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Der 2. Rang des FC St. Gallen weckt Begehrlichkeiten – der Präsident Matthias Hüppi ist als einende Führungsfigur gefragter denn je

Die herausragende Saison des St. Galler Überraschungsteams endet auch mit schmerzenden Rissen. Doch vielleicht steht für den Klub eines über allem: dass er seinen Anhängern nun wieder Freude bereitet und konsequent seinen Weg geht.

33 Saisontore haben Ermedin Demirovic (links) und Cedric Itten gemeinsam erzielt – nun verlassen sie St. Gallen.

33 Saisontore haben Ermedin Demirovic (links) und Cedric Itten gemeinsam erzielt – nun verlassen sie St. Gallen.

Eddy Risch / Keystone

Es ist nicht lange her, da sagte Matthias Hüppi, der Präsident des FC St. Gallen, er wünsche sich mehr Wertschätzung von der Stadt. Dafür, dass sein Klub die Stadt so gut repräsentiere, höre er von offizieller, politischer Seite wenig. Vielleicht war es deshalb ein Friedensangebot, als am Dienstag in einem grossen Brunnen der Stadt das Wasser grün eingefärbt wurde, zu Ehren des FC St. Gallen. Dieser hatte am Abend zuvor die Meisterschaft im 2. Rang beendet.

Ja, der Dienstag war ein Freudentag für den FC St. Gallen. An seiner Medienkonferenz konnte er auf eine herausragende Saison zurückblicken. Und doch löste nicht alles Freude aus, was er zu vermelden hatte. Der Präsident Hüppi kam schnell zur Sache und sagte, Cedric Itten sei unterwegs, um «den nächsten Schritt» zu machen. Der Nationalstürmer wird den FC St. Gallen verlassen. Am Montag beim Match gegen YB sass er auf der Tribüne, was Irritationen auslöste. Itten wollte den Transfer nicht mit einer Verletzung gefährden.

Von Barnetta emanzipiert

Aus St. Gallens Offensive, die in dieser Meisterschaft für 79 Tore stand, brechen also die besten zwei Torschützen weg: Itten und Ermedin Demirovic, der nach dem Ende seiner Ausleihe in die Bundesliga weiterzieht. Mit ihnen geht viel Wucht verloren. Als sei das nicht schon genug, verlässt auch der Stürmercoach Ioannis Amanatidis den Verein. Der frühere Bundesliga-Profi sagte dem Magazin «Kicker»: «Ich sehe keine Wertschätzung für meine Arbeit.» Er sei enttäuscht, dass der Klub den auslaufenden Vertrag nur um ein Jahr habe verlängern wollen. Es passe nicht zusammen, wenn gleichzeitig andere aus dem Trainerteam Verträge erhielten, die länger gültig seien. Den FC St. Gallen, der sich gerne als Familie inszeniert, müssen solche Risse schmerzen.

Der Präsident Hüppi hat schon bewiesen, dass er Risse kitten kann. Es ist just dieses starke Band zwischen ihm, dem Sportchef Alain Sutter und dem Trainer Peter Zeidler, das dem Klub so viel Stabilität verleiht. Aber diese Dreifaltigkeit kann eben auch dazu führen, dass sich andere als unwichtig vorkommen. Weil die finanziellen Mittel des FC St. Gallen beschränkt sind, kann er Wünsche nur partiell befriedigen – und der Klub entschied sich unlängst, im sportlichen Bereich primär auf zwei Leute zu setzen, auf Sutter und Zeidler, mit Verträgen bis 2025. Es ist ein Treueschwur, wie er in diesem Business selten vorkommt. Weil andere womöglich wie Itten oder Amanatidis denken, sind Hüppis Qualitäten als einende Führungsfigur nun gefragter denn je.

