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«Wenn wir die Lücke verkleinern, hat Biden gewonnen»

«Trump is God’s appointed man»: Monica Nagy, Beverly Gadison und Pastor Michael Gammill im Trinity Gospel Temple in Canton (Ohio). bild: johann aeschlimann

«Wenn wir die Lücke verkleinern, hat Biden gewonnen»

Die Präsidentschaftswahl in den USA steht auf Messers Schneide. Ein Augenschein bei Biden- und Trump-Anhängern in den umkämpften Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio.

johann aeschlimann, USA

Washington, Pennsylvania. Hauptort des Washington County südlich von Pittsburgh, in der Südwestecke des Staates, wo er auf Ohio und West Virginia stösst. Kohle, Stahl und Landwirtschaft, viel Wald. Hier hausen Hirsch und Bär. The Deer Hunter Land.

Hinter dem leeren Parkplatz des Baseballstadions haben die Demokraten einen kleinen Pavillon besetzt. Am letzten Ridin’ with Biden rally vor der Wahl verteilen sie Hüte, T-Shirts, Masken und Rasenschilder. Im Gras steht ein lebensgrosses Kandidatenpaar aus Pappe, neben dem man sich ablichten kann. Der Andrang ist, sagen wir: überschaubar. Etwa hundert Wählerinnen und Wähler seien erschienen, sagt Marcie Callan, treasurer der Washington-County-Demokraten. Bei den vorhergehenden Veranstaltungen seien es mehr gewesen, alles in allem hätten wohl zehntausend Personen sie besucht. In Washington County sind rund 100’000 Menschen wahlberechtigt.

Der Stand der Demokraten beim Baseballstadion in Washington (Pennsylvania). bild: facebook

Pennsylvania – im Osten urban und demokratisch, im weiten Westen ländlich und republikanisch – ist ein tossup Staat, in dem der Wahlausgang auf Messers Schneide steht. Vor vier Jahren gewann Donald Trump die Wahl hauchdünn, sein Vorsprung betrug 44’000 von fünf Millionen abgegebenen Stimmen. In Washington County hatte er 65’000 von 100’000 Stimmen, ein Zweidrittelmehr. Ziel der Demokraten ist, ihren Anteil auf 40 Prozent zu erhöhen. «Washington County ist rot», sagt Marcie Callan. «Wir werden hier nicht gewinnen. Aber wenn wir in Wahlkreisen wie diesem die Lücke verkleinern, hat Biden gewonnen.»

Reizthema Fracking

Seit der Niederlage vor vier Jahren hat die Partei sich gestrafft. «Ich stellte fest, dass die Demokraten keine Telefonnummer, keinen Facebook-Auftritt und kein Büro hatten. Da startete ich eine Grassroot-Gruppe», erzählt Christine Proctor. Die Neu-Aktiven merzten die organisatorischen Defizite aus, suchten nach Kandidatinnen und Kandidaten und sammelten Geld. Sie registrierten ein Political Action Committee bei der Bundeswahlbehörde. So heissen die Geldsammelapparate, die frei, schrankenlos und bundesweit Geld für einen politischen Zweck sammeln dürfen, solange sie sich nicht mit einer Präsidialkampagne «koordinieren», wie es heisst.

Das PAC Southwest Pennsylvania Moving Forward hat mehrere hunderttausend Dollar gesammelt, die in Werbung für Joe Biden gesteckt werden. Radiospots und Zeitungsinserate – TV ist zu teuer – konzentrieren sich auf «oft vernachlässigte Aspekte nationaler Anliegen», wie ein Organisator sagt: Themen wie Gesundheit und Bildung, Veteranen für Biden (Trump hat Kriegsveteranen als suckers und Kriegsgefangene als losers betitelt) und Energie.

