Switzerland

Mit der Nasenklemme im Wasser rollen: So anstrengend ist Synchronschwimmen

Als Kind verfolgte ich begeistert die Küren der Synchronschwimmerinnen an den Olympischen Spielen. Mit offenem Mund sass ich jeweils vor dem Fernseher und liess mich von der Anmut der Frauen verzaubern, wenn sie mit Nasenklemme und hochroten Augen aus dem Wasser schossen und durch das Becken tänzelten. Als Wasserratte träumte ich deshalb schon lange davon, diese Sportart selbst auszuprobieren.

Als ich Ursi Hintermeister, die ehemalige Leiterin der Schwimmschule Limmattal, kennen lernte, nahm dieser Plan Gestalt an. Die 60-jährige Weiningerin bringt Kindern und Erwachsenen nicht nur seit Jahren das Schwimmen bei, sondern unterrichtet auch Artistic Swimming. Das ist mittlerweile der geläufige Begriff für den Wassersport. Und so kam es, dass ich mich eines Montagabends im Badeanzug im Geroldswiler Hallenbad wiederfand.

Aus den Boxen dröhnt der südafrikanische Ohrwurm «Jerusalema» von Master KG. Mit einem freudigen Lächeln begrüsst mich Ursi Hintermeister zu meiner ersten Synchronschwimmstunde. Sie klatscht mit den Händen und bewegt sich zum Rhythmus der Musik. «Das Lied ist toll, ich kann nicht stillhalten, wenn ich es höre», sagt sie. Ich kann ihr nur beipflichten und beginne auch, meine Hüften zu schwingen. Die Melodie wird mich den ganzen Abend begleiten. «Jerusalema» ist nämlich das Lied für meine Kür.
Damit ich die Musik auch unter Wasser höre, lässt Hintermeister den wasserdichten Lautsprecher ins Sprungbecken hinuntergleiten. Sie selbst kann sich noch genau an das Lied ihrer ersten Gruppen-Kür erinnern: «I got you Babe» von Sonny und Cher. «Wir hatten eine Vorstellung im Hallenbad in Rothrist. Speziell war, dass wird dazu pink-violette Badekleider trugen», sagt Hintermeister und lacht. Vielleicht wird mir die Melodie von «Jerusalema» auch noch nach ein paar Jahrzehnten das Hallenbad Geroldswil und meinen Synchronschwimm-Versuch zurück ins Gedächtnis rufen.

Das Wasserstampfen entscheidet über Erfolg oder Untergang

Bevor ich überhaupt nass werde, absolviere ich ein Aufwärmprogramm an Land. Im Trockenen kann die Synchronschwimmlehrerin mein vorhandenes oder fehlendes Talent besser überprüfen. «Die Spannung in den Beinen und den Füssen ist wichtig», sagt Hintermeister, als wir uns am Boden dehnen. Und auch die Paddeltechnik und das Wasserstampfen wollen gelernt sein. Die kreisrunden Bewegungen der Beine und der Arme, die an Land etwas sonderlich aussehen, entscheiden im Wasser über Erfolg oder Untergang. «Nur wenn du das richtig machst, hältst du dich während der Kür über Wasser», sagt die Expertin.

Ich spanne die Beine an und ziehe sie zum Bauch hoch. Das soll ich später im Wasser tun, wenn ich mich um mich selbst drehe. Ich scheine mich nicht schlecht anzustellen. Hintermeister nickt zufrieden. «Den Spagat will ich uns jetzt aber nicht antun», sagt sie und lacht. Viele Figuren im Artistic Swimming finden kopfüber unter Wasser statt. Ein zentrales Element ist dabei der Spagat an der Wasseroberfläche. Hintermeister legt viel Wert auf das Trockentraining. «Wenn es nicht genau sitzt, geht im Wasser nichts.» Daher müsse eine Kür bis ins kleinste Detail an Land eingeübt werden.

In drei trockenen Durchgängen zeigt mir meine Lehrerin die Choreografie. Der rechte Arm schnellt in die Höhe und gleitet langsam hinunter. Dasselbe passiert mit der anderen Seite. Der Blick ist dabei immer zur Hand gerichtet. Dann folgt die Drehung um sich selbst, einmal in die rechte und einmal in die linke Richtung. Als Nächstes werden die Beine passend zum Takt der Musik abwechslungsweise an den Oberkörper gezogen. Nach der Rolle rückwärts endet die Kür mit ausgestrecktem rechtem Arm und einem strahlenden Lächeln.

