Switzerland
This article was added by the user Anna. TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

«Sind die Nazis zurück?» – Der Lockdown ruft bei manchen Holocaust-Überlebenden traumatische Erinnerungen wach. Andere reagieren erstaunlich resilient

Shoah-Überlebende gehören zur Corona-Risikogruppe und mussten sich früh zu Hause isolieren. Die Zürcherin Anita Winter gründete darum eine Corona-Hotline für sie.

Anita Winter und Tochter Alisa engagieren sich in der Gamaraal Foundation für Überlebende des Holocaust.

Anita Winter und Tochter Alisa engagieren sich in der Gamaraal Foundation für Überlebende des Holocaust.

Karin Hofer / NZZ

Am ersten Tag des Lockdowns im Frühjahr begann Ruth Yaacobi* zu fragen: «Warum dürfen wir nicht rausgehen? Sind die Nazis zurück? Müssen wir weggehen? Müssen wir uns verstecken?» Immer und immer wieder mussten der Ehemann und die Tochter der 88-jährigen Frau versichern, dass die Nazis nicht zurückgekommen seien. Einen Monat lang ging das so. «Das Kurzzeitgedächtnis meiner Mutter funktioniert nicht mehr», sagt die Tochter. Sie war während des Lockdowns zu den Eltern an den Zürichsee gezogen. «Weil sie plötzlich das Haus nicht mehr verlassen durfte, wurden anscheinend die Erfahrungen aus der Kindheit reaktiviert.»

Zwei Mal musste Ruth Yaacobi in jungen Jahren eine vollkommene Veränderung ihres Umfelds verkraften. 1932 als Tochter einer Ärztin und eines Musikers in Berlin geboren, floh das jüdische Mädchen im Alter von sechs Jahren allein nach Holland. An der Grenze wurde sie wildfremden Menschen übergeben, lebte bis zum Alter von dreizehn Jahren unter falschem Namen bei einer katholischen Familie. Nach Kriegsende holte ihr Vater sie zu sich. Er hatte in Amsterdam im Untergrund überlebt, die Mutter war in Deutschland in einer Psychiatrie ermordet worden. Wieder musste sich das Mädchen an ein neues kulturelles Umfeld anpassen: Sie wohnte nun beim Vater und seiner neuen Frau, einer liberalen evangelischen Konzertpianistin.

Nicht nur für die Psyche der Holocaust-Überlebenden stellt die Pandemie eine Gefahr dar. Wegen ihres Alters gehören sie zur Risikogruppe. Allein in Israel sind etwa die Hälfte der Juden über 75 Jahre Überlebende des Genozids. So wie Aryeh Even, das erste israelische Todesopfer des Virus.

«Grösste Bedrohung seit dem Zweiten Weltkrieg»

Auch die etwa 450 Überlebenden, die heute in der Schweiz wohnen, sind gefährdet. Im jüdischen Altersheim Skina in Zürich musste eine Covid-Abteilung eingerichtet werden, um erkrankte Bewohner zu separieren. Als «grösste Bedrohung dieser Generation seit dem Zweiten Weltkrieg» hat der Holocaust-Experte Stephen D. Smith die Pandemie in der «New York Times» bezeichnet. Er leitet die USC Shoah Foundation, die Interviews mit Überlebenden aufzeichnet, um sie als Zeugnisse zu erhalten. Viele von ihnen erzählten erst jetzt ihre Geschichten vollständig, sagt er.

Diese Erfahrung hat auch die Zürcherin Anita Winter gemacht. 2014 hat sie die Gamaraal Foundation gegründet, die sich in der Holocaust-Erziehungsarbeit engagiert und Überlebende in der Schweiz unterstützt, neben Juden auch politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti und Roma oder Zeugen Jehovas. «Viele von ihnen reden jetzt offener, weil sie befürchten, die Pandemie nicht zu überleben, und bestimmte Dinge vorher noch erzählen möchten.» Als die Holocaust-Überlebenden wegen Corona gezwungen waren, sich zu Hause zu isolieren, richtete die Gamaraal Foundation eine Corona-Hotline ein.

