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Ganz normal nackt

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Experiment und Fragebogen

In der vierteiligen Show «No Body is perfect – Das Nacktexperiment» (montags um 20.15 Uhr auf Sat.1) geht es nicht ums Abnehmen, Verjüngen, Verschönern, Optimieren wie in vielen anderen TV-Formaten, sondern darum, eine bessere Einstellung zum eigenen Körper zu finden, indem man sich bewusst ungeschönten nackten Menschen aussetzt. Pro Folge lassen sich drei Kandidatinnen und Kandidaten auf das Experiment ein.

Eine Übung ist, sich täglich 20 Minuten nackt im Spiegel zu betrachten und etwas zu suchen, was einem an sich gefällt. Eine andere ist es, Dinge zu tun, bei denen kein Mensch gut aussieht, die aber Spass machen, zum Beispiel Trampolinspringen oder Seilhüpfen.

Um die Entwicklung messen zu können, müssen die Kandidaten am Anfang und am Ende Auskunft über das eigene Körperbild geben (basierend auf der Body Appreciation Scale). Hier geht es zum Original-Fragebogen des Sozialpsychologen Keon West, mit dem man selber testen kann, wie es um das eigene Körperbewusstsein steht.


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Spiel mit dem Feuer: Gläubige halten ein Abendgebet am Ufer des Ganges in Indien. Das Ganga Sagar Mela ist ein jährliches Treffen von Hindu-Pilgern, die sich auf den Weg zu den heiligen Wassern des Ganges-Flusses machen, bevor dieser in den Golf von Bengalen fliesst, um dort rituelle Bäder zur Reinigung ihrer Seelen zu nehmen. (14. Januar 2020)
(Bild: Piyal Adhikary) Mehr...

Hätten die Kandidaten gewusst, womit sie konfrontiert werden, hätten sie sich wohl kaum auf das Experiment «No Body is perfect» eingelassen. Eigentlich hatten sich Tatjana, Patrick und Stephanie nur deswegen für die neue vierteilige Sendung (montags um 20.15 Uhr bei Sat 1) angemeldet, weil sie sich – wie so viele – unwohl in ihrem Körper fühlen und ein besseres Selbstwertgefühl gewinnen wollten.

Aber dann wurden sie von vier Coaches empfangen, die nichts trugen ausser Body Painting und Tangas und ihnen verkündeten, was das Ziel des viertägigen Experiments ist: Die Kandidaten sollen sich am Strand von Mykonos komplett entblössen und allen selbstbewusst ihren nackten Körper zeigen.

«Ich dachte, ich bin hier voll im falschen Film. Die haben uns ans falsche Set gebracht», sagte der 30-jährige Patrick mit rot glänzendem Kopf und wirkte auch Minuten später noch entsetzt. Die zehn Jahre jüngere Tatjana brach in Tränen aus: «Ich habe Angst. Ich traue mich nicht einmal, mich im Bikini zu zeigen.»

Auf dieses quasi-nackte Empfangskomitee waren die Kandidaten nicht vorbereitet.

Ist «No Body is perfect» ein ernsthafter Versuch, der grassierenden Körperunzufriedenheit entgegenzuwirken, die in der westlichen Welt zu einem Problem geworden ist? Oder ist die neue Sat-1-Show nur der nächste billige Versuch eines Privatfernsehsenders, mit Nacktheit und der Verzweiflung von Menschen Quote zu machen? Viele hadern mit ihrem Aussehen. Zu dick, zu schwabbelig, zu unförmig, zu unattraktiv.

Vor allem im Vergleich zu all den perfekten Menschen in der Werbung, in den sozialen Medien oder in der ersten Reihe des Fitnesskurses. Das ist eine der Hauptursachen für die Unzufriedenheit mit unserem Körper: Wir orientieren uns nie an der ganz grossen Mehrheit mit den ganz normalen suboptimalen Körpern, sondern immer nur stur an den vermeintlich perfekten, die aber nur einen winzigen Prozentsatz in der Bevölkerung ausmachen.

Laut der Gesundheitsförderung Schweiz meinen bereits 60 Prozent der Mädchen und jungen Frauen, sie seien zu dick, jede Fünfte hat ein negatives Körperbild. Auch die Hälfte der jungen Männer sind mit ihrem Gewicht unzufrieden. Viele fühlen sich so unattraktiv und unwohl in ihrem Körper, dass dies Auswirkungen auf ihre psychische Verfassung hat.

Instagram wirkt sich auf die Körperzufriedenheit aus

Dass wir uns ständig mit anderen vergleichen, ist kein Phänomen der Neuzeit. Nur sind wir heute viel stärker idealisierten Körpern ausgesetzt. Mit diesen von Filtern, Beautyprodukten oder Ärzten geschönten Momentaufnahmen kann unser Alltagskörper nicht mithalten. Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen der Zeit, die wir auf Instagram und anderen sozialen Medien verbringen, und der Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Schon nach zehn Minuten ist ein Einfluss nachweisbar.

Aber natürlich können und wollen wir nicht komplett die Augen davor verschliessen; Schönes zieht uns nun mal an. Wir können uns jedoch dazu zwingen, bewusst auch anderswo hinzuschauen. Genau hier setzt «No Body is perfect – das Nacktexperiment» an: Die Idee ist es, sich ganz normalen, ungeschönten Körpern auszusetzen, und zwar unbekleidet.

Wenn man sich mit ganz normalen nackten Menschen umgibt, wirkt sich das positiv auf das eigene Körperbild aus.

