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«Kinder sind nicht der Schlüssel zum Glück»

Frau Fricke, Sie sind 43 Jahre alt. Welche Rolle spielt dieses Alter für Sie?
Lucy Fricke: Ich mag es sehr. Weil ich das Gefühl habe, dass Frauen ab Anfang vierzig entspannter werden, lässiger. Sie wollen nicht mehr um jeden Preis gefallen, Männer sind ihnen nicht mehr so wichtig.

Und das merken sie ab vierzig?
Frauen fangen dann an, so richtig ihr Ding zu machen. Weil das Kinderthema irgendwie vorbei ist. Entweder hat man welche oder eben nicht. Man kann das endlich mal abschliessen. Das setzt unwahrscheinlich viele Energien frei. Es wird einem klar, was man schon alles gemacht hat und was man überhaupt kann. Und plötzlich hat man auch die Freiheit, das alles zu tun. Ich habe das Gefühl, das erste Mal in alle Altersrichtungen mitmischen zu können.

«Noch als 50-Jährige erzählen Männer von Büchern, die sie während ihres Studiums gelesen haben.»

Was ist mit den gleichaltrigen Männern?
Mit vierzig finden viele Männer, längst fertig zu sein. Sie haben alles Wichtige abgeschlossen, alles gesehen, alles gelesen. Darauf greifen sie gerne zurück, nicht selten für den Rest ihres Lebens. Noch als 50-Jährige erzählen sie von Büchern, die sie während ihres Studiums gelesen haben, natürlich am liebsten den Frauen. Die wiederum halten sich für weniger fertig. Sie trauen sich, noch mal was ganz anderes zu machen. Sie wollen niemanden mehr beeindrucken.

Weil sie begriffen haben, dass vieles nicht so begehrenswert ist wie angenommen?
Da sind wir zum Beispiel wieder beim Kinderthema. Ich ging lange davon aus, erst ein perfektes Leben führen zu können, wenn ich ein Kind habe. Diese Illusion ist weg. Ich weiss inzwischen, dass Kinder nicht der Schlüssel zum Glück sind. Natürlich gab es eine Zeit, in der ich auch eins wollte. Aber es ist nicht immer eine freie Entscheidung, ob man schwanger wird. Bei mir hat es eben nicht geklappt.

Kann der Kinderwunsch hässlich sein?
Ja. Ich habe eben über die lässigen Frauen um die vierzig geredet, die das Thema irgendwann hinter sich lassen. Aber es gibt in dem Alter auch diejenigen, die alles versuchen: mit Mann oder ohne, künstliche Befruchtung, Eizellenspende im Ausland. Das ist ein echtes Drama. Die Kinder, die diese Erwartungen dann erfüllen sollen, tun mir leid. Ich bin froh, darüber hinaus zu sein. Von kinderlosen Frauen wird oft behauptet, sie seien egoistisch. Den Vorwurf verstehe ich nicht. Viele Frauen wollen ein Kind nur für das eigene Wohl.

«Allein der Begriff ‹Frauenliteratur› ist eine Frechheit!»

Die Frau um die vierzig taucht selten als Buchcharakter auf. Haben Sie Ihren Roman «Töchter» auch deshalb geschrieben?
Ich habe viele Jahre kein Buch gefunden, in dem ich mich wirklich wiederfinde. Entweder waren da komische Zicken oder neurotische Bridget-Jones-Typen. Ich kenne keine Frauen, die so sind oder gar solche Bücher lesen. Allein der Begriff «Frauenliteratur» ist eine Frechheit! Männerfiguren in dem Alter haben Narrenfreiheit, die können total abgerockt sein, und alle finden das super. Coole Frauen habe ich in der Literatur hingegen vermisst.

In Ihrem Roman haben zwei Freundinnen mit einem nicht gelösten Vater-Problem zu kämpfen: Der eine ist früh aus dem Leben seiner Ziehtochter verschwunden, der andere ist todkrank und will Sterbehilfe bekommen. Was hat Sie an dieser Konstellation gereizt?
Väter haben einen enormen Einfluss auf das Leben, das man als Frau führt – egal ob sie da sind oder nicht. Der Vater ist in der Regel der erste Mann, von dem wir Zuneigung erfahren. Bleibt die aus, kann das zu ungemeinen Verrenkungen führen, manchmal lebenslang. Seine Abwesenheit führt dazu, dass man nicht so fest verankert ist. Man muss eine andere Stärke aufbringen, um sich zusammenzuhalten, und selbst verwurzeln. Wird man als Kind verlassen, verlässt einen auch das Vertrauen. Es gab eben niemanden, der einen auf den Schultern durch die Kindheit getragen hat. Das schafft oft eine Idealvorstellung, die mit der Wirklichkeit nicht mithalten kann.

