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Liebesgrüsse aus Moskau – Wladimir und Donald: eine Zuneigung, aus der nichts geworden ist

Die Russen schauen auf die kommenden US-Wahlen nicht mit dem fiebrigen Interesse von 2016, aber doch mit faszinierter Anteilnahme. Ob Trump oder Biden besser passt, bleibt offen. Die Hoffnung des Kremls auf eine disruptive Wende in den Beziehungen ist verblasst.

Die US-Wahlen von 2016, welche die – nach dem Dafürhalten vieler – dubiose Figur von Donald Trump auf den weltpolitischen Olymp hievten, erlebte das russische politische Establishment fast als «eigene». Die russische Propaganda, die sich bis zu dem Zeitpunkt solide «Post-Krim»-Muskeln antrainiert hatte, präsentierte den republikanischen Kandidaten als quasi «unseren Mann», mit dem man sich in allen dringlichen geopolitischen Fragen leicht würde einigen können – «die Krim», versteht sich, eingeschlossen.

Man setzte grosse Hoffnung darauf, dass die berühmt-berüchtigten «politischen Institutionen», die den intellektuellen (und damit nach Moskauer Verständnis schwachen) Barack Obama an Händen und Füssen gefesselt hielten, unter dem Druck eines neuen starken Führers – eines echten harten «Kerls» – nachgeben würden. Nüchterne Beobachter führten diesen unbegründeten Optimismus auf eine psychologische Übertragung zurück: Absichtlich oder unabsichtlich projizierten die Kreml-Analysten Putins Machtvertikale auf die amerikanische Innen- und Aussenpolitik.

Jubel in der Duma

Wie dem auch sei, die Ergebnisse der US-Wahlen 2016 wurden in Russland mit Jubel begrüsst. Die Staatsduma bezeichnete den Sieg von Trump unverhohlen als «Morgen der Hoffnung». In ihrer Begeisterung über die Nachricht erhoben die Duma-Abgeordneten sich von den Plätzen, brachen in stürmischen Applaus aus und öffneten die Champagnerflaschen, um «ihren» unerwarteten Erfolg zu feiern. Dies ging so weit, dass Margarita Simonjan, Chefredaktorin der Nachrichtenagentur Russia Today, des Sprachrohrs der russischen Propaganda, mit der russischen und der amerikanischen Flagge durch Moskau fuhr. Sie erklärte, diese Aktion sei ein Symbol für «Frieden - Freundschaft - Kaugummi» – ein informeller Slogan aus der Sowjetzeit, der damals so viel wie den Neustart der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen, die Abkehr von den Prinzipien des Kalten Krieges bedeutete.

Im Folgenden zeigte sich indes, dass «Frieden - Freundschaft - Kaugummi» keineswegs zustande kam. Nicht nur, dass die USA sich weigerten, die Krim als russisch anzuerkennen – sie lockerten nicht einmal die gegen Russland gerichteten Sanktionen. Ungeachtet dessen fiebert auch jetzt, bei der neuen Präsidentschaftswahl, «ganz Russland» – die offiziellen Staatsorgane und das ihnen gegenüber loyale sogenannte «tiefe Volk» – für «unseren guten alten Trump». Besonders eifrig unterstützen ihn die «amerikanischen Russen», die Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR, die zwar den Ozean überquert, ihren ursprünglichen Informationsraum aber nie verlassen haben (nirgendwo habe ich derart riesige, die halbe Wand einnehmende und auf den Empfang der staatlichen russischen Fernsehkanäle ausgerichtete TV-Geräte gesehen wie bei meinen ehemaligen Landsleuten).

So oder so lautet die Parole auf der Kreml-Agenda nach wie vor: «Trump ist vielleicht ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn!»

