Switzerland

Gemeindeammann kritisiert Kanton wegen Umgang mit Wolfattacken: «Die Kommunikation war jenseits»

Er traute seinen Augen nicht, als er am Montag in der «Aargauer Zeitung» las, dass ein Wolf in Oberhof Mitte Mai drei Lämmer gerissen hatte: Roger Fricker, Gemeindeammann ebendieses Dorfes. Nicht, dass ein Wolf auf seinem Hoheitsgebiet wirkte, machte den SVP-Politiker sauer – auch wenn «ich den Wolf bei uns wirklich nicht brauche».

Auch nicht, dass es bereits das zweite Mal innert 15 Monaten war, dass ein Wolf in Oberhof aktiv war. Im Februar 2019 riss ein Wolf hier zwei Ziegen. Aber dass die Gemeinde nichts wusste, dass sie vom Wolf in ihrem Gebiet aus der Zeitung erfuhr, «machte mich tierisch wütend», sagt er.

Inzwischen, es ist Dienstagmorgen, hat sich Fricker «weitgehend beruhigt». Die Kommunikation des Kantons findet er aber nach wie vor «jenseits». «Ich erwarte in Zukunft, dass die Gemeinden und die Bauern direkt per E-Mail informiert werden, wenn sich ein Vorfall auf ihrem Gebiet ereignet.» Und zwar nicht erst, wenn klar ist, ob ein Wolf oder ein anderes Tier für den Vorfall verantwortlich war.

Es gehe ihm nicht darum, Angst zu schüren oder sich als Behörde wichtig zu machen, sagt Fricker. «Es geht mir um die Sensibilisierung der Bauern und Tierhalter. Sie müssen wissen, dass sie vorsichtig sein müssen.» Denn nur so könnten sie ihre Tiere schützen.

«Das Tier musste höllische Qualen erleiden»

Fricker hielt selber viele Jahre Schafe, bis zu 16 Tiere. Einmal erlebte er, dass ein streunender Hund eines seiner Schafe mehrfach biss, dabei so stark verletzte, dass das Tier getötet werden musste. «Es hatte sich beim Nachbarn versteckt, wir mussten es zuerst suchen.» Ihm seien die Tränen gekommen, erinnert er sich. «Das Tier musste höllische Qualen erleiden.» Das gelte es zu verhindern und deshalb brauche es eine aktive Kommunikation.

«Dass die Gemeinde vom Wolf in ihrem Gebiet aus der Zeitung erfuhr, machte mich tierisch wütend.» - Roger Fricker Gemeindeammann Oberhof.

Streunende Hunde sind es laut Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei beim Kanton, auch, welche die meisten festgestellten Risse verursachen. Im vorliegenden Fall zeigte das Bild vor Ort zudem keine typischen Spuren für einen Wolfsbiss. «Um Klarheit über die Täterschaft zu bekommen, wurden jedoch wie vorgesehen entsprechende Proben genommen.» Da die Untersuchung sehr viel Zeit in Anspruch nahm, hakte die Sektion Jagd und Fischerei bei den entsprechenden Stellen nach; die Analyse wurde von einem spezialisierten Labor an der Uni Lausanne vorgenommen. «Letzte Woche ist dann endlich das Resultat eingetroffen», so Stucki. Es war ein Wolf.

Bestätigter Nachweis auf Kantonswebsite publiziert

Stucki bestätigt auf Anfrage der AZ, dass die Gemeinde nicht über den Vorfall informiert wurde. Das sehe das kantonale Konzept auch nicht vor, sagt Stucki. Eingebunden und informiert sei dagegen der betroffene Landwirt gewesen. «Eine Information an weitere Personen ist erst bei erhöhter Präsenz eines oder mehrerer Wölfe vorgesehen», so Stucki.

Im Februar 2019 war ein Wolf im Aargau unterwegs (Bild), im Mai 2020 erneut.

Über das Resultat der Untersuchung, dass die drei Lämmer tatsächlich von einem Wolf gerissen wurden – dieser Befund lag erst am 30. Juli vor – wurden der betroffene Landwirt sowie die Jagdverwaltung Baselland und Solothurn laut Stucki «unverzüglich» orientiert.

Zur Forderung von Roger Fricker, Gemeinden und Bauern nach einem Vorfall unverzüglich zu orientieren, verweist Stucki auf das geltende Konzept im Umgang mit Grossraubtieren im Aargau. Das dreiseitige Papier vom April 2019 sieht eine gestufte Kommunikation vor. Bei durchziehenden Einzeltieren – darum handelt es sich im vorliegenden Fall – sieht das Konzept als Kommunikationsmassnahme einzig vor, den bestätigten Nachweis auf der Website der Abteilung Wald aufzuführen. Dies ist auch so erfolgt.

Erst bei einer längeren Wolfspräsenz im Aargau – der Kanton nennt als Richtlinie mindestens sechs Nachweise innerhalb von zwei Monaten – wird die Öffentlichkeit über Empfehlungen zum Verhalten via Medien informiert. Eine aktive Kommunikation der Nutztierverbände ist «ab dem zweiten Nutztierriss innerhalb einer Region und eines Jahres» vorgesehen. Das war in Oberhof um zweieinhalb Monate nicht der Fall.

Fricker will das Gespräch mit dem Kanton suchen

Das reicht Roger Fricker nicht. Er will das Gespräch mit Thomas Stucki suchen. Er lacht. Es sei gut gewesen, dass er Stucki nicht gleich am Montag angerufen habe. «Da wäre es am Telefon laut geworden.» Beim Gespräch erwartet Fricker eine klare Zusage der Jagdverwaltung, «dass die Kommunikation in Zukunft anders laufen wird». Und wenn nicht? Dann werde er das Gespräch mit dem zuständigen Regierungsrat, Stephan Attiger, suchen. Falls auch das nichts bringt, «bleibt immer noch der parlamentarische Weg». Fricker selber sitzt zwar seit 2013 nicht mehr im Grossen Rat. «Aber einen Vorstoss kann ich gleichwohl anstossen.»

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