Das Experiment beruht auf der Studie «Naked and Unashamed» des britischen Sozialpsychologen Keon West. Seine These lautet: Wenn man sich mit nackten oder teilweise nackten Menschen umgibt, die so aussehen, wie die allermeisten nackten Menschen eben aussehen, also mit ganz normalen Makeln, wirkt sich das positiv auf das eigene Körperbild aus und lässt einen selbstbewusster und zufriedener werden.

Unzufriedene haben Angst vor Nacktheit

Für die Kandidaten aus «No Body is perfect» bedeutet das: Sie sind rund um die Uhr von vier quasi-nackten Coaches umgeben, die alle ebenfalls Hängebusen, Orangenhaut, Narben oder dicke Bäuche haben, aber mit sich im Reinen zu sein scheinen. Zudem müssen sie sich ihrer eigenen Nacktheit stellen. Eine der Aufgaben lautet: Jeder muss sich 20 Minuten lang unbekleidet im Spiegel betrachten und dabei mindestens etwas Schönes an sich finden.

Klingt ganz einfach, ist es aber ganz und gar nicht, wie eine Psychologin in der Sendung erklärt: Menschen mit einem negativen Körperbild hätten regelrecht Angst vor Nacktheit. Tatjana – sie findet sich zu dick mit zu viel Cellulite und zu vielen Dehnungsstreifen – hält ihr eigenes Spiegelbild nicht aus und bricht die Aufgabe weinend ab. Auch an Tag 2 schafft sie es nicht, sich im Spiegelbild zu betrachten. Die 47-jährige Stephanie – sie leidet an einer krankhaften Fettverteilung – hadert ebenfalls mit sich und findet partout nichts Schönes an sich. Einzig Patrick, der sich wegen seines vernarbten Oberkörpers nie ohne T-Shirt zeigt, entdeckt nach 20 Minuten immerhin etwas Schönes an sich: seine blauen Augen.

Body Positivity, aber anders

Kann dieses ungewöhnliche Konzept wirklich funktionieren? Kann man sich mit seinem unvollkommenen Körper arrangieren, wenn man sich bewusst mit ihm und anderen unvollkommenen Körpern konfrontiert? Bislang gab es vor allem zwei Möglichkeiten, dem ungeliebten Aussehen zu begegnen. Strategie 1: Man versucht, seinen Körper zu optimieren, und rennt dafür ins Fitnessstudio oder zum Arzt, turnt daheim zum Pilates-Video oder zur Fitness-App, macht Diäten oder deckt sich mit Anti-Cellulite-, Fettverbrennungs- oder Verjüngungsmitteln ein.

Strategie B, denn Strategie A ist mit Aufwand verbunden und zudem ein Wettlauf gegen die Zeit: Man versucht sich immer wieder zu versichern, dass man den eigenen Körper schön findet. Das ist der Ansatz der Body-Positivity-Bewegung. Statt sich zu schämen, soll man sein Aussehen feiern, so wie all die Aktivistinnen, die in sozialen Medien selbstbewusst und aufmunternd ihre Speckröllchen, Dehnungsstreifen und Hängebusen zeigen – natürlich instagram-like hübsch drapiert und ausgeleuchtet. Deren Botschaft: Jeder Körper ist schön.

Body Positivity kann zu Stress führen

Nur: Die gut gemeinte Body-Positivity-Bewegung kann nachweislich zu noch mehr Stress und Unzufriedenheit führen. Denn was, wenn man schon daran gescheitert ist, sich einen perfekten Body anzutrainieren, und es dann nicht einmal schafft, seinen unvollkommenen Körper mit Haut und Haaren zu lieben, wie es der Body-Positivity-Chor laut fordert? Dann fühlen wir uns noch schlechter als ohnehin schon. Und wenn man etwa unzufrieden ist mit seinem Gewicht, ist die Gefahr gross, noch mehr zuzunehmen.

Seien wir ehrlich, manche Körperattribute sind beim besten Willen nicht besonders schön. Wir müssen uns also nicht einreden, dass Orangenhaut genauso hübsch aussieht wie knackige Pfirsichhaut, dass das schwabbelige Etwas um den Nabel herum so attraktiv ist wie definierte Bauchmuskeln und dass wir mit dem eigenen Hintern, der kaum in eine handelsübliche Jeans reinpasst, vollkommen happy sind. Weil es einfach nicht so ist.

Der Körper soll möglichst neutral werden

Nicht jeder Mensch ist schön. Aber: Jeder ist normal. Sinnvoller ist daher die Strategie C: die Body Neutrality. Ziel ist es, dem Körper irgendwann möglichst neutral gegenüberzustehen, damit nicht ständig die Gedanken um ihn kreisen. Statt ihn mit all seinen Makeln zu feiern, versucht man wegzukommen von der Obsession mit dem eigenen Aussehen, zu der letztlich auch die Body-Positivity-Bewegung führt.

Damit der Körper aber nebensächlich werden kann, muss man sich laut dem Sozialpsychologen Keon West zuerst ganz normalen, nackten oder leicht bekleideten Körpern stellen. Zum Beispiel in der Sauna oder im Schwimmbad. Nicht, dass einen dort ein so schöner Anblick erwarten würde, dass man stundenlang hinschauen möchte. Es trotzdem zu tun, kann helfen, die negative Obsession mit dem eigenen Körper zu verlieren. Die drei Kandidaten der ersten «No Body is perfect»-Folge konnten sich am Ende zumindest teilweise überwinden und mit einem besseren Gefühl nach Hause gehen. Das sind ja schon mal gute Aussichten.

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