Bis vor kurzem übrigens war das Auf und Ab der US-Wahlen keineswegs das Topthema der russischen Nachrichten – weder in den staatlichen noch in den unabhängigen oppositionellen Medien. Von Ende Mai bis Anfang August richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die Bewegung «Black Lives Matter», die von der offiziellen Propaganda als der langerwartete, unvermeidliche Zusammenbruch des liberalen Amerika präsentiert wurde. In der ersten Augustdekade dann rückten Ereignisse in den Fokus des öffentlichen Interesses, die aus russischer Perspektive weit wichtiger waren: die Proteste in Weissrussland, mit denen in Russland niemand gerechnet hatte, die brutalen Strafaktionen von Lukaschenkos Söldnern gegenüber friedlichen, unbewaffneten Bürgern und dann natürlich die Vergiftung von Alexei Nawalny, dem Hauptgegner des russischen Präsidenten, mit dem Nervengift Nowitschok.

Vor dem Hintergrund dieser Nachrichten, die nach Meinung vieler in direktem Bezug zu den Perspektiven des politischen Regimes in Russland stehen, und in Erwartung einer zweiten Covid-19-Welle wurde die Rivalität von Trump und Biden als zwar wichtig, aber nicht vordringlich angesehen. In jedem Fall nicht als etwas, das unser Leben grundlegend beeinflussen würde.

Der gute alte Donald

Jetzt aber, da mit Ausnahme der hartnäckigsten Corona-Leugner kaum jemand bezweifelt, dass das Coronavirus noch nicht verschwunden ist; jetzt, da Lukaschenkos geheime «Inauguration» in aller Deutlichkeit gezeigt hat, dass die weissrussische Diktatur dem Untergang geweiht ist; jetzt, da Putin die strategische Entscheidung getroffen hat, keine Truppen nach Weissrussland zu entsenden, sondern sich auf Finanzspritzen zu beschränken und den Weg der wirtschaftlichen Expansion zu wählen; jetzt, da der russische Präsident vor der Uno eine Rede hielt, die die ältere Generation der Russen an den Tonfall von Staatsmännern aus der Zeit des Untergangs des Sowjetimperiums denken liess – jetzt also rückt die Diskussion darüber, wer von ihnen, Biden oder Trump, im Hinblick auf eine mögliche Aufhebung (oder mindestens den Verzicht auf Verschärfung) der Sanktionen vorteilhafter für den Kreml wäre, wieder in den Vordergrund. Allerdings nicht mehr mit der gleichen Intensität.

Die Argumente der russischen Trump-Anhänger bleiben mehr oder weniger dieselben: Der alte Donald, sagen sie, der heimliche Sympathisant des grossen und mächtigen Wladimir, werde das, was er in der ersten Amtszeit nicht habe unternehmen können oder wollen, bestimmt in der zweiten Amtszeit tun. Es ist wenig überraschend, dass sich auch die Einwände der Gegner nicht gerade durch Frische und Neuheit auszeichnen.

Was die bisher eher schwunglose Diskussion über die US-Wahlen hingegen unterscheidet und etwas ankurbelt, sind im Wesentlichen die immer lauter vernehmbaren Stimmen russischer Intellektueller, die den Fokus von den russisch-amerikanischen Beziehungen auf das Schicksal der USA selbst verlagern. Ich meine diejenigen russischen Journalisten und Politologen, die in den amerikanischen Ereignissen der letzten Monate (insbesondere in der BLM-Bewegung, deren Aktionen von der offiziellen Propaganda als gewöhnliche Gewalttätigkeiten und Massenausschreitungen dargestellt werden) beinahe eine Reinkarnation der vorrevolutionären Situation vom Winter 1917 im zaristischen Russland sehen – mit dem einzigen Unterschied, dass die russische Intelligenzia sich nicht vor schwarzen Mitbürgern, sondern vor dem «einfachen Volk» schuldig fühlte.

Die Anhänger dieser Sichtweise werfen die Tatsache, dass Amerika entlang der «Trump-Linie» gespalten ist und sich am Rande eines revolutionären Abgrunds befindet, zuallererst den linken «Progressisten» (mehrheitlich liberalen Universitätsprofessoren) vor, die seit langem ganz bewusst radikal linke Stimmungen in der amerikanischen Gesellschaft anheizen, ja sogar unverhohlen zur «Demontage des widerlichen Kapitalismus» und zum Aufbau des Sozialismus aufrufen würden. Eines besonderen, eines humanen Sozialismus, so steht zu vermuten, eines Sozialismus mit einem amerikanischen «menschlichen Antlitz».

