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Warum Superspreader bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 eine so wichtige Rolle spielen. Ein Update zu den neusten Corona-Studien

Herdenimmunität in Mumbai? In drei Slums haben fast 60 Prozent der Bewohner Antikörper gegen Sars-CoV-2. Neue Testmethoden könnten den unangenehmen Rachenabstrich ersetzen. Wie stark unentdeckte Infektionen zur Verbreitung des Virus in Wuhan beitrugen. Diese und weitere Forschungsergebnisse zu Sars-CoV-2 und Covid-19.

Anfang Jahr wussten wir noch nichts vom Coronavirus und konnten nicht ahnen, wie stark es unser aller Leben beeinflussen würde. Seither ist die Welt eine andere geworden, auch die der Wissenschaft. Die Flut an wissenschaftlichen Studien, die sich mit Sars-CoV-2 und Covid-19 befassen, ist kaum noch zu überschauen. Damit Sie den Überblick behalten, berichten wir in diesem Blog über eine Auswahl an Publikationen. Die neusten Ergebnisse finden Sie jeweils am Anfang des Artikels.

14. August: Ein mathematisches Modell erklärt die unterschiedlichen Ausbreitungsmuster von Grippeviren und Sars-CoV-2

Spe. · Zwischen dem Grippe-Erreger und Sars-CoV-2 gibt es einige Gemeinsamkeiten. Es gibt aber auch erhebliche Unterschiede. Ein ganz wesentlicher ist, dass sogenannte Superspreader massgeblich zur Ausbreitung von Sars-CoV-2 beitragen. Man schätzt, dass 80 Prozent aller Ansteckungen auf das Konto von 10 bis 20 Prozent der Infizierten gehen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die grosse Mehrheit der Infizierten steckt nie eine andere Person an. Das ist bei der Grippe anders. Hier fallen individuelle Unterschiede viel weniger ins Gewicht.

Warum das so ist, haben Forscher des Fred Hutchinson Cancer Research Center mit einem mathematischen Modell zu beantworten versucht. In das Modell fliessen diverse epidemiologische Parameter ein. Diese werden so lange variiert, bis das Resultat der Simulation möglichst gut mit den beobachteten Ausbreitungsmustern des Grippe- oder des Coronavirus übereinstimmt. Die Forscher haben ihre Ergebnisse auf dem Medrxiv-Server publiziert. Sie sind bisher aber noch nicht von unabhängiger Seite begutachtet worden.

Ein Resultat der Simulation ist, dass das Zeitfenster für eine Infektion sowohl bei der Grippe als auch bei Sars-CoV-2 kleiner als zwei Tage ist. Nur in dieser Zeit überschreitet die Virenlast in der Lunge oder im Nasen- und Rachenraum der Infizierten eine Schwelle, die eine Ansteckung anderer Personen wahrscheinlich macht. Zu einem Superspreading-Ereignis kommt es demnach, wenn sich ein Infizierter zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und Kontakt zu vielen Menschen hat.

Eine Besonderheit von Sars-CoV-2 ist, dass die höchste Virenlast in der Regel erreicht wird, bevor der Infizierte erste Symptome verspürt. Er verbreitet das Virus also unwissentlich. Das erklärt allerdings noch nicht, warum Superspreading-Ereignisse bei der Grippe weitaus seltener sind. Das Modell der Forscher liefert eine mögliche Antwort. Es zeigt, dass bei gleichen Kontaktverhältnissen weniger Menschen mit den Viren eines hochinfektiösen Grippepatienten in Berührung kommen. Die Forscher führen das darauf zurück, dass Grippeviren vornehmlich durch Tröpfchen übertragen werden, während Sars-CoV-2 auch durch Aerosole verbreitet wird und deshalb grössere Entfernungen überbrücken kann.

Aus den Ergebnissen ihrer Simulation leiten die Forscher eine Reihe von Handlungsempfehlungen ab. Da Personen mit Sars-CoV-2 vermutlich nur wenige Tage ansteckend seien, stelle sich die Frage, ob eine lange Quarantäne gerechtfertigt sei. Auch das wiederholte Testen von Personen mit einem positiven Testresultat sei möglicherweise überflüssig. Zudem raten die Forscher, die Zahl der täglichen Kontakte zu begrenzen. Sei das nicht möglich, empfehle sich das Tragen von Masken, da dadurch die Menge der ausgestossenen Viren reduziert werde.

13. August: Forscher weisen lebensfähige Viruspartikel in winzigen Schwebeteilchen nach

(sda/dpa) Amerikanische Forscher haben in Versuchen bestätigt, dass von Corona-Infizierten ausgestossene Aerosole intakte Viruspartikel enthalten können. Das sei eine Bestätigung dafür, dass Sars-CoV-2 wahrscheinlich auch über die winzigen, lange in der Luft verbleibenden Schwebeteilchen übertragen werden kann. In Räumen eineinhalb oder auch zwei Meter Sicherheitsabstand zu wahren, könne mithin ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln, heisst es in der Studie. Diese ist allerdings noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht und damit noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Dass Sars-CoV-2 nicht nur über grössere Tröpfchen, sondern auch über winzige Schwebeteilchen übertragen werden kann, gilt schon länger als gesichert. Unklar ist allerdings, wie gross der Anteil der Aerosole bei den Ansteckungen ist. Generell gilt das Risiko in Innenräumen als wesentlich höher als draussen, wo sich Partikel rascher verflüchtigen.

Die Forscher um John Lednicky von der University of Florida in Gainesville untersuchten nun Proben der Raumluft aus der Umgebung zweier Covid-19-Patienten in einem Klinikzimmer. Selbst aus Proben, die in fast fünf Metern Abstand zu den Patienten genommen worden waren, seien noch aktive Sars-CoV-2-Partikel isoliert worden, berichten die Forscher. Über genetische Analysen sei bestätigt worden, dass diese von dem Patienten mit Covid-19-Atemwegssymptomen im Raum stammten – und nicht etwa aus einem anderen Bereich der Klinik eingetragen wurden.

Die Analyse sagt nichts darüber aus, ob die Viruslast in der Luft ausreicht, um weitere Menschen anzustecken. Superspreader-Ereignisse etwa bei Chorproben weisen allerdings schon seit längerem darauf hin, dass Viruspartikel in Aerosolen die Infektion vieler Menschen im Umkreis zur Folge haben können.

10. August: Ein einfacher Test von Schutzmasken mit Smartphone und Laserlicht

Spe. · Schutzmasken gegen Covid-19 gehören inzwischen in vielen Ländern zum Strassenbild. Dem Einfallsreichtum sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Während die einen auf chirurgische Masken schwören, nähen sich die anderen ihre Masken selbst oder wickeln sich einfach ein Halstuch um Mund und Nase. In der Fachzeitschrift «Science Advances» haben Wissenschafter der Duke University in Durham nun eine einfache Methode vorgestellt, um die Wirksamkeit verschiedener Maskentypen zu vergleichen. Das Prüfsystem koste weniger als 200 Dollar und lasse sich auch von Nicht-Experten bedienen, schreiben die Forscher in ihrer Publikation.

Das Tragen einer Maske dient primär dem Schutz von anderen. Die Maske soll verhindern, dass ein Infizierter beim Sprechen, Niesen oder Husten virenbelastete Tröpfchen in die Umwelt ausstösst. Das Problem ist, dass diese Tröpfchen sehr klein sein können und mit blossem Auge kaum wahrzunehmen sind. In der Regel ist deshalb aufwendiges Equipment nötig, um die Dichtigkeit einer Maske beurteilen zu können.

Zwingend ist das allerdings nicht. Den Forschern aus Durham genügte zum Nachweis der Tröpfchen ein handelsüblicher Laser und ein Smartphone. Das aufgefächerte Laserlicht kreuzt in einer dunklen Box die ausgeatmete Luft und wird an den winzigen Tröpfchen gestreut. Die Kamera des Smartphones zeichnet das Streulicht auf. Anschliessend zählt ein einfacher Computer-Algorithmus die ausgestossenen Tröpfchen.

Die Forscher machten die Probe aufs Exempel und liessen eine Versuchsperson fünfmal hintereinander den Satz «Stay healthy, people» sagen. Dieser Versuch wurde mit 14 verschiedenen Masken wiederholt. Zum Vergleich wurde die Zahl der Tröpfchen herangezogen, die der gleiche Sprecher ohne Maske ausstösst.

Die Unterschiede waren frappant. Am besten schnitten Masken vom Typ N95 ab (vergleichbar mit FFP2-Atemschutzmasken in Europa). Mit dieser Maske wurde die Zahl der ausgestossenen Tröpfchen auf ein Tausendstel der Menge ohne Maske reduziert. Eine fast ebenso gute Filterwirkung zeigten die weit verbreiteten chirurgischen Masken. Und auch selbstgenähte Masken aus Baumwolle zeigten ein gutes Resultat.

Von Halstüchern raten die Autoren hingegen ab. Sie halbierten die Zahl der Tröpfchen lediglich. Noch schlechter waren Halstücher aus Fleece1. Hier zählten die Forscher in der ausgestossenen Luft sogar mehr Tröpfchen als ohne Maske. Sie führen das darauf zurück, dass grössere Tröpfchen im Gewebe in kleinere Tröpfchen zerlegt werden. Solche Tücher seien sogar kontraproduktiv, weil kleinere Tröpfchen länger in der Luft verweilten als grosse.

1In einer früheren Version dieses Artikels war fälschlicherweise von Masken aus Vlies die Rede. Gemeint sind Halstücher aus Fleece. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

3. August: Hunde und Katzen können mit Sars-CoV-2 angesteckt werden – bei Schweinen, Hühnern und anderen Nutztieren gibt es keine Hinweise darauf.

(dpa/mv) Haustiere wie Hunde und Katzen können von Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert werden. Diese Annahme von Wissenschaftern hat jetzt eine Studie italienischer Forscher mit einer grossen Zahl von Tieren bestätigt. Die Forscher untersuchten zwischen März und Mai 2020 insgesamt 540 Hunde und 277 Katzen in Norditalien, vor allem in der Lombardei. Die Tiere lebten in Haushalten mit Corona-Patienten oder in besonders stark von Corona betroffenen Gebieten.