Tag und Nacht können sich die Überlebenden dort melden, wenn sie konkrete Hilfe brauchen oder einfach nur jemanden zum Reden. Jedem wurde ein Freiwilliger zugeordnet, der Einkäufe erledigt, Medikamente vorbeibringt, sich am Telefon kümmert. Insgesamt vierzig Personen waren bisher ehrenamtlich im Einsatz, die meisten von ihnen Studenten oder junge Arbeitnehmer. Fälle von Retraumatisierungen wie bei Ruth Yaacobi waren eher selten: «Wir alle waren beeindruckt von der Resilienz der Überlebenden», sagt Anita Winter, die selbst viele der Gespräche geführt hat. Laut Gary J. Kennedy, dem Direktor der geriatrischen Abteilung des Montefiore Medical Center in New York, ist diese Resilienz «eine Norm, nicht eine Ausnahme. Wer den Holocaust überlebt hat, gehört zu einer auserwählten Gruppe», sagte er gegenüber der «New York Times».

Auch der Professor Amit Shrira von der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv bescheinigt den Überlebenden eine «beeindruckende Widerstandsfähigkeit». Er hat die psychischen Auswirkungen der Pandemie auf israelische Holocaust-Überlebende wissenschaftlich untersucht. Obwohl manche der derzeitigen Gesundheitsregeln laut Shrira den Lebensbedingungen des Holocaust ähneln, stieg die psychische Belastung der Überlebenden nicht stärker als bei der Kontrollgruppe, die vom Holocaust nicht persönlich betroffen war. Ein deutlich erhöhter Leidensdruck zeigte sich in seiner Studie lediglich bei jenen Überlebenden, die schon während des Holocaust mit Infektionskrankheiten konfrontiert gewesen waren – etwa an Tuberkulose oder Ruhr gelitten hatten.

Parallelen zu Kriegserfahrungen

Dennoch belasten die Ungewissheit und die Einsamkeit viele der Überlebenden. Dies geht aus Mitschriften von Gesprächen der Gamaraal-Stiftung hervor, von denen einige der NZZ vorliegen – anonymisiert und im Einverständnis mit den Betroffenen. Mehrmals hatte die Stiftung in diesem Jahr Anfragen von Historikern erhalten, die sich nach dem Umgang der Überlebenden mit der Pandemie erkundigten. Darum begann man im Juli, einige von ihnen unabhängig von der Hotline telefonisch zu befragen, um mehr über ihre einzigartige Sicht auf die Gegenwart zu erfahren. Geschichtsstudenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, stellten den Überlebenden Fragen – etwa ob die Pandemie sie an ihre Erfahrungen während des Holocaust erinnere. Einige erkannten tatsächlich Parallelen:

«Während des Lockdowns habe ich schon gesagt, dass es mich an die Kriegszeiten erinnert, vor allem an die Zeit, als es noch nicht ganz so schlimm war. Man hat damals auch jeden Tag Radio gehört und das Kriegsgeschehen verfolgt: Wie nah sind die Deutschen? Wie steht es? Was passiert? Werden wir deportiert? Werden Bomben fallen? All das musste man immer jeden Tag sehr, sehr genau verfolgen. Und das ist jetzt hier ähnlich. Jeden Abend mit der ‹Tagesschau›, da muss man einfach schauen, wie die Situation ist.»

Vielen setzte vor allem die Unsichtbarkeit der Bedrohung zu:

«Im Zweiten Weltkrieg wusste man um den Feind, in der jetzigen Situation kann jeder Träger des Virus und somit gewissermassen Feind sein. Das ist sehr beunruhigend. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis, und manchmal ist das noch ein schlimmeres Gefühl als im Krieg.»

