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Die Explosion von Beirut besiegelt Libanons Kollaps

Viel deutet darauf hin, dass unvorstellbare Nachlässigkeit zu der Katastrophe geführt hat. In Beirut sind deshalb Verzweiflung und Wut auf die Mächtigen allgegenwärtig.

Eine Bombe, die seit Jahren mitten in Beirut geschlummert hat: Die Sprengkraft von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat kommt etwa der von 1400 Tonnen des Sprengstoffs TNT gleich.

Eine Bombe, die seit Jahren mitten in Beirut geschlummert hat: Die Sprengkraft von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat kommt etwa der von 1400 Tonnen des Sprengstoffs TNT gleich.

Foto: AFP


Die schwarzen Gitterarme von Kränen versuchen Ordnung zu bringen in das Gewirr von Stahlträgern, das einmal der Hafen von Beirut war. Noch immer werfen Helikopter Wasser ab auf kokelnde Ruinen. Der gewaltige rotbraune Rauchpilz hat sich verzogen, nicht aber der Schock, der die Hauptstadt lähmt, ganz Libanon. Es klafft eine Wunde im Herzen des Landes. Die Bilder gemahnen an jene nach den Anschlägen des 11. September in New York. Betongerippe, Hochhäuser, deren Glasfassaden auf die Strasse hinuntergeregnet sind. Die Menschen in Beirut können es noch nicht fassen, wissen nicht, wie es weitergehen soll in einer Stadt, in der es immer irgendwie weitergegangen ist.

Joelle Bassoul, 44, Regionalmanagerin bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, ist für die Nacht mit ihrer Familie in die Berge geflohen. Wo die Menschen sonst im Sommer Abkühlung suchen, findet sie Abstand, um zu realisieren, was geschehen ist, was das nun für sie und ihre Stadt heisst. «Von hier aus sehen wir Beirut, aber aus sicherer Entfernung», sagt sie am Telefon. «Meine beiden Kinder haben den Krieg nicht erlebt», sagt sie, die mitten im Bürgerkrieg aufgewachsen ist. «Sie fragen mich, wie ihr Zimmer jetzt aussieht, ob ihre Spielsachen noch da sind. Ich will nicht, dass sie ihr Zuhause so sehen.»

Körper voller Glasscherben

Ihre Wohnung liegt im wohlhabenden christlich geprägten Stadtteil Achrafieh, 1,5 Kilometer weg vom Hafen. Als sie sich durch das Chaos auf den Strassen nach Hause durchgekämpft hatte, habe sie das Treppenhaus voller Blut vorgefunden, erzählt sie. Die Nachbarstochter sass am Fenster, als es zur Detonation kam. «Ihr Körper war voller Glasscherben.» Die Druckwelle hatte Scheiben noch in 15 Kilometer Entfernung in Splitter gefetzt. So etwas habe sie während des gesamten Bürgerkriegs nicht erlebt, sagt Bassoul. «Meine Wohnung ist verwüstet.» Sie versuche, ihren Kindern alles zu erklären, «aber ich verstehe es ja selbst nicht.»

Am Tag nach der Katastrophe kristallisiert sich zumindest in groben Zügen heraus, was sich am Dienstagnachmittag zugetragen hat. Präsident Michel Aoun und Premierminister Hassan Diab sagten, die verheerende Detonation sei von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat ausgegangen, einem Stoff, der als Dünger dient, aber wegen seiner explosiven Eigenschaften immer wieder zu schweren Unfällen geführt hat und von Terroristen zum Bau improvisierter Sprengsätze verwendet wird. Im Lagerhaus Nummer neun sei ein Feuer ausgebrochen, heisst es, das habe dann auf das Lagerhaus Nummer zwölf übergegriffen, wo mitten im Stadtzentrum seit Jahren eine gigantische Bombe schlummerte. Die Sprengkraft dieser Menge kommt etwa der von 1400 Tonnen des Sprengstoffs TNT gleich.

Die tödliche Fracht zerstört den wichtigsten Hafen des Landes: Das Ammoniumnitrat war 2013 mit dem Schiff Rhosus unter moldauischer Flagge von der georgischen Schwarzmeerstadt Batumi nach Beirut gekommen.

