Switzerland

Mögen die Spiele nie beginnen

Der Mann steht mit zündrotem Kopf im Publikum und ringt um Fassung. Was ihr einfalle, zu sagen, Olympische Spiele passten nicht hierher, herrscht er sie an. «Soll denn Erdogan sie bekommen?» Für einen Moment ist es still im Saal des Hotels La Poste in Visp, die Harmonie ist gestört. Eben noch haben die Männer auf dem Podium von Aufbruch und Chancen geredet, Impulse für Tourismus und Wirtschaft versprochen, während das Publikum wohlwollend zuhörte. Bis die einzige Frau auf dem Podium das Wort ergriff. Überall werde gekürzt und gespart, sagte sie. Aber für so etwas habe man plötzlich Geld. Und: «Ein solcher Gigantismus passt nicht zum Wallis.»

Laura Schmid wusste haargenau, was sie in Visp erwartet: die glühendsten Befürworter der Spiele – die Touristiker. Auf dem Podium würde sie einen Mitstreiter haben, aber im Publikum würde es nur zwei Personen geben, die sie auf ihrer Seite weiss: ihre Eltern.

Es ist bezeichnend für die Rolle von Laura Schmid und Brigitte Wolf, die Geschäftsführerinnen der WWF- und der VCS-Sektion Oberwallis: Sie führen den Widerstand gegen die Olympischen Winterspiele Sion 2026 an. Und auf welchem der Podien sie auch immer diskutieren, die Wallis auf, Wallis ab stattfinden – stets treten sie gegen eine übermächtige Gegnerschaft an. Dennoch hoffen sie, dass ihre Botschaft ankommt und die Walliserinnen und Walliser diesen Sonntag einen Kredit von 100 Millionen Franken für die Olympischen Spiele ablehnen.

Sie rechneten mit allem

Laura Schmid und Brigitte Wolf treffen sich im Büro, das sich WWF und Alpenschützer in Brig teilen. Auf dem Büchergestell ragen Steinbockhörner zur Decke, angebracht auf pelzigen Velohelmen. Schmid nimmt ein Bündel Flyer in die Hand, das gerade von der Druckerei kommt: «Kurzes Fest. Langer Kater», steht darauf. «Als ich das erste Mal auf die Strasse ging, um sie zu verteilen, habe ich mir eine dicke Haut übergezogen», sagt Schmid.

Die Nein-Kampagne: Plakat beim Bahnhof Brig.

Die beiden Frauen konnten sich vorstellen, was sie draussen erwartete. WWF oder VCS engagieren sich naturgemäss für Themen, bei denen der Walliser rotsieht: für den Wolf. Für die Zweitwohnungsinitiative. Und immer wieder gegen Olympische Spiele. Schmids Vorgänger wurde vor über zwanzig Jahren spitalreif geschlagen, vier abtrünnige Grossräte kamen damals in der Zeitung wie Verbrecher gross im Bild. Wenn es darum geht, die eigenen Interessen gegen aussen zu verteidigen, hält das Wallis zusammen. Hinter dem Berg, im rauen Alpenklima, war man seit je auf sich gestellt und musste kämpfen. Wagt es einer, sich gegen die eigene Sache zu stellen, gilt er als Verräter.

Also zogen sie sich eine dicke Haut über und gingen auf die Strasse.

Also haben sich die Frauen eine dicke Haut übergezogen und gingen auf die Strasse. Sie rechneten mit allem. Mit bösen Worten, Drohungen, mit anonymen Briefen oder Anrufen. Aber nichts geschah. Stattdessen bekamen sie Anrufe von Personen, die sich bei ihnen bedankten. «Die Regierungen, die Verwaltungen, die Verbände, alle, alle sind für die Spiele. Offiziell», sagt Brigitte Wolf. Aber es gebe viele Leute, die sich nicht trauten, sich als Gegner zu outen. Wenige Jahre nur ist es her, dass der Pfarrer im Dorf von Schmids Grossmutter am Abstimmungssonntag von der Kanzel sagte, wie abgestimmt werden sollte – bevor die Dorfbewohner am Tisch des Kirchgemeindehauses gemeinsam die Abstimmungszettel ausfüllten. «Erst jetzt wächst eine Generation heran, von der die Mehrheit nicht mehr alles glaubt, was die Obrigkeit sagt», meint Schmid.

Die beiden Frauen sind ein ungleiches Duo. Brigitte Wolf (51) Biologin, ist impulsiv, es drängt sie, zu sagen, was sie denkt. Laura Schmid (32) Politologin, wartet auf den richtigen Moment. Wolf, die Churerin, kommt von aussen, wohnt aber seit über zwanzig Jahren im Wallis. Schmid, die Walliserin, ist von hier, wohnt aber in Bern. Was sie gemeinsam haben: Sie reden beide Klartext.

