Switzerland

Der Bund hat dem Fax endlich den Stecker gezogen, aber der Weg zur nationalen Contact-Tracing-Datenbank bleibt holprig

Nach neun Monaten in der Corona-Krise soll der Datenaustausch zwischen dem Kanton Zürich und dem Bund endlich digitalisiert werden. Doch alle Angaben umfasst der Austausch noch immer nicht.

Im Zweischichtbetrieb arbeiten die Teams der Contact-Tracing-Center im Kanton Zürich – im Bild der Standort Pfäffikon.

Im Zweischichtbetrieb arbeiten die Teams der Contact-Tracing-Center im Kanton Zürich – im Bild der Standort Pfäffikon.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Die Corona-Krise hat manche veralteten Strukturen blossgelegt. Im Frühling nahm die Öffentlichkeit verwundert Kenntnis davon, dass die Kommunikation zwischen Bund und Kantonen zum Teil noch über Fax läuft und Excel-Listen von Hand abgeglichen und nachgeführt werden müssen. Besonders die Frage, wo sich die Menschen mit dem Virus anstecken, wurde zum Politikum.

Im August leistete sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Kommunikationspanne, als es fälschlicherweise behauptete, die meisten Ansteckungen fänden in den Klubs statt. Kurz darauf mussten die Verantwortlichen kleinlaut einräumen, dass die meisten sich im familiären Umfeld ansteckten. Haften blieb der Eindruck eines Daten-Wirrwarrs.

Nun scheint es, als würden es Bund und Kantone mit dem Ende des Corona-Jahres 2020 doch noch schaffen, eine gemeinsame Contact-Tracing-Datenbank aufzubauen. Bis Anfang 2021 muss in jedem Kanton eine digitale Datenbank bereitstehen, und die Mitarbeiter müssen im Umgang mit dem neuen System geschult werden; bis Ende Januar soll die tägliche automatische Übermittlung funktionieren, so forderte es der Bund in einer Weisung an die Kantone.

Beim BAG ist man zuversichtlich, dass die Termine eingehalten werden. Schaffen es einzelne Kantone nicht innerhalb der gesetzten Frist, dürfte die Konsequenz wohl höchstens ein Rüffel sein. «Es besteht keine rechtlich bindende Grundlage für Sanktionsmöglichkeiten vonseiten des Bundes», teilt das BAG auf Anfrage mit.

Noch verläuft der Datentransfer laut BAG nicht reibungslos. Momentan liefern 13 Kantone regelmässig Daten, aber viele Felder bleiben leer, weil die Informationen in den Contact-Tracing-Systemen der Kantone gar nicht erfasst wurden.

Nachbearbeitung entfällt

Auch Zürich gehört zu den Kantonen, die erst im Januar mit dem vollständig digitalisierten Datenaustausch beginnen. Vor allem für das Contact-Tracing bringe die Digitalisierung Fortschritte, sagt Beat Lauper von der Zürcher Gesundheitsdirektion. Den Zürcher Contact-Tracern steht seit Mitte November eine Art elektronischer Fragebogen zur Verfügung. Diesen können sie im Gespräch mit den infizierten Personen ausfüllen. Eine Nachbearbeitung entfällt, und die Daten können direkt ans BAG weitergeschickt werden.

Die schnellere Bearbeitung entlaste die Contact-Tracer, man sei deutlich effizienter, sagt Lauper. Das könnte im Hinblick auf den Umgang mit dem in Grossbritannien und Südafrika aufgetretenen mutierten Virus von Bedeutung sein. Die Mutationen gelten als ansteckender als bisher bekannte Varianten. Erste Fälle von Infektionen mit dem mutierten Virus sind inzwischen auch in der Schweiz aufgetaucht, unter anderem im Kanton Zürich.

Dies geht aus der Sequenzierung von positiven Proben hervor, die unter anderem in Labors der ETH Zürich durchgeführt wurden. Die ETH untersucht pro Woche etwa 100 bis 300 Proben – das entspricht ungefähr einem Prozent aller bestätigten Fälle. Die Proben werden vorwiegend per Zufallsprinzip ausgewählt, jüngst wurden jedoch auch vermehrt spezifisch Proben untersucht etwa von Personen, die aus England oder Südafrika in die Schweiz gereist sind.

Im Vergleich zu anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark werden in der Schweiz wenig Sequenzierungen durchgeführt. Das soll sich laut der ETH nun ändern. Tanja Stadler, ETH-Professorin und Mitglied der Covid-19-Task-Force, sagt: «Wir brauchen einen Überblick über die genomische Diversität dieses Virus. Damit können wir neue Varianten frühzeitig erkennen und die Ausbreitung besser verstehen. Das hilft uns auch dabei, gezielter einzugreifen.»