So jedenfalls sehen es Beobachter, die die russische Geschichte im 20. Jahrhundert nicht nur vom Hörensagen kennen und daher wissen, welch schreckliche, unumkehrbare Folgen leidenschaftliche Reuebekenntnisse der Intelligenzia gegenüber dem «einfachen Volk» haben können – egal, in welcher Verpackung (ob mit dem Fokus auf sozialen Fragen oder auf Rassefragen) diese Reuebekenntnisse daherkommen. Indem es das eigene historische Unglück auf den fruchtbaren amerikanischen Boden überträgt, skizziert das traumatisierte russische Bewusstsein schon die Wachtürme der Stalinschen Lager.

Es ist klar, dass die linken Intellektuellen für den Erfolg ihrer wahrhaft grandiosen Idee nicht auf den konservativen Republikaner Trump hoffen, sondern auf den liberalen Biden, der, wie sie vielleicht nicht ganz zu Unrecht annehmen, leichter unter Druck zu setzen sein wird.

Doppelt durchgezogene Linie

Wer, wenn nicht der Kreml, sollte man meinen, würde von dieser Entwicklung der Ereignisse profitieren? Na schön, es gäbe weder Wachtürme noch Exekutionskeller (wir leben schliesslich nicht mehr im 20. Jahrhundert, und Amerika ist nicht Russland) – aber wäre es nicht weitaus angenehmer, es mit einem schwachen, kranken Amerika zu tun zu haben, dem die letzten Reste politischer Stabilität abhandengekommen sind?

Doch nein. Selbst jetzt, da die Prognosen für Trump-Gegner so erfreuliche Zahlen ausweisen, ist der offizielle Kreml nach wie vor aufseiten Trumps. Es ist schwer zu sagen, was dabei mehr Einfluss hat – Putins persönliche Vorlieben (nicht umsonst heisst es, zwischen ihm und seinem amerikanischen Vis-à-vis «stimme die Chemie»), seine Abneigung gegenüber westlichen liberalen Werten, die er wiederholt offen zum Ausdruck gebracht hat, oder die fatale Schwerfälligkeit der russischen Politikmaschine, deren Konstruktion bekanntlich keinen Rückwärtsgang kennt. So oder so lautet die Parole auf der Kreml-Agenda nach wie vor: «Trump ist vielleicht ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn!»

Im Übrigen gibt es noch eine andere naheliegende Erklärung: Der Kreml würde womöglich gerne auf eine innenpolitische Katastrophe in Amerika setzen, glaubt aber – im Unterschied zu besorgten russischen Politologen, die einem «liberalen Amerika» lang andauernde, blutige Unruhen vorhersagen – nicht wirklich daran.

Denn es ist nur hier, in Russland, dass man mit unglaublicher, an die Zauberkünste von David Copperfield und Harry Houdini grenzender Leichtigkeit die Verfassung umschreiben kann: Diese Attraktion wurde dem staunenden Publikum meiner Erinnerung nach unter Wladimir Putin bereits zum dritten Mal vorgeführt. Und während Donald Trump noch nervöse Erklärungen darüber abgibt, dass er im Falle einer Wahlniederlage keine friedliche Machtübergabe garantieren könne, ziehen Kreml-Analysten, aus der frustrierenden Erfahrung von vier Jahren Trump klug geworden, die Unantastbarkeit der amerikanischen Verfassung längst nicht mehr in Zweifel. Sie ist und bleibt eine «doppelt durchgezogene Linie», die keine Präsidentenlimousine – unerheblich, ob von Biden oder von Trump – wird überfahren dürfen.

Wenn es sich so verhält, dann ist dies der seltene Fall, dass ich mit dem Kreml einer Meinung bin.

Elena Chizhova lebt als Schriftstellerin in St. Petersburg. Zuletzt ist bei DTV der Roman «Die Terrakottafrau» erschienen. – Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg.

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