Die meisten jedoch weisen Vergleiche der Pandemie mit der Zeit des Nationalsozialismus entschieden zurück. Eine der befragten Personen bringt es auf die kurze Formel: «Wenn jemand den Holocaust überlebt hat, ist Corona nichts dagegen.» Eine andere Person sagt:

«Oh, mein Gott! Das ist eine Dummheit! Das ist eine grosse Dummheit. Nichts kann man mit einem Krieg vergleichen. O nein, ich habe das selber als Kind erlebt. Ich bin im Krieg geboren worden. In einem Krieg, auch wenn man aufpasst, kann man sterben. Man wird getötet, auch wenn man aufpasst. Und in so einer Krise, wenn man aufpasst, dann stirbt man nicht. Das ist der grosse Unterschied.»

Dennoch weckt gerade die Todesgefahr durch das Virus alte Erinnerungen. Der potenzielle Mangel an Intensivkapazitäten und die damit verbundene Triage beschäftigt einige jener Überlebenden, die in Konzentrationslagern Selektion erlebt haben oder Abwägungsentscheidungen über Leben und Tod treffen mussten – etwa wenn auf der Flucht nicht jeder mitgenommen werden konnte. Ein Überlebender aus dem Tessin erzählt der NZZ am Telefon von seinen Erfahrungen in Arbeitslagern, in denen er im Alter von siebzehn bis einundzwanzig Jahren inhaftiert war. Direkte Selektion, so betont er, habe er dort nicht erlebt. Doch wer krank geworden und länger als sieben Tage arbeitsunfähig gewesen sei, sei ins KZ Gross-Rosen deportiert und vergast worden.

Umso empörter ist er, dass nun alte Menschen im Falle einer Überlastung des Gesundheitssystems keine Intensivbehandlung mehr bekommen sollen. «Ärzte sind da, um zu heilen. Man darf ihnen nicht die Entscheidung über Leben und Tod überlassen.» Im Sommer hätte man die Zahl der Intensivbetten aufstocken müssen, findet er. «Alte Menschen werden nur noch als Bürde der Gesellschaft gesehen.»

Der Feind ist unsichtbar

Ein Überlebender, erzählt Anita Winter, litt darunter, wegen Corona nicht mehr nach draussen gehen zu dürfen, weil es ihn an jene Zeit erinnerte, als er, 19-jährig, untergetaucht war. Mit falschen Papieren, die ihn als Christen ausgaben, lebte er in Ostpolen. Schon damals habe auf der Strasse stets die Gefahr gelauert. Während der Pandemie habe er es darum als besonders bedrohlich empfunden, dass der «Feind» unsichtbar und potenziell überall sei. «Damals wussten wir wenigstens, wer der Feind war», sagte er zu Anita Winter.

Viele der Überlebenden vermissen die Vorträge in Schulen, bei denen sie Schülern von ihren Erfahrungen aus der Nazizeit berichten. Auch die meisten Gedenkveranstaltungen konnten in diesem Jahr nur online stattfinden. «Das ist besonders traurig und schmerzhaft, da dies die letzten Jahre sind, in denen Überlebende an diesen Veranstaltungen teilnehmen und ihre Zeugnisse austauschen können», erklärt der European Jewish Congress (EJC) auf Anfrage. «Die Pandemie wird uns zwingen, das Format der Gedenkveranstaltungen zu überdenken, um ein breiteres Publikum, einschliesslich der jüngeren Generation, zu erreichen und gleichzeitig die Überlebenden einzubeziehen und zu ehren.» Als kreative Alternative verweist der EJC auf junge Israeli, die am Holocaust-Gedenktag Veranstaltungen auf den Strassen vor Altenheimen organisiert hatten.

Während Bildungsveranstaltungen zum Holocaust abgesagt werden müssen, dringen antisemitische Verschwörungstheorien immer weiter in den Mainstream vor. In den Gesprächsmitschriften der Gamaraal-Stiftung kommt auch die Angst vor den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie zum Ausdruck:

«An der Spanischen Grippe sind so viele Leute gestorben, und dann kam eine wirtschaftliche Krise. Danach kam der Hitler, das war irgendwie eine Spätfolge. Hoffentlich kommt jetzt nicht so etwas.»

