Switzerland

Der Weg zum Lockdown: Alain Berset entschied in zehn Minuten, die Schulen zu schliessen

Ein neues Buch des Tamedia-Recherchedesks zeigt, wie Daniel Koch zu Beginn der Corona-Krise bremste und beschwichtigte – bis der Gesundheitsminister die Initiative ergriff.

Alain Berset und Daniel Koch (links) auf dem Weg zu einer Medienkonferenz in Bern im Mai 2020. Vor allem zu Beginn der Krise waren die beiden keineswegs einer Meinung.

Alain Berset und Daniel Koch (links) auf dem Weg zu einer Medienkonferenz in Bern im Mai 2020. Vor allem zu Beginn der Krise waren die beiden keineswegs einer Meinung.

Foto: Peter Klauzner / Keystone 

«Alles wird gut.» Das versichert US-Präsident Donald Trump bei seinem Besuch des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos am 21. Januar 2020: Die Lage sei unter Kontrolle.

Trump spricht das allererste Mal öffentlich über dieses neuartige Virus, das er aber für ein rein chinesisches Problem hält. Auch der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset ist Gast beim WEF und nimmt im Landwassertal am selben Tag ebenfalls erstmals vor den Medien zu Corona Stellung. Etwas vorsichtiger als Trump und deutlich besser informiert. Aber auch Berset versichert, dass die Schweiz mit ihren Pandemieplänen gut vorbereitet sei.

Alles unter Kontrolle? Nur zwei Tage später setzt die chinesische Regierung jene Millionenstadt unter Quarantäne, in der Ende Dezember 2019 die durch das Virus ausgelöste Lungenkrankheit erstmals aufgetreten war. 10 Millionen Menschen sitzen in Wuhan fest, sämtliche Zufahrtswege auf dem Land, zu Wasser und aus der Luft werden gesperrt.

Viele Beratungen, keine Massnahmen

Am selben Tag geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Krisenmodus. In einem fensterlosen Genfer Sitzungszimmer mit vielen Bildschirmen tagt ihr Notfallausschuss. Er schickt eine Warnung hinaus in die Welt: Alle Staaten müssten Massnahmen ergreifen, um die rasche Ausbreitung des Virus zu stoppen.

An diesem 23. Januar wird auch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktiv. Auf dem modernen Campus Liebefeld in Bern tagt zum ersten Mal die «Taskforce 2019-nCoV». 19 Fachleute beraten sich. Ab sofort mehrmals pro Woche. Aber es bleibt vorerst bei der Beobachtung der Lage. Massnahmen werden nicht ergriffen.

Daniel Koch sieht im Januar für Europa «keine oder eine sehr geringe Gefahr»

Vor allem Daniel Koch, der damals noch in der Öffentlichkeit kaum bekannte Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten, tritt mit Beschwichtigungen auf. Er hält Massnahmen wie Maskenpflicht für masslos übertrieben. Am Tag nach dem Lockdown in Wuhan sagt der spätere «Mister Corona» in einem Interview, es sei zwar möglich, dass Fälle in Europa auftreten. Dennoch bestehe für den Kontinent keine oder nur eine sehr geringe Gefahr.

Die Epidemiologen Christian Althaus (rechts) und Marcel Salathé (links) forderten sehr früh energische Massnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern oder zumindest zu bremsen. Daniel Koch fand ihre Kritik «nicht hilfreich».

Die Epidemiologen Christian Althaus (rechts) und Marcel Salathé (links) forderten sehr früh energische Massnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern oder zumindest zu bremsen. Daniel Koch fand ihre Kritik «nicht hilfreich».

Foto: Peter Klaunzer/Keystone 

Etwas anders sieht man das an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL). Dort bricht Ende Januar kurz Panik aus, als mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der vom Epidemiologen Marcel Salathé organisierten Veranstaltung «Applied Machine Learning Days» erkranken. Eine Ambulanz mit Blaulicht fährt vor. Schnell stellt sich heraus: Es ist nicht das Coronavirus, sondern vermutlich eine verdorbene Speise.

Doch die Hochschulleitung ist alarmiert. Am 29. Januar ruft sie alle Mitarbeiter, Lehrkräfte und Studierenden, die zuletzt in China waren, auf, nicht mehr auf den Campus, in die Labors, Büros oder Hörsäle zu kommen. Sie müssen 14 Tage ins Homeoffice. Sämtliche Reisen nach China werden gestrichen.

Gar keine Freude an dieser Vorsichtsmassnahme hat das Bundesamt für Gesundheit. Daniel Koch mahnt in einem Brief, die offiziellen Bestimmungen nicht auszuweiten. In einer Stellungnahme für das Buch «Lockdown» des Recherchedesks von Tamedia erklärt das BAG, man habe damals einen «Flickenteppich» verhindern wollen. Die ETH in Lausanne aber gibt nicht nach: Sie weitet entgegen der Mahnung aus Bern die Reiseverbote bald auf Norditalien, den Iran und Südkorea aus.

