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Er wollte doch nur Fussball spielen

Vor zwei, drei Monaten präsentierte sich Diego Maradona abermals kugelrund und mit Doppelkinn. Er schwitzte und schnaubte nach nur wenigen Schritten. Ähnlich wie nach Beendigung seiner glorreichen Spielerkarriere 1997, als er zeitweise 75 (!) Kilogramm Übergewicht mit sich herumschleppte. Kaputte Knie und Hüften liessen ihn zusätzlich leiden. Der Anwalt Matías Morla und der Arzt Leopoldo Luque, zwei der engsten Vertrauten Maradonas, überredeten ihren Klienten und Freund, Mass zu halten und gesünder zu leben. Noch immer raucht Maradona wie ein Schlot und trinkt hie und da ein paar Gläser über den Durst.

In den vergangenen Wochen hielt er Diät und verlor an Körpergewicht. «Diego geht es wieder gut», berichtet der argentinische Fussballjournalist und Soziologe Sergio Levinsky, der Maradona gut kennt und ein Buch über ihn geschrieben hat. Levinsky ist unter anderen für «Infobae» tätig. Der meistbeachteten Nachrichtenwebsite des Landes gelang vor rund einem halben Jahr das letzte Interview mit dem berühmtesten aller 45 Millionen Argentinier. Seither schweigt Maradona. Vielleicht besser so, denn in seinen letzten Radio- und Fernsehinterviews gab er fast nur wirres Zeug von sich.

Panische Angst vor Covid-19

Maradona konzentriert sich derzeit auf seine Trainertätigkeit beim einheimischen Erstdivisionär Gimnasia y Esgrima La Plata. In der Nähe des Trainingsgeländes bewohnt er allein ein Haus, er verlässt es nur selten. Angeblich aus panischer Angst vor dem Coronavirus. Nach zwei Herzinfarkten und als ehemaliger Drogenabhängiger ist er besonders anfällig auf Covid-19. So bleibt er den Trainingseinheiten des Teams oft fern und überlässt die Arbeit seinem Assistenten Sebastián Méndez.

In La Plata, einer Stadt so gross wie Basel, fühlt sich Maradona wohl. Im Süden des 14 Millionen Einwohner zählenden Grossraums von Buenos Aires spielen Bevölkerung und Medien nicht verrückt, wenn «Dieguito» nur schon vor die Haustüre tritt. Von hier sind es weniger als 60 Kilometer bis zu den Müllhalden von Villa Fiorito. Dort ist er in einem kleinen Haus mit sieben Geschwistern als Sohn des Fabrikarbeiters Diego Senior und der Hausfrau Dalma aufgewachsen. Seither ist Maradona kaum mehr dorthin zurückgekehrt. Weshalb auch? Sein Vater verstarb 2015, seine Mutter vier Jahre früher.

Seine Jugendfreundin Claudia Villafañe stammt aus dem gleichen schäbigen Viertel. 1989 heiratete das Paar und zeugte die Töchter Dalma und Giannina. Die Ehe wurde 2004 geschieden. Diego und Claudia blieben lange weiter befreundet. Claudia hielt auch dann zu Diego, als dessen Kokainsucht in Neapel längst Stammtischgespräch war. Der Vater liebte Dalma und Giannina, die fünf Jahre mit dem Fussballer Sergio Agüero von Manchester City liiert war, geradezu abgöttisch.

Mit seiner ehemaligen Gemahlin und den Töchtern liegt Maradona inzwischen über Kreuz. Er beschuldigt Claudia des Betrugs und der unrechtmässigen Bereicherung während der Ehejahre. Der Graben der beiden Parteien dürfte sich noch vertiefen: Derzeit läuft auf Amazon Prime die Miniserie «Sueño Bendito» (Gesegneter Traum) über Maradonas Leben. Ex-Frau Claudia kommt darin nicht gut weg.

