Switzerland

Die heimliche Verstaatlichung der Finanzmärkte

Notenbanken wünschen eine ausgeprägtere Unterstützung der Geldpolitik durch fiskalische Massnahmen.

Grosse Notenbanken wie die Bank von Japan (im Bild die Hauptgeschäftsstelle in Tokio) scheinen sich entschlossen zu haben, vorläufig die Geldpolitik unverändert zu lassen.

Grosse Notenbanken wie die Bank von Japan (im Bild die Hauptgeschäftsstelle in Tokio) scheinen sich entschlossen zu haben, vorläufig die Geldpolitik unverändert zu lassen.

Imago

Über die zukünftige Rolle der Notenbanken wird in Finanzmarktkreisen, aber nicht nur dort, intensiv diskutiert. Einen Blick zurück auf ein Dutzend Jahre immer neuer Interventionen der Notenbanken in die Finanzmärkte hat Tuomas Malinen, CEO von GnS Economics, geworfen: angefangen bei den ersten Käufen des Fed von besicherten Wertpapieren Ende 2008 über die Programme der quantitativen Lockerung (QE) durch Käufe von Staatsanleihen durch das Fed, die Bank von England, die Bank von Japan, die EZB und die Bank von China bis hin zu den anderen Liquiditäts- und Investitionsprogrammen wie den Käufen ausländischer Werte durch die SNB, den Aktienkäufen der Bank von Japan und dem Bail-out des Repo-Marktes durch das Fed.

Unabhängigkeit in Gefahr

In neue Grössenordnungen stiessen die Notenbanken aber beim Ausbruch der Covid-19-Pandemie vor, indem sie zur Linderung der wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemiebekämpfung in Billionenhöhe Überbrückungskredite bereitstellten, Unternehmensanleihen und andere Wertpapiere aufkauften und den Geldmärkten unter die Arme griffen. So sei eine neue Situation entstanden, stellt Malinen fest. Praktisch sei das Fed der Finanzmarkt der USA geworden. Ganz allgemein sei eine heimliche Verstaatlichung der Finanzmärkte durch die Notenbanken eingetreten. Aber die Gefährlichkeit der Eingriffe der Notenbanken in die Märkte werde vielfach unterschätzt: Auf null oder darunter gedrückte Zinsen verleiteten Staaten und Unternehmen zur Maximierung von Schulden, und quantitative Lockerung treibe Anleger in immer riskantere Finanzinstrumente.

Wer soll nun in Aktion treten, wenn die Wirtschaft für ihre Erholung weitere Hilfe braucht oder die Konjunktur unter zusätzlichen Druck gerät – beispielsweise wenn Regierungen die steigende Zahl von Corona-Neuinfektionen, genauer gesagt von positiven PCR-Tests, zum Anlass nehmen, neue Lockdown-Massnahmen zu erlassen? Fed-Präsident Jerome Powell wünscht sich ein stärkeres Engagement der US-Regierung. Er habe da nicht ganz unrecht, meint Jeffrey Kleintop, Anlagestratege von Charles Schwab, denn der Stimulus durch die US-Regierung entspreche bis jetzt nur 15% des Bruttoinlandproduktes, während «Europa» bei nahe 30% und Japan sogar bei 40% sind.

Powell befürchtet, dass die durch die Pandemiebekämpfung geschwächte US-Wirtschaft ohne zusätzliche fiskalische Unterstützung Schaden erleiden könnte. Hinzu komme, dass ohne ein weiteres «Fiscal relief»-Gesetz die Emissionen neuer Staatsanleihen nicht für neue Runden von Interventionen des Fed ausreichten, heben Marktanalytiker hervor. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde unterstreicht die Bedeutung staatlicher Hilfe. Die Erholung von dem wirtschaftlichen Einbruch werde gestört, wenn die fiskalische Unterstützung zu früh beendet werde.

Den an Regierungen und Parlamente gerichteten Wunsch von Notenbanken, die monetäre Politik durch verstärktes Deficit-Spending zu unterstützen, betrachtet Eric Peters, Chefanleger von One River Asset Management, aus einem anderen Blickwinkel. Das Fed habe durchaus verstanden, dass es zwar die Kurse von Finanzinstrumenten in die Höhe treiben könne, seine Fähigkeit, die Wirtschaft zu stimulieren seit langer Zeit aber abnehme. Der Ausbau der monetären und fiskalischen Zusammenarbeit führe jedoch zu einem Verlust an Unabhängigkeit. Die Notenbanken würden zu einer politischen Einheit mit der Aufgabe der Monetisierung der staatlichen Haushaltsdefizite degradiert.

Die Pandemie hat ein besonderes und bisher wohl wenig beachtetes Sicherheitsproblem für die Finanzmärkte aufgeworfen. Die am Arbeitsplatz üblichen Sicherheitsvorkehrungen samt gesicherten Telefonleitungen und Zugängen zum Arbeitsplatz können im Home-Office oder bei «work from home» zwangsläufig nicht eingehalten werden. Dies wirft ungelöste Compliance-Probleme und potenzielle Konflikte mit Finanzmarktrichtlinien auf und bietet Hackern zahllose neue Geschäftsgelegenheiten.

Keine zusätzliche Hilfe

Die grossen Notenbanken, vor allem das Federal Reserve System, die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan, scheinen sich entschlossen zu haben, vorläufig auf der Stelle zu treten und die Geldpolitik unverändert zu lassen. Sie schliessen sich damit der Bank von China an, die bereits seit einigen Monaten eine neutrale Haltung verfolgt. Die Konsequenz für die Finanzmärkte ist, dass sie keine zusätzliche monetäre Unterstützung durch die Notenbanken erwarten können – oder wie der Bloomberg-Makrokommentator Ye Xie es formuliert: Risikoreiche Finanzinstrumente müssen jetzt auf ihren eigenen Beinen stehen.

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