Wissenschaftliche Kritik empfindet Daniel Koch als «nicht hilfreich»

Marcel Salathé und sein Kollege an der Universität Bern, Christian Althaus, warnen sehr früh vor einer unkontrollierbaren Ausbreitung des Coronavirus. Sie bieten dem BAG ihr Wissen und ihre Mithilfe an, kritisieren die Beamten aber auch, weil sie ihrer Meinung nach viel zu langsam reagierten. Daniel Koch ist Arzt und versteht sich als Mann aus der Praxis. Die Ratschläge und Kritik der Theoretiker empfindet er als lästig. Ihr Angebot zur Unterstützung lehnt er ab.

Das sieht Koch auch im Nachhinein betrachtet nicht als Fehler. Im Interview für das Buch «Lockdown», sagt Koch, er habe die Kritik der Wissenschaftler «nicht hilfreich» gefunden. Als Christian Althaus nach mehreren Anläufen dem BAG am 18. Februar endlich seine Sicht der Bedrohung darlegen darf, ist ausgerechnet Daniel Koch nicht anwesend. Warum, wisse er nicht mehr, sagt Koch: «Wahrscheinlich stand der Termin nicht zuoberst auf der To-do-Liste.»

Zeit gefunden hat er hingegen für ein Interview mit der NZZ, das am Tag nach Althaus’ Vortrag erscheint. Das Coronavirus, sagt Koch dort, stelle derzeit für die Schweiz keine Bedrohung dar. Nachsatz: «Aber dies könnte sich in drei Wochen oder sechs Monaten ändern.»

Eine Reise nach Rom öffnet dem Gesundheitsminister die Augen

Es ist schliesslich Bundesrat Alain Berset, der Kochs Beschwichtigungskurs nicht mehr mitträgt. Am 25. Februar trifft der Gesundheitsminister die Amtskollegen der Nachbarstaaten zu einer Krisensitzung in Rom. Noch immer sind Sicherheitsmassnahmen weit weg: Niemand trägt eine Maske alle stehen Schulter an Schulter.

Die sieben Gesundheitsminister sind sich zwar einig, dass die bisherigen Massnahmen zur Eindämmung des Virus nicht mehr reichen. Aber es gibt keinen gemeinsamen Weg. Noch möchte man Grenzschliessungen unbedingt vermeiden. Berset realisiert, dass die Schweiz handeln muss. Er sieht, wie seine italienischen Gastgeber verzweifelt versuchen, von Hand auf kleinen Zetteln die Anzahl der Kranken im Land zu berechnen. Für den Schweizer Gesundheitsminister wirkt das wie eine ungewollte Warnung an die Gäste. Er ist zutiefst beunruhigt.

Alain Berset und der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn bei einem Treffen zur Corona-Krise in Rom am 25. Februar. An diesem Tag begriff Berset, dass die Schweiz nun handeln muss.

Alain Berset und der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn bei einem Treffen zur Corona-Krise in Rom am 25. Februar. An diesem Tag begriff Berset, dass die Schweiz nun handeln muss.

Foto: Peter Klaunzer/Keystone 

An diesem 25. Februar, sagt Berset rückblickend, «wurde mir klar, dass die Situation in Italien ausser Kontrolle geraten ist. Und dies trotz all dem guten Willen im Land.» Immer noch aber versuchen seine Beamte, radikale Massnahmen zu verhindern oder zumindest abzuschwächen.

Am Mittwoch, 11. März, erklärt die Weltgesundheitsorganisation Covid-19 zur Pandemie. Nun ist es auch offiziell keine lokal begrenzte Epidemie mehr. Die Börsen brechen ein, die Zahl der Infizierungen und der Toten steigt exponentiell an. Auch in der Schweiz, die bereits über 600 Corona-Fälle und vier Verstorbene zählt.

Daniel Koch reist an diesem Tag ins Tessin. In der italienischen Nachbarregion ist die Lage ausser Kontrolle geraten. Das Gesundheitssystem ist kollabiert, die Toten können nicht mehr beerdigt werden. In Bellinzona will, ja muss die Kantonsregierung reagieren. Die Grenzschliessung wird gefordert: Die Schweiz solle sich gegen Süden abschotten.

Die Tessiner wollen die Schulen schliessen, der Bund will sie offen halten

Koch will die Tessiner vor allem beruhigen, dass niemand den Gotthard schliessen wolle. Der Experte des BAG will aber auch die Tessiner von Massnahmen abhalten, die er als übertrieben empfindet. Die Tessiner Regierung hat für das Kantonsgebiet den Notstand verhängt. Kinos, Theater, Diskotheken, die wenigen Skigebiete, die Fitnesszentren und auch die nicht obligatorischen Schulen und Hochschulen müssen schliessen. Nur für die Gastronomie gibt es einen Kompromiss: In Restaurants und Cafés dürfen sich nur noch 50 Gäste gleichzeitig aufhalten.

