Switzerland

Heiratsstrafe: Das heutige Steuersystem ist frauenfeindlich

Die gemeinsame steuerliche Veranlagung von Ehepaaren hält viele Frauen vom Arbeitsmarkt fern. Eine modifizierte Individualbesteuerung würde den Anreiz, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, deutlich erhöhen. Die Heiratsstrafe wäre damit ein für allemal abgeschafft.

Das System der gemeinsamen Veranlagung von Ehepaaren führt dazu, dass das Einkommen der Frauen zu einem deutlich höheren Satz besteuert wird, als dies bei einer individuellen Veranlagung der Fall wäre.

Das System der gemeinsamen Veranlagung von Ehepaaren führt dazu, dass das Einkommen der Frauen zu einem deutlich höheren Satz besteuert wird, als dies bei einer individuellen Veranlagung der Fall wäre.

Annick Ramp / NZZ

Es ist wieder einmal ein tollkühner Handstreich im Namen der Familienpolitik: Mit dem hehren Ziel, die Erwerbsanreize für Elternpaare zu erhöhen, hat das Parlament jüngst beschlossen, den allgemeinen Kinderabzug zu erhöhen. 350 Mio. Fr. pro Jahr wird die Gesetzesvorlage voraussichtlich kosten, die Familien entlasten soll – auch solche ohne externe Kinderbetreuung.

Höhere Kinderabzüge sind der falsche Weg

Was als familien- und frauenfreundliche Vorlage daherkommt, entpuppt sich allerdings als eine Mogelpackung, die darauf abzielt, das traditionelle Familienbild zu zementieren. Anreize für den Zweitverdiener, überwiegend Frauen, vermehrt am Arbeitsmarkt tätig zu sein, resultieren daraus nicht: Die Giesskannen-Entlastungsmassnahme dürfte sogar einige Mütter dazu veranlassen, ihr Arbeitsangebot zu reduzieren: Falls die Vorlage, gegen die das Referendum ergriffen wurde, vom Volk angenommen wird, steigt das Familieneinkommen, unabhängig vom Erwerbsverhalten.

Dabei scheint das Thema Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern durchaus in Bern angekommen zu sein – wie die Debatte des Nationalrats über die Corona-Krise und ihre Folgen für die Gleichstellung von vergangener Woche zeigt. Gestritten wurde über den Ausbau und die bessere Finanzierung der externen Kinderbetreuung, die Arbeitsbedingungen von Hausangestellten sowie über weitere Massnahmen zur Erleichterung der beruflichen Wiedereingliederung von Frauen.

Doch hinsichtlich des Instruments, das punkto Gleichstellung die grösste Wirkung erzielen würde, herrscht hierzulande eine Pattsituation – seit Jahrzehnten wird die Revision der veralteten Ehepaarbesteuerung vom Parlament auf die lange Bank geschoben oder mit einem Wirrwarr von steuerlichen Eingriffen und Subventionen – Kinderzulagen, Kinderabzüge, Doppelverdienerabzug, fiskalische Korrekturen auf Kantonsebene und so weiter – zu umgehen versucht.

Der Lohn geht direkt ans Steueramt

Das derzeitige System der gemeinsamen Veranlagung von Ehepaaren führt dazu, dass das Einkommen der Frauen zu einem deutlich höheren Satz besteuert wird, als dies bei einer individuellen Veranlagung der Fall wäre. Wegen des höheren Grenzsteuersatzes geht pro zusätzlich verdientem Lohnfranken ein Grossteil des Zweitverdienstes ans Steueramt statt in die Familienkasse.

Für verheiratete Frauen wird damit der Anreiz gesetzt, nicht oder nur in tiefen Pensen zu arbeiten. Hinzu kommen die hohen Kosten der Kinderbetreuung, die bei der Erhöhung der Erwerbstätigkeit überproportional steigen (weil das höhere Familieneinkommen zu einer Reduktion der Subventionen für Kinderkrippen und Horte führt).

Das Schweizer Steuersystem sei frauenfeindlich, hält man denn auch bei Avenir Suisse fest. Eine Anpassung des Steuersystems sei dringend notwendig. Dieses beruht noch auf dem traditionellen Familienmodell - der Mann als Haupternährer, die Frau ist für Kinder und Familie zuständig. Doch die Arbeitsteilung hat sich im Lauf der Zeit stark gewandelt: Rund 80% der Mütter sind heute erwerbstätig.

Wie Valérie Müller und Marco Salvi von Avenir Suisse ausführen, sollte das Steuersystem weder die Erwerbsanreize noch die Wahl des Zivilstandes beeinflussen. In einer Studie haben die beiden Ökonomen diverse Reformvorschläge zur Ehepaar- und Familienbesteuerung auf Bundesebene verglichen.

Gestützt auf Berechnungen des Forschungsunternehmens Ecoplan untersuchten Müller und Salvi unter anderem den Beschäftigungseffekt der verschiedenen steuerlichen Veranlagungen. Ziel war es, das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis zu eruieren: Mit welchem Steuermodell kann eine gegebene Zunahme der Beschäftigung mit den kleinsten Steuerausfällen erreicht werden?

Die verschiedenen Steuermodelle im Vergleich

Zu den am meisten diskutierten Steuersystemen für Ehepaare zählt die Individualbesteuerung, bei der jede Person einzeln besteuert wird, unabhängig vom Zivilstand.

Eng mit diesem Modell verwandt ist die modifizierte Individualbesteuerung: Um Familien zu entlasten, wird hierbei (anders als bei der reinen Individualbesteuerung) ein Elternteil mit einem niedrigen Tarif besteuert – wie dies heute bereits bei Konkubinatsfamilien der Fall ist. 

