Switzerland

Scharf beobachtete Geschichtslehrer

Zur Geschichte gibt es viele geflügelte Worte. «Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.» (Diejenigen, die sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern können, sind gezwungen, sie zu wiederholen.) Man muss den Satz des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana (1863-1952) wörtlich zitieren, weil viele anstelle von «Vergangenheit» «Geschichte» gesetzt haben.

Das Land der Eidgenossen und des Rütlischwurs

Damit ist bereits viel gesagt. «Lasst hören aus alter Zeit!» Das Motto ist noch gar nicht so lange aus den Schulstuben verschwunden. Geschichte dient der Identitätsbildung, so ist sie entstanden im 19. Jahrhundert: Wir sind, was wir geworden sind. Wie wichtig sie für das «state oder nation building» ist, sehen wir eigentlich erst heute, nachdem wir diese Phase hinter uns haben.

Heldenhafte Vergangenheit: Hodlers "Wilhelm Tell".

Wir haben aber damit nicht nur die Heldenmythen einer vorgestellten Vergangenheit hinter uns gelassen, sondern uns – oder unsere Geschichte – auf ein unergründliches, trügerisches Gebiet begeben. Anstelle der hochproblematischen Indoktrination einer heldenhaften Vergangenheit wissen wir nicht mehr recht, wie mit der Geschichte des eigenen Landes umzugehen ist.

Wie sollen unsere Lehrer damit umgehen? Die Frage geht an den Geschichtsdidaktiker Peter Gautschi von der PH Luzern, der dazu ein Forschungsprojekt leitet. Geschichtsunterricht könne man durchaus zur Wissenschafts-Vorbildung betreiben, sagt er differenzierend. Dann diene sie als eine Schule des kritischen Denkens. Man erlebt, dass Vergangenheit meist kontrovers wahrgenommen wird, dass man Quellen kritisch anschauen muss. Natürlich spielt der moderne Begriff «Fake News» auch hinein.

Das klingt nach Distanzierung. Die Geschichte nur als Vehikel für allgemeine Geistesbildung? So sei das nicht gemeint. «Heute sind die Fächer ‹Geschichte› und ‹Politische Bildung› vielenorts zusammen gelegt. Das verschafft der Geschichte wieder Resonanz als ‹Lehrmeisterin für Gegenwart und Zukunft›. Politische Bildung umfasst auch das Wissen, wie geworden ist, was heute ist.»

Indem man das eigenständige Fach Geschichte abgeschafft hat, habe man aber gleichzeitig auch die Interpretation der Vergangenheit anderen Playern überlassen, sagt Gautschi. Nicht nur die Politik rede mit, sondern auch Eltern und Interessengruppen aus Wirtschaft und Kultur. Dass sich Vertreter einer nationalkonservativen Denkrichtung da verpflichtet fühlen, leuchtet ein. Die Abgrenzung zur EU ist immer mindestens ein bisschen historisch unterfüttert: Wir waren schliesslich «immer schon» unabhängig.

Die Wertediskussion braucht einen «geschützten Raum»

Man darf das nicht unterschätzen. Es geht nicht nur um die Rettung der Schlacht von Morgarten, sondern durchaus auch um Aktualität. Unsere mythenbeladene Vergangenheitsdeutung stammt aus einer Zeit, in der das Wort der Älteren noch etwas galt. Mit dem Schwinden des traditionellen Autoritätsverständnisses haben wir uns – neben all den Vorteilen – auch einen allgemeinen Hang zur Respektlosigkeit eingehandelt. Die Lehrer können nun nicht mehr erzählen, «wie es war» und die Erinnerungsreproduktionsleistung benoten.

Der Verlust geht tiefer. Gautschi nennt es den Verlust des «geschützten Raums». Politische Bildung soll sich mit Staat, Verfassung und den geltenden Werten beschäftigen. Um die Grenzen zu erleben, welche Verfassung und Staat ziehen, muss man über Grenzüberschreitungen diskutieren können. Meinungsfreiheit – in Frankreich, aber auch bei uns – diskutieren, ohne die Mohammed-Karikaturen zu erwähnen – wie soll das gehen? Dass es gar nicht darum ging zu provozieren, sondern die Karikaturen nur als Beispiele dienten, war offenbar für religiöse Fanatiker zu kompliziert.

Die Einschüchterungsphase haben wir schon hinter uns

1940, Zweiter Weltkrieg: Flüchtlinge an der Schweizer Grenze zu Frankreich. Das Thema, wie viele Flüchtlinge die Schweiz abgewiesen oder aufgenommen hatte, flammt immer wieder auf.

Die «heisse Phase» der Debatte um die Geschichte haben wir in der Schweiz hinter uns. Sie begann Mitte der 1990er-Jahre, als die Diskussion um die jüdischen Vermögen bei Schweizer Banken wieder einmal aufflammte, und gipfelte in der Einsetzung der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Bergier-Kommission). Damals stritt man, «ob die Geschichte umgeschrieben» werden müsse; die Diffamierung als «Nestbeschmutzers» wurde umgedeutet zum «Vergangenheitsbeschmutzer». Die Wogen schlugen hoch. Nicht zuletzt darum, weil sich viele, die noch «dabei gewesen waren», ungerecht behandelt vorkamen. Da gab es Versuche der Einschüchterung und Beeinflussung.

Es ging weiter als das Lehrer-Bashing, das man auch heute beobachtet. Die Politik, die Eltern und andere Kreise mischen sich immer noch ein, wenn sie das Gefühl haben, da werde an einem offensichtlichen Zweck vorbei gelehrt. Dem Staat kann das auch nicht gleichgültig sein. Schliesslich geht es darum, wie junge Menschen in die Gesellschaft der Erwachsenen und Mündigen eingegliedert werden sollen.

Die Didaktik schützt die Lehrpersonen, indem sie Regeln formuliert: Es gibt ein «Überwältigungsverbot», dem Schüler dürfen keine Meinung aufgezwungen werden. Daneben gibt es zwei Gebote: Das «Analysegebot», werdende Schüler müssen in die Lage versetzt werden, die eigenen Interessen und die politische Situation zu durchschauen; und schliesslich das «Kontroversitätsgebot»: Themen, welche in der Gesellschaft kontrovers gesehen werden, sollen auch kontrovers behandelt werden.

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