«Energie» heisst hier Kohle und Gas. Pennsylvania hat immer noch riesige Kohlevorkommen, die unter Tage abgebaut werden, und noch riesigere Mengen an unterirdischem Gas, das seit anderthalb Jahrzehnten mit der Fracking-Technologie erschlossen wird. Fracking ist die Kurzformel für hydraulic fracturing – die Zertrümmerung von tiefliegenden Gesteinsschichten mittels Druckwasser, um das Gas entweichen zu lassen. 1000 Meter geht es in die Tiefe und über drei Kilometer horizontal. Die Marcellus-Gesteinsschicht gilt als grösstes Gasvorkommen der Welt.

Ein Bohrturm in Pennsylvania. Fracking ist in diesem Bundesstaat ein wichtiges Thema. Bild: keystone

Washington County hat 1200 Fracking-Anlagen. Äusserlich ist davon nicht viel zu sehen, ein abgezäunter Hügel und einige Pipeline-Signale in der Landschaft. Ökonomisch jedoch hängen zehntausende Jobs und hunderttausende Dollar an Tantiemen daran. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton den Ausstieg aus der Kohle verkündet, was in Südwest-Pennsylvania nicht gut ankam.

Biden in der Defensive

Trump gewann, weil er die Rückkehr von Kohle und Stahl versprach und zahlreiche Umweltregeln seiner Vorgänger durchstrich. In diesem Jahr versucht er es mit Fracking. Trump krallt sich an Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris fest, die sich gegen die Technologie ausgesprochen hatte und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen in grossem Stil forderte. Joe Biden ist in der Mitte eingeklemmt: Zwar hat er dem Green New Deal der US-Linken bereits abgeschworen. Aber er anerkennt, dass der Ausstieg aus der fossilen Energie längerfristig unausweichlich ist, wenn die Erderwärmung beschränkt werden solle.

Das heisst für Trump, dass Biden einknickt und «gegen Fracking ist». Biden steht in diesem Punkt in der Defensive. Er muss den Satz I am not against fracking aussprechen, den er meist mit allerlei «aber» und «wenn» ergänzt. Schadet die Kontroverse den Demokraten in Washington County? «Eindeutig Ja», sagt einer am Stand beim Baseballstadion. «Wir Demokraten sind für Jobs, Gesundheitswesen und Bildung», sagt Marcie Callan. «Fracking ist eine riesige Industrie für uns.»

Demokraten machen sich Mut

Marcie und ihre Mitstreiter sind guten Mutes. «Wir zielen auf low propensity voters», sagt Christina Proctor. Das sind solche, die nicht oft zur Wahl gehen, aber pro-demokratisch eingestellt sind. Solche, die vor vier Jahren Clinton die Stimme verweigerten. Mittels Parteidatenbanken und öffentlich zugänglichen Registern seien 10’000 Wählerinnen und Wähler identifiziert und angeschrieben oder per Facebook kontaktiert worden, mehrfach. Ob der Effort fruchtet? Die Demokraten machen sich Mut. Bei der Briefwahl hätten doppelt so viele registrierte Demokraten abgestimmt wie Republikaner. Beim early voting sei es ähnlich. Man sehe Biden-Tafeln, wo früher nichts war («vor vier Jahren hätten Sie hier kein einziges Clinton-Schild gefunden»), und keine Trump-Tafeln, wo früher welche standen. «Ein Nachbar, der vor vier Jahren ein Trump-Schild vor dem Haus hatte, steckte diesmal nur ein Schild für den republikanischen Abgeordneten in den Rasen», sagt Max Gonano.

Christine Proctor(l.) und Marcie Callan wollen Joe Biden zum Sieg verhelfen. Bild: Johann Aeschlimann

Ein Zeichen? Vor ein paar Tagen sah ich in Alexandria (Virginia) ein ähnliches Phänomen. In der Nachbarschaft, die ich seit Jahrzehnten kenne, eine ganze Menge Biden/Harris-Propaganda, aber kein einziges Trump-Schild. Ein tief republikanischer Haushalt hat das Schild des republikanischen Senats-Kandidaten vor dem Haus. That’s how far we will go, sagt die Hausherrin. Sie und ihr Mann werden Trump wählen.

Gibt es den enthusiasm gap?