Sollten sich die neuen Varianten in der Schweiz rasch ausbreiten, werden die Contact-Tracing-Teams noch stärker gefordert sein. Darauf sei man vorbereitet, versichert die Zürcher Gesundheitsdirektion. Inzwischen wurde das Team, das im Zweischichtbetrieb arbeitet, auf über 800 Personen aufgestockt. Damit könne man auch einen weiteren Anstieg der Zahl von Infektionsfällen bewältigen, sagt Lauper. Noch im Herbst sah es ganz anders aus: Mit der damaligen Zunahme der Ansteckungen war das Contact-Tracing zeitweise überfordert. Die Kantonsärztin Christiane Meier räumte ein, dass nicht mehr jede Kontaktperson angerufen werden könne.

Der Kantönligeist hat überlebt

Der Papierkrieg mag beim Datenaustausch der Vergangenheit angehören – der Kantönligeist allerdings hat den Sprung in die digitale Gegenwart überlebt. Die Kantone arbeiten beim Contact-Tracing mit verschiedenen Systemen, das BAG wiederum betreibt eine eigene Datenbank. Über diese werden die Daten von den Kantonen an das BAG übermittelt. Hierbei gibt es zwei Varianten des Datentransfers: einmal inklusive Daten, die die Person identifizieren, für die internen Auswertungen und einmal nur mit anonymisierten Daten für die offizielle Publikation und für die Medien.

Der Kanton Zürich hat sich wie 12 weitere Kantone für das Datenbanksystem Sormas (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) entschieden, eine deutsche Open-Source-Software, die eigens für den Umgang mit Epidemien erstellt und mehrmals in Afrika eingesetzt wurde. Für den Einsatz in der Schweiz waren Anpassungen nötig, die das BAG in Auftrag gegeben hat und die 700 000 Franken gekostet haben.

Andere Kantone haben eigene Systeme in Auftrag gegeben, einige arbeiten mit einem Tool der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder einem Modul des Koordinierten Sanitätsdiensts des Bundes. Von Einheitlichkeit ist man also weit entfernt. Beim BAG hat man Verständnis dafür, dass sich die Kantone für unterschiedliche Systeme entschieden haben: «Die Kantone haben teilweise unterschiedliche Anforderungen an die Contact-Tracing-Systeme, da bei ihnen die Contact-Tracing-Prozesse anders organisiert sind.» Das BAG habe den Kantonen im Frühsommer die unterschiedlichen Systeme vorgestellt und demonstriert.

Epidemie-Management-Systeme bestanden schon bei Ausbruch der Pandemie. Hätten Bund und Kantone sie nicht bereits im März einsetzen können? Die Anpassung beispielsweise von Sormas für die Schweizer Verhältnisse sei wichtig, sagt Beat Lauper. Das habe jedoch Zeit in Anspruch genommen. Das BAG weist darauf hin, dass die Datenschutzbeauftragten der verschiedenen Kantone erst grünes Licht für einen Datentransfer geben müssten. Auch dies brauche Zeit. Es geht um heikle Angaben wie Namen, Adressen, Telefonnummern, Beruf, aber eben auch um Auskünfte über den Zeitpunkt des Auftretens der ersten Symptome oder über den vermuteten Ansteckungsort.

Ein Drittel kennt den Ort der Ansteckung

Wichtig sind vor allem die Daten über den vermuteten Ansteckungsort. Diese Einschätzungen bilden einen Teil der Grundlage für politische Entscheide in Bezug auf Einschränkungen. Wie zuverlässig diese Daten allerdings sind, ist schwierig zu beurteilen, selbst wenn sie nun systematisch zentral gesammelt werden. In Zürich hat man laut Beat Lauper die Erfahrung gemacht, dass ein Drittel der Befragten ziemlich genau weiss, wo sie sich angesteckt haben. Dies vorwiegend deshalb, weil sie sich in der Nähe von Personen aufgehalten hatten, die später positiv auf das Coronavirus getestet wurden – zum Beispiel am Arbeitsort oder in der Familie. Ein weiteres Drittel hat zumindest eine Vermutung, wo die Ansteckung passiert ist, und ein Drittel hat keine Ahnung.

Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri sagt, dass man von rund der Hälfte der Personen glaubhafte Angaben erhalte. Nur diese würden dem BAG kommuniziert. Die Resultate publiziert das BAG jeweils auf Anfrage. Laut diesen Ergebnissen finden derzeit die meisten Ansteckungen im Kreis der Familie statt, es folgen der Arbeitsplatz, private Feste sowie Bars und Restaurants.

Selbst wenn die Kantone mit dem BAG nun endlich digital kommunizieren, werden längst nicht alle Corona-Daten auf diesem Weg weitergeleitet. Die Spitalbettbelegung beispielsweise wird über das bundeseigene Modul des Koordinierten Sanitätsdiensts übermittelt. Damit hätten sich auch die Contact-Tracing-Daten an den Bund liefern lassen, aber die meisten Kantone haben sich für eine andere Lösung entschieden. Beat Lauper sagt, dieses Tool sei im Auswahlverfahren im Vergleich mit anderen durchgefallen, weil es zu wenig ausgefeilt gewesen sei.

Das Faxgerät hat zwar auch bei den Behörden ausgedient, doch eine einheitliche Lösung wird es wohl auch künftig so bald nicht geben.

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