Im Fall von Zeidler mag die Langfristigkeit des Vertrags auch dazu dienen, sich finanziell abzusichern, falls der Deutsche dereinst abgeworben werden sollte. Und dennoch weiss Zeidler, was er am FC St. Gallen hat – an anderen Orten waren die Umstände für ihn als Trainer schon viel schlechter. In Sitten hatte er einen ungeduldigen Präsidenten, in Sochaux einen, der die Fussballregeln kaum kannte. Und in Salzburg war er auch gescheitert, weil er die Disziplinlosigkeiten des divenhaften Spielers Martin Hinteregger erdulden musste.

In St. Gallen hingegen findet Zeidler Bedingungen vor, die auf ihn zugeschnitten sind. Hier können er und Sutter ihre Stärken im Coachen und Dozieren entfalten, weil sie lauter wissbegierige Spieler haben, die den Willen zeigen, sich formen zu lassen. Spieler mit geringem innerem Antrieb sind aussortiert worden. Deshalb mutete es merkwürdig an, als Experten in der Corona-Pause meinten, das St. Galler Team werde darunter leiden, wenn es aufgrund fehlender Zuschauer kaum mehr angefeuert werde.

Aus Talenten, die Sutter auch in entlegenen Winkeln aufgestöbert hatte, formte Zeidler eine spielstarke Einheit. Der Trainer wurde unlängst mit dem Lehrer John Keating aus dem Film «Der Club der toten Dichter» verglichen. Der Nonkonformist Keating, gespielt von Robin Williams, forderte seine Schüler zu eigenständigem Handeln und freiem Denken auf – und begeisterte damit. Der wesentliche Unterschied zum Film ist: Im FC St. Gallen stützen die Vorgesetzten die Methoden ihres Lehrers. Und so wird diese Low-Budget-Mannschaft ihrer inspirierenden Kultur des Stürmens und Drängens treu bleiben. Die St. Galler haben sich zu Spezialisten des Pressings und der Balleroberung entwickelt.

Früher wurde der Klub dafür kritisiert, dass seine Nachwuchsabteilung teuer sei, aber kaum einen Spieler aus heimischem Einzugsgebiet hervorbringe, der sich in der ersten Mannschaft etabliere. Heute hat der Verein mehrere Junge in seinen Reihen, die zu fixen Grössen in der Super League aufgestiegen sind: Betim Fazliji, 21, aus Rebstein. Boris Babic, 22, aus Walenstadt. Oder Leonidas Stergiou aus Wattwil, der mit 18 Jahren den Abwehrchef gibt. Das Team hat sich emanzipiert vom zurückgetretenen Stadtheiligen Tranquillo Barnetta, der das hohe Tempo mit seinem havarierten Körper nicht mehr hätte mitgehen können.

Immer auf Angriff

Anlasten kann man dem Team, dass es ob seiner Euphorie manchmal die defensive Absicherung vergisst. Es schien, als könnten die aufmüpfigen St. Galler nicht anders, als immerfort den Angriff zu suchen, solange die Energiereserven reichen. YB, der Rivale im Meisterrennen, bot weniger Spektakel, kam dafür ökonomischer durch den kräftezehrenden Corona-Spielplan. Und dem FC St. Gallen mangelte es hie und da an Abgebrühtheit und Effizienz: Bei allen zehn Saisonniederlagen hatte er jeweils mehr Schüsse zu verzeichnen als der Gegner, in der Summe weist die Statistik für diese Spiele ein Schussverhältnis von 188:96 für die Ostschweizer aus. Nur in einer dieser Partien hatten sie weniger Ballbesitz.

Doch vielleicht steht eines über allem für den FC St. Gallen in dieser Saison: dass er seinen Anhängern nun wieder Freude bereitet und konsequent seinen Weg geht. Er gewann Vertrauen in der Region zurück, das unter der vorherigen Klubführung verloren gegangen war. Wie Hüppi ausführte, muss sein Verein nun sogar aufpassen, dass er nicht bald mehr Abonnements für die nächste Saison absetzt, als er in Corona-Zeiten Zuschauern im Stadion Platz bieten darf.

Hüppi wird diesen Laden zusammenhalten müssen. Sutter wird versuchen, weitere unentdeckte Talente aufzuspüren. Und Zeidler verspricht schon jetzt: «Wir werden wieder angreifen.»

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