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«#vergewaltigt – aber kein Opfer!»

«Mein Name ist Mabelle, bin 24, Mutter zweier Kinder und Bloggerin, und ich bin als 13-Jährige von einem Gleichaltrigen vergewaltigt worden.»

«Mein Name ist Luisa, ich bin 21 Jahre alt und Schauspielschülerin und habe sexuelle Gewalt erlebt.»

«Ich bin Jorinde Wiese, ich bin 25 Jahre alt, Studentin, Aktivistin, Bloggerin, und ich wurde mit 19 Jahren oral vergewaltigt.»

«Ich bin Morena Diaz, 27, und ich bin 2018 von einem guten Freund vergewaltigt worden.»

Im SRF-«Reporter» «#vergewaltigt – aber kein Opfer!» vom Sonntagabend erzählen diese vier jungen Frauen davon, was ihnen widerfahren ist und wieso sie öffentlich darüber sprechen.

Sie alle kannten ihre Vergewaltiger. Zahlen, die im Film dazu eingeblendet werden, zeigen, dass das bei beinahe 70 Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren, der Fall ist.

Dass die Täter Bekannte waren, hat die Frauen besonders schockiert. Diaz beschreibt, wie sie plötzlich ihre Arme, ihre Beine, einfach gar nichts mehr spürte. Sie konnte sich nicht wehren. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Jorinde Wiese habe alles mitgekriegt und doch nichts tun können. Solano dachte nur noch, dass sie es über sich ergehen lasse. So sei es schneller vorbei und sie könne sich in Sicherheit bringen.

Mabelle Solano brauchte 10 Jahre, um offen über ihre Vergewaltigung sprechen zu können. Foto: SRF

Kein Wunder, sei ihr das passiert, bei so viel nackter Haut, die sie auf Instagram zeige, kommentierten Leute bei Diaz unter ihrem Post, in dem sie ihre Vergewaltigung Anfang dieses Jahres publik machte. «Hättest du dich doch gewehrt», hörte Wiese danach.

Doch die Frauen haben Nein gesagt. Alle. Nur reichte das nicht. Danach folgten Scham, Ekel, Panikattacken. Sie berichten, wie sie nach der Tat allein mit dem Geschehenen waren, nicht darüber sprechen konnten, Angst vor dem seelischen Schmerz hatten, einfach funktionierten oder funktionieren wollten.

Bis heute leben sie mit den Folgen. Der Täter habe ihr das Vertrauen zu anderen Menschen genommen, sagt Mabelle Solano, er habe ihr ein Stück Freiheit genommen. Bis heute kann sie nicht in einen Lift steigen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, bereitet ihr Mühe. Ständig hat sie das Bedürfnis zu flüchten. Ihr Täter bekam 12 Sozialstunden verordnet.

Was die Frauen erzählen, geht unter die Haut, macht sprachlos. Und regt zum Nachdenken an. Denn aktuell läuft in der Schweiz die Debatte um eine Revision des Sexualstrafrechts. In Deutschland etwa reicht es, wenn eine Frau Nein sagt zu einer sexuellen Handlung, zu Sex. Der Mann, der übergriffig wurde, kann auf Basis dieses Nein verurteilt werden. In der Schweiz reicht das nicht. Die Frau muss sich aktiv gewehrt haben. Vor zwei Wochen wurde über das Thema im SRF-«Club» diskutiert. Im «Reporter» kommen dazu zwei Expertinnen zu Wort.

Laut und öffentlich sprach Jorinde Wiese zum ersten Mal an einem Poetry-Slam über ihre Vergewaltigung. Danach habe sich eine Frau bei ihr bedankt. «Das war meine Geschichte.» Foto: SRF

Nur gerade 8 Prozent der Frauen erstatten Anzeige. Tun sie das, fällt es ihnen oft schwer, glaubhaft darzulegen, dass sie sich vehement gegen den Übergriff gewehrt haben. Nein gesagt zu haben, reiche vor Gericht nicht. Den Betroffenen gebe das das Gefühl, dass die Justiz nichts tun könne. Der Gang an die Öffentlichkeit sei nachvollziehbar.

«Ich möchte möglichst viel Aufmerksamkeit für das Thema. Nur wenn wir das Schweigen brechen, können wir endlich etwas verändern», so Diaz. Wenn es nach der 27-Jährigen ginge, müsste das Sexualstrafrecht in der Schweiz dringend reformiert werden.

Zum Post, in dem sie ihre Vergewaltigung auf Instagram öffentlich machte, wählte sie bewusst ein Bild, das man von einem Opfer nicht erwartet. «Von einem Opfer erwartet man, dass es sich schämt, versteckt, depressiv ist», sagt Diaz. Sie postete ein Bild, auf dem sie in der Dämmerung an einem Strand stehend in die Kamera lächelt, während am Horizont langsam die Sonne verschwindet. «Mein Körper gehört mir, auch wenn ich nackt posiere», sagt sie im Film dazu.

Luisa Nübling erzählt ihrer Youtube-Gemeinde, was sie sich alles anhören musste, nachdem sie sexuell missbraucht worden war. Foto: SRF

Auch die anderen Frauen, die in diesem Film zu Wort kommen, wollen selbst darüber verfügen, ob und wie sie ihre Erfahrungen publik machen. Sie alle sind überzeugt, anderen, denen Ähnliches widerfahren ist, damit zu helfen – nicht aufzugeben und zurück ins Leben zu finden, das Tabu zu brechen und darüber zu sprechen. «Es passiert jeden Tag irgendwo», sagt Solano.

All das erfährt das Publikum in einem ruhig gemachten Film. Er kommt ohne nachgestellte Szenen der Gewalttaten aus. Stattdessen bleibt die Kamera nah an den Protagonistinnen, nah an der Optik sozialer Medien, wo die jungen Bloggerinnen und Youtuberinnen unterwegs sind.

Die Frauen sprechen im Film frontal in die Kamera, so, wie sie das auch mit ihren Followern tun. Eine «Rede und Antwort stehen»-Situation wollte Filmemacherin Vanessa Nikisch vermeiden, schreibt sie. «Die Message der Protagonistinnen soll direkt an die Zuschauerinnen und Zuschauer gehen.» Das ist ihr und vor allem den Protagonistinnen gelungen.

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