Gibt es versteckte Trump-Anhänger, die sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, weil sie wissen, dass sie minorisiert sind? Oder weil das Verhalten ihres Kandidaten sie beschämt? Auf dem Weg zum Baseballstadion in Pennsylvania kreuze ich auf der Autobahn eine lange Kolonne, die Pickups reich beflaggt mit Trump- und US-Fahnen. Am Samstag zuvor war mir in Charleston (South Carolina) ein ähnlicher Umzug begegnet.

Sind Trump-Anhänger mit mehr Verve bei der Sache? Legen sie mehr Hartnäckigkeit an den Tag? Gibt es einen Unterschied punkto Enthusiasmus – einen enthusiasm gap?

Mobilisierung von Tür zu Tür

Alle Zeichen deuten auf eine Rekordteilnahme an der Wahl vom 3. November hin. Es geht um Mobilisierung der Anhängerschaft, in zwei Stufen. Zum einen müssen die Wähler dazu gebracht werden, sich zu «registrieren» (in den USA ist man – anders als in der Schweiz – nicht bei einer Gemeinde angemeldet, die einem das Stimmmaterial automatisch zuschickt, sondern man muss sich zur Wahlteilnahme einschreiben). Zum andern müssen die Registrierten auch zur Stimmabgabe motiviert werden.

«Biden-Wähler sind entschlossen», sagt Politologin Paru Shah. bild: ho

«Die Demokraten spüren, dass die Republikaner bei der Registrierung bessere Arbeit geleistet haben», sagt Paru Shah, Politiologieprofessorin an der University of Wisconsin in Milwaukee, einem anderen tossup Staat, den Trump vor vier Jahren nur knapp gewann. Die Republikaner hätten mehr Propaganda «von Person zu Person» gemacht, während die Demokraten aus Angst vor der Pandemie darauf verzichtet hätten. «Ich bin Demokratin und die einzigen Versuche der Partei, mich zu kontaktieren, sind E-Mails und SMS», sagt Shah. «Ich bin nicht sicher, ob das funktioniert. Wir wissen aus der Forschung, dass Mobilisierung von Tür zu Tür funktioniert.» In Washington County haben die Demokraten «vor kurzem» angefangen, von Tür zu Tür zu gehen, sagt Marcie Callan.

Trump irrlichtert durchs Land

Die Demokraten werden wie vor vier Jahren landesweit mehr Stimmen erhalten als die Republikaner. Es geht darum, in den knappen, verlorenen Bundesstaaten die Mehrheit zu gewinnen, die Wählerbasis zu verbreitern, die von Hillary Clinton Verbiesterten und von Donald Trump Enttäuschten hinter sich zu bringen. Donald Trump wird seine Basis nicht verbreitern können, sondern vertiefen müssen, wenn er siegen will. Er muss noch mehr Überzeugte zur Urne bringen als vor vier Jahren. Deshalb der frenetische Versammlungskalender, der Trump kreuz und quer durch das Land irrlichtern lässt, mit mehreren Stopps am Tag. Allentown, Lititz und Martinsburg in Pennsylvania, Walbridge und Youngstown in Ohio, Washington (noch eines) in Michigan, Phoenix in Arizona sind angesagt. Trump muss den Enthusiasmus seines Anhangs ins Unermessliche steigern.

Gibt es den enthusiasm gap? Professorin Paru Shah denkt Nein: «Sie sehen diese Trump-Versammlungen mit viel Enthusiasmus und Sie sehen nicht Massen von Menschen, die enthusiastisch für Biden sind. Aber es gibt keine Lücke. Biden-Wähler sind entschlossen.»