Bei 3,4 Prozent der Hunde und 3,9 Prozent der Katzen konnten die Forscher Antikörper gegen das Virus nachweisen. Das deutet auf eine zurückliegende Infektion hin. Die Tests auf das Virus selbst (in Abstrichen aus dem Mund-, Nasen- und Rachenraum) waren dagegen bei allen Tieren negativ. Das hat damit zu tun, dass die Virenausscheidung nach zwei Wochen endet. Die Ergebnisse der Studie wurden vorab veröffentlicht und noch nicht von wissenschaftlichen Fachkollegen begutachtet.

Laut dem Präsidenten des deutschen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) in Greifswald, Thomas Mettenleiter, bestätigt die Studie, was man schon weiss. Es sei jedoch gut, eine Studie mit einer solchen Anzahl an Haustieren zu haben. «Wir gehen davon aus, dass im Regelfall die Übertragung des Virus vom Menschen auf das Tier erfolgt», sagte Mettenleiter. Lediglich in einer Nerzfarm in den Niederlanden sei es möglicherweise umgekehrt gewesen. Aber auch dort sei der erste Eintrag in die Farm durch Menschen geschehen.

Die Studie bestätige die bisherige Einschätzung des FLI, dass Hunde oder Katzen bis jetzt keine Rolle bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 spielten. Ausschlaggebend sei die Übertragung von Mensch zu Mensch. Der Kontakt gesunder Menschen zu Haustieren muss aus derzeitiger Sicht des FLI nicht eingeschränkt werden. Infizierte Personen sollten den Kontakt zu Haustieren meiden. Auch wenn sich Haustiere infizieren, bedeutet das laut dem FLI nicht automatisch, dass sich das Virus in den Tieren vermehren kann und von ihnen auch wieder ausgeschieden wird.

Laut Mettenleiter gibt es bis jetzt keinen Nachweis, dass Tiere nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind. Auch in der italienischen Studie waren nur lebendige Tiere untersucht worden. In den USA sei ein vor kurzem positiv getesteter Hund gestorben, der aber auch noch an Krebs erkrankt gewesen sei.

Laut dem FLI gibt es bis anhin auch keine Hinweise darauf, dass sich Schweine, Hühner und andere landwirtschaftliche Nutztiere mit Sars-CoV-2 infizieren können. Am Institut erfolgen derzeit Versuche mit mehreren Tierarten. Nach ersten Ergebnissen sind Frettchen und Flughunde für das Virus empfänglich, Hühner und Schweine jedoch nicht. Studien mit Rindern wurden erst begonnen.

29. Juli: Herdenimmunität in Mumbai? In drei Slums haben fast 60 Prozent der Bewohner Antikörper gegen Sars-CoV-2

lsl. · Forscher vom indischen Tata Institute of Fundamental Research haben im Juli bei 7000 Menschen in Mumbai Blutproben genommen und diese auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet. Laut der BBC fanden sie bei 57 Prozent der Bewohner von drei Slums Antikörper, ausserhalb der Slums war dies nur bei 16 Prozent der Einwohner der Fall. In den untersuchten Slumgebieten leben 1,5 Millionen Menschen.

Falls eine einmalige Erkrankung zur Immunität führen würde, wäre in diesen Gebieten die ersehnte Herdenimmunität knapp erreicht. Man geht davon aus, dass dafür 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen. Allerdings haben Studien gezeigt, dass die Antikörper im Blut von Covid-19-Patienten bereits 90 Tage nach der Infektion stark zurückgehen; ob damit auch die Immunität abnimmt, ist derzeit noch unklar.

Laut der Untersuchung hatten die meisten Menschen in den untersuchten Gebieten in Mumbai nur leichte Symptome, und nur einer von 1000 bis 2000 Menschen starb an einer nachgewiesenen Covid-19-Erkrankung, wie die BBC schreibt.

Mit mehr als 1,5 Millionen positiv getesteten Covid-19-Patienten zählt Indien nach den USA und Brasilien zu den am meisten betroffenen Ländern. Aber womöglich ist die Dunkelziffer in Indien grösser als in den USA. Eine Untersuchung der indischen Regierung hatte kürzlich auch gezeigt, dass in der Hauptstadt Delhi einer von vier Einwohnern Antikörper gegen Sars-CoV-2 trug. In New York war dies bei einem von fünf Bewohnern der Fall.

29. Juli: Beatmete Covid-19-Patienten haben ein besonders hohes Risiko zu sterben

slz. · Gut ein Fünftel der Covid-19-Patienten, die zwischen Ende Februar und Mitte April in Deutschland in Spitäler eingeliefert wurden, verstarben an der Viruserkrankung. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich im unteren Bereich. Dies zeigt eine neue Studie mit über 10 000 Covid-19-Patienten, die in der Fachzeitschrift «The Lancet Respiratory Medicine» publiziert wurde. Allerdings starben in den Spitälern 53 Prozent aller Covid-19-Patienten, die beatmet werden mussten und also einen schweren Verlauf gezeigt hatten.

Eine ausführliche Darstellung, wie es Covid-19-Patienten in deutschen Spitälern während der Hochphase der Corona-Pandemie ergangen ist, finden Sie hier.

27. Juli: Die einschränkenden Massnahmen haben viele Menschenleben gerettet, wie eine Modellrechnung zeigt

lsl. · Bis am 10. Mai sind in der Schweiz mehr als 30 000 Menschen positiv auf Covid-19 getestet worden, 1860 von ihnen sind gestorben. Der Epidemiologe Christian Althaus und seine Kollegen von der Universität Bern haben mit einer Modellrechnung untersucht, wie viele Opfer es gegeben hätte, wenn der Lockdown eine Woche früher oder eine Woche später erfolgt wäre. Die Massnahmen wie das Versammlungsverbot, Schul-, Restaurant- und Ladenschliessungen wurden um den 17. März herum gestaffelt umgesetzt.

Laut den Forschern hätte es bei einer späteren Schliessung insgesamt knapp 8700 Todesfälle gegeben, was mehr als viermal so viel ist wie die Anzahl derer, die tatsächlich gestorben sind. Bei einer früheren Schliessung wären es nur 400 Todesfälle gewesen, wie sie in einer noch vorläufigen Publikation auf MedRxiv schreiben. Die Forscher gaben für die spätere Schliessung ein Prognoseintervall zwischen 8038 und 9453 an, was bedeutet, dass der angegebene Wert mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit in diesen Bereich fällt.

Eine Stärke des Modells sei, dass sie die Menge der Infizierten anhand der Zahlen der hospitalisierten und der verstorbenen Patienten geschätzt hätten, schreiben die Forscher. So mussten sie sich nicht auf die Zahl der Getesteten verlassen, die von der jeweiligen Testhäufigkeit abhängt.

Allerdings beruht die Rechnung wie jede Modellrechnung auch auf einigen Annahmen, die das Ergebnis beeinflussen. Beispielsweise rechneten die Forscher mit einer geschätzten Reproduktionszahl von 2,6 von vor dem Lockdown und übernahmen bestimmte Zahlen wie etwa die durchschnittliche Dauer der Hospitalisation aus der Literatur. Zudem war das Modell nicht dafür ausgelegt, den Effekt einzelner Massnahmen zu berechnen. Stattdessen nahmen die Forscher an, dass die Massnahmen die Infektionsrate in einem Zeitraum von zwei Wochen um den 17. März herum reduzierten.

Deshalb kann man die genannten Zahlen nicht als gesetzt betrachten. Klar ist aber, dass ein späterer Lockdown zu sehr viel mehr Toten geführt hätte und frühere einschränkende Massnahmen viele Leben gerettet hätten. Das könne laut den Forschern auch teilweise erklären, warum in Österreich viel weniger Menschen gestorben seien als in der Schweiz. Das Nachbarland sei wegen seiner Nähe zu Italien ebenfalls früh betroffen gewesen, da es aber schneller strikte Massnahmen umgesetzt habe, sei es glimpflicher davongekommen.

24. Juli: Der Superspreader des Corona-Ausbruchs in der Schlachterei Tönnies ist identifiziert

Spe. · Der Corona-Ausbruch in der Schlachterei Tönnies im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen ist vermutlich nicht auf die prekären Wohnverhältnisse der Wanderarbeiter zurückzuführen. In einer noch nicht begutachteten Studie kommen Forscher aus Deutschland zum Schluss, dass die Übertragung des Sars-CoV-2-Erregers wahrscheinlich durch Aerosole erfolgte und durch die speziellen Bedingungen am Arbeitsplatz begünstigt wurde. Laut offiziellen Angaben wurden damals mehr als 1400 der über 6000 Angestellten von Tönnies positiv auf das Virus getestet.

Das Team um Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig hat die Ausbreitung des Virus nun anhand einer Genomanalyse rekonstruiert. Als Superspreader wurde ein Angestellter identifiziert, der sich zuvor bei Mitarbeitern eines Fleisch verarbeitenden Unternehmens in Niedersachsen angesteckt hatte. Das bei ihm nachgewiesene Virus zeigte eine charakteristische Kombination von acht Mutationen. Die gleichen Mutationen wurden dann auch bei anderen positiv getesteten Tönnies-Mitarbeitern isoliert, die mit dem Superspreader in der gleichen Schicht zusammengearbeitet hatten.

Die ersten Ansteckungen erfolgten demnach in einer Halle, in der Rinder zerlegt wurden. Wie die Forscher herausfanden, wurden dort innerhalb von drei Tagen 60 Prozent derjenigen Mitarbeiter infiziert, die in einem Abstand von mehr als acht Metern vom Superspreader gearbeitet hatten. Hingegen fanden die Forscher keine Hinweise darauf, dass die Wohnverhältnisse der Arbeiter massgeblich zum ersten Ausbruch beigetragen hätten. In den Unterkünften habe es höchstens sekundäre Ansteckungen gegeben. Nicht ausschliessen wollen die Forscher, dass die beengenden Verhältnisse in den Gemeinschaftsunterkünften zu einem zweiten Ausbruch beigetragen haben, der einen Monat später erfolgte.