Stefan Grass, Alpenschützer und VCS-Präsident Graubündens, ist nicht überrascht, dass es zwei Frauen sind, die im Wallis die «Speerspitze des Widerstands» bilden – es sei dort fast nicht anders möglich. Viele Männer seien von Berufes wegen verfilzt, als Arbeitgeber, Mitglied eines Verbands oder einer Partei. «Sie schliessen die Reihen, wenn jemand anders denkt.» Schmid und Wolf aber sind unabhängig. Sie haben keine Stelle, keine Kunden, die sie verlieren, und keine Kinder, die gehänselt werden könnten. Dennoch: «Wer sich dem Establishment entgegensetzt, der muss Zivilcourage haben und wahnsinnig robust sein», sagt Grass. Man müsse es aushalten können, wenn man öffentlich und unter der Gürtellinie angegriffen werde. «Da sind schon manche an ihre Grenzen gekommen.»

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Schmid und Wolf waren vor diesem Abstimmungskampf schon Anfeindungen ausgesetzt. Sie erhielten verkappte Morddrohungen, oder man wünschte ihnen, dass der Wolf einmal ihre Kinder hole und fresse. Aber sie haben eine Strategie – sie spielen das Spiel nicht mit. Sie sagen sich: «Ja güet, dann sollen die Leute so denken.» Und reichen auch dem härtesten Wolfsgegner die Hand und reden auch mit dem grössten Scharfmacher unter den Schwarznasenschäfern. «Wir begegnen ihnen mit Freundlichkeit und sind offen für einen Dialog», sagt Schmid. Und vielleicht habe sie als Frau sogar einen Vorteil: Die Hemmschwelle, sie zu attackieren, sei grösser.

Die Walliserin ist stark

«Die Frauen im Wallis haben fast noch einen härteren Kopf als die Männer», sagt die Journalistin und Autorin Susanne Perren. In ihrem Buch «Rosenkranz Fastnachtstanz» hat sie 13 ältere Walliserinnen porträtiert: alle stark, keine je unterwürfig. Und auch unter den jüngeren Frauen erkennt sie diesen Typ Frau, selbstbewusst, auf lässige Art gut frisiert und gekleidet – von den Shoppingtouren nach Mailand. Woher kommt das? «Die Walliserinnen wissen, was sie leisten», sagt Perren. Letztlich waren sie es, die im rauen Bergklima Familie, Feld und Vieh versorgten, während die Männer zum Holzen in den Wald verschwanden. Viele Frauen sagten den Männern, was sie auf den Stimmzettel schreiben sollen, den sie dann zur Urne tragen durften. Vielleicht war es auch deshalb in einem Walliser Dorf, wo die Frauen zum ersten Mal in der Schweiz abstimmten; die Männer in Unterbäch hatten ihnen dieses Recht 1957 eingeräumt, als der obligatorische Zivildienst für Frauen diskutiert wurde.

Die unaufgeregte Haltung von Schmid und Wolf trägt ihnen Respekt von den Gegnern ein. «Sie macht es gut, argumentiert ruhig und sachlich», sagt Werner Augsburger, der Wolf an einem Podium erlebte. Augsburger arbeitete zehn Jahre für Swiss Olympic und führte mehrmals die Schweizer Sportdelegation an. Während der Veranstaltung habe es ihn aber öfter gejuckt, mitzureden. Er findet manche Aussagen der Gegnerinnen jenseits, ist aber in einem Punkt einverstanden: Der Preis für die Spiele ist zu hoch, wenn damit nur ein Sportanlass finanziert wird und kein gesellschaftlicher Nutzen herausschaut. Ideen dazu hat er deponiert.

Artikel: Das grosse Weibeln für Sion 2026 In der Schweiz warten grosse Hindernisse auf die Olympiakandidatur. In Pyeongchang kommen die Schweizer Pläne hingegen bestens an. (Abo+)

Das Team der Olympiakritiker war rasch gebildet – im Oberwallis engagiert sich nur eine Handvoll Personen im linken Lager. Mittlerweile ist es eingespielt: Schmid, die Strategin, organisiert und bedient die sozialen Medien. Wolf, die grüne Parlamentarierin, steht öfter bei Veranstaltungen hin. Und als OL-Weltmeisterin hat sie einen Sinn für die Ökonomie der Kräfte: Als die Befürworter schon Monate vor der Abstimmung die Regionalzeitungen mit Inseraten füllten, sagte sie: «Warten wir. Mit unserem kleinen Budget können wir nicht mithalten. Aber wir nutzen den besten Zeitpunkt.»

Wer gewinnt am Sonntag? «Am Ende werden es auch die Frauen sein, die den Sargnagel für das Projekt einschlagen», prognostiziert Alpenschützer Grass. Die Frauen seien es gewohnt, mit dem Geld zu haushalten. Wenn es aber schon für das Allerwichtigste nicht reicht, für Bildung und Gesundheit, dann seien sie nicht bereit, Millionen in einen Grossanlass zu stecken. Auch Schmid und Wolf sind zuversichtlich. Für einmal, sagen sie, kämpfen sie nicht von vornherein auf verlorenem Posten.

(Tages-Anzeiger)

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