Die beiden Frauen schleppen ihr Trauma jahrzehntelang mit sich herum. Ist eine Aussöhnung mit Vätern, die nicht mehr da sind, überhaupt möglich?
Ich bin fest davon überzeugt, dass man verzeihen kann und auch muss. Sonst kommt man keinen Schritt weiter, weil man unglücklich gegen irgendetwas ankämpft. Aber die Frage ist auch: Will man sich überhaupt davon lösen? Ich selbst finde es schön, vom Leben geprägt zu sein, und möchte gar nicht all die Erfahrungen abschütteln. Man kann sie ja auch für sich nutzen. Ich wurde ein paar Mal gefragt, warum die Protagonistinnen nicht wütender auf ihre Väter sind. Na ja, sie sind halt einfach vierzig. Da ist man nicht mehr so wütend.

«Ich finde das Verzeihen sehr lohnenswert, weil man sich dann all die verkrampften Telefonate mit den Eltern spart.»

Weil man dann eher in der Lage ist zu verzeihen?
Es ist der Startschuss zum Verzeihen und Verstehen, weil sich die Rolle der Eltern verändert und man selbst jede Menge Mist baut, für den man allein geradestehen muss. Eine Kindheit ohne Verletzungen ist nicht möglich. Es gibt niemanden, der das Elternhaus verlässt und mit allem klarkommt, was dort passiert ist. Ich finde das Verzeihen sehr lohnenswert, weil man sich dann all die verkrampften Telefonate mit den Eltern spart. Wir alle werden ihnen immer irgendwas um die Ohren hauen. Und das darf man auch. Die Frage ist nur: Wie gelingt das mit Respekt und Verständnis? Der einzige Weg ist, Mutter und Vater zu kennen. Wenn wir wissen, welche Kämpfe sie gewonnen und mehr noch, welche sie verloren haben, ist ein Verstehen möglich. Das setzt natürlich Ehrlichkeit und Reflexion auf beiden Seiten voraus.

Die Väter im Buch sind ziemlich kaputt: Sie saufen, betrügen, hauen ab. Was sagt die Männerwahl über die Mütter aus?
Mal ehrlich, wer von uns hatte schon eine durchgängig exzellente Auswahl an Partnern? Wahrscheinlich sind da weder unsere Mütter noch wir besonders talentiert. Ja, die Väter sind ein bisschen angeschlagen. Aber auch die Mütter sind schwierige Charaktere mit dem starken Wunsch, sich zu emanzipieren gegen alles und jeden. Der Vater ist nicht per se der Böse. Wenn er sich nicht um sein Kind kümmert, klingt es so, als sei er allein schuld. Dabei gibt es durchaus Mütter, die jeden Kontakt zum Vater nach einer Trennung unterbinden.

Haben Sie so etwas selbst erlebt?
Ich habe meinen Vater im Alter zwischen drei und 30 Jahren kaum gesehen, meine Eltern haben sich früh scheiden lassen. Heute ist er in meinem Leben wieder sehr präsent. Wir haben aber ein vollkommen anderes Verhältnis, weil wir uns als Erwachsene wiederbegegnet sind. Wir sind Freunde geworden.

«Ich lebe die Träume meiner Mutter.»

Wie ist die Beziehung zu Ihrer Mutter?
Sie ist stolz auf mich. Aber es ist paradox: Ich lebe ihre Träume. Lange dachte ich, etwas zu machen, das ich für mich selbst erkämpft habe. Vor ein paar Jahren begriff ich, dass ich exakt ihren Anforderungen entspreche. Sie hat nie gesagt: Mach was Ordentliches! Sondern immer: Mach dein Ding! Rette dich bloss nicht in eine Ehe und in ein Reihenhaus!

Was wäre daran so schlimm?
Ich hatte oft das Gefühl, dass da mitschwingt: Wehe, du nutzt deine Chancen nicht! Da folgt der nächste Stress, glücklich soll man auch noch sein. Aber das ist man selten. Ich beobachte im Freundeskreis, dass manche nach Jahren der Selbstverwirklichung und Freiheit ihren eigentlichen Wunsch nach Sicherheit und Stabilität entdecken. Dass das Leben gar nicht so aufregend sein muss, wie sie immer dachten. Manchmal erkennt man das zu spät.

Haben Sie sich beim Schreiben darüber Gedanken gemacht, dass man die Erzählung auf Ihr Leben zurückführen könnte?
Mein Buch ist nicht autobiografisch. Gleichzeitig war klar, dass es mit meinem Leben in Verbindung gebracht werden würde. Ich habe immer persönlich geschrieben, aber für «Töchter» habe ich nicht nur in Abgründe geguckt, sondern bin dorthin gegangen, wo es richtig wehgetan hat.

Macht Sie diese erkennbare Nähe in der Öffentlichkeit nicht sehr verletzlich?
Ich mache mir da keine Gedanken mehr. Warum auch? Wenn ich mich beim Schreiben schon nackig mache, darf ich nicht versuchen, dabei auch noch gut auszusehen.

«Früher war ich wirklich sehr schüchtern. In der Schule sass ich still in der Ecke.»

In einem Interview haben Sie mal gesagt: «Fürs Schreiben habe ich mich entschieden, weil ich nicht reden kann.» Den Eindruck machen Sie heute nicht unbedingt.
Früher war ich wirklich sehr schüchtern. In der Schule sass ich still in der Ecke.

