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Er sah sich als Frauenförderer – und war ein gigantischer Sexist

«Journalismus ist wie ein Schiff», sagte Roger Ailes einmal. «Wenn man die Hand vom Steuer nimmt, dreht er scharf nach links.» Der Sohn eines Industriearbeiters aus Ohio gründete 1996 Fox News, bald war es der erfolgreichste Nachrichtensender der USA. Ailes forcierte die Ideologisierung des Newsgeschäfts, weil er glaubte, ein Fernsehsender sei gerade so gut wie eine Partei. Fox News tat, was die grossen Sender verschmähten: die konservative Basis ansprechen. Oder besser: anschreien.

Die Miniserie «The Loudest Voice» und der Kinofilm «Bombshell» arbeiten das Phänomen Roger Ailes und Fox News auf, mit widersprüchlichem Resultat: Für Hollywood kann das ja kein Held sein, aber mitfühlen soll man doch irgendwie mit der Mission des rechtspopulistischen Showmasters. Tut man das?

Wir fiebern mit dank Russel Crowe

«The Loudest Voice» von Tom McCarthy («Spotlight») beginnt als Underdog-Geschichte, da stampft ein dicker, grober, lauter Einpeitscher gegen alle Widrigkeiten und in Rekordzeit einen neuen Newssender aus dem Boden, und ja, man fiebert mit ihm mit. Natürlich auch wegen des charismatischen Russell Crowe, der hinter Fatsuit und Stiernackenmaske durchaus als Russell Crowe zu erkennen ist. Anfang Januar gewann er für seine Verkörperung einen Golden Globe.

«The Loudest Voice» läuft in der Schweiz auf Sky.

«The Loudest Voice» stützt sich auf das gleichnamige Buch des Journalisten Gabriel Sherman. Ailes' PR-Karriere begann, als er Richard Nixon erklärte, Fernsehen sei kein Gimmick, sondern absolut zentral, um eine Präsidentschaftswahl in den USA zu gewinnen. Ailes war Medienberater von Nixon, Ronald Reagan und George Bush; er verstand es, Anhänger zu mobilisieren, indem er ihnen eine Fantasie des «echten Amerikas» zurückspielte und dabei auch rassistische Gedanken bediente.

Glaubt man «The Loudest Voice», erkannte Ailes bei Fox News sofort ein Moderatorentalent, wo andere nur einen Banausen sahen. Ein Sean Hannity etwa ging so polternd auf die «leftys» los, dass Ailes vermutete, den Zuschauern im Mittleren Westen könnte er gefallen. «Such dir eine Story, die deinen Grossvater aufregen würde», heisst es entsprechend im neuen Kinofilm «Bombshell» von Jay Roach über die journalistische Strategie von Fox News.

«Bombshell» erzählt das Drama Fox News aus Sicht der blonden Starmoderatorinnen Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und Megyn Kelly (Charlize Theron) sowie einer fiktiven, jungen, evangelikalen Mitarbeiterin (Margot Robbie). Ailes verstand sich als Frauenförderer, gleichzeitig war er ein gigantischer Sexist. Eine Direktive lautete, dass seine Moderatorinnen keine Hosen tragen dürfen, weil man sonst ihre Beine nicht sehen würde.

Ailes wurde auch sexuell übergriffig. Nach einer Klage von Moderatorin Gretchen Carlson, die ein Jahr lang ihre Unterhaltungen mit Ailes aufnahm, musste der Chef 2016 gehen, er erhielt eine Abfindung von 40 Millionen Dollar.

In «Bombshell» wird die junge Mitarbeiterin von Ailes in seinem Büro gezwungen, ihr Kleid bis über die Unterhose hochzuschieben. «Fernsehen ist das Medium der Bilder», pflegte er zur Erklärung zu sagen. Eine eindrückliche Szene in einem Film, der sonst vor allem ein grosses Durcheinander ist, sodass sich nichts wirklich entwickeln kann.

«Bombshell» ab 23. Januar in den Kinos.

Die Miniserie kann dank ihrer Dauer besser vermitteln, was es bedeutet, im Büro wieder und wieder sexueller Belästigung ausgesetzt zu sein: Gretchen Carlson (hier ist es Naomi Watts) signalisiert, dass sie beruflich vorankommen will, ihr Chef aber bestimmt über alles: über ihre Jobaussichten; über den Zeitpunkt und den Ort, an dem er sie trifft; über ihren Körper, dem er sich am liebsten von hinten nähert, um die Hände auf ihren Bauch zu legen und «Atemübungen» zu machen – wenn er sie nicht gerade als «zu fett» beleidigt.

Wenn Hollywood nach #MeToo schon das Missbrauchsthema entdeckt, könnte man dort auch mal die Erzählweisen überdenken. Im hektischen Medienbetriebsdrama «Bombshell» gibt es praktisch keine Momente, in denen spürbar wird, was Missbrauch auslöst, dass Übergriffe stets präsent bleiben, weil sich ein Schamgefühl plötzlich wieder im ganzen Körper ausbreitet.

«Feminismus» würden sie nie sagen

Sympathische Menschen sind Fox-News-Moderatorinnen ja auch nicht unbedingt. Eine Megyn Kelly behauptete in ihrer Sendung, dass man sich den Samichlaus nur mit einer weissen Hautfarbe vorzustellen hat, aber «Bombshell» konzentriert sich lieber auf ihre Kritik an sexistischen Äusserungen von Donald Trump. Dass diese republikanischen Statusfrauen das Wort «Feminismus» nie in den Mund nehmen würden, wäre da auch noch eine Nuance wert gewesen.

Tatsächlich haben gerade die Starmoderatorinnen von Fox News die sexistische Firmenkultur jahrelang mitgetragen, sie haben vor der Kamera Wahnwitziges behauptet und Wahrheiten bestritten. Aber solche Heldinnen wären halt schwer auszuhalten, und allzu viel zumuten wollen uns weder Kinofilm noch Fernsehserie.

«Wir präsentieren den Zuschauern eine Vision der Welt, wie sie sie gern hätten», sagt Roger Ailes in «The Loudest Voice». Womöglich hat auch Hollywood davon gelernt.