Eine weitere Variante der Veranlagung ist das Splitting, bei dem das Gesamteinkommen von Ehepaaren durch zwei geteilt wird. Daraus ergibt sich der Steuersatz, der auf das ganze Einkommen angewendet wird. Beim Teilsplitting wird das Gesamteinkommen nicht hälftig, sondern durch eine Zahl zwischen 1 und 2 (z. B. 1,7) geteilt.

Eine weitere Möglichkeit ist die Besteuerung nach Konsumeinheit: Dieses Modell wird im Kanton Waadt praktiziert. Es ist eine Sonderform des Splittingverfahrens. Das Gesamteinkommen wird durch einen von der Anzahl Familienmitglieder abhängigen, variablen Divisor geteilt. Im Kanton Waadt entspricht ein kinderloses Ehepaar einer Konsumeinheit von 1,8. Pro Kind werden weitere 0,5 Einheiten addiert. Die Entlastung von Familien mit hohen Einkommen ist plafoniert.

Punkto Beschäftigungszuwachs schneidet das Teilsplitting-Modell besonders schlecht ab. Es würde lediglich dazu führen, dass zum Teil höhere Arbeitspensen eingegangen würden, zu Neueintritten am Arbeitsmarkt käme es hingegen nicht. Der grösste Beschäftigungseffekt resultierte demgegenüber bei der modifizierten Individualbesteuerung: Gestützt auf die Analyse von Ecoplan ergäben sich hierbei rund 19 000 Vollzeitstellen. Bei der Einführung der Individualbesteuerung auch auf kantonaler Ebene resultierten insgesamt gar 40 000 bis 60 000 zusätzliche Vollzeitstellen: Wie man bei Ecoplan festhält, würden damit mehrheitlich qualifizierte Frauen, die heute nur Teilzeit arbeiten oder aufgrund von Kinderbetreuung auf eine Erwerbstätigkeit verzichten, für den Arbeitsmarkt gewonnen werden.

Die Individualbesteuerung schwingt obenauf

Beschäftigungseffekte und Steuerausfälle bei einem Wechsel des Steuermodells (direkte Bundessteuer)

Steuerausfall (Mio. Fr.)
Modifizierte Individualbesteuerung 19 370 783
Reine Individualbesteuerung 17 690 158
Vollsplitting (Faktor 2) 12 250 1382
Waadtländer Modell 12 230 1165
Teilsplitting (Faktor 1,7) 6 490 766

Mit Blick auf die zu erwartenden Steuerausfälle schneidet hingegen die reine Individualbesteuerung am besten ab. Sie weist das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis auf. Pro geschaffene Vollzeitstelle entstünden Steuerausfälle von 8900 Fr. Ein Nachteil ist allerdings, dass Haushalte mit Kindern teilweise schlechter gestellt wären als im Status quo. Dies gilt vor allem für Alleinerziehende und Konkubinate mit Kindern, weil der niedrigere Tarif für Eltern und Verheiratete wegfallen würde.

Dies ist bei der modifizierten Individualbesteuerung nicht der Fall: Ehepaare mit und ohne Kinder profitieren etwa in gleichem Ausmass vom neuen Steuerregime. Bei der modifizierten Individualbesteuerung fallen laut Avenir Suisse pro zusätzliche Vollzeitstelle Steuerausfälle von 40 000 Fr. an. Deutlicher höher sind sie bei den anderen Steuermodellen. Eine zusätzliche Vollzeitstelle im Voll- oder Teilsplitting wird mit Steuerausfällen von mehr als 100 000 Fr. erkauft. Auch das Waadtländer Modell weist ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis auf.

Teures Splitting-Modell

Steuerausfall pro zusätzliche Vollzeitstelle, in tausend Franken

VollsplittingTeilsplittingWaadtländer ModellModifizierte IndividualbesteuerungReine Individualbesteuerung112,811895,240,48,9

Laut den Ökonomen von Avenir Suisse ist die modifizierte Individualbesteuerung denn auch die beste der untersuchten Optionen, wenn es darum geht, die negativen Erwerbsanreize im Steuersystem abzubauen. Sie habe nicht nur den stärksten Beschäftigungseffekt, sondern sei auch mit vergleichsweise tiefen Steuerausfällen verbunden. Zudem sei die getrennte Besteuerung die einzige zivilstandsunabhängige Alternative: Das Problem der «Heiratsstrafe» wäre damit wohl ein für allemal gelöst, halten Müller und Salvi fest.

Auch aufteilbarer Elternurlaub wäre zeitgemäss

Die Studienautoren der Denkfabrik führen gleichzeitig aus, dass eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit nur dann möglich sei, wenn auch genügend bezahlbare Krippen- und Hortplätze verfügbar seien. Der Ausbau des Angebots und die Senkung der Elternbeiträge wirkten sich klar positiv auf die Inanspruchnahme einer externen Betreuung aus. Gleichzeitig räumen Müller und Salvini aber auch ein, dass die Beschäftigungszunahme bei flächendeckenden Preissenkungen für Kitas oftmals weniger stark sei als erhofft. Grund sind unter anderem Mitnahmeeffekte: So profitieren beispielsweise auch Eltern davon, die für die Ausübung einer Erwerbsarbeit nicht darauf angewiesen sind.

Auch ein bezahlter Mutterschafts- oder Elternurlaub kann laut Avenir Suisse die Beschäftigung erhöhen, wenn dieser den Verbleib der Eltern im Erwerbsleben erleichtert. Ein aufteilbarer Elternurlaub ermögliche einen stärkeren Einbezug der Väter in Familienaufgaben und entspreche dem Zeitgeist.

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