Die tödliche Fracht zerstört den wichtigsten Hafen des Landes: Das Ammoniumnitrat war 2013 mit dem Schiff Rhosus unter moldauischer Flagge von der georgischen Schwarzmeerstadt Batumi nach Beirut gekommen.

Foto: Bilal Hussein (Keystone)

«Es war Fahrlässigkeit», zitiert die Nachrichtenagentur Reuters eine Regierungsquelle. Die Sicherheitsprobleme seien bekannt gewesen, hätten Richter und Ausschüsse beschäftigt. Aber nichts sei getan worden, um das explosive Material zu entsorgen oder zu sichern. «Fakten über dieses gefährliche Lagerhaus, das es seit 2014 gibt» versprach Premier Diab den Libanesen und dass die Verantwortlichen einen hohen Preis zahlen würden. Es sei «völlig inakzeptabel», dass Ammoniumnitrat in einem Containerlager aufbewahrt wurde.

Die Fracht sollte vernichtet werden – was nie geschah

Abbas Ibrahim, der Chef des für innere Sicherheit zuständigen Geheimdienstes, hatte schon Dienstagabend von «konfisziertem Material» gesprochen. Wie libanesische Medien berichten, soll das Ammoniumnitrat von dem Schiff Rhosus stammen. Es fuhr im September 2013 unter moldauischer Flagge von der georgischen Schwarzmeerstadt Batumi Richtung Moçambique, hatte dann aber nicht genug Treibstoff und Proviant und musste nach einer Inspektion in Beirut bleiben. Ein Teil der Besatzung konnte gehen, drei Ukrainer und ein Russe mussten zunächst bleiben. Nach Angaben der Besatzung hatte der Eigentümer das Schiff aufgegeben. Die Fracht sollte vernichtet werden – was nie geschah.

Das Gefühl von Trumps Generälen

Nun sollen nach Angaben aus Sicherheitskreisen Schweissarbeiten an einem Loch an einer benachbarten Lagerhalle das Desaster ausgelöst. Ob das zutrifft oder nicht, ist nicht sicher. Jedenfalls gibt es bislang keine belastbaren Indizien für Spekulationen, wie sie in der Nacht zum Mittwoch US-Präsident Donald Trump befeuert hat. Er habe «einige unserer grossartigen Generäle getroffen» sagte er, und die hätten das Gefühl, dass es «ein Angriff war. Es war eine Art Bombe.»

Die Hizbollah kontrolliert Hafen und Flughafen

Das dachten zunächst auch viele Bewohner von Beirut. Ein Luftangriff? Ein neuer Krieg? Es hatte in den Tagen zuvor Scharmützel gegeben an der Grenze zu Israel. Die Armee habe auf Eindringlinge der vom Iran unterstützten schiitischen Hizbollah-Miliz gefeuert, hiess es in Tel Aviv. Die Hizbollah ist ein Staat im Staat, die stärkste militärische Macht und kontrolliert de facto auch den Hafen und den Flughafen von Beirut. Auch ist für Ende der Woche ein Urteil des UNO-Tribunals zur Ermordung von Ex-Premier Rafiq Hariri im Jahr 2005 angekündigt, das vier Hizbollah-Kämpfer in Abwesenheit den Prozess macht.

Auch ohne politischen Hintergrund, ohne eine neuen Krieg, sehen viele Libanesen ihr Land am Ende. «Diese Explosion besiegelt den Kollaps Libanons», sagte Hassan Zaiter, 32, ein Manager eines schwer beschädigten Hotels im Zentrum, der Nachrichtenagentur Reuters. Seit vergangenem Herbst haben Demonstranten immer wieder gefordert, die politische Klasse des Landes zu entmachten, die sie für Jahrzehnte des Missmanagements und die grassierende Korruption verantwortlich machen.

«Das ist viel. Das ist zu viel für das Volk.»

Marwan Abboud, Gouverneur von Beirut

Der staatliche Energieversorger liefert nur wenige Stunden am Tag Strom. Aus Wut über die Abschaltungen hatten am Dienstag noch Dutzende Protestierende versucht, das Energieministerium zu stürmen. Milliarden Dollar sind bei den Elektrizitätswerken versickert. Wütende Libanesen zogen in der Nacht an dem stark beschädigten Hochhaus vorbei. Nun sei die Energiebehörde, zu Recht, die «Müllhalde Libanons», rief ein Mann. Abfall türmt sich in den Strassen. Während seit Jahrzehnten über ein neues Entsorgungssystem debattiert wird, werden die Abfälle am Ufer des Mittelmeers in weissen Säcken gelagert. Im Winter reissen Sturmfluten sie ins Mittelmeer, das zudem mit Fäkalien verseucht ist.