Hintermeister entdeckte das Artistic Swimming im Alter von elf Jahren. «Im Schwimmklub in Olten wurde Wasserballett – so hiess es damals – als neue Sportart angeboten», erzählt die gebürtige Oltnerin. Da ihr das Schnellschwimmen zu langweilig war, sei ihr das neue Angebot gerade recht gekommen. Acht Jahre betrieb sie den Leistungssport, bevor sie aus Zeitgründen zur Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft wechselte. Darauf verschrieb sie sich dem Tauchsport und noch später machte sie ihr Hobby zum Beruf und wurde Schwimmlehrerin. «Die Mutter einer Schwimmschülerin erkundigte sich bei mir nach Synchronschwimm-Unterricht und so kam es, dass ich nach über 30 Jahren Pause wieder zurück zum heutigen Artistic Swimming gefunden habe», so Hintermeister. Derzeit trainieren 17 Mädchen im Schwimmclub Limmattal in Geroldswil Artistic Swimming. Die Weiningerin ist eine von drei Lehrerinnen und übernimmt vier Lektionen pro Woche.

Die Nasenklemme verschwindet in den Tiefen des Beckens

Mit einem gekonnten Köpfler springt die 60-Jährige ins Becken und wiederholt die Kür im Wasser. Dies tut sie mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und Eleganz. Dann bin ich gefragt. Nervös stehe ich am Beckenrand. Kann ich das Gelernte umsetzen? Bevor ich mich ins Wasser wage, darf ich mir noch eine Nasenklemme aussuchen. Ich wähle eine violette, die passt am besten zum gleichfarbigen Badeanzug. «Jerusalema ikhaya lami», brummt es aus den Lautsprechern. Ich zähle auf acht, verpasse meinen Einsatz. Hintermeister blickt erwartungsvoll vom Becken hoch. Ich springe ins Wasser – natürlich viel weniger grazil als meine Lehrerin. Vielleicht war es sogar ein «Büchler». Zumindest spickt mir die Klemme sofort von der Nase. Abbruch. Ich gehe an Land und ziehe eine neue an. Dieses Mal ist sie weiss. Der nächste Sprung ist ebenso wenig erfolgreich. Die Klemme verschwindet in den Tiefen des Beckens. Hintermeister taucht runter zum Grund und sammelt sie ein, während ich die dritte Klemme an die Nase drücke. Ich muss mich mit einer fleischfarbenen begnügen. Aller guten Dinge sind drei, denke ich mir. Erleichterung. Die Klemme hält, als ich auftauche.

Ich gebe die Choreografie wieder, jedoch mit mehr Pausen zwischen den einzelnen Figuren. Sich über Wasser zu halten, ist anstrengend. Ich paddle wie verrückt mit Armen und Beinen. Die Nasenklemme ist nicht sonderlich förderlich für die Kondition. Eine Jogging-Runde ist nichts dagegen. Die Hitze steigt mir im 30 Grad warmen Hallenbad in den Kopf. Gut, dass ich die Rolle rückwärts mache und mein Haupt etwas abkühlen kann. Ich muss mit den Armen helfen und rudere heftig, damit ich den Purzelbaum im Wasser schaffe. Bei meiner Lehrerin hat das viel einfacher ausgesehen. Mit ausgestrecktem rechtem Arm tauche ich auf. Die nassen Haare kleben über meinem Gesicht.

Hintermeister zeigt mir, welche Figuren ich noch verbessern kann. Vor allem die Rolle rückwärts ist mir nicht gelungen. «Zieh den Kopf an deine Brust, dann geht die Drehung leichter», sagt sie. Ich versuche es, doch der Kopf tut das Gegenteil. Der Schwung wird abgebremst und ich rudere wieder heftig, um die Drehung hinzukriegen. Beim vierten Mal klappt es etwas besser. Jetzt gilt es nochmals ernst. Ich wiederhole die Kür und gebe mir Mühe, bereits unter Wasser mein bestes Lächeln aufzusetzen, damit ich bei der Schlusspose wenigstens ein bisschen anmutig aus dem Wasser auftauche.

Für eine Kür wird ein halbes Jahr trainiert

Mit meinem Grinsen scheine ich meine mittelmässige Leistung herausgerissen zu haben. Hintermeister lächelt, als ich ihr entgegenschwimme. «Du hast dich super angestellt. Mit deiner wunderbaren Ausstrahlung hast du schon die halbe Kür gewonnen», sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern an: «An der Kondition können wir noch arbeiten.» Ich bin erleichtert, als sie erzählt, dass ihre Schülerinnen ein halbes Jahr trainieren, bis eine solche zweieinhalbminütige Kür sitzt. Als Andenken darf ich die fleischfarbene Nasenklemme mit nach Hause nehmen. Ich verlasse das Hallenbad Geroldswil mit reichlich Wasser in den Ohren und mit der Erkenntnis, dass es zum Synchronschwimmen mehr braucht, als eine Wasserratte zu sein.

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