Geht es nach den Tessinern, sollen auch die obligatorischen Schulen schliessen. Aber dagegen wehrt sich der Berner Emissär Koch erfolgreich. «Der Bund hat empfohlen, die obligatorischen Schulen offen zu halten. Denn wir wollen nicht, dass sich die Grosseltern um die Enkel kümmern müssen», erklärt er in Bellinzona vor den Flaggen des Tessins und der Schweiz.

In Bern trägt Gesundheitsminister Alain Berset diesen Kurs von Koch noch mit und verteidigt ihn sogar. Aber nur mehr knapp 24 Stunden lang.

Eine SMS von SP-Präsident Christian Levrat ändert alles

Der Donnerstag, 12. März, ist für Berset «der Tag, an dem sich die Dinge wirklich änderten». Vorerst geht es um die Obergrenze für Versammlungen. Soll sie von 1000 Personen auf 500 gesenkt werden? Auf 300? Berset will sogar noch weitergehen: Auf 100 Personen maximal. Die Schulen hingegen sollen offen bleiben. Dem Druck aus einzelnen Kantonen, in denen sich die Eltern bereits weigern, ihre Kinder in den Unterricht zu schicken, will der Bundesrat nicht nachgeben.

Spät an diesem Donnerstagabend beugt sich Berset mit seinem Team ein letztes Mal über eine Verordnung, welche die Schulen zum Offenhalten verpflichtet. Um 20 Uhr 30 wird noch an Details gefeilt, da bekommt Berset eine SMS von seinem Freund Christian Levrat. Der SP-Präsident schreibt: «Hast du gesehen, was in Frankreich passiert?» Berset schaltet den Fernseher ein und sieht, dass der französische Präsident Emmanuel Macron die Schliessung aller Schulen verkündet. Dabei war Berset noch am Vortag vom französischen Gesundheitsminister Olivier Véran versichert worden: In Frankreich würden die Schulen offenbleiben.

Berset ruft seinen Amtskollegen Véran an: Warum dieser plötzliche Kurswechsel? Véran erklärt es mit einer neuen Einschätzung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Kinder könnten die Krankheit doch häufiger übertragen, als bis dahin bekannt. Die Schliessung der Schulen sei eine angemessene Massnahme.

Alain Berset will nicht mehr gegen den Strom schwimmen

Im Eidgenössischen Departement des Innern in Bern wird der Feinschliff an der Verordnung über das Offenhalten von Schulen umgehend abgebrochen. Ab sofort wird das Gegenteil vorbereitet. Der Entscheid fällt letztlich innerhalb von zehn Minuten. Er stellt den Alltag von Millionen Kindern und Eltern im Land auf den Kopf.

Er sei überzeugt gewesen, dass die meisten Länder in Europa dem französischen Beispiel folgen würden, erklärt Berset. Hätte er in dieser veränderten Konstellation die Öffnung der Schulen noch durchsetzen können? Noch dazu gegen den Willen vieler Kantone? «Manchmal ist es sinnlos, gegen den Strom zu schwimmen», folgert Berset. Innerhalb von wenigen Tagen findet der Unterricht in der Schweiz wie fast überall auf dem Kontinent nur noch zu Hause statt. Was wichtiger ist: Durch die Schulschliessungen versteht jede und jeder im Land, dass es jetzt endgültig ernst gilt.

Football news:

Es ist wichtig, nicht zu beeindrucken, sondern zu Punkten. Eine weitere Kraft von Loko-das Wort Nikolic nach dem Spiel
André Villas-Boas: City hat eine Milliarde ausgegeben und der Trainer ist ein Phänomen. Marseille hat kein Geld für Guardiola, also haben Sie AVB und seine Taktik
Miranchuk blieb im zweiten Spiel in Folge bei Atalanta Bergamo
Jürgen Klopp: was jetzt Passiert, ist wie ein Leben in einer Ehe: es gibt gute Momente, es gibt schlechte
Zinedine zidane: Verdient ein Unentschieden gegen Borussia Dortmund - und ich denke sogar, dass wir mehr verdient haben als Real-Trainer Zinedine Zidane
Bei Liverpool wurde es mit der Innenverteidigung noch schlimmer: fabinho Verletzte sich, nur Joe Gomez mit Midtjylland traf der 19-jährige Rhys Williams
Lok steht nach 2 Runden auf dem Dritten Platz in der Champions-League-Gruppe a, Bayern führt nach dem zweiten Spieltag die Mannschaften in der Champions-League-Gruppe a an. Der FC Bayern hat in den spielen gegen Atlético Madrid und Lokomotive Moskau 6 Punkte geholt