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Sonntagsgespräch über Sport: «Fitnesstraining ist gegen unsere Natur»

Harvard-Professor Daniel Lieberman erforscht die Evolutionsgeschichte der menschlichen Bewegung. Wir seien faul geboren – und dafür gebe es gute Gründe, sagt er.

Unsere Evolution treibt uns nicht zum Hantelnstemmen.

Unsere Evolution treibt uns nicht zum Hantelnstemmen.

Foto: Plainpicture

Sportmuffel werden Ihr neues Buch «Exercised» lieben: Sich auf dem Laufband abmühen, Hanteln stemmen – Ihrer Meinung nach sind das absurde Beschäftigungen.

Laufbänder hat man ursprünglich zur Bestrafung in Gefängnissen eingesetzt, erstaunlich finde ich das nicht. Sie sind laut, teuer und ein Sinnbild dafür, was mit unserem Verständnis von Fitness und Gesundheit schiefläuft.

Was denn?

Wir machen den Menschen ständig ein schlechtes Gewissen. Heute heisst es häufig: Wer nicht fit ist, der ist faul. Mich stört dieser moralische Grundton. Er ist wenig hilfreich, und ein Blick in die Evolution zeigt: Er ist falsch.

Sie sind Evolutionsbiologe, was sagt uns die Evolution über Fitnesstraining?

Es ist gegen unsere Natur.

Das müssen Sie erklären.

Wir haben dieses Bild unserer unglaublich fitten Vorfahren im Kopf, den Jägern und Sammlern. Sie kletterten, rannten, liefen und jagten den ganzen Tag. Und deshalb ist der scheinbar logische Schluss daraus: Auch wir müssten nichts lieber tun als ständig zu trainieren – und dass wir das aber nicht tun, weil wir degeneriert sind und den Bezug zur Natur verloren haben.

Unser Körper hat sich seit damals kaum verändert.

Stimmt, er funktioniert noch immer nach mehr oder weniger den gleichen Prinzipien wie damals in der Höhle. Trotzdem ist das ein grosses Missverständnis.

Warum?

Wenn ständige Bewegung unsere natürliche Lebensweise ist, warum gibt es dann so viele Menschen, die sich kaum bewegen? Ich weiss, in der Schweiz sind die Menschen einiges fitter als in den USA, aber trotzdem betrifft dieser Trend alle westlichen Länder. Um herauszufinden, was es mit diesem Mythos der ständigen Bewegung auf sich hat, bin ich zu den wenigen Jäger-Sammler-Kulturen gereist, die es noch gibt, beispielsweise die häufig erforschte Gruppe der Hazda im Nordwesten Tansanias. Und wissen Sie, was diese Menschen den grössten Teil des Tages machen?

Sich nicht bewegen?

Sich kaum bewegen. Sie sitzen am Boden und gehen leichten Arbeiten nach. Natürlich haben sie immer wieder Phasen, in denen sie sich mehrere Stunden bewegen, wenn sie beispielsweise jagen. Aber im Durchschnitt sind das nicht mehr als ein, zwei Stunden pro Tag. Und wenn sie sich nicht bewegen müssen, dann tun sie das auch nicht. In unserer langen Geschichte haben sich die Menschen dann bewegt, wenn es zur Nahrungsbeschaffung nötig war, und ansonsten sind sie irgendwo gesessen und haben sich ausgeruht. Dieses Verhalten hat sich über Millionen von Jahren entwickelt, weil es aus evolutionsgeschichtlicher Sicht richtig ist.

Wieso denn das?

Weil es der Evolution egal ist, ob Sie glücklich oder gesund sind. Es geht nur darum, dass Sie sich fortpflanzen und darauf Ihre Energie verwenden. Also ruhen Sie sich aus, wann immer Sie die Möglichkeit dazu haben. Wir sind faul geboren. Bei uns jedoch gilt Sitzen bald schon als so verwerflich wie Rauchen.

Langes Sitzen ist ja auch nicht besonders gut. Der Rücken fängt an zu schmerzen, die Durchblutung in den Beinen ist schlecht.

Das stimmt. Aber wenn wir es verteufeln, bringt uns das kein bisschen weiter. Und wer einen Bürojob hat, der hat oft auch keine andere Wahl. Wichtig ist, nicht zu lange am Stück zu sitzen. Sich möglichst immer wieder zwischendurch etwas zu bewegen. Und wer ohne Lehne sitzen kann, der lässt gleichzeitig seine Rückenmuskeln arbeiten. Bei den Jägern und Sammlern gibt es keine Lehnen. Sie sitzen auf dem Boden, wo man sowieso immer wieder mal die Position verändert.

Unser Gehirn hat sich so entwickelt, dass es uns nur zur Bewegung anstachelt, wenn es nötig ist – oder irgendeine Belohnung dafür rausspringt.

Auch wenn wir nicht dazu geboren sind, Fitnesstraining zu machen: Unzählige Studien haben schon gezeigt, wie gesund Bewegung ist.

Auf jeden Fall. Es liegt mir fern, zu behaupten, dass Bewegung ungesund ist. Das wäre ein grosses Missverständnis. Bewegung ist sehr gesund. Es fördert die Durchblutung, hilft gegen chronische Entzündungsprozesse, beugt Herzleiden oder Demenz vor. Ich will aber aufzuzeigen, dass es eine natürliche Reaktion ist, nicht trainieren zu wollen, und dass Training etwas ist, das es in unserer Evolutionsgeschichte nicht gegeben hat. Ausserdem kommt es auf das Mass der Bewegung an. Heutige Spitzenathleten liegen bei weitem über dem, wie viel sich unsere Vorfahren im Alltag bewegten.

