Switzerland

Ein Abend voller Frauenpower

Mit einem ausschliesslich Komponistinnen gewidmeten Programm hinterliessen die Violoncellistin Anna Fortová und die Pianistin Kathrin Schmidlin in der Villa Boveri äusserst starke Eindrücke. Ihr schlicht «Frauenstimmen» betiteltes Rezital überraschte durch sehr unterschiedliche instrumentale Stimmen von herausragenden Komponistinnen, die zwischen 1805 und 1986 zur Welt kamen. Einen besonders engen Bezug zu Baden schuf die hier geborene Komponistin Stephanie Haensler: Ihr jüngstes Werk wurde von den beiden Interpretinnen am Schluss des ausverkauften Konzertes mit grossem Erfolg uraufgeführt.

Seit fünf Jahren ein Duo bildend, frischen die im Möhlin aufgewachsene Aargauer Pianistin Kathrin Schmidlin und die aus Prag stammende Violoncellistin Anna Fortová das schweizerische Musikleben mit originellen Konzertideen auf. Ihr Rezital eröffneten die beiden an der Musikhochschule Basel ausgebildeten jungen Künstlerinnen mit dem schon im ersten Takt angriffigen Ritornell der tschechischen Komponistin Vítězslavá Kaprálová.

Klangliche Nuancen

Das klanglich herbe, mit bissigen Dissonanzen gewürzte Stück strotzt vor Frauenpower. Kein Zufall, war doch die Komponistin als Dirigentin eigener Werke im Frack und mit der Devise «Ich will es den Männern zeigen!» vor grosse Sinfonieorchester getreten, um mit ihrer «Sinfonietta militare» ein internationales Publikum zu beeindrucken.

Packte hier das meisterhaft koordinierte Zusammenspiel seiner rhythmischen Präzision wegen, so kamen in den «Trois Pièces» für Violoncello und Klavier von Nadia Boulanger vielerlei klangliche Nuancen und leidenschaftliches Temperament hinzu. In den «Trois morceaux pour piano» von Lili Boulanger sprangen erstaunlich moderne Akkordgebilde, die über das Vorbild Debussy weit hinausgehen, in die Ohren.

Kathrin Schmidlin gab diese pianistischen Kostbarkeiten in der Villa Boveri mit unendlich fein abgestuftem Anschlag wieder. Den zarten Lyrismen der Pariser Komponistin, die wie ihre tschechische Kollegin Kapralová mit nur 24 Jahren gestorben war, wurde sie mit ungemein differenziertem Feingefühl im selben Masse gerecht wie den poetischen Qualitäten von vier Stücken aus dem Zyklus «Das Jahr» von Fanny Hensel-Mendelssohn. Von diesen genialen Charakterstücken fesselte durchgehend der hoch virtuos wiedergegebene «November» mit seinen aufwühlenden Herbststürmen.

Wie schon zuvor erwiesen sich die alternierend vorgetragenen kurzen Kommentare der beiden Solistinnen ganz besonders bei der am wenigsten bekannten Komponistin Henriette Bosmans als hilfreich. In der bis zuletzt ausdrucksstarken Sonate für Violoncello und Klavier der aus Amsterdam stammenden Komponistin überzeugten Anna Fortová und Kathrin Schmidlin einmal mehr mit tiefgründigen Interpretationen.

Ein politisch motiviertes Werk

Ihr spieltechnisch ausserordentlich anspruchsvolles Stück «ni dónde, ni cómo» für Violoncello und Klavier schrieb die jetzt in Ennetbaden lebende Komponistin Stephanie Haensler im Auftrag der beiden Solistinnen zum fünfzigjährigen Jubiläum des Schweizer Frauenstimmrechts. Das politisch motivierte Werk wurde von einem Text des Künstlerinnen-Kollektivs «las tesis» angeregt, das im vergangenen Jahr auf den Strassen von Valparaíso (Chile) in einer Performance gegen Gewalt an Frauen ausdrucksstarke Anklage erhoben hatte.

Die vielen, extrem differenzierten Ausdrucksbezeichnungen und Spielanweisungen zeugen vom Bedürfnis der Komponistin, die von unterdrückten und missbrauchten Frauen erhobenen Stimmen klar zum Ausdruck zu bringen.

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