Die Untersuchung weist darauf hin, dass das Einhalten eines Mindestabstands von zwei Metern unter bestimmten Bedingungen nicht genügt, um sich vor einer Corona-Ansteckung zu schützen. In der Halle wurde die Luft auf zehn Grad gekühlt, und es gab kaum Frischluftzufuhr. Vielmehr wälzte die Klimaanlage die virushaltige Luft immer wieder um, ohne sie zu filtern. Zudem liess die schwere körperliche Arbeit die Angestellten tiefer atmen. Dieser Mix von ungünstigen Faktoren habe die Ausbreitung des Virus durch Schwebeteilchen in der Luft (Aerosole) begünstigt, schreiben die Autoren in ihrer Publikation. Es sei sehr wahrscheinlich, dass diese oder ähnliche Faktoren auch für die Ausbrüche in anderen Fleisch oder Fisch verarbeitenden Betrieben verantwortlich seien.

22. Juli: Welche Covid-19-Patienten von Cortisonpräparaten profitieren – und wem die Mittel schaden

slz. · Dexamethason, ein altbekanntes Cortisonpräparat, ist derzeit das einzig bekannte Medikament, dass bei Covid-19-Patienten nachweislich das Risiko, dass eine Beatmung nötig wird, sowie die Todesrate senken kann. Das ergab kürzlich der britische «Recovery»-Trial. Nun zeigen Forscher des New Yorker Montefiore Medical Center in einer Publikation im «Journal of Hospital Medicine», welche Betroffenen wirklich von einer Cortisonbehandlung profitieren – und welchen Personen die Mittel schaden können.

Das hängt laut den New Yorker Ärzten vom Entzündungszustand des Körpers ab. Dieser lässt sich mit dem CRP-Wert ermitteln. Je mehr von diesem Protein im Blut zu finden ist, desto «aufgeputschter» ist das Immunsystem. Als normal gilt ein CRP-Wert von 0,5 bis 0,8 Milligramm pro Deziliter. Betrug der CRP-Wert der im Montefiore-Spital behandelten Covid-19-Patienten bei der Einlieferung mehr als 20 Milligramm pro Deziliter, so senkten Cortisonpräparate das Risiko, beatmet werden zu müssen oder gar zu sterben, um 75 Prozent. Gab man die Mittel hingegen Patienten mit einem CRP-Wert unter 10, so stieg deren Risiko für eine Verschlimmerung des Zustandes um 200 Prozent an.

Diese Ergebnisse sollten schnellstmöglich in weiteren Studien überprüft und, sollten sich die Befunde bestätigen, weltweit bei der Behandlung von Covid-19-Patienten beachtet werden, fordern die Autoren. Denn die Messung des CRP-Wertes ist einfach; er wird routinemässig bei Blutuntersuchungen erfasst. Ausserdem wird der Gebrauch von Dexamethason bei Covid-19-Patienten absehbar zunehmen: Das Mittel ist billig, man weiss, wie es einzusetzen ist, und nach der Präsentation der Recovery-Trial-Daten wurde es in einigen Ländern bereits in die offizielle Empfehlungsliste für eine Covid-19-Therapie aufgenommen.

Die Erkenntnisse aus New York bestätigen, was Experten schon länger vermuten: Wenn das Immunsystem im Laufe einer Sars-CoV-2-Infektion zu stark aktiviert worden ist und deshalb gesunde Organe in Mitleidenschaft gezogen werden, kann Cortison helfen. Es mindert die Attacken auf intakte Körperzellen. Doch solange das Immunsystem seinen Job bei der Virenvernichtung erledigt, sollte man es durch Medikamente nicht bremsen.

21. Juli: Mehrere Impfstoffe nehmen eine weitere Hürde

slz. · Aus Grossbritannien, China, Deutschland und den USA wurden Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 vermeldet: Vier Impfstoffkandidaten lösen eine Antwort des Immunsystems aus. Die Probanden klinischer Studien bildeten nach der Impfung Antikörper, die Sars-CoV-2 in Zellkulturversuchen neutralisiert haben. Zudem entstanden spezifische T-Zellen, die von dem Erreger befallene Körperzellen erkennen und diese dann vernichten.

Ein Beweis für einen wirksamen Schutz in der realen Welt ist das jedoch noch nicht. Warum, erläutert Wissenschaftskorrespondentin Stephanie Lahrtz in diesem ausführlichen Artikel.

20. Juli: Gurgeln statt Rachenabstrich und ein umfunktionierter Blutgruppentest – Alternativen zu gängigen Corona-Tests

slz. · Der Rachenabstrich beim Test für Sars-CoV-2 kann lästig sein und bei Massentests in Kindergärten oder Schulen sogar unter Umständen auch richtig schwierig. Forscher der Universität Halle stellen nun eine Alternative vor: Sie spürten das Virus auch in Gurgellösungen von Covid-19-Patienten auf. Bereits wenige Milliliter reichten in ersten Versuchen aus, um das Virus mittels einer Massenspektrometrie zu detektieren.

Im gängigen PCR-Test wird genetisches Material der Coronaviren im Rachenabstrich bestimmt. Bei der Massenspektrometrie hingegen werden Proteinstückchen des Virus entdeckt. Man könne daher mit diesem Verfahren das Virus auch dann finden, wenn es sich unbemerkt genetisch verändert habe, erläutert die Studienleiterin Andrea Sinz. Das könne im weiteren Verlauf der Pandemie wichtig werden.

Zudem könnte die Gurgelmethode auch einen bekannten Nachteil des Rachenabstrichs ausmerzen: Man findet dabei nur dann Viren, wenn man an der richtigen Stelle kratzt, also dort, wo die Viren sitzen. Doch gerade bei Personen in der Anfangs- und Endphase der Infektion oder auch bei denjenigen, die nur wenige Viruspartikel abbekommen haben, sind die Erreger oft nicht gleichmässig im Hals verteilt. Beim Gurgeln hingegen erwischt man auch Material aus vereinzelten «Vireninseln». Noch muss die Gurgeltestmethode aber erst validiert werden. Derzeit ist weder die Spezifität noch die Sensitivität bestimmt.

Neben der Detektion einer akuten Infektion durch PCR werden zurzeit weltweit auch Antikörpertests durchgeführt, um Personen mit einer bereits durchgemachten Infektion und so zum Beispiel die Durchseuchung der Bevölkerung zu erfassen. Auch hier wurde nun eine Alternative präsentiert. Eine Arbeitsgruppe der australischen Monash University hat dazu den gängigen Test zur Bestimmung der Blutgruppe umgestaltet. Zeigt bei dem herkömmlichen Test eine Verklumpung einer Blutprobe eine bestimmte Blutgruppe an, so bilden sich die Blutklümpchen im neuen Test nur in Anwesenheit von Sars-CoV-2-Antikörpern im Blut.

Der Vorteil des neuartigen Tests ist die im Vergleich zum derzeitigen Antikörpertest einfachere Handhabung: Er geht schnell, nahezu jedes Labor kann ihn durchführen, und es sind weder neue Geräte noch andere Testabläufe nötig. Allerdings muss auch dieses Verfahren erst noch validiert werden.

17. Juli: In Wuhan haben unentdeckte Infizierte vermutlich massgeblich zur Ausbreitung von Covid-19 beigetragen

Spe. · Ein Charakteristikum von Covid-19 ist, dass die Krankheit auch durch Personen übertragen wird, die selbst keine oder nur schwache Symptome entwickeln. Da sich diese Personen in der Regel nicht testen lassen, gibt es neben der offiziellen Statistik viele Fälle, die nie bestätigt werden. Wie hoch diese Dunkelziffer ist, haben chinesische Wissenschafter jetzt anhand des Covid-19-Ausbruchs in Wuhan modelliert. Sie kommen zum Schluss, dass bis zu 87 Prozent der Infektionen unbemerkt blieben.

Die Untersuchung erstreckte sich über den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 8. März. In diesem Zeitraum wurden in Wuhan nach und nach immer schärfere Massnahmen zur Eindämmung der Epidemie verordnet – von der Abriegelung der Stadt über Massentests bis hin zur Ausgangssperre. Die Modellierung zeigt, dass der Covid-19-Ausbruch von zwei Merkmalen geprägt wurde: der hohen Übertragbarkeit des Virus und der grossen Zahl unentdeckter Fälle. Die Kombination dieser beiden Eigenschaften habe die Eindämmung der Epidemie erschwert, schreiben die Forscher. Dennoch sei es durch das Tragen von Masken, durch Abstandhalten und durch die Quarantäne gelungen, die Übertragung trotz den vielen unbestätigten Fällen zu unterbinden.

Laut den Berechnungen der Forscher steckte ein Infizierter zu Beginn der Epidemie im Schnitt 3,5 andere Personen an. Anfang März lag die Reproduktionszahl dann nur noch bei 0,3. Ohne die eingeleiteten Massnahmen hätte es statt der geschätzten 250 000 Infektionen bis zu 6,3 Millionen geben können. Das bedeutet, dass die Zahl der kumulierten Ansteckungen in Wuhan bis zum 8. März um bis zu 96 Prozent reduziert werden konnte.

Die Untersuchung der chinesischen Forscher enthält zudem eine implizite Warnung davor, zu schnell zum Courant normal zurückzukehren. Hebt man die Massnahmen auf, nachdem es zwei Wochen lang keine bestätigte Infektion mehr gegeben hat, so besteht dennoch eine Wahrscheinlichkeit von 32 Prozent, dass die Epidemie wieder aufflammt. Denn bei einer Dunkelziffer von 87 Prozent gibt es vermutlich immer noch Personen, die das Virus unbemerkt in sich tragen und es an andere weitergeben. Im Modell der Forscher dauerte es nach Aufheben der Restriktionen knapp 40 Tage, bis die Zahl der Fälle wieder über 100 gestiegen war und die zweite Welle ihren Anfang nahm.

16. Juli: Sars-CoV-2 kann das Gehirn direkt und indirekt schädigen

slz. · Die Liste der neuronalen Störungen, die bei Covid-19 schon beobachtet wurden, ist lang. Betroffen sind auch jüngere Patienten oder solche mit einem leichten Verlauf. Unklar ist, ob alle Schäden reparabel sind.

Mehr zu diesem Thema finden Sie in diesem ausführlichen Artikel.

