Switzerland

Kolumne von Milo Rau: Die Ausnahme ist die neue Normalität

Was der libanesische Bürgerkrieg mit Corona gemeinsam hat: Wir dachten, das gehe schnell vorbei. Und merken jetzt, dass es ganz anders ist.

 «Wir lebten auf Sicht, immer nur maximal das nächste halbe Jahr im Blick»: Der libanesisch-kanadische Dramatiker Wajdi Mouawad (22. September 2018).

«Wir lebten auf Sicht, immer nur maximal das nächste halbe Jahr im Blick»: Der libanesisch-kanadische Dramatiker Wajdi Mouawad (22. September 2018).

Foto: Luca Piergiovanni (EPA, Keystone)

Am Donnerstag war ich für einige berufliche Treffen in Paris. Die französische Hauptstadt ist, von meinem belgischen Arbeitsort her gesehen, «rote Zone». Das bedeutet: Bleibt man länger als 24 Stunden, muss man sich bei der Rückkehr in Quarantäne begeben. Was zwar nicht unbedingt logisch ist, da das Coronavirus die 24-Stunden-Regel wohl kaum kennt. Und genauso unlogisch ist natürlich die Tatsache, dass Tag für Tag Zehntausende von Menschen zwischen den – aus dem jeweiligen Ausland betrachtet – «roten Zonen» Brüssel, Paris und Köln beruflich hin- und herpendeln.

Aber wie auch immer: Mir blieben also etwas mehr als 10 Stunden in Paris. Trotzdem schaffte ich es, den Dramatiker Wajdi Mouawad zu besuchen. Als in den 70er-Jahren der libanesische Bürgerkrieg begann, wanderte Mouawads Familie in den Westen aus. Seine Stücke – weltweit aktuell die meistgespielten – sind angesiedelt zwischen Exil und der Erinnerung an eine Heimat, die im Bürgerkrieg versunken ist: traumatische Familiengeschichten, halb Autobiografie und halb Fiktion.

Als die Familie Mouawads zu Beginn des Bürgerkriegs nach Frankreich emigrierte, rechnete man mit einem schnellen Ende der Kämpfe. Aber irgendwie ging der Krieg immer weiter, wurde immer brutaler. Die Rückreise verschob sich Monat um Monat, bis die Familie Mouawads ganz im Westen blieb. «Wir lebten auf Sicht, immer nur maximal das nächste halbe Jahr im Blick», sagte mir Mouawad. Und fügte lächelnd hinzu: «Eigentlich genau so wie heute mit Corona.»

Manchmal will ich jemandem die Hand geben, und erst wenn das Gegenüber zurückweicht, erinnere ich mich, wo ich eigentlich bin: in der Corona-Welt.

Mouawad hat recht: Der Ausnahmezustand ist unmerklich zur neuen Normalität geworden, und trotzdem gewöhnen wir uns nicht an ihn. Im März rechneten wir mit ein paar Wochen Theater-Schliessung, dann wurden zwei Monate, ein Viertel- und unmerklich ein halbes Jahr daraus. Alles ist unsicher: Gastspiele werden eine Woche vor Premiere abgesagt, weil eine Stadt über Nacht zur «roten Zone» erklärt wird, nur um drei Tage später wieder aufgegleist zu werden. Alles ist vorläufig, und das Vorläufige selbst ist auf Dauer gestellt.

Das Interessanteste ist aber, wie sich Corona in unsere Körper übersetzt hat. Manchmal will ich zum Beispiel jemandem die Hand geben, und erst wenn das Gegenüber zurückweicht, erinnere ich mich, wo ich eigentlich bin: in der Corona-Welt. In einer Welt, in der man sich mit dem Ellbogen grüsst und die Laune des anderen aus seinen Augen abliest. Ich erinnere mich, wie seltsam es war, als zum ersten Mal Maskenpflicht herrschte. Heute kommt es mir fast exhibitionistisch vor, wenn ich im Zug ein unverhülltes Gesicht sehe. Es ist, als würde man in einem Zwischenraum leben: halb in der alten, halb in der neuen Welt.

Genau so sind Wajdi Mouawads Stücke. Sie handeln von Menschen, die – körperlich, seelisch – zur Hälfte in der Vergangenheit, zur Hälfte in der Gegenwart feststecken. Denn etwas fehlt in der neuen Welt, es herrscht eine stille Leere. Und langsam, eher wie ein Vergessen, macht sich die Ahnung breit, dass die alte Welt nicht wiederkehren wird.

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