Unser Dilemma ist also: Wir sind faul geboren und bewegen uns vor allem dann, wenn es die Lebensumstände erfordern. Und heute erfordern sie es selten.

Ja. Unsere Körper haben sich eigentlich so entwickelt, dass wir uns das ganze Leben neben Ruhepausen auch immer in gewissem Masse bewegen sollten. Aber unser Gehirn hat sich gleichzeitig so entwickelt, dass es uns nur zur Bewegung anstachelt, wenn es nötig ist oder irgendeine Belohnung dafür rausspringt. Ich habe in Mexiko die indigene Bevölkerungsgruppe der Tarahumara besucht, die sich gewisse Elemente ihrer präkolumbianischen Kultur bewahrt hat. Ernesto, ein älterer Mann, hat mich mitgenommen, um bei einem traditionellen Fest zuzuschauen, bei dem lange Strecken gerannt werden. Auf meine Frage, wie sie trainieren würden, hat er mich ungläubig angeschaut. Training als Konzept gibt es bei den Tarahumara nicht. Sie bewegen sich in ihrem Alltag, und daraus ziehen sie ihre Fitness.

Sie sind selbst Marathonläufer. Warum trainieren Sie dann regelmässig?

Weil ich es gern tue, aber das war nicht immer so. Als Kind gehörte ich im Turnen eher zu denen, die als Letzte für eine Mannschaft gewählt wurden. Auch in meinen Zwanzigern und Dreissigern war ich nicht gerade sehr sportlich. Aber irgendwann begannen mich meine Forschungen zur evolutionären Entwicklung unserer Bewegung anzuspornen. Ich begann zu joggen, und schliesslich bin ich bei der Marathondistanz gelandet. Aber auch ich muss mich oft zur Bewegung überwinden. Wenn ich zur Arbeit komme, schaue ich jeden Tag sehnsuchtsvoll den Lift an, bevor ich beginne Treppen zu steigen.

Warum nehmen Sie nicht einfach den Lift?

Weil es bekannt ist, dass ich zum Thema Bewegung forsche. Meine früheren Forschungen kreisten sogar um das Thema Laufen. Ich nehme die Treppen also aus sozialen Gründen, weil ich ein gutes Vorbild sein möchte.

Wir sind faul geboren, aber Bewegung ist gesund. Was sollen wir also tun?

Es ging mir nicht darum, einen Ratgeber zu schreiben, wie man zu mehr Bewegung kommt. Ich wünsche mir, dass man Menschen, die sich wenig bewegen, mit viel mehr Verständnis begegnet, und ihnen nicht ständig sagt, wie schlecht und faul sie seien.

Wenn sich nun aber jemand wünscht, aktiver zu werden, es aber einfach nicht schafft. Was raten Sie dann?

Es gibt schon einige Punkte, die helfen könnten. Zuerst muss man aber wissen, dass es für Menschen, die sich lange nicht bewegt haben, tatsächlich einiges schwieriger ist, sich aufzuraffen, als für regelmässige Sportler.

Warum?

Wir haben ein Belohnungssystem im Gehirn. Bin ich beispielsweise laufen gewesen, schüttet mein Gehirn verschiedene Botenstoffe aus. Sie machen, dass ich mich gut fühle. Das sind Dopamin, Serotonin, Endorphine und Endocannabinoide. Das Dopaminsystem zum Beispiel gibt tief in meinem Gehirn Signale, dass wir das Laufen bald wieder machen sollten. Nun hat aber dieses System ein kleines Problem.

Was für eines?

Es funktioniert vor allem gut bei Menschen, die sich bereits viel bewegen. Ich werde beispielsweise ganz kribbelig, wenn ich mich einige Tage nicht bewege, und meine Frau schickt mich dann joggen. Aber bei Menschen, die sich lange nicht bewegt haben, funktioniert dieser Mechanismus am Anfang nicht so gut. Und vor allem wird das Dopamin erst während der Bewegung ausgeschüttet, es bringt uns also nicht dazu, vom bequemen Sofa aufzustehen.

Wie können also Unsportliche dieses System aktivieren?

In den ersten Wochen muss man sich andere Anreize suchen, am besten im sozialen Bereich. Wir sind zutiefst soziale Wesen und haben es als Spezies so weit gebracht, weil wir mit anderen zusammenspannen können. Wenn man sich also bewegt, weil man sich mit jemandem verabredet hat, dann nützen wir eine andere Eigenschaft, die unsere Evolution hervorgebracht hat. Genau so ist es, wenn man sich anstrengt, weil man sich vor den Freunden keine Blösse geben will. Das ist, wie wenn ich den Lift nicht nehme, weil ich annehme, dass man von mir etwas anderes erwartet.

Was könnte sonst noch helfen?

Man sollte sich auf jeden Fall etwas suchen, das einem Spass macht. Was uns emotional eine Befriedigung gibt. Oder wenn einem nichts Spass macht, das, was man sich am ehesten vorstellen kann. Wer sich auf dem Laufband oder an den Maschinen langweilt, der wird das nicht lange durchhalten. Man kann sich auch selbst Belohnungen geben – oder, wie eine Bekannte von mir, Bestrafungen, wenn man sich nicht bewegt.

Wie hat sie das gemacht?

Sie hat eine Vertrauensperson bestimmt, der sie einen gewissen Geldbetrag anvertraut hat. Das war ihr Mann. Er hatte den Auftrag, jedes Mal, wenn meine Bekannte nicht laufen gegangen ist, der National Rifle Association über eine bestimmte Website 25 Dollar zu überweisen. Das ist die Organisation der US-Waffenlobby. Meine Bekannte hasst sie. Sie hat keinen einzigen Lauftag verpasst.

Daniel Lieberman, Exercised, The Science of Physical Activity, Rest and Health. Eine deutsche Übersetzung ist in Planung.

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