Switzerland

Zu Fuss über eine Grenze in den Köpfen

Vom Mittelland durch die Berner und Luzerner Voralpen führt der Grenzpfad Napfbergland. Das schönste Teilstück schlängelt sich von Trubschachen über aussichtsreiche Hügel zum Wachthubel und nach Marbach.

Das hügelig-schöne Napfgebiet.

Das hügelig-schöne Napfgebiet.

Fotos: Andreas Staeger

Manche Grenzlinien wie Grate und Flüsse sieht man im Gelände überdeutlich. Grenzen zwischen Sprach- und Kulturräumen hingegen existieren oft nur in den Köpfen. Eine solche unsichtbare Linie verläuft von der Wasserscheide am Brünig quer durch das Napfgebiet bis zum untersten Lauf von Reuss und Aare. Der Volkskundler Richard Weiss gelangte in den 1940er-Jahren zur Auffassung, dass sich die Schweiz hier deutlicher in einen Ost- und Westteil scheidet als entlang der Sprachgrenze zwischen der Deutschschweiz und der Romandie.

Verzerrte Raumvorstellung

An der Brünig-Napf-Reuss-Linie stossen west- und mitteleuropäische Kulturräume aufeinander. Die Grenze lässt sich nicht durchwegs topografisch erklären, sondern ist auch historisch bedingt. Im Mittelalter prallten hier die burgundischen und alemannischen Einflusssphären aufeinander, später steckten die eidgenössischen Stadtrepubliken Bern und Luzern in der Gegend ihre Territorien gegeneinander ab. Nach der Reformation kam zur politischen Rivalität noch die konfessionelle Abgrenzung.

Trotz Mobilität und Globalisierung ist diese Kulturgrenze bis heute in den Köpfen verankert. Eine beispielhafte Untersuchung ergab in den 1990er-Jahren, dass die Bewohner der Region sich den Raum über die Kantonsgrenze hinweg verzerrt vorstellen: Für die Bevölkerung von Langenthal wirkt das 15 Kilometer entfernte, ebenfalls bernische Huttwil «näher» als das 7 Kilometer entfernte luzernische Pfaffnau.

Auf dem Grenzpfad

Die Grenzlinie lässt sich gut zu Fuss erkunden, indem man dem Grenzpfad Napfbergland folgt. Der Weitwanderweg führt in sechs Etappen von Langenthal südwärts. Er schlängelt sich zwischen den beiden Kulturräumen dahin, schwankt zwischen Emmental und Innerschweiz – und endet am Schluss im Berner Oberland: Die letzte Etappe führt von dem Brienzer Rothorn, dem höchsten Punkt des Kantons Luzern, zum Brünigpass. Der Grenzpfad erschliesst aussichtsreiche Eggen, bewaldete Chrächen und behäbige Bauernhöfe. Er bietet deshalb viel landschaftliche Abwechslung. Besonders attraktiv ist der Abschnitt von Trubschachen nach Marbach.

Landschaftliche Abwechslung bieten die Eggen, die bewaldeten Chrächen und die Bauernhäuser.

Landschaftliche Abwechslung bieten die Eggen, die bewaldeten Chrächen und die Bauernhäuser.

Schon im Aufstieg nach Unter Houenen öffnen sich erste malerische Ausblicke zu den Hügeln des Oberemmentals. Am Vorder Rämisgumme weitet sich die Sicht zum Hohgant, bei Hinder Rämisgumme tritt auch die Schratteflue und ihr westlicher Abschluss, der wie ein Zahn geformte Schibegütsch, in Erscheinung.

Religion prägt die Landschaft

Es ist eine veritable Höhenwanderung, die auf aussichtsreichen Wegen zum Pfyffer führt. An der Bergegg wird es steil. Ein schmales Weglein führt hinauf zum Wachthubel, dem höchsten Punkt des Emmentals (er liegt noch ein paar Meter höher als der vermeintliche Rekordhalter Napf). Die Aussicht von der mit Gras bewachsenen Kuppe ist grossartig: Zwischen der Schratteflue und dem Hohgant, den einträchtig vereinten landschaftlichen Exponenten der beiden unterschiedlichen Kulturräume, sind Wetterhorn, Schreckhorn und weitere Gipfel der Berner Hochalpen zu erkennen. Rechts davon erstrecken sich die Sieben Hengste, der Sigriswilgrat, der Niesen und die Stockhornkette. Im Norden überblickt man die vorderste Jurakette.

Die Grenze zwischen den Kantonen Bern und Luzern.

Die Grenze zwischen den Kantonen Bern und Luzern.

Durch den Wald führt ein steiler Zickzackweg abwärts Richtung Marbach. Im Raum Ober Buchschachen erkennt man als Wanderer, dass selbst Grenzen, die nur in den Köpfen existieren, sich im Gelände bemerkbar machen können: Oben am Grashang signalisiert ein Wegkreuz, dass die Welt hier katholisch ist. Weiter unten begegnet man später einem Bildstock. Das letzte und deutlichste Zeichen dafür, dass man auf der anderen Seite der Kulturgrenze steht, ist der markant spitze, mit einem Kreuz gekrönte Turm der Dorfkirche von Marbach.

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