15. Juli: Geschmuggelte Schuppentiere tragen ein Sars-CoV-2-ähnliches Virus – und entwickeln eine Atemwegserkrankung

kus. · Noch immer ist nicht geklärt, von welchem Tier Sars-CoV-2 auf den Menschen übergesprungen ist. Das über das komplette Genom am engsten mit ihm verwandte Virus stammt aus Fledermäusen. Aus Schuppentieren hatten Forscher früh im Verlauf der Pandemie ein Virus isoliert, dessen Rezeptor-Bindungsstelle jener von Sars-CoV-2 extrem ähnlich ist. Mit dieser Stelle dockt das Virus bei der Infektion an Zellen an; die entsprechenden Rezeptoren von Mensch und Schuppentier sind einander sehr ähnlich. Doch nicht nur dies: Auch die von den jeweiligen Erregern verursachten Krankheitsbilder gleichen sich, wie chinesische Forscher in einer noch nicht von Fachkollegen begutachteten Vorabpublikation berichten.

Die Wissenschafter untersuchten geschmuggelte Malaiische Schuppentiere, die im vergangenen Jahr von den Behörden aufgegriffen worden waren, insgesamt waren es 28 Tiere. 15 von ihnen, darunter 6 trächtige Weibchen, hatten eine Atemwegserkrankung entwickelt; Computertomografien zeigten Anzeichen von Lungenentzündungen. Alle infizierten Tiere starben, und Proben verschiedener Gewebe wurden tiefgefroren.

Diese Proben analysierten die Forscher. Das Erbgut von aus ihnen isolierten Coronaviren stimme mit dem jener Proben, die man zuvor aus anderen Schuppentieren isoliert habe, fast vollständig überein, schreiben die Forscher. Das deute darauf hin, dass es sich um einen lokalen Ausbruch mit einer einzigen ursprünglichen Infektionsquelle gehandelt habe.

Die in den Computertomografien gefundenen Lungenentzündungs-Zeichen entsprachen laut den Forschern denjenigen, die Sars-CoV-2 im Menschen verursacht. Auch bei den Schuppentieren war demnach primär die Lunge betroffen, und die Forscher fanden in den Proben Hinweise darauf, dass die Tiere unter Atemnot gelitten haben dürften. Das Virus war neben der Lunge unter anderem auch in der Leber, dem Darm, der Milz und dem Herzen nachweisbar. Auch in drei der Föten infizierter Weibchen konnten die Forscher das Virus nachweisen. Das deutet darauf hin, dass die Föten in der Gebärmutter angesteckt worden waren.

In einem weiteren Schritt untersuchten die Wissenschafter auch noch die Immunreaktion der verschiedenen Tiere. Dabei stellten sie fest, dass erwachsene Schuppentiere, trächtige Weibchen und die ungeborenen Jungtiere jeweils unterschiedlich auf das Virus reagierten.

14. Juli: Übertragung von Sars-CoV-2 in der Gebärmutter

rtz. · Französische Wissenschafter haben zum ersten Mal eine Übertragung von Sars-CoV-2 über die Plazenta von der Mutter auf ihr ungeborenes Kind nachgewiesen. Die Mutter des Kindes war in der 35. Schwangerschaftswoche mit Covid-19-Symptomen hospitalisiert worden; das Baby war drei Tage später per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Die Ergebnisse wurden in «Nature Communications» veröffentlicht.

Über diesen Fall berichtet die Wissenschaftsredaktorin Stephanie Kusma ausführlich in einem separaten Artikel.

Man kannte zwar bereits einige Fälle infizierter Neugeborener, aber in keinem von ihnen konnte der Infektionszeitpunkt – vor der Geburt, während der Geburt oder direkt danach – klar belegt werden. Schon aufgrund dieser Beobachtungen waren in den letzten Wochen einige Mediziner mit der Forderung an die Öffentlichkeit gegangen, Schwangere als Risikogruppe einzustufen.

13. Juli: Die Medikamente Hydroxychloroquin und Lopinavir gelangen nicht in ausreichender Konzentration in die Lunge

Spe. · Das Malariamedikament Hydroxychloroquin und das HIV-Medikament Lopinavir galten einst als Hoffnungsträger im Kampf gegen das Coronavirus. Doch inzwischen stehen die beiden Mittel auf dem Index. Nach Zweifeln an ihrer Wirksamkeit hat die WHO Anfang Juli alle laufenden Studien gestoppt.

Forscher der Universität und des Universitätsspitals Basel haben jetzt eine mögliche Erklärung dafür präsentiert, warum die beiden Medikamente den Erwartungen nicht gerecht werden. Das Team um die Erstautorin Catia Marzolini fand heraus, dass die Konzentration von Hydroxychloroquin und Lopinavir in der Lunge von Covid-19-Patienten nicht ausreicht, um das Virus wirksam zu bekämpfen. Die Forscher haben ihre Resultate in der Fachzeitschrift «Antimicrobial Agents and Chemotherapy» veröffentlicht.

Bei einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger reagiert unser Körper mit einer Entzündungsreaktion. Die Forscher aus Basel stellten fest, dass die dabei ausgeschütteten Zytokine den Abbau von Lopinavir im Körper hemmen. Im Blut von Covid-19-Patienten fanden sie eine dreimal so hohe Konzentration dieses Medikaments wie im Blut von HIV-Patienten. Doch die Covid-19-Patienten profitieren davon nicht. Eine Extrapolation zeigt, dass zu wenig Lopinavir aus dem Blut in die Lunge gelangt. Um das Virus wirksam zu bekämpfen, wäre dort eine etwa hundert Mal so hohe Lopinavir-Konzentration erforderlich, sagt Marzolini. Eine solche Dosierung wäre für den Patienten allerdings tödlich.

Ähnliche Verhältnisse beobachteten die Forscher für das Malariamedikament Hydroxychloroquin. Es kommt in der Lunge ebenfalls nicht in der Konzentration an, die für eine erfolgreiche Bekämpfung von Sars-CoV-2 erforderlich wäre. Der tiefere Grund hierfür ist die geringe Spezifität der beiden Medikamente, die ursprünglich für andere Krankheiten entwickelt wurden.

10. Juli: Wissenschafter fordern ein Frühwarnsystem für Zoonosen

kus. · Eine internationale Gruppe von Wissenschaftern diskutiert in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift «Science» ein Frühwarnsystem für Erreger, die von Tieren auf den Menschen überspringen könnten. Unter anderem fordern die Mitglieder der Wildlife Disease Surveillance Focus Group eine dezentrale, kontinuierliche Überwachung von Viren in Wildtieren, ein sogenanntes Monitoring. Die Überwachung vor Ort ermögliche lokalen Fachleuten, das ganze Jahr über Untersuchungen durchzuführen. Die Technologie hierfür existiere.

Kontrolliert werden sollten einerseits Tiere in der freien Natur, andererseits aber auch Tiere auf Wildtiermärkten. Letztere sind laut den Forschern nämlich oft in einem schlechten körperlichen Zustand, der sie empfänglicher für Krankheitserreger macht. Zudem leben sie unter unhygienischen Verhältnissen in engem Kontakt mit Spezies, auf die sie in der Natur nicht treffen würden – und mit dem Menschen. Diese Kombination von Faktoren bietet Erregern ein weites Spielfeld. Die Überwachung der Tierviren sollte zudem mit Testungsprogrammen bei Menschen ergänzt werden, um eventuell übergesprungene Viren frühzeitig zu finden.

Die Erkenntnisse aus den lokalen Monitoring-Programmen sollten dann in einer zentralen, kuratierten Datenbank zusammengetragen werden, wie die Wissenschafter schreiben. Auch hier nennen sie Beispiele, auf denen aufgebaut oder von denen Eigenschaften übernommen werden könnten. Zudem fordern sie einen internationalen Standard dazu, wie der Wildtierhandel unter Berücksichtigung von Krankheitsrisiken gehandhabt werden sollte.

9. Juli: Alt, männlich, krank, arm, nicht weiss: Das sind die wichtigsten Risikofaktoren für einen fatalen Covid-19-Verlauf

ni. · Ein britisches Forscherteam der University of Oxford hat die bisher grösste Covid-19-Kohorte auf Faktoren untersucht, die mit einem tödlichen Krankheitsverlauf einhergehen. Für ihre Analyse standen Ben Goldacre und seinen Kollegen die anonymisierten Krankengeschichten von mehr als 17 Millionen Erwachsenen in England zur Verfügung. Das entspricht 40 Prozent der im nationalen Gesundheitssystem (NHS) registrierten Personen. Knapp 11 000 der Krankengeschichten betrafen Patienten, die an Covid-19 gestorben waren. (In einer früheren Datenauswertung hatten den Forschern erst 5700 Krankengeschichten mit tödlichen Covid-19-Verläufen zur Verfügung gestanden.)

Wie bei anderen Studien stellte sich auch bei dieser Analyse ein fortgeschrittenes Alter als mit Abstand wichtigster Risikofaktor für einen fatalen Covid-19-Verlauf heraus. So war bei den über 80-Jährigen im Vergleich zu Personen zwischen 50 und 59 Jahren das Risiko, an der Infektion zu sterben, um das 20-Fache und mehr erhöht. Auch das männliche Geschlecht wirkte sich bei dieser Krankheit negativ aus. So war das Sterberisiko bei Männern um 60 Prozent höher als bei gleichaltrigen Frauen. Im gleichen Bereich lag auch das erhöhte Risiko für schwarze und asiatische Personen (gegenüber Weissen) und besonders für arme und benachteiligte Personen (gegenüber Bessergestellten).

Auch bei den Vorerkrankungen, die einen tödlichen Covid-19-Verlauf begünstigen, bestätigte sich das bisherige Bild. Neben starkem Übergewicht, Diabetes und chronischen Lungen-, Herz- und Lebererkrankungen waren nebst weiteren Faktoren auch neurologische Leiden und Autoimmunkrankheiten mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Das bedeute aber nicht, dass all diese Störungen ursächlich für den Tod der Patienten verantwortlich seien, schreiben die Studienautoren. Der fatale Krankheitsverlauf könne auch auf einer Interaktion mit anderen klinischen Faktoren beruhen.

8. Juli: Experte fordert, schwangere Frauen als Risikogruppe einzustufen

slz. · «Schwangere sollten in der Schweiz unbedingt als Risikogruppe für Covid-19 eingestuft werden», fordert der Arzt und Molekularbiologe David Baud vom Universitätsspital Lausanne: Neue Daten aus Schweden, aber auch aus den USA zeigten, dass Schwangere ein etwas höheres Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung aufwiesen als nicht schwangere Frauen. Das Bundesamt für Gesundheit und die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sind laut eigenen Aussagen gerade dabei, die Richtlinien zu überarbeiten.

Über die Problematik haben wir in einem ausführlichen Artikel hier berichtet.

