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Warum James May der Grösste ist (und du sofort «Our Man in Japan» schauen solltest)

Kommentar

Warum James May der Grösste ist (und du sofort «Our Man in Japan» schauen solltest)

Eine Ode an den Star von «The Grand Tour» und «Top Gear».

Danke, Lockdown! Endlich hatte ich Zeit, «James May: Our Man in Japan» auf Amazon Prime reinzuziehen!

Verehrte Damen und Herren, so sollte eine Travelogue (so nennt man solche Reise-Docs im Fachjargon) sein.

Hetzen die meisten TV-Reiseberichte von Sensation zu Sensation, steigt James May behutsam ein: bei Tagesanbruch auf einem verschneiten Strand im Norden des Landes. Während er durch den Schnee stapft, sinniert er über das Wesen dieses Landes nach, das ihn seit jeher fasziniert. Und darüber, ob jenes Wesen je fassbar sein kann.

Er kommt auf die klassische Gedichtform Haiku zu sprechen, die ihn die Serie lang begleiten wird ... und liefert kurz darauf den ersten Lacher: Dank des trüben Wetters fällt der Kameraschwenk Richtung Horizont zum Stichwort «aufgehender Sonne» buchstäblich ins Wasser. May dazu: «Zum Glück war schöneres Wetter, als man diesem Land den Namen gab. Sonst wäre es ‹Land des trüben Hochnebels›.»

«The land of ... uh ... this gif: youtube

Womit wir bei einem der Merkmale sind, die James May zu einem der grössten TV-Moderatoren der Gegenwart machen. Seine Komik ist immer dann am besten, wenn sie organisch entsteht. Etwa beim Streit mit dem Regisseur später in der Serie, als James verdammt nochmal keinen zweiten Take machen will, da es laut ihm doch um wichtigere, grössere Themen geht. Um die Bedeutung von Kunst im Austausch mit natürlicher Schönheit, etwa. Gross.

Natürlich, auch Sensationen kommen in den sechs Episoden der Serie nicht zu kurz. Dafür ist Japan viel zu vielfältig und – eben – sensationell: Schneeball-Wettkämpfe, Mega-Roboter, Zen-Buddismus im Bergkloster, Hochgeschwindigkeitszüge, J-Pop, Streetfood, Penis-Festivals, Kampfsport und und und. Und immer wieder: Essen und Bier.

«I'll explain ‹bollocks› to you later.»

Mit dem May würde man gerne ein Bier trinken und Sashimi essen. Dies weil er nicht nur ein interessanter Mensch, sondern auch ein interessierter Mensch ist. Da würde man nicht nur über Autos reden, sondern auch über Malerei und Solarzellen und John Cage. In einer Szene von «Our Man in Japan» den Atombombenangriff auf Hiroshima nüchtern zu diskutieren und in der darauffolgenden Szene einen Lachanfall bekommen, weil eine Statue aussieht, als hätte sie einen Pimmel – das kann wohl nur James May mit Würde abziehen.

«Excuse me, does he have ... ?» Bild: youtube

Bereits zu «Top Gear»-Zeiten vermutete man, dass an May mehr dran ist, als die Figur, welche die Autosendung von ihm zeichnete. Gewiss, Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May funktionierten als Trio derart gut, weil sie sich selbst sein durften und nicht allzu inszeniert wirkten. Nur hat man ihre Rollen TV-gerecht auf ein paar wenige Charakterzüge reduziert. Fat, short and slow. Clarkson war das prollige Grossmaul, Hammond der aufmüpfige Kleine, James May aka Captain Slow der schusselige Onkel.

Bei genauerem Hinsehen trifft diese Vereinfachung auf keinen des Trios vollends zu. Lederarmbändeli-Träger Clarkson, etwa, ist Brexit-Gegner, weiss, wie man eine authentische vietnamesische Phở zubereitet und macht auf seiner Farm einen auf Selbstversorger. Privat ist es Richard Hammond, der auf Oldtimer steht und nicht James May. Letzterer hat sich kürzlich nicht einen sondern gleich zwei Elektroautos gekauft. Vor allem ist es May, der ausserhalb von «Top Gear» und «The Grand Tour» am spannendsten agiert.

«I'll have an argument with myself about it.»

Wie es Toggweiler mal treffend formulierte: Wenn du ein halbwegs gebildeter, normaler Mann um die 40 bist, dann schau' «The Reassembler», ein bitter nötiges Antidoton zu jeglichem Sensations-Krawall-Unterhaltung. Slow-TV, gewissermassen. Da baut James May akribisch in ihre Einzelteile zerlegte Alltagsgegenstände (Rasenmäher, E-Gitarre etc.) wieder zusammen. 30 Minuten lang. Entschleunigung, kännsch?

Eines vom Besten – weil zum Brüllen lustig – ist «Oz and James's Big Wine Adventure», wo May den berühmtesten Weinkritiker der Welt, Oz Clarke, auf einer Tour durch Frankreich begleitet, um sich ein Grundwissen an Önologie zuzulegen.

Einen besseren Einblick in den Menschen James May ergibt aber dessen Tätigkeit ausserhalb des TV-Geschäfts. Als «Top Gear» im Frühling 2015 auf Eis gelegt wurde in der Folge von Jeremy Clarksons tätlichem Angriff auf einen Mitarbeiter, startete James May spontan sein «Unemployment Tube» und wandelte sich scheinbar mühelos zum YouTuber. Mit dem Handy filmte er sich selbst, wie er Shepherd's Pie zubereitete oder Blockflöte spielte.

Mit dem Launch des Portals Drivetribe kamen die Beiträge etwas regelmässiger, doch das Grundmuster blieb dasselbe: James May erzählt was. That's it. Man hört ihm schlicht gerne zu. «James May's Random General Knowledge» oder seine Q&As bringen stets spannende Fakten hervor. Ebenso legendär ist sein Unboxing-Video (ein Toyota Yaris) oder sein FoodTribe-Experiment mit «Sandwiches of the 70s». Jüngst hat er während dem Lockdown einen Online-Pub-Quiz veranstaltet.

Es stellt sich heraus: James May ist einer wie wir. Wir Menschen eines gewissen Alters, gewiss, aber vermutlich wie ein Grossteil der Bevölkerung. Okay, vermutlich ist er einiges cooler, intelligenter und witziger wie wir, aber die Grundrichtung stimmt: Er schaut viel zu lange spätnachts History-Dokus online. Er trinkt ab und an einen über den Durst. Er empfindet eine kindische Freude an Technik, Architektur und Poesie. Und er mag sich nicht einordnen lassen. Nur, weil man Auto-Fan ist, heisst das nicht, das man nicht eine intelligente Meinung zu unterschiedlichsten Themen haben kann. Me and my Mates, wir sind nicht allzu anders.

Deshalb, aus oben genannten Gründen, nehmen wir uns James May zum Vorbild! Denn er gibt uns Hoffnung und zeigt auf: Wahre Grösse manifestiert sich in der Vielfältigkeit. Man darf Freude an einem geilen alten V8-Motor bekunden und gleichzeitig fasziniert von den EV-Zukunftsaussichten sein. Man darf ein schusseliger alter Onkel sein, trotzdem aber die Klaviatur der Online-Unterhaltung beherrschen. Man darf ein Mann sein, aber kein Macker.

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