Auch die freiwilligen Helfer profitieren von der Hotline

Die am Zürichsee aufgewachsene Kinderfachärztin und Psychotherapeutin Marguerite Dunitz-Scheer stand den Freiwilligen der Corona-Hotline von Beginn an beratend zur Seite. Sie hat sich auf die Arbeit mit traumatisierten Patienten spezialisiert. Eine Notfall-Hotline, sagt sie, müsse so unkompliziert wie möglich funktionieren und das halten können, was sie verspreche. Vor allem müsse jederzeit jemand erreichbar sein. Auch die Auswahl der Freiwilligen sei wichtig, schliesslich lägen zwischen ihnen und den Überlebenden bis zu siebzig Jahre Altersunterschied und ein völlig anderer Erfahrungshorizont. «Man muss Freiwillige finden, die feinfühlig, interessiert und respektvoll sind. Viele der alten Menschen können ihre Bedürfnisse gar nicht konkret artikulieren.» Die Freiwilligen könnten jedoch auch selber enorm von diesen Erfahrungen profitieren.

So sieht es auch Benjamin Frick. Als einer der vierzig Freiwilligen hat er sich im Frühjahr um ein Ehepaar aus Zürich gekümmert. Er würde jederzeit wieder an dem Projekt teilnehmen, und dennoch habe er vor allem die telefonische Betreuung unterschätzt, erzählt er. Obwohl er Geschichte studiert und sich mit dem Thema Holocaust ausgekannt habe, sei der direkte Kontakt mit Überlebenden doch noch einmal etwas anderes gewesen. «Extrem eindrücklich» waren die Gespräche für ihn.

Auch Alisa Winter gingen die Telefonate sehr nahe. Die Tochter von Anita Winter arbeitet seit Jahren im Stiftungsrat der Gamaraal Foundation, der enge Kontakt mit Überlebenden ist für sie nichts Neues. Während der Pandemie sei ihr jedoch aufgefallen, dass das Bedürfnis gewachsen sei, von den Erlebnissen der Vergangenheit zu erzählen, aus Sorge, die Schicksale könnten nun vergessen gehen. Die junge Zürcherin hat zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder die Hilfsaktion ins Leben gerufen, Aufrufe auf Facebook und Linkedin gepostet und die Zuteilung der Freiwilligen verantwortet. «Wir mussten genau planen, wie jeglicher physische Kontakt vermieden werden kann. Ausserdem mussten wir dafür sensibilisieren, worauf man im Kontakt mit Überlebenden achten muss. Viele von ihnen können aufgrund ihrer Erlebnisse nur schwer Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen.»

Die Tochter von Ruth Yaacobi ist froh, dass sie die Zeit des Lockdowns bei den Eltern verbringen konnte. Inzwischen ist sie wieder in ihre Wahlheimat Österreich zurückgekehrt. Es beruhigt sie, dass die Eltern im Notfall die Corona-Hotline von Gamaraal anrufen können. Derzeit habe sich die Lage ihrer Mutter aber stabilisiert. Nachdem Ruth Yaacobi zunächst geglaubt hatte, man könne wegen der Nazis nicht vor die Tür gehen, waren als Nächstes Erinnerungen an ihre Besuche in Israel hochgekommen. «The arabs are making trouble again», war sie überzeugt.

Erst als der Lockdown Ende April gelockert worden sei und sie wieder wie früher jede Woche zum Coiffeur habe gehen können, habe sie sich beruhigt, erzählt die Tochter. «Als sie die Menschen mit ihren Masken gesehen hat, begriff sie, dass es sich um eine Pandemie handelt. Seither wird sie bestens mit Corona fertig.» Sie habe verstanden, dass die Situation etwas völlig anderes sei als der Krieg.

* Name von der Redaktion geändert.