Switzerland

Wieder ein grosser Seuchenherd in einer Fleischfabrik: Gütersloh verordnet Quarantäne

Schulen und Kitas im Landkreis werden geschlossen, 7000 Menschen müssen in Isolation, weil bei Hunderten von Arbeitern des Tönnies-Konzerns das Coronavirus festgestellt wurde. Bei dem Fleischriesen streiten inzwischen die Gesellschafter.

Die Tönnies-Zentrale in Rheda-Wiedenbrück bleibt wegen des Corona-Ausbruches bis auf weiteres geschlossen.

Die Tönnies-Zentrale in Rheda-Wiedenbrück bleibt wegen des Corona-Ausbruches bis auf weiteres geschlossen.

Lukas Schulze / Getty

Die Pandemie meldet sich auch im relativ sicheren Deutschland zurück. In den vergangenen Tagen sind über das ganze Land verteilt immer wieder Infektionsherde aufgelodert. Wohnblocks in Göttingen und Berlin-Neukölln mussten abgesperrt werden, weil sich dort Dutzende von Menschen mit dem Coronavirus angesteckt hatten. In einer Fleischfabrik im Landkreis Gütersloh wurde am Mittwoch der bisher schwerwiegendste Fall entdeckt: Hunderte Arbeiter im Betrieb der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wurden positiv auf das Virus getestet.

Nachdem in den vergangenen Monaten in Reihentests nur bei etwas mehr als 100 von 6400 Mitarbeitern an diesem Standort eine Erkrankung festgestellt worden sei, teilt Tönnies mit, hätten Tests in dieser Woche eine hohe Durchseuchung in dem Schlacht- und Zerlegebetrieb ergeben. Rund 650 Tests seien positiv ausgefallen. Der mutmassliche Grund dafür: Viele Mitarbeiter seien am langen Fronleichnamswochenende in eng besetzten Bussen in ihre Heimatländer Rumänien und Bulgarien zurückgereist, sie hätten sich aller Wahrscheinlichkeit nach dabei angesteckt. Die kühlen Bedingungen im Betrieb hätten dann die Ausbreitung des Virus begünstigt.

Die Tönnies Holding gehört zu Deutschlands grössten Schlacht- und Zerlegebetrieben. Mit rund 16 500 Beschäftigten weltweit setzte das Unternehmen 2018 6,65 Milliarden Euro um. Beliefert wurden vor allem die grossen deutschen Lebensmittelhandelsketten. Die nun geschlossene Fabrik in Rheda-Wiedenbrück ist der Hauptsitz der Firma. Nach Schätzungen werden dort etwa 20 Prozent des in Deutschland verbrauchten Fleisches produziert, das nun auf dem Markt fehlt.

Laut einem Bericht des «Manager Magazin» ist wegen des Vorfalls unter den Gesellschaftern offener Streit ausgebrochen: Robert Tönnies hat seinen Onkel Clemens Tönnies und die gesamte Geschäftsführung des Unternehmens schriftlich aufgefordert, ihre Ämter zurückzulegen. «Aufgrund dieses unverantwortlichen Handelns und der Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung fordere ich die Geschäftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder auf, die notwendigen Konsequenzen aus ihrem Tun zu ziehen und geschlossen von Ihren Ämtern zurückzutreten», zitiert das Magazin aus dem Brief. Die Führung des Unternehmens – im Beirat sitzt auch der designierte BDI-Präsident Siegfried Russwurm – müsse so schnell wie möglich einem erfahrenen und verantwortungsbewussten Krisenmanagement übertragen werden.

Kein allgemeiner Lockdown

Der Landkreis Gütersloh musste wegen des Grossausbruchs alle Schulen und Kindertagesstätten bis zum Beginn der nordrhein-westfälischen Sommerferien am 29. Juni schliessen. Insgesamt 7000 Menschen wurden unter Quarantäne gestellt, unter ihnen alle, die auf dem Werksgelände gearbeitet haben. Sie würden nun nach und nach auf das Coronavirus getestet, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) der Nachrichtenagentur DPA. Einen allgemeinen Lockdown für den Kreis gebe es nicht, obwohl die wichtige Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in sieben Tagen deutlich überschritten sei. Auch Kinder von im benachbarten Bielefeld wohnhaften Tönnies-Mitarbeitern wurden von Schulen und Kitas nach Hause geschickt.

Karline Wenzel, die Mitgründerin der Elterninitiative #Elterninderkrise, forderte unterdessen von Ländern und Bund eine tragfähige und nachvollziehbare Reaktion auf Fälle wie jenen im Landkreis Gütersloh. «Wir verstehen es einfach nicht: Warum werden im Landkreis Gütersloh sämtliche Schulen und Kitas geschlossen, wenn in einer Fleischfabrik Covid-19-Infektionen bestätigt werden? Und warum bleiben andere Treffpunkte wie etwa Geschäfte und Fitnessstudios geöffnet? Die Rationalität dahinter ist für uns völlig schleierhaft.» Es könne nicht sein, dass Eltern und Kinder schon wieder über den Tellerrand der Solidargemeinschaft fielen.

Laschet sieht keine Fehler bei Lockerungspolitik

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet wollte den Vorfall nicht in Zusammenhang mit seiner forcierten Politik der Lockerung von Pandemie-Massnahmen sehen: «Das sagt überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt. Das wird überall passieren», sagte der CDU-Politiker. Die Fälle hätten nicht mit der Lockerungspolitik zu tun, sondern mit oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und der Unterbringung der Arbeiter in Deutschland. Noch vor vier Wochen sei keiner positiv getestet worden, jetzt seien Menschen da, die das Virus hätten. Man müsse «immer wachsam bleiben».

Laschets Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) forderte am Donnerstag ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche. Nach den Ferien solle ein entsprechender Gesetzesentwurf vorgestellt werden, sagte Laumann gegenüber dem Deutschlandfunk. Daneben solle es auch Vorschriften für die Unterbringung von Arbeitskräften in der Fleischindustrie geben. Ausserdem will der Minister alle Mitarbeiter in fleischverarbeitenden Betrieben in seinem Bundesland auf das Coronavirus testen lassen.

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) drang ebenfalls auf Konsequenzen aus dem Corona-Ausbruch bei Tönnies. «Hunderte von Infektionen in einem Betrieb. Diese Zustände sind nicht haltbar», erklärte die CDU-Politikerin. Die Ursachen für die Infektionen am Arbeitsplatz und in Unterkünften müssten nun gründlich untersucht werden.

Bereits Ende Mai hat die Bundesregierung im sogenannten Arbeitsschutzprogramm für die Fleischwirtschaft beschlossen, dass ab dem 1. Januar 2021 keine Subunternehmer-Konstruktionen und Werkverträge in der Branche mehr möglich sein sollen. Ab diesem Zeitpunkt dürfen nur noch Arbeiter des jeweiligen Betriebes Tiere schlachten und zerlegen.

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