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Germany

Es muss etwas geschehen beim Spracherwerb

Zugewanderte erlernen die deutsche Sprache keineswegs nur im Sprachkurs. Mindestens ebenso wichtig sei, das betonen viele Sprachwissenschaftler, ein deutschsprachiges Umfeld, ein Alltag unter Deutschen, in dem Zugewanderte von Anfang an ihre Sprachkenntnisse anwenden. Deshalb reiche es auch nicht aus, die Zahl der Integrationskursstunden von 600 auf 900 zu erhöhen und die Höchstgrenze für Teilnehmer von 25 auf 22 zu senken (was fast alle Parteien in NRW vom Bund fordern).

Unter Experten und Politikern ist diese Einsicht also unstrittig. Gerungen wird nur um die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind. Vor allem um eine: In wieweit muss der Staat für die Integrationskursteilnehmer ein deutschsprachiges Umfeld, also den kommunikativen Umgang mit Deutschen organisieren? Zugespitzt: Sollen sprachunkundige Zugewanderte vom Staat an die Hand genommen werden, wenn es darum geht, sich mit Deutschen auszutauschen? Oder obliegt es allein den Eingewanderten, den Austausch zu suchen?

Den Anlass zu dieser Debatte lieferte vergangene Woche eine Studie des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (LDS) und des Goethe-Instituts. Ihr zufolge gelingt es nur zwei Prozent der Integrationskursteilnehmer, das Sprachniveau zu erreichen, das offiziell jeder Absolvent erlangt haben muss. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schafft aber etwa die Hälfte der Kursteilnehmer in Land und Bund die Deutschprüfung.

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Quelle: WELT/Christoph Hipp

Die LDS-Studie legt nun den Verdacht nahe, dass viele Teilnehmer zwar die Prüfung bestehen, weil sie gezielt auf konkrete Prüfungs-Aufgaben vorbereitet werden – aber die erforderliche Sprachkompetenz nicht besitzen. Diese Ergebnisse, so bestätigte ein LDS-Sprecher auf Anfrage, gelten in etwa so auch für NRW. 2018 begannen hier 48.068 Menschen einen Integrationskurs. Bundesweit waren es im Vorjahr 202.933.

SPD, Grüne und einige Trägerverbände sehen daher den Staat in der Pflicht, mehr deutschsprachige Kommunikation zu gewährleisten. Die Integrationsexpertin Berivan Aymaz (Grüne) beispielsweise argumentiert gegenüber WELT, am besten erlerne man eine Sprache, wenn man sie im Alltag lebe. Eingewanderten müsse man die Gelegenheit dazu frühzeitig verschaffen.

Zwar gebe es „bereits viele Angebote, die oft von Ehrenamtlern getragen werden, wie Sprachpatenschaften, Sportgemeinschaften und Koch- und Kulturrunden“. Aber all das dürfe nicht „nur auf den Schultern von ehrenamtlich Engagierten lasten“. Da müsse das Land für Unterstützung sorgen. „Zum einen müssen ehrenamtliche Strukturen besser koordiniert werden, und zum anderen brauchen wir verlässliche und flächendeckende Begleitangebote mit hauptamtlichen Akteuren“, sagt Aymaz. Denn an dieser Verlässlichkeit mangelt es laut Opposition noch in mancher Kommune, zumal im ländlichem Raum.

Auch Manfred Hoffmann, Migrationsexperte der evangelischen Diakonie in NRW, unterstützt diesen Ansatz. Er sieht zwar viele Stellschrauben, an denen gedreht werden müsste – von mehr Sozialpädagogen über bessere Berufsorientierung bis hin zu mehr deutschsprachigen Kommunikationsgelegenheiten. Den Wert der Letzteren aber hält er für empirisch belegt. Denn: „Wo flankierende Angebote rund um den Integrationskurs die Teilnehmer so früh wie möglich in einen deutschsprachigen Sozialraum einbeziehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Sprachprüfung auch bestanden wird“, sagt er WELT.

Damit meint er etwa die Diakonie. Während insgesamt etwa 50 Prozent der Kursteilnehmer an der Deutschprüfung scheitern, sind es bei Diakonie-Kursen 20 bis 40 Prozent. Denn anders als privat-profitorientierte Kursanbieter legen kirchliche Kursbetreiber viel Wert auf möglichst frühe und umfassende Einbindung ins gesellschaftliche und deutschsprachige Leben. Und weil bei den Kirchen im Vergleich zu weltlichen Verbänden noch immer überdurchschnittlich viele Ehrenamtler mitwirken, haben sie oft auch das Personal, um solche Angebote mit Leben zu füllen – ob es um Sprachpaten, Koch-AGs oder internationale Familiencafés geht