Switzerland

Frei atmen ohne Glühwein: Das ist kein Getränk, sondern eine Folter

Dieses Jahr zur Weihnachtszeit ist alles anders, und das macht unsere Autorin froh: Vielleicht wird das der erste glühweinfreie Dezember.

Ein Hexergebräu? Nein, nur Glühwein. Heuer bleiben wir davon fast verschont.

Ein Hexergebräu? Nein, nur Glühwein. Heuer bleiben wir davon fast verschont.

Foto: Frederick Florin, AFP

Tatsächlich ist es ja so, dass dieses Jahr 2020 nur wenig Positives hervorgebracht hat. Mit einigen löblichen Ausnahmen: Zoommeetings (endlich in Trainerhosen arbeiten!), uneingeschränkte Akzeptanz beim Fernbleiben von öden Treffen mit Bekannten und natürlich das Glühweinverbot. Das so nicht existiert, ich jetzt aber hoffnungsvoll mal so nenne.

In Bern, wo ich wohne, wird gerade heftig über die Daseinsberechtigung von Glühweinchalets gestritten. Dabei geht es natürlich um Schutzkonzepte und die Frage, ob neben und auf Weihnachtsmärkten Alkohol ausgeschenkt werden darf. Ich bin die Letzte, die gegen Outdoor-Pop-ups wettern würde, im Gegenteil, ich wünsche mir eine Stadt voller Aussenbeizen. Trotzdem hoffe ich, dass diese Pseudoalphütten verschwinden – und vielleicht durch anständige Weinbars ersetzt werden. Damit ich mal frei atmen kann im Dezember.

Ich schmecke nur eklige Süsse.

Mir wird schlecht, wenn ich nur an Glühwein denke. Glühwein ist für mich kein Getränk, sondern eine rot eingefärbte Gülle, mit der man bestimmt gut Felder düngen könnteoder Rebberge. Eine Folter, meine Nemesis, die immer im falschen Moment auftauchte, damals, als man sich noch draussen herumtrieb im Dezember. Zum Beispiel nach dem Firmen-Weihnachtsessen, dann, wenn man endlich entspannt betrunken mit den coolsten Kolleginnen und Kollegen vor dem Restaurant dummes Zeug hätte reden können. Dann war sie da, die Rachegöttin, in Form eines besonders originellen Mitarbeiters, der vorschlug: Lass uns doch noch schnell ein Glas Glühwein trinken!

Heuer werde ich zwar einen Mundschutz tragen, wenn ich durch die Gassen laufe, aber keine Wäscheklammer auf der Nase haben. Und trotzdem frei von nausea, also Übelkeit und Brechreiz, durch die Stadt tänzeln. Weil da kein Duft von Zimt, Sternanis und anderen Gewürzen gepanscht mit Rotwein (der diesen Namen meist nicht verdient hätte) um die Häuser ziehen wird. Kein Halligalli-Geruch, der an den Wänden hinaufkriecht, an Stofftaschen und in den Haaren der Marktleute hängen bleibt. Kein tapferes Festklammern meinerseits an Plastikbechern, die ich immer, nicht nur am Budenessen, ungefragt in die Hand gedrückt bekommevon Menschen, denen ich zufällig über den Weg laufe, aber schon seit Jahren keinen Kontakt mehr pflege.

Im Englischen gibt es eine Haartönung mit dem Namen «Mulled Wine» – Glühwein – die Farbe sieht billig aus und aufgedreht. Aber das kommt vielleicht auf die Trägerin an. Letzthin habe ich gelesen, dass Glühwein immer ein Kompromiss sei. Eine Einigung von Gewürzen und Wein – wobei erstere immer dominanter sind. Wahrscheinlich. Ich schmecke jeweils nur eklige Süsse. Bevor ich das Gesöff, das auch mit dem viel hübscheren Namen Feuerzangenbowle und den damit verbundenen flambierten Rum-Zucker-Würfeln nicht besser wird, in den nächsten Strassengraben leere.

Was ich dieses Jahr auch schon gemacht habe (ein alter Bekannter, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte …). Dabei kam mir in den Sinn, was mir ein anderer Bekannter kürzlich erzählt hat: dass man im Mittelalter den Rotwein gar nicht saufen konnte, zu sauer sei der gewesen, und man habe ihn deshalb mit Zucker und Gewürzen gemischt. Das ganze Jahr über.

Himmel, hilf!

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