The bible is our voter guide

Sonntagmorgen, Trinity Gospel Temple in Canton (Ohio). Eine charismatische Kirche, fundamentalistisch. Gott ist hier omnipräsent, er (sie?) würzt jede Konversation. Nach dem Gottesdienst erhalte ich die Gelegenheit, mit Pastor Michael Gammill und zwei Kirchgängerinnen, Beverly Gadison und Monica Nagy, über Politik zu sprechen. Das ist kein Problem mehr, seit die Trump-Administration die Steuerkeule weggelegt hat: Bis 2016 verloren Kirchen ihre Steuerprivilegien, falls Kirchenmänner sich im Gotteshaus politisch äusserten.

watson-Mitarbeiter Johann Aeschlimann (r.) im Gespräch mit Pastor Michael Gammill. bild: johann Aeschlimann

Meine Gesprächspartner stehen zu hundertfünfzig Prozent hinter Donald Trump. The bible is our voter guide, sagen sie. Die Wahlanleitung ist die Bibel. Auf einem Blatt haben sie den Programmvergleich zusammengestellt, links rot die Republikaner, rechts blau die Demokraten. Es geht um Abtreibung, Ehe, Schwule und Lesben, (LGBT agenda), Toilettenreglemente, Gott, Religion, sex education und mehr. Auf den Einwand, die Republikanische Partei habe 2020 gar keine Wahlplattform verabschiedet, sagt Pfarrer Gamill: «Wir haben die von 2016 angepasst und stützen uns auf vier Jahre Erfahrung.»

Für Land, Volk, Präsident und Israel

Monica Nagy hat 2016 einen prayer call ins Leben gerufen (The Lord put it in my heart), jeden Morgen von 8 bis 8.45 Uhr kann man anrufen und für Land, Volk, Präsident und Israel beten. Trump is God’s appointed man, sagt Monica. Auch wenn er sich benimmt wie ein rüpelhafter Schulbub? «Es gibt nur einen perfekten Menschen, nämlich Jesus Christus. Wir sind alle works in progress.» Jeder macht Fehler. Aber ja, Trumps Verhalten hilft nicht. «Ich bete zu Gott, dass er ihm einen Filter in den Mund steckt», sagt Monica Nagy. Aber es gehe nicht um die Persönlichkeit, sondern um das Programm, sagen alle. Look at the platform. Trump ist gegen Abtreibung. Für Israel. It’s about a socialist leaning platform against capitalism, sagt Nagy. Bei der Wahl geht es um Sozialismus gegen Kapitalismus. Eine Entscheidungsschlacht.

Beverly Gadison gehört der Kirche seit 30 Jahren an. Sie gehört zur schwarzen Minderheit der Mitglieder. Bis vor einem Jahr wählte sie demokratisch. I asked the Lord who to vote for, and he began to show me, sagt sie. «Sie haben es mir erklärt, ich realisierte, dass ich für etwas eintrat, das Gott nicht will.» In ihrer Familie sticht sie heraus, sie ist sozusagen das schwarze Schaf. Ihre Schwester, ebenfalls Christin und Kirchgängerin, aber in einer anderen Kirche, steht politisch im anderen Lager. She is for what is his name – Bidden? «Sie nennt mich dumm», sagt Beverly. «Ich habe versucht, mit meinen Freunden über Trump zu sprechen, aber sie wurden sehr wütend, gewalttätig. Jetzt halte ich mich zurück.»

Corona als Stolperstein?

Kann das Trump-Lager noch Wähler hinzugewinnen? Pastor Gammill sagt Ja: «Ich kenne vier Personen, die nie gewählt haben und diesmal wählen werden. Und ich kenne mehrere andere, die sich aus der Politik heraushalten wollen und die ich ermutige.» Die Runde ist sich einig, dass es knapp wird. «Ich glaube, dass Trump gewinnt», sagt der Pastor. «Wenn er verliert, dann wegen der Art und Weise, wie er mit der Coronakrise umgegangen ist.»

Nach dem Gespräch Lunch in einem Restaurant. Einzelabteil, mit Glas getrennt. Ich spreche mit einer Bekannten über Familiäres. Sie erzählt vom grausamen Autounfall ihres Mannes, ein Prozent Überlebenschance, Mobilisierung der Glaubensschwestern, viel, viel Gebet. Gottes Ohr, Gottes Hilfe, der Mann überlebt. Plötzlich stehen zwei junge Männer vor uns. God is great, sagt der eine. Er habe unserem Gespräch zugehört und könne nicht anders, als die Güte des Herrn und die Macht des Gebets zu preisen und sich zu offenbaren.

Only in America.

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