8. Juli: Das Immungedächtnis könnte doch besser sein als angenommen

slz. · Eine nach wie vor offene, aber enorm wichtige Frage für den weiteren Verlauf der Sars-CoV-2-Pandemie ist, wie lange von der Infektion Genesene gegen eine mögliche zweite Ansteckung geschützt sind. Jüngst mehrten sich entmutigende Hinweise vor allem für Personen, die nur eine leichte Infektion durchgemacht hatten. Denn die Menge ihrer gegen das Virus gerichteten Antikörper war oft gering und nahm zudem innert kurzer Zeit ab. Eine neue, noch nicht von Experten begutachtete Untersuchung aus Schweden macht nun aber doch Hoffnung auf einen länger anhaltenden Schutz auch für diese Personen.

Denn unser Immunsystem hat mehrere Pfeile im Köcher. So werden zusätzlich zu Antikörpern während der Erstinfektion mit einem Virus auch bestimmte Immunzellen gebildet, sogenannte T-Zellen, die von dem Erreger befallene Körperzellen erkennen und diese vernichten. Die schwedische Arbeitsgruppe hat nun gezeigt, dass unser Immunsystem gegen Sars-CoV-2 über mehrere Wochen hinweg stabile Gedächtnis-T-Zellen bildet.

Solche gegen Sars-CoV-2 spezifischen Gedächtnis-T-Zellen fanden sich auch im Körper von Genesenen, die nur eine sehr leichte Infektion durchgemacht hatten und kaum noch Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut aufwiesen. Die gemessene T-Zell-Antwort entsprach laut den Autoren jener von erfolgreichen Impfungen gegen andere virale Erreger. Allerdings ist noch unklar, wie lange die für Sars-CoV-2 spezifischen T-Zellen überleben.

Auch für die Impfstoffentwicklung sind die neuen Erkenntnisse bedeutsam. Meist werden Vakzinkandidaten nur daraufhin getestet, ob ausreichend spezifisch gegen Sars-CoV-2 wirkende Antikörper gebildet werden. Zwar ist es deutlich aufwendiger, eine T-Zell-Antwort zu erfassen, doch laut Experten sollte man das unbedingt parallel überprüfen, um nur die wirklich wirksamen Vakzine weiterzuentwickeln.

6. Juli: Neandertaler-Gene könnten das Risiko eines schweren Covid-Verlaufs erhöhen

kus. · Man kennt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs erhöhen, darunter ein hohes Alter oder Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen. Auch im Erbgut konnten Forscher bereits DNA-Sequenzen ausfindig machen, die bei Patienten mit schweren Verläufen häufiger sind. Eine solche hat ein internationales Team von Wissenschaftern etwa auf dem Chromosom 3 des Menschen gefunden. Sie kam häufiger bei Personen vor, die künstlich beatmet werden mussten, als bei solchen, die nur zusätzlichen Sauerstoff benötigten.

Es ist eine ganz bestimmte Variante dieser Sequenz, die mit einem erhöhten Risiko für eine schwere Form von Covid-19 verknüpft ist – und diese Variante stammt vom Neandertaler. Zu diesem Schluss kommen Svante Pääbo und Hugo Zeberg vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig bei einer Analyse der Sequenz, die sie vorab, ohne Begutachtung durch Fachkollegen, auf dem Preprint-Server «BioRxiv» veröffentlicht haben. Am ähnlichsten war die Erbgutsequenz jener eines Neandertalers, der vor etwa 50 000 Jahren im heutigen Kroatien lebte. Sequenzen sibirischer Neandertaler glichen ihr weniger, wie die Forscher schreiben.

Die Neandertalersequenz komme in verschiedenen Regionen unterschiedlich häufig vor, heisst es weiter: in Europa beispielsweise mit einer Frequenz von 8 Prozent oder in Südasien mit einer von 30 Prozent. In Bangladesh besitzen gar über 60 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Kopie der Risikovariante. Die Sequenz umfasst sechs Gene, die unter anderem mit dem Immunsystem und dem Rezeptor in Verbindung stehen, über den das neue Coronavirus in die Zellen gelangt. Welche davon möglicherweise zu einem erhöhten Risiko beitragen und wie, ist bis anhin unklar.

Dass sich moderner Mensch und Neandertaler vor etwa 50 000 Jahren vermischten, weiss man schon länger; die ein bis zwei Prozent Neandertaler-Erbgut, die sich im Genom heutiger Europäer finden, zeugen davon. Die Erbgutsequenz auf Chromosom 3 ist auch nicht die erste, die mit Krankheiten in Verbindung gebracht wird. So soll ein Neandertaler-Gen beispielsweise auch das Risiko erhöhen, einen Diabetes Typ 2 zu entwickeln.

2. Juli: Die Lunge von Covid-19-Patienten durchläuft zwei Stadien

ni. · Mit einer Autopsie können Ärzte ihre zu Lebzeiten des Patienten gestellten Diagnosen überprüfen. Bei einer neuen Krankheit wie Covid-19 kann die Leichenöffnung zudem einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Krankheit liefern. Anders als bei der klassischen Autopsie, bei der das Gewebe von Auge und unter dem Mikroskop betrachtet wird, geht die molekulare Autopsie einen Schritt weiter. Mithilfe von modernsten Analyseverfahren liefert sie einen Einblick in die molekularbiologischen Mechanismen von Krankheiten.

Eine solche molekulare Autopsie hat eine Schweizer Forschergruppe an 16 Personen durchgeführt. Sie alle waren in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt an Covid-19 gestorben. Die Wissenschafter interessierten sich für die in den Lungen abgelaufene Immunantwort gegen Sars-CoV-2. Diese charakterisierten sie anhand von Parametern wie der Anzahl Viren im Organ, der Zahl der Entzündungszellen und anhand davon, welche Genabschnitte bei den Zellen abgelesen wurden. Diese Daten setzten sie in Bezug zu klinischen Parametern wie dem Krankheitsverlauf.

So konnten die Forscher bei den Leichen zwei immunologische Signaturen in den Lungen nachweisen, die bei schwerem Covid-19-Verlauf nacheinander auftreten. So ist das Organ in der ersten Phase stark vom Virus besiedelt, das Gewebe aber noch weitgehend intakt. In dieser Phase sind die molekularen Entzündungsparameter stark erhöht. Sie klingen später aber wieder ab. In dieser zweiten Phase scheint das Virus zwar kontrolliert, doch das Lungengewebe zeigt jetzt Zeichen der Zerstörung sowie Ablagerungen von Proteinen des sogenannten Komplementsystems.

Ihre Befunde hätten Implikationen für die Behandlung von Covid-19-Patienten, schreiben die Studienautoren. So stünden in der ersten Phase der Immunantwort gegen das neue Coronavirus antivirale Medikamente wie Remdesivir und breit wirksame Entzündungshemmer im Vordergrund. Später könnten dann Arzneimittel hilfreich sein, die die Aktivität von Komplement-Eiweissstoffen hemmten.

29. Juni: War das neue Coronavirus schon im März 2019 in Barcelona?

ni. · Nein, das ist kein Schreibfehler. Auf einzelnen Medienportalen ist derzeit zu lesen, dass spanische Forscher das neue Coronavirus Sars-CoV-2 schon im März 2019 im Abwasser von Barcelona nachgewiesen haben wollen. Das gibt der populären Hypothese Auftrieb, wonach das Virus schon Monate vor den ersten bekannten Infektionsfällen – diese traten nach offizieller Darstellung im Dezember 2019 in Wuhan, China, auf – in der menschlichen Population zirkuliert haben könnte. Die jüngsten Berichte beziehen sich auf eine Studie von Wissenschaftern der University of Barcelona. Ihre Arbeit ist bereits am 13. Juni auf dem Preprint-Server medRxiv erschienen, hat bisher aber für wenig Aufsehen gesorgt.

Die Forschergruppe von Albert Bosch hat in zwei Kläranlagen in Barcelona nach dem neuen Krankheitserreger gesucht. In einem ersten Schritt haben sie wöchentliche Wasserproben analysiert, um die Entwicklung der Covid-19-Pandemie in der Grossstadt nachzuzeichnen. Denn auch wenn der Ansteckungsweg bei diesem Virus hauptsächlich über die Atemwege führt, wird es auch mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Spur des Erregers sollte sich daher auch im Abwasser finden lassen.

Tatsächlich konnten die Forscher zeigen, dass die im Abwasser gefundenen Mengen an Sars-CoV-2-Erbgut mit dem im Frühling in der Stadt einsetzenden Rückgang der Fallzahlen parallel verliefen. In einem zweiten Schritt untersuchten sie dann auch noch aufbewahrte Wasserproben, auch solche aus dem Jahr 2019. Und da machten sie zwei unerwartete Funde. Zum einen liess sich das Virus im Abwasser der Kläranlagen schon 41 Tage vor dem ersten offiziellen Infektionsfall in Barcelona nachweisen; dieser stammt vom 25. Februar 2020. Zum andern – und das ist das Spektakuläre der Studie – fanden die Forscher in einer Wasserprobe vom 12. März 2019 Genomsequenzen, die auf die Präsenz von Sars-CoV-2 hindeuten sollen. Laut den Studienautoren zeigt das erstaunliche Ergebnis, dass das Virus schon lange vor den ersten Berichten über die weltweit ersten Covid-19-Fälle in Barcelona zirkulierte.

Aufgrund dieses einen Ergebnisses auf das Vorhandensein des Virus im März 2019 in Barcelona zu schliessen, ist einigen Kommentatoren der Studie jedoch zu früh. Auch die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf äussert sich in einem Tweet sehr skeptisch: Für einen Beweis müsste schon die (oder zumindest eine Teil-)Sequenz des Virus vorgelegt werden. Nur so könne man anhand von phylogenetischen Analysen zeigen, dass es sich dabei um eine frühe Variante von Sars-CoV-2 handle, so Eckerle.

Andere Forscher weisen darauf hin, dass in der Probe vom 12. März 2019 nicht Sars-CoV-2 nachgewiesen wurde, sondern lediglich zwei Genomabschnitte (von mehreren gesuchten), die auf Sars-CoV-2 hindeuten könnten. Interessanterweise liessen sich diese beiden Erbgutschnipsel weder in früheren noch in späteren Wasserproben der Kläranlage finden. Ein Forscher schreibt dazu in seinem Kommentar, dass auch eine Kontamination im Labor zu dem Ergebnis geführt haben könnte.

