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Joe Biden will nicht über Inhalte sprechen – weil Inhalte derzeit keine Rolle spielen

Die Partei von Joe Biden ist nicht für ihr geschlossenes Auftreten bekannt. Das entsprechende Bonmot des schon lange verstorbenen Humoristen Will Rogers – «Ich bin kein Mitglied einer organisierten politischen Partei. Ich bin ein Demokrat.» – könnte auch von einem heutigen Abgeordneten stammen. Aber Biden, der diese Woche in der ersten Fernsehdebatte mit Donald Trump verkündete, «Ich bin die Demokratische Partei», setzt alles daran, programmatische Grundsatzdebatten auf die Zeit nach dem Wahltag am 3. November zu verschieben.

So will der Präsidentschaftskandidat nicht über die Zukunft des Supreme Court sprechen oder darüber, wie energisch die grösste Volkswirtschaft gegen den Klimawandel vorgehen müsse. Das Fussvolk seiner Partei, das den Schock des Wahlsiegs von Trump im Jahr 2016 noch lange nicht verdauen wird, unterstützt diese Strategie – obwohl Präsident Trump doch in der TV-Debatte behauptete, dass Biden mit seinem zurückhaltenden Vorgehen die Aktivisten am linken Rand seiner Partei vor den Kopf stosse.

Selbst die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York, die einer internen Debatte nie aus dem Weg geht, wenn sie damit ihr Profil schärfen kann, signalisiert, dass sie kein Interesse an Flügelkämpfen habe: In der Klimapolitik arbeite sie mit Biden zusammen, um mögliche Differenzen zu überwinden, sagte sie nach der TV-Debatte.

Weil er seine Partei hinter sich wähnt, machte sich Biden diese Woche während seiner ersten echten Wahlkampf-Tour seit Ausbruch der Coronapandemie ins einstige Herzland der Demokratischen Partei auf: In die alten Arbeiterstädte im Grossraum Pittsburgh (Pennsylvania), in denen Gewerkschafter einst treu für Partei-Idole wie Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy stimmten.

Auch Biden wird es nicht entgangen sein, dass weisse Stahlarbeiter oder Kohle-Kumpel, deren Arbeitsethos er in seinen Reden manchmal geradezu mythisch überhöht, mit der modernen Demokratischen Partei wenig anfangen können. So gewann Trump vor vier Jahren im Umland ehemaliger Arbeiterstädte wie Latrobe oder Johnstown überwältigende Stimmenmehrheiten. Biden zählt aber darauf, dass seine programmatische Botschaft auch in einem strukturkonservativen Milieu auf Anklang stösst – und sei es nur deshalb, weil er mit diesem Milieu besser vertraut ist, ein zeitgenössischer demokratischer Funktionär.

Die ausgestreckte Hand Bidens ist zudem ein Signal an potenzielle Wechselwähler in anderen Landesteilen: Der Demokrat meint es ernst mit seiner Botschaft, dass er ein Präsident aller Amerikaner sein will. Im Gegensatz zu Trump, der das Land in «rote», republikanische, und «blaue», demokratische, Staaten eingeteilt hat, möchte Biden sämtliche Bevölkerungskreise ansprechen. Das ist wohl vergebliche Liebesmüh, sind die fanatischen Anhänger Trumps doch bereit, für ihn durch dick und dünn zu gehen. Eine Mehrheit der amerikanischen Wähler scheint aber mit dem Demokraten der Meinung zu sein, dass die Spaltung des Landes dramatische Züge angenommen hat.

Auch deshalb versammelte sich am Mittwoch am Bahnhof von Latrobe spontan eine Menschenmenge, als bekannt wurde, dass Biden in der Provinzstadt einen Wahlkampf-Stopp einlegen wolle. Unter den versammelten Aktivisten befand sich Sue ­Rhodes. Sie sagte: «Es ist wichtig, dass wir Präsenz markieren.» Die Demokraten dürften den öffentlichen Raum nicht den Anhängern von Präsident Donald Trump überlassen, die gerade in konservativen Landstrichen mit Flaggen und Plakaten ihre Verbundenheit zum Präsidenten markieren, sagt die ältere Frau.

Und obwohl sich an dieser spontanen Wahlkampf-Veranstaltung auch Anhänger von Bernie Sanders versammelten, einem Aushängeschild des linken Flügels der Biden-Partei, spielten ideologische Differenzen keine Rolle. Egal, ob man mit einem Jungwähler sprach oder mit einem pensionierten Marine-Soldaten: Unisono sagten die versammelten Demokraten, dass sie Trump loswerden wollten. Dies sei das oberste Ziel. Alles andere spiele derzeit keine grosse Rolle.

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