Die Serie ist ein weiterer Versuch, sich der komplexen Person Maradona anzunähern. Dutzende von Büchern und Filmen wurden über den besten Fussballer in der Geschichte – so das Ergebnis einer Fifa-Wahl im Jahr 2000 – veröffentlicht. Kein Beitrag kam der Wahrheit wohl so nahe wie der 2019 uraufgeführte britische Dokumentarfilm von Asif Kapadia. Er erzählt Maradonas Karriere mit Fokus auf seine erfolgreichste Zeit bei Napoli von 1984 bis 1991. Er war damals sportlich auf dem Höhepunkt: Sieg im Uefa-Cup und zweimal italienischer Meister sowie der WM-Titel 1986. Thematisiert wird auch der Fall des brillanten Fussballers, die Verbindung zur Camorra und seine Kokainsucht, von der er lange nicht loskommen sollte.

Maradona – ein Fussballer und Mensch zwischen Genie und Wahnsinn. Er, der stets nur Spieler sein wollte, seit den Anfängen in Villa Fiorito. «Ob vor 10 oder vor 100000 Zuschauern, das war mir egal», sagte er einst. «Ich wollte einfach nur Fussball spielen. Nirgends war ich so glücklich wie auf dem Rasen. Es tut noch immer weh, dass ich nicht mehr spielen kann.» Das war der Fussballer Maradona, magisch wie kein anderer, vielleicht nicht einmal Pelé. Messi, Cristiano Ronaldo, Di Stéfano, Eusebio, Cruyff, Charlton – grossartige Spieler. Aber Diego ist Diego. Die «Hand Gottes», das sagt eigentlich schon alles.

Maradona wird 60 – das ist eigentlich ein Wunder

Aber da ist auch die Person Maradona. Drogenabhängigkeit, Nähe zur neapolitanischen Unterwelt, körperliche Gewalt, Steuerhinterziehung, positive Dopingkontrollen, mindestens sieben uneheliche Kinder mit mindestens vier Frauen – in Argentinien gibt es T-Shirts mit der Aufschrift «Ich bin kein Kind von Maradona» –, Millionen verprasst, falschen Freunden auf den Leim gegangen, gutgläubig, bösartig, Freund von Fidel Castro, Unterstützer des venezolanischen Despoten Nicolás Maduro. Viele in Argentinien erachten Maradona als bemitleidenswerten Clown, dem der jahrelange Kokain-, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch körperlich und geistig massiv geschadet hat. «Ich habe viele Fehler begangen und viele Menschen enttäuscht», sagte Maradona vor Jahren in einem Zeitungsinterview. «Aber ich habe dafür gebüsst und bin kein Monster.»

Für die meisten seiner Landsleute sei Maradona eine Legende und ein Mythos, sagt Journalist Levinsky. Für einige ist und bleibt er wie ein Heiliger. In Rosario wurde vor Jahren die Iglesia Maradoniana (Kirche des Maradona) gegründet. Ihre Gläubiger bezeichnen Maradona als Gott. Wenn «Dieguito» dereinst das Zeitliche segne, so Levinsky, sei die landesweite Trauer ungleich grösser, als sie es beim Tod des Tangosängers Carlos Gardel oder bei der Präsidentengattin und Schauspielerin Evita Perón gewesen sei. Einen Vorgeschmack gab es vor 20 Jahren. Damals hing Maradonas Leben nach einem schweren Herzinfarkt an einem seidenen Faden. Der argentinische Fernsehsender Crónica wähnte die Ikone bereits tot und liess das Fernsehbild während 24 Stunden schwarz, versehen mit einem einzigen Wort: «murió» (gestorben). Es war nicht nötig, den Namen des angeblich Verblichenen zu erwähnen. Jeder wusste, wer gemeint war.

Heute feiert Diego Maradona seinen 60. Geburtstag – bei seinem Lebenswandel ist das ein Wunder.

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