30. Juni: Das HIV-Mittel Lopinavir-Ritonavir ist bei Covid-19 nutzlos

ni. · Wie andere Substanzen gehörte das bei HIV-Patienten eingesetzte Kombinationspräparat Lopinavir-Ritonavir seit Beginn der Corona-Pandemie zu den Hoffnungsträgern bei der Behandlung von schwer erkrankten Covid-19-Patienten. Diese Hoffnung hat sich nun zerschlagen. Wie ein Sprecher der britischen Recovery-Studie am Montag in einer Medienmitteilung schreibt, hat sich bei der Überprüfung der Substanz kein klinischer Nutzen für die Behandelten ergeben.

In der drei Monate dauernden Evaluationsstudie waren 1596 Covid-19-Patienten – zusätzlich zur üblichen Therapie – mit dem HIV-Medikament behandelt worden. Bei der Berechnung der Mortalitätsrate nach 28 Tagen zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied zur Vergleichsgruppe von 3376 Patienten, die das Mittel nicht bekommen hatten. In beiden Gruppen waren gut 20 Prozent der Personen nach dieser Zeit gestorben.

Laut der Mitteilung der University of Oxford hatte das Medikament auch keinen günstigen Einfluss auf das Risiko der Patienten, eine künstliche Beatmung zu benötigen. Damit hat die Recovery-Studie nach dem von Präsident Trump als Wundermittel angepriesenen Malariamittel Hydroxychloroquin schon den zweiten medikamentösen Hoffnungsträger bei Covid-19 zu Grabe getragen. Bei einer anderen Substanz, Dexamethason, die zu Beginn nur wenige auf dem Schirm hatten, ist allerdings das Gegenteil passiert: Die Studie konnte nachweisen, dass sich damit bei Schwerkranken Leben retten lassen.

25. Juni: Covid-19 im globalen Süden: Jung, aber häufig vorerkrankt

rtz. · In den Industrieländern wird eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus vor allem für Menschen jenseits des Pensionsalters gefährlich: Sie sind es, die am ehesten schwere Verläufe durchmachen oder dem Virus erliegen. Deswegen, so lautete eine in den letzten Wochen häufig wiederholte These, könnte der globale Süden trotz vergleichsweise schlechterer medizinischer Versorgung weniger hart von der Pandemie getroffen werden. Denn die Bevölkerungen Afrikas, Südamerikas und Südostasiens seien so jung, dass dort mit einer noch höheren Anzahl milder Verläufe und einer entsprechend niedrigeren Quote schwerer Erkrankungen und Todesfälle zu rechnen sei.

Dem widerspricht nun eine Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, Deutschland. Die Menschen in Ländern des globalen Südens seien nicht weniger von der Pandemie betroffen, wenngleich die Bevölkerung dort im Durchschnitt jünger sei, schreiben die Forscher. Dies, weil der Anteil der Menschen im Erwerbsalter mit Vorerkrankungen dort deutlich höher ist als in Europa.

Laut der Studie, für die Marilia Nepomuceno und ihre Kollegen Daten der Global Burden of Disease Database ausgewertet haben, leiden in Brasilien und Nigeria Erwachsene in fast jedem Alter häufiger an Vorerkrankungen als in Italien. Damit steigt auch ihr Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19. Bei den Menschen Anfang 20 in Brasilien und Nigeria liegt der Anteil derjenigen, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden, mehr als zwei Mal so hoch wie in Italien. Auch bei chronischem Nierenversagen und der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) ist die Prävalenz, also der Anteil der Erkrankten in der Bevölkerung, in Brasilien und Nigeria bei Menschen über 40 Jahren im Vergleich zu Italien deutlich höher. Bei Frauen in Nigeria können die Unterschiede in der Prävalenz sogar bis zu viermal so hoch sein wie in Italien.

Es sei deshalb anzunehmen, dass dort die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter weitaus anfälliger für schwere Formen von Covid-19 sei als in Europa, schliessen Nepomuceno und ihre Kollegen. Die Arbeit erscheint in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS).

23. Juni: Machen Mutationen das Coronavirus gefährlicher?

rtz. · Die zurzeit zirkulierenden Coronaviren unterscheiden sich im Erbgut jeweils an etwa 10 bis 15 Stellen von denjenigen, die zu Anfang der Pandemie auftauchten. Eine davon könnte das Virus möglicherweise leichter übertragbar machen. Warum man sich deswegen vorerst keine Sorgen machen muss, erklärt unsere Wissenschaftsredaktorin Stephanie Kusma in einem separaten Artikel.

22. Juni: Wann kommt die befürchtete «zweite Welle»?

rtz. · Abermals befasst sich eine Studie mit der Frage, wie schnell nach der Aufhebung von strikten Massnahmen der sozialen Distanz ein Wiederanstieg der Fallzahlen zu erwarten ist. Leonardo López und Xavier Rodó vom Barcelona Institute for Global Health haben dazu verschiedene Szenarien modelliert (es handelt sich um ein modifiziertes SEIR-Modell); die Ergebnisse erscheinen in der jüngsten Ausgabe von «nature human behaviour». Die Forscher fokussieren auf die Dynamik der Covid-19-Epidemie in Spanien, vergleichen ihre Ergebnisse aber auch mit den Verläufen in Neuseeland, Japan, den USA und anderen Ländern.

Die Ergebnisse der Forscher legen nahe, dass eine zweite Welle umso früher eintritt, je kürzer ein strikter Lockdown durchgehalten wird. Bei einem 30-tägigen Lockdown prognostiziert die Simulation bereits für die zweite Julihälfte einen erneuten, rapiden Anstieg der Infektionszahlen. Bleiben die Massnahmen für 60 Tage in Kraft, verzögert sich die zweite Welle bis in den September. Nach einem 90-tägigen Lockdown wäre ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen sogar erst Anfang Dezember zu erwarten. Dies jeweils für den Fall, dass alle einschränkenden Massnahmen am Ende des Lockdowns gleichzeitig aufgehoben werden und dass diese Regelungen für alle Bevölkerungsgruppen gleichermassen gelten.

Dies verglichen die Forscher mit modifizierten Strategien, bei denen die Bevölkerung nach und nach aus dem Lockdown entlassen wird beziehungsweise besonders gefährdete Menschen länger an die Schutzmassnahmen gebunden bleiben. Beide Strategien verringerten die zu erwartende Anzahl Infizierter und Toter.

19. Juni: Abwasser als Frühwarnsystem für Sars-CoV-2

rtz. · In Abwasserproben aus Turin, Mailand und Bologna haben Forschende das neuartige Coronavirus nachgewiesen. Das teilt das Instituto Superiore di Sanità in Rom mit. Die frühesten Proben, die das Virus enthalten, wurden demnach in Turin und Mailand am 18. Dezember 2019 entnommen; die älteste mit dem Virus belastete Probe aus Bologna stammt vom 29. Januar 2020. Damit ist ein weiterer Nachweis dafür erbracht, dass das Virus keineswegs erst Anfang Jahr nach Oberitalien eingeschleppt wurde, sondern bereits einige Wochen früher dort zirkulierte. Dies hatten Wissenschafter bereits vermutet, insbesondere weil gegen Ende des Jahres 2019 in der Region eine ungewöhnliche Häufung von schlimmen Lungenentzündungen beobachtet wurde. Doch war damals von einem neuen Virus noch nicht die Rede, geschweige denn ein präziser Test verfügbar. Die nun untersuchten Abwasserproben wurden im Rahmen von regelmässigen, standardisierten Kontrolluntersuchungen genommen, wie es sie überall gibt.

Ähnliche Ergebnisse liegen aus Frankreich, aus Spanien und den Niederlanden, aber auch aus der Schweiz vor: Forscher der Empa haben in Abwasserproben aus Lugano und Zürich eine Belastung mit Sars-CoV-2 nachweisen können, und zwar beginnend mit Proben, die schon Ende Februar genommen wurden. Damals war in Lugano nur ein einziger Infektionsfall bekannt, in Zürich gab es dazumal 6 Fälle.

Die Ergebnisse sind nicht nur rückblickend interessant. Vielmehr beabsichtigen die Forscher, auf der Basis engmaschiger Probenentnahmen aus dem Abwasser und effizienter Analyseverfahren ein Frühwarnsystem für die Ausbreitung von Sars-CoV-2 aufzubauen. Mit diesem könnten allfällige regionale Ausbrüche rasch entdeckt und entsprechend gegengesteuert werden.

Übrigens: Dass das Virus im Abwasser gefunden wurde, bedeutet keineswegs, dass eine Ansteckung via Trinkwasser möglich ist. Denn die Viren, die die Forscher im Abwasser dingfest machen, sind bereits tot.

17. Juni: Wie anfällig sind Kinder?

rtz. · Abermals kommt eine Studie zu dem Ergebnis, Kinder seien – anders als bei anderen Infektionskrankheiten – nicht die Treiber der Epidemie. Forscher von vier Spitälern in Süddeutschland haben untersucht, wie viele Kinder und Eltern aus einer Stichprobe von 5000 Personen Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet haben. Entsprechende Antikörper wurden lediglich bei 45 Erwachsenen und 19 Kindern gefunden.

Eine abschliessende Antwort auf die Frage, welche Rolle Kinder bei der Übertragung und Verbreitung des neuartigen Coronavirus spielen – und ob die Öffnung von Schulen und Kindergärten weitgehend gefahrlos möglich ist –, ist damit aber immer noch nicht gegeben. Warum, haben wir hier ausführlich erläutert.

16. Juni: Ein altbekanntes Medikament weckt neue Hoffnungen

rtz. · In Oxford wurden mit dem Medikament Dexamethason beachtliche Behandlungserfolge bei schwerkranken Covid-19-Patienten erzielt. Das weckt Hoffnungen, insbesondere weil es sich bei dem Medikament um ein äusserst günstiges, lange bewährtes Cortisonpräparat handelt. Damit kommt es auch für die Behandlung von Patienten in armen oder weniger wohlhabenden Ländern infrage.

Über diese Ergebnisse haben wir in einem separaten Artikel berichtet.