Schlimmer noch trifft die Libanesen die akute Banken- und Wirtschaftskrise. Die Währung hat binnen weniger Monate 80 Prozent ihres Werts verloren, während die Preise täglich weiter steigen, um bis zu 300 Prozent seit Beginn des Jahres. Die Zentralbank hatte sich in einer Art Schneeballsystem zu immer höheren Zinsen Geld von privaten Banken geliehen. Nun ist die Blase geplatzt. Schon bevor sich die Druckwelle am Dienstag ihre zerstörerischen Bahn vom Hafen ins Zentrum bahnte, hatten viele Libanesen ihr Land als quasi unbewohnbar bezeichnet. Zehntausende haben dem Land den Rücken gekehrt.

Corona verschärft Krise

Das Gesundheitssystem steht vor dem Zusammenbruch. Selbst Privatkliniken, die harte Devisen verlangen, hatten nicht mehr genug Medikamente, mussten Mitarbeiter entlassen, die sie nicht mehr bezahlen konnten. Verschärft hat die Krise nun noch die rapide Ausbreitung des Coronavirus. Das Land ging nach den Feiertagen zum Opferfest einem neuen Lockdown entgegen. Ein grosses Spital wurde von der Druckwelle völlig zerstört. Mediziner, Sanitäter und Pfleg versorgten die Verletzten trotz Corona erst auf Gängen und schliesslich sogar auf Parkplätzen, als die Hospitäler hoffnungslos überfüllt waren.

Beiruts Solidarität: Verwundete werden evakuiert.

Beiruts Solidarität: Verwundete werden evakuiert.

Foto: Hassan Ammar (Keystone)

Von einer «nationalen Katastrophe» sprach Marwan Abboud, der Gouverneur von Beirut, schon am Dienstagabend . «Das ist viel. Das ist zu viel für das Volk», sagte er und brach mitten im Fernsehinterview in Tränen aus. Abboud ist erst seit Juni im Amt. Zuvor war er Richter und Präsident der Obersten Disziplinarbehörde und damit verantwortlich für die Überprüfung von Korruptionsvorwürfen gegenüber Beamten. Auch den schwer beschädigten Hafen, den Abboud beweint, gilt als Ort der Korruption und unsauberer Geschäfte.

Medizinische Güter fehlen

Libanon ist auf Importe angewiesen, Weizen und andere Grundnahrungsmittel müssen eingeführt werden, aber auch nun dringend benötigte medizinische Güter. Abhilfe soll nun der Hafen in Tripoli bringen im Norden des Landes, der aber längst nicht an die Kapazität von Beirut heranreicht. Katastrophal sind auch die Schäden in den angrenzenden Wohngebieten. Zwischen 200’000 und 250’000 Einwohner hätten ihr Zuhause verloren, sagte Abboud am Mittwoch im Fernsehen und schätzte die Schäden auf mehrere Milliarden Dollar.

Mehr als hundert Todesopfer: Ein verwundeter Mann wartet in der Nähe des Hafens auf Hilfe.

Mehr als hundert Todesopfer: Ein verwundeter Mann wartet in der Nähe des Hafens auf Hilfe.

Foto: AFP

Doch Beirut zeigte in der dunkelsten Nacht seine gute Seele, berührende Szene der Solidarität spielten sich ab. Menschen versorgten unbekannte Passanten, die verletzt waren, brachten sie in Spitäler. Tausende Aufrufe fluteten die sozialen Netzwerke: Menschen boten Schlafplätze über Twitter, Instagram und Facebook an. Ein Hotelier stellte Zimmer bereit, Schulen meldeten sich als Notunterkünfte. Joelle Bassoul will erst am Donnerstag in die Stadt zurückkehren. «Heute kann ich noch nicht», sagte sie am Mittwochmorgen am Telefon. «Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll. Ich kenne keine Familie in Beirut, die verschont geblieben ist.»

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