Und da hat Ihnen das Schreiben geholfen?
Ich hatte oft das Gefühl, dass ich nicht aussprechen kann, was ich fühle. Trotzdem wollte ich mit jemandem reden. Also wurde der Computer zu meinem Gegenüber. Das Schöne am Schreiben ist: Man kann alles sagen, was man denkt, und herrlich schamlose Witze über sich selbst machen.

Hat Ihnen jemand geraten, mit dem Schreiben anzufangen, um mutiger zu werden?
Gar nicht. Als ich 16 Jahre alt war, gab es einen Bruch mit meiner Mutter. Heute ist alles wieder gut, aber damals bin ich von zu Hause ausgezogen. Ein Jahr später musste ich von der Schule gehen, weil ich zu viele Fehlstunden hatte. Was daran lag, dass ich mein Leben selbst finanzieren musste.

Sie mussten sich alleine durchschlagen?
Ja, ich habe versucht, acht Stunden zu arbeiten und nebenbei zur Schule zu gehen. Das habe ich einfach nicht geschafft. Das Abi ist eben nicht so wichtig gewesen wie das Überleben. Ich habe ein, zwei Jahre bei Mercedes Bremsschläuche überprüft, in einer Fischfabrik Matjes Hausfrauenart eingelegt und bei McDonalds gearbeitet. Was soll man ohne Ausbildung sonst machen?

«Beim Arbeitsamt wurde mir geraten, ich solle doch Fusspflegerin werden.»

Später sind Sie beim Film gelandet. Wie kam es dazu?
Mein ganzer Plan «Ich mache Abitur und studiere Germanistik» war plötzlich hinfällig. Beim Arbeitsamt wurde mir geraten, ich solle doch Fusspflegerin werden.

Haben Sie den Rat ernst genommen?
Nein, ich bin zum Glück noch an einen anderen Berufsberater geraten, der Typ war toll. Ich erzählte ihm, dass ich etwas Soziales machen wollte, und er sagte: Jetzt vergessen Sie mal diesen ganzen Scheiss, was wollen Sie denn eigentlich? Film oder Literatur, das wusste ich. An die Literatur war ohne akademischen Abschluss nicht zu denken, ohne Abi braucht man sich bei keinem Verlag zu bewerben. Aber beim Film kann man sich über Praktika hocharbeiten. Zuerst war ich im Schneideraum, dann habe ich am Set darauf geachtet, dass das Glas genauso voll ist wie in der Szene davor oder die Zigarette immer gleich lang.

Schliesslich wurde es doch die Literatur.
Mit Ende zwanzig habe ich festgestellt, dass ich eigentlich doch Schriftstellerin werden möchte. Obwohl die Möglichkeiten sehr begrenzt waren, habe ich mich beim Literaturinstitut in Leipzig beworben und mich zu meiner Überraschung gegen 600 Bewerber durchgesetzt. Ohne Abi. Noch während des Studiums habe ich den «Open Mike» in Berlin gewonnen. Das ist ein wichtiger Wettbewerb, weil viele Verlage und Agenturen da sind. 2007 erschien mein erster Roman. Der ist aber total gefloppt.

Zu Recht?
Ich bin nicht diejenige, die ihren eigenen Roman noch einmal liest. Trotzdem habe ich kürzlich reingeguckt und gedacht: Dieses Buch muss man wirklich lesen wollen. Viel schlimmer aber: Mit 16 habe ich sehr pathetische, kitschige Gedichte geschrieben. Und den grossen Fehler begangen, 50 dieser Gedichte im Copyshop zu einem Buch binden zu lassen. Die habe ich im Freundeskreis verschenkt. Das ist mir im Nachhinein unglaublich peinlich. Aber ich glaube, jedem ist das, was er mit 16 geschrieben hat, unglaublich peinlich.

«Hier waren die Geigerzähler und Jodtabletten ausverkauft, nicht in Japan.»

Als Sie 2011 für ein Stipendium nach Japan eingeladen wurden, bebte drei Wochen zuvor die Erde, es folgte ein Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima. Sie fuhren trotzdem hin – als einzige Teilnehmerin. Hatten Sie keine Angst?
Es herrschte eine totale Hysterie und Panik – allerdings in Deutschland. Hier waren die Geigerzähler und Jodtabletten ausverkauft, nicht in Japan. Da war es relativ entspannt. Irgendwann dachte ich, dass das Goethe-Institut ja zum Auswärtigen Amt gehört. Die würden mich nicht hinfahren lassen, wenn es gar nicht geht.

Und wie ging es Ihnen vor Ort?
Sehr gut, doch es war bizarr: Japan war wie ausgestorben, keine Touristen, keine Ausländer. Ich hatte alle Sehenswürdigkeiten für mich allein und bekam den «Arigato-Discount». Die Unterkünfte und Restaurantbesuche kosteten nur zwanzig Prozent, weil ich trotz Regenzeit und Fukushima durchs Land reiste. Ich werde seitdem «Atomic-Lucy» genannt. (Tages-Anzeiger)

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