15. Juni: Nur 11 Prozent der Genfer haben sich infiziert

lsl. · Das wahre Ausmass der Covid-19-Pandemie ist schwer abzuschätzen, denn viele der Infizierten haben sich nie testen lassen. Um den Verlauf der Epidemie dennoch nachvollziehen zu können, haben Forscher im Kanton Genf breitflächige Antikörpertests durchgeführt. Die Ergebnisse haben sie in der Zeitschrift «The Lancet» publiziert.

Im Blut von fast 2800 zufällig ausgewählten Personen haben die Forscher über fünf Wochen hinweg nach Antikörpern gesucht. Diese Moleküle werden im Körper gebildet, um das Virus abzuwehren, und lassen sich auch mehrere Wochen nach einer Infektion noch nachweisen.

Im Verlauf der Studie nahm der Anteil der Personen, die Antikörper aufwiesen, zu: von 5 Prozent der getesteten Personen in der Woche vom 6. April auf 11 Prozent in der letzten Woche, jener vom 9. Mai. Bei Kindern und älteren Menschen über 65 Jahren fiel das Ergebnis seltener positiv aus. Entweder steckten sie sich weniger häufig an – was bei den alten Menschen auf effektive Schutzmassnahmen zurückzuführen sein könnte – oder sie bildeten seltener Antikörper.

Das bedeutet, dass sich sogar in einem so stark betroffenen Kanton wie Genf nur jeder zehnte Einwohner mit dem Virus angesteckt hat. Zum Vergleich: Mit den gängigen Virustests gab es in Genf auf 10 000 Einwohner 104 positiv Getestete, 35 waren es in der ganzen Schweiz, 44 in Grossbritannien und 63 in den USA (Stand 15. Juni, Quelle: corona-data.ch). Der Kanton Genf gehört demnach zu den am stärksten betroffenen Regionen weltweit.

In einer anderen Publikation in der Zeitschrift «Nature» hat eine Forschergruppe anhand der Todesfälle in Europa berechnet, dass sich zwischen 3,2 und 4 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert haben – mit starken regionalen Schwankungen.

Damit dürfte nach der ersten Infektionswelle auch erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun gegen eine erneute Infektion sein. Wobei noch nicht klar ist, wie lange die Immunität im Fall von Sars-CoV-2 überhaupt anhält.

12. Juni: Viele haben im Lockdown mehr, aber schlechter geschlafen

ni. · Bis zu 50 Minuten länger haben Personen während des Lockdowns geschlafen. Das zeigt eine Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Für ihre Arbeit haben Christine Blume und ihre Forscherkollegen 430 Personen in der Schweiz, Deutschland und Österreich befragt. Da die Probanden zwei Fragebögen ausfüllten – einen für die Zeit vor und einen für die Zeit nach dem Shutdown in ihrem Land –, ähnelt die Untersuchung einem medizinischen Experiment.

Mit der sechs Wochen im März und April abdeckenden Studie wollten die Forscher – zu ihnen zählt auch der Basler Chronobiologe Christian Cajochen – herausfinden, wie sich der Lockdown auf die Schlafdauer und die Schlafqualität der Menschen auswirkte. Fachleute gehen davon aus, dass viele Schlafstörungen das Resultat unseres modernen Lebensstils sind. Dabei diktiert nicht die auf das Sonnenlicht ausgerichtete innere biologische Uhr unsere Schlaf- und Wachphasen, sondern der hektische Arbeitsrhythmus und das Freizeitverhalten. Ist die Diskrepanz zwischen diesen beiden Taktgebern gross, kommt es zu einer Art dauerhaftem Jetlag, was nachweislich die körperliche und geistige Gesundheit schädigt.

Im Lockdown arbeiteten über 85 Prozent der Teilnehmer der Basler Studie im Home-Office. Bei ihnen fiel nicht nur der Arbeitsweg weg. Sie dürften auch ihre Arbeitszeiten flexibler gestaltet haben können. Dadurch sollte sich der sogenannte soziale Jetlag – dieser bemisst sich am Unterschied in der Schlafenszeit und der Schlafdauer zwischen den Arbeitstagen und den freien Tagen – verringert haben. Diesen Effekt konnten die Forscher tatsächlich nachweisen. So reduzierte sich bei den Befragten während des Lockdowns der Unterschied bei der Schlafenszeit (zwischen Werktagen und Freitagen) um durchschnittlich 13 Minuten; bei der Schlafdauer verringerte sich der Unterschied um 25 Minuten.

Wie die Analyse weiter zeigt, schliefen die Befragten während des Lockdowns täglich um durchschnittlich 13 Minuten länger als zuvor; einzelne Probanden schliefen sogar bis zu 51 Minuten länger. Trotzdem führte das Mehr an Schlaf nicht zu einer Verbesserung der wahrgenommenen Schlafqualität. Im Gegenteil: Die Befragten beurteilten ihre Schlafqualität während des Lockdowns sogar als etwas schlechter als in den Wochen zuvor. Wie die Basler Forscher schreiben, dürfte das damit zusammenhängen, dass die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown für die Befragten in vielerlei Hinsicht belastend gewesen ist.

Die Forscher räumen ein, dass ihre Studienergebnisse nicht eins zu eins generalisierbar seien. So waren zum Beispiel drei Viertel der Befragten Frauen. Die meisten Probanden waren zudem eher gut ausgebildete Personen, die insgesamt keine grösseren Schlafprobleme hatten. Gerade letztere Faktoren dürften dazu geführt haben, dass der positive Effekt von flexibleren Arbeitszeiten in der Studie eher unter- denn überschätzt würde, so die Forscher. Am meisten vom Home-Office profitieren dürften die sogenannten späten Chronotypen, also Personen, deren biologische Uhr ein vergleichsweise spätes Aufstehen erfordert.

10. Juni: Traten die ersten Covid-19-Fälle schon im Herbst in Wuhan auf?

ni. · Nach verschiedenen Studien sind die ersten Fälle von Covid-19 in Wuhan, China, Ende November oder Anfang Dezember aufgetreten. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise darauf, dass das neue Coronavirus schon Wochen oder Monate früher in Südchina zirkuliert haben könnte. Diese Ansicht vertritt nun auch eine amerikanische Forschergruppe der Harvard Medical School in Boston. Für ihre Untersuchung haben John Brownstein und seine Kollegen anhand von Satellitenaufnahmen die Parkplatzbelegung von sechs Spitälern in Wuhan sowie die aus dieser Gegend stammenden Internetanfragen nach Begriffen wie «Husten» und «Durchfall» analysiert.

Obwohl die Parkplatzbelegung der Kliniken zwischen 2018 und 2020 generell zugenommen hat, liess sich laut den Forschern in den über 100 Satellitenbildern ab August 2019 ein starker Anstieg nachweisen. Fünf der sechs Spitäler erlebten zwischen September und Oktober ein besonders grosses Besucheraufkommen. In dieser Zeit verzeichnete die chinesische Suchmaschine Baidu einen deutlichen Anstieg bei den Suchanfragen nach «Husten» und «Durchfall». Der Begriff «Durchfall» sei dabei besonders interessant, schreiben die Forscher. Denn dieser sei spezifischer für Covid-19 als «Husten», der parallel zur Grippesaison jährliche Peaks zeige.

Auch wenn die Befunde mit einem frühzeitigen Auftreten von Sars-CoV-2 im Herbst 2019 vereinbar sind: Ein Beweis sind sie nicht, das schreiben auch die Autoren der Studie. Eindeutiger wäre die Situation, wenn im Nachhinein noch der Virusnachweis bei Spitalpatienten gelänge, die im Spätsommer oder Herbst 2019 wegen unklaren respiratorischen Symptomen in Wuhan hospitalisiert waren. Dass das möglich ist, hat der Fall eines Patienten in Frankreich gezeigt. Dafür muss im Spital aber noch biologisches Material wie Auswurfsekret oder Blut für eine Nachuntersuchung gelagert sein.

9. Juni: Weitere Hinweise für die Wirksamkeit von Remdesivir

ni. · Das ursprünglich gegen Ebola entwickelte Medikament Remdesivir gehört seit Beginn der Corona-Pandemie zu den vielversprechendsten Therapien für Patienten mit Covid-19. Nach positiven Ergebnissen in klinischen Studien erteilten die USA bereits Anfang Mai eine Ausnahmebewilligung für den Einsatz der Substanz in Spitälern. Die amerikanische Herstellerfirma Gilead hat inzwischen auch eine Zulassung in der Europäischen Union beantragt, wie die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) am Montag mitteilte.

Von Remdesivir ist der grösste Nutzen dann zu erwarten, wenn das Mittel möglichst früh im Krankheitsverlauf verabreicht wird. Welchen Effekt es dann erzielen kann, haben Forscher der amerikanischen National Institutes of Health in Hamilton bei Rhesusaffen untersucht. Im Gegensatz zu unbehandelten Tieren entwickelten Rhesusaffen, die 12 Stunden nach der Infektion mit Sars-CoV-2 Remdesivir erhalten hatten, deutlich weniger Schäden in ihren Lungen. Dieses Ergebnis ging mit einem weiteren Befund einher: Bei den behandelten Affen liess sich im tiefen Atemtrakt nur ein Hundertstel der Coronaviren verglichen mit den unbehandelten Tieren nachweisen.

Ihre Ergebnisse unterstützten eine frühzeitige Behandlung von Covid-19-Patienten mit Remdesivir, schreiben Emmie de Wit und ihre Forscherkollegen in ihrem Artikel. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Trotz der klinischen Verbesserung liess sich bei den behandelten Tieren keine Reduktion der Virusausscheidung nachweisen. Das bedeutet, dass die Therapie mit Remdesivir keinen grossen Einfluss auf die Infektiosität des Individuums haben dürfte.

8. Juni: Schützt die Tuberkulose-Impfung vor Covid-19?

ni. · Seit längerem wird darüber diskutiert, ob die seit Jahrzehnten verwendete Impfung gegen Tuberkulose (BCG) auch vor Covid-19 schützt. Die Idee ist nicht abwegig, gibt es doch wissenschaftliche Evidenz, dass mit BCG geimpfte Personen auch einen gewissen Schutz vor verschiedenen Infektionskrankheiten haben. Fachleute führen dieses Phänomen auf eine unspezifische Wirkung der Vakzine zurück, die vor allem den angeborenen Teil des Immunsystems gegen Eindringlinge stärken soll.

