetzt werden könnten, weil die Bevölkerung gut mitmache.

Allerdings lässt Althaus im Hinblick auf die nasskalte Jahreszeit eine Hintertüre offen: Die Zahlen seien derzeit immer noch sehr hoch. Es sei gut möglich, dass in den nächsten Wochen bei Hotspots strengere Massnahmen nötig seien, falls die Zahl der Hospitalisationen und der Todesfälle zu langsam abnehme. Als ermutigendes Zeichen sieht er den jüngsten Entscheid der Basler Regierung: Sie hat letzte Woche zusätzliche Einschränkungen wie die Schliessung aller Restaurants beschlossen, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die kantonalen Fallzahlen noch nicht dramatisch hoch sind. Althaus betont: «Frühzeitig mit gezielten Massnahmen einzugreifen, zahlt sich in der Regel aus.»

Langsam ist die Schweiz auf dem Weg der Besserung. Der 7-Tage-Durchschnitt der Todesfälle ist seit letzter Woche auf hohem Niveau leicht rückläufig. Allerdings können die Meldungen verspätet eintreffen, weshalb diese Entwicklung noch nicht eindeutig ist. Was sich aber bereits klar zeigt: Die Hospitalisationen gehen zurück. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Regel einige Tage später in einem Rückgang der Todesfälle.

Zahl der neuen Todesfälle in der Schweiz nimmt langsam ab

7-Tage-Schnitt der täglich neu gemeldeten Todesfälle und Spitaleintritte in der Schweiz

Im Vergleich zu Deutschland ist die Zahl der Menschen, die bisher in der zweiten Welle an oder mit Corona gestorben sind, hierzulande deutlich höher. Derweil schneiden Frankreich und Österreich derzeit ähnlich ab wie die Schweiz. Italien verzeichnet seit kurzem die höchsten Todesfallzahlen der fünf Länder, zudem steigt die Kurve beim südlichen Nachbarn weiterhin steil an.

Während der zweiten Welle sterben in der Schweiz mehr Menschen als während der ersten

Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus, pro 100 000 Einwohner (gleitender 7-Tage-Durchschnitt)

März 2020Nov. 20200,00,51,01,5

Die europäischen Regierungen gehen sehr unterschiedlich mit der Pandemie um. Zwei Extreme sind Belgien und Norwegen. Belgien setzte lange Zeit auf vergleichsweise schwache Massnahmen, während Norwegen sich sehr restriktiv zeigte. In der ersten Welle lag die Todesfallzahl in der Schweiz näher an derjenigen von Norwegen als von Belgien, nun ist es umgekehrt.

Die Schweiz hat weniger Todesfälle als der Ausreisser Belgien, aber mehr als «Musterknabe» Norwegen

Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus, pro 100 000 Einwohner (gleitender 7-Tage-Durchschnitt)

März 2020Nov. 20200123

Gemäss Wissenschaftern war in der Schweiz primär der Zeitpunkt entscheidend für die hohen Todesfallzahlen und weniger die Tatsache, dass es keinen zweiten landesweiten Lockdown gab. Belgien scheint diese Theorie zu bestätigen. Das Land verzeichnet derzeit mit Abstand die höchsten Todesfallzahlen, dabei befindet es sich seit Ende Oktober in einem Lockdown. Schon in den Wochen zuvor hatte die belgische Regierung härtere Massnahmen ergriffen als die Schweiz – aber erst, als das Land bereits sehr hohe Fallzahlen aufwies. Der Zeitpunkt scheint also wichtiger gewesen zu sein als die Schärfe der Massnahmen. Denn der Lockdown in Belgien bringt die Fallzahlen zwar herunter, aber nur langsam.

Es sterben mehr Ältere als bei starken Grippewellen

Die Demografie gilt als entscheidender Faktor für die Todesfallzahlen. Wichtig ist aber nicht nur die Altersverteilung in der Bevölkerung, sondern auch der Schutz der Risikopersonen. Die Fallzahlen bei den über 80-Jährigen waren in der Schweiz drei Wochen lang sehr hoch: Zeitweise wurden mehr als 700 pro 100 000 Personen positiv getestet. Seit letzter Woche nimmt dieser Wert nun wieder leicht ab, mit 550 ist er aber noch immer relativ hoch. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass die Schweizer Todesfallzahlen in der zweiten Welle deutlich höher sind.

In der öffentlichen Debatte spielt das Alter der Covid-19-Toten eine zentrale Rolle. Bundesrat Maurer betonte am Samstag auf Radio SRF, die meisten Verstorbenen in der Schweiz seien über 80 Jahre alt und hätten ein schlechtes Immunsystem. Auch bei einer Hitze- oder einer starken Grippewelle würden viele älteren Leute sterben. Ein Blick auf die Todesfall-Statistik zeigt jedoch, dass in der zweiten Corona-Welle bereits mehr Leute gestorben sind als während der starken Grippewellen in den letzten Jahren. In der jüngsten Hitzewelle war die Übersterblichkeit nicht ansatzweise so gross wie in den letzten Wochen.

Stärkere Übersterblichkeit als während der ersten Welle

Statistisch erwartbare und tatsächlich eingetroffene Todesfälle pro Woche bei Menschen über 65 Jahre in der Schweiz

Erwartete Todesfälle (Bandbreite)

Tatsächliche Todesfälle

20162017201820192020050010001500200012345

1 Starke Grippewelle

2 Hitzewelle

3 Starke Grippewelle

4 Erste Corona-Welle

5 Zweite Corona-Welle

In der ersten Welle sind mehr als die Hälfte der Todesfälle in Alters- und Pflegeheimen aufgetreten. Bundesrat Maurer sagte, allenfalls müsse man versuchen, künftig risikobasierter vorzugehen und Leute mit geschwächtem Immunsystem in der Schweiz besser zu schützen. Denkbar wären hierfür systematische Schnelltests beim Pflegepersonal. Sie könnten dazu beitragen, dass das Virus gar nicht erst in einem Altersheim landet oder schneller unter Kontrolle gebracht wird.

Am Ende – irgendwann, nach der Pandemie – wird eine Gesamtabrechnung nötig sein. Um zu beurteilen, wie geschickt die einzelnen Regierungen ihre Länder durch die Krise manövriert haben, wird die Bilanz über die gesamte Krise massgebend sein. Bisher steht die Schweiz trotz den relativ milden Massnahmen gesundheitlich nicht schlecht da. Die hohe Sterberate in der zweiten Welle trübt zwar das Bild, unter Einbezug der Monate davor steht die Schweiz europäisch jedoch ungefähr im Mittelfeld.

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