Um den Nutzen der Tuberkulose-Impfung gegen Sars-CoV-2 abzuklären, griff David Levine von der University of California in Berkeley, USA, zu einem Trick. Er verglich die Daten über die bestätigten Covid-19-Fälle und die Covid-19-Sterberaten in Spanien und in Italien. Der Wissenschafter wählte diese beiden Länder für seine Analyse, weil sie sich bei der Häufigkeit der Tuberkulose-Impfung stark unterscheiden. Während Spanien bis 1981 ein nationales BCG-Impfprogramm für alle Bürger betrieb, wurden in Italien nur wenige Risikopersonen geimpft. In anderer Hinsicht wie der Lebenserwartung, der Altersverteilung oder der Häufigkeit von Risikofaktoren wie Diabetes oder Übergewicht seien sich die Länder dagegen sehr ähnlich, so Levine.

Die Analyse, die erst als wissenschaftlich noch nicht begutachteter Preprint vorliegt, zeigt nun folgendes Bild: Vergleicht man die Covid-19-Fallzahlen und -Mortalitätsraten bei Personen, die vor und nach dem Stopp des nationalen BCG-Impfprogramms in Spanien geboren wurden (41- bis 49-Jährige bzw. 31- bis 39-Jährige), scheinen die älteren Semester in Spanien besser mit dem Coronavirus zurechtgekommen zu sein als ihre Altersgenossen in Italien. Das spreche für einen «Fetzen von Evidenz», dass die BCG-Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung schützen könnte, schreibt Levine.

Die vorsichtige Formulierung ist mit Bedacht gewählt. Denn erstens ist nur das Resultat bezüglich der Covid-19-Fallzahlen statistisch signifikant; bei der Mortalität liegt dagegen nur ein statistischer Trend für eine Reduktion vor. Zweitens fällt die nachgewiesene Risikoreduktion bei den Covid-19-Zahlen mit 3,8 Prozent (relativer Risikoreduktion) in Spanien minimal aus. Und drittens gibt es viele möglichen Störfaktoren wie zum Beispiel eine in Spanien und Italien unterschiedlich gute Entdeckung und Meldung von Corona-Fällen, die die Ergebnisse verfälscht haben könnte.

5. Juni: Zwei prominente Studien zurückgezogen

rtz. · Zwei prominente Studien zur Behandlung von Covid-19-Patienten erweisen sich als völlig unseriös. Das Problem: Die Daten für die beiden Studien stammten von der Firma Surgisphere; diese hielten aber einer Überprüfung nicht stand. Über die Studien und ihre Datengrundlage haben wir hier ausführlich berichtet, Medizinredaktor Alan Niederer hat den Forschungsskandal ausserdem kommentiert.

4. Juni: Strategien zur Reduktion von Kontakten

kus.  ·  Der erste Höhepunkt der Covid-19-Pandemie in der Schweiz ist vorbei, und die Massnahmen zur Abflachung der Infektionskurve werden zunehmend gelockert. Dabei soll die Zahl der Neuinfektionen trotzdem möglichst niedrig und die Kurve flach gehalten werden. Hierfür braucht es sinnvolle Massnahmen, denn komplett wieder zu einer Normalität zurückzukehren, wie sie vor Beginn der Pandemie herrschte, birgt stets die Gefahr einer zweiten Infektionswelle. Forschende aus England und der Schweiz haben nun modelliert, wie sich verschiedene Strategien zur Reduktion von Kontakten auf die Infektionskurve auswirken.

Sie untersuchten drei Strategien, wie sie in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift «Nature Human Behaviour» beschreiben: Im ersten Szenario haben nur Personen miteinander Kontakt, die wichtige Charakteristika teilen, etwa in der gleichen Nachbarschaft leben. Hier ist es laut den Forschern wichtig, dass die Attribute so gewählt sind, dass die Gruppen nicht zu gross werden. Die zweite Strategie zielt darauf ab, möglichst nur mit solchen Personen persönlichen Kontakt zu haben, die untereinander ebenfalls in Verbindung stehen. Das hiesse beispielsweise, dass ein geschlossener Freundeskreis untereinander den Kontakt hält, aber persönliche Kontakte mit Freunden ausserhalb dieses Kreises meidet. Im dritten Szenario schliesslich wird strategisch ein Netzwerk aus «sinnvollen» Kontakten gebildet, das ausschliesslich untereinander Kontakt hat. Das kann einerseits bei der Arbeit sein, aber andererseits auch die Entscheidung betreffen, welches Familienmitglied den Kontakt zu einer gefährdeten älteren Person hält.

Diese drei Szenarien (mit einer Kontaktreduktion um jeweils 50 Prozent) verglichen sie dann einerseits mit einem, in dem Personen unlimitiert Kontakt zueinander hatten, und einem weiteren, bei dem Kontakte nicht strategisch, sondern ungerichtet um die Hälfte eingeschränkt wurden. Wie sich zeigte, flachten die drei strategischen Interventionen die Kurve am deutlichsten ab, und das auch dann, wenn sie miteinander kombiniert wurden. Dieses Resultat blieb zudem erhalten, wenn die Forscher Faktoren wie die Infektiosität des Virus oder die Menge der Personen änderten. Letztere war aufgrund der Rechenkapazität der Computer auf 4000 beschränkt.

Die Forscher schliessen hieraus, dass drei verhältnismässig einfache Verhaltensmassnahmen – das Suchen von Gemeinsamkeiten, die Stärkung von Interaktionen innerhalb bestehender Gemeinschaften und wiederholte Kontakte mit immer denselben Personen – dazu beitragen können, die Infektionskurve flach zu halten.

3. Juni: Reproduktionsrate in der Schweiz

Spe. · Durch ein Bündel von Massnahmen ist es der Schweiz in den letzten Wochen gelungen, die Corona-Epidemie in den Griff zu bekommen. Aber immer noch ist unklar, welche Einschränkungen dabei eine Schlüsselrolle gespielt haben. Auf der Suche nach einer Antwort haben Forscher der EPFL modelliert, wie sich die Reproduktionszahl seit Ende Februar entwickelt hat. Die Gruppe von Jacques Fellay stützt sich dabei auf öffentlich zugängliche Daten zur Hospitalisierung von Covid-19-Patienten und zu Todesfällen.

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Laut den Forschern sank diese Zahl von 2,8 Ende Februar auf 0,4 Anfang April. Das entspricht einer Reduktion um 86 Prozent. Aus der Modellierung geht hervor, dass der Rückgang bereits am 6. März begann – also vor den Schulschliessungen und bevor der Bundesrat eine Schliessung von Geschäften, Bars und Restaurants anordnete. Als am 20. März Versammlungen mit mehr als fünf Personen verboten wurden, habe die Reproduktionszahl mit grosser Wahrscheinlichkeit bereits unter der kritischen Schwelle von 1 gelegen, schreiben die Forscher im «Swiss Medical Weekly». Das deckt sich mit früheren Modellierungen von Tanja Stadler von der ETH Zürich in Basel.

Die Forscher warnen allerdings davor, deshalb das Versammlungsverbot oder andere Massnahmen des Bundesrates infrage zu stellen. Dem Lockdown sei eine intensive Informationskampagne des Bundes vorausgegangen. Diese habe vermutlich dazu geführt, dass die Bevölkerung bereits vor den Verboten die Abstands- und Hygieneregeln befolgt habe. Zudem sehen die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Reproduktionszahl und dem Mobilitätsverhalten der Bevölkerung. Die Zahl der Fahrten zur Arbeit, zum Einkaufen und zur Erholung sei im fraglichen Zeitraum um 50 bis 75 Prozent zurückgegangen.

2. Juni: Das Virus befällt zuerst die Nase

rtz. · Sars-CoV-2 führt bei einem Grossteil der symptomatischen Infizierten zuerst zu Krankheitsanzeichen der oberen Atemwege, im späteren Verlauf sind auch die unteren Atemwege betroffen. Doch war bisher unklar, ob das Virus als Eintrittspforte das Gewebe im Rachenraum benutzt oder eher die Schleimhäute der Nase. Amerikanischen Wissenschaftern aus North Carolina ist es mit innovativen Methoden gelungen zu zeigen, dass das Virus besonders gut die Zellen der Nasenschleimhaut infizieren kann. Sie vermuten, dass sich das Virus von dort aus den Weg in die unteren Atemwege bahnt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal «Cell» publiziert.

Dies fanden die Forscher heraus, indem sie zwei Ansätze miteinander kombinierten: Zunächst konstruierten sie anhand vorhandener Erbgutdaten ein künstliches, grün fluoreszierendes Sars-CoV-2-Virus. Ausserdem verwendeten sie eine hochsensible Methode zur Quantifizierung der ACE2-Rezeptormenge in menschlichen Zellen der Nasen-, Rachen- und Bronchialschleimhaut. So konnten sie feststellen, dass einerseits die Menge an ACE2 entlang des Weges von den oberen zu den unteren Atemwegen abnahm und andererseits das Virus die oberen Atemwege besser infizieren konnte.

1. Juni: Maske, Abstand und Visier – was nützt?

rtz. · Wer nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage sucht, wie man sich im öffentlichen Raum oder bei der Arbeit am besten vor dem Erreger schützen kann, wird schnell frustriert – zu unterschiedlich sind die Einschätzungen und Empfehlungen. Jede Gesundheitsbehörde, jeder Experte scheint derzeit etwas anderes zu raten. Einen Überblick bietet eine neue Veröffentlichung im Fachmagazin «The Lancet»: Für ihre Metastudie haben die Wissenschafter 172 bis Anfang Mai erschienene Fallstudien aus 16 Ländern und 44 Vergleichsstudien ausgewertet. Insgesamt umfassen diese über 25 000 Fälle von Infektionen mit Sars-CoV-2, aber auch Mers und Sars.

Demnach ist der effektivste Schutz vor einer Infektion ein Mindestabstand von einem, besser zwei oder sogar drei Metern. Bei Gesichtsmasken und Augenschutz ist die Schutzwirkung schon nicht mehr ganz so eindeutig. Insbesondere sei das Tragen einer Maske keine Alternative zum Abstandhalten, betonen die Forscher. Auch häufiges Händewaschen und generelle Hygiene schützen. Aber selbst alle Massnahmen zusammen böten keinen vollständigen Schutz. Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegebereich sollten Masken mit einem möglichst hohen Schutzniveau verwenden, also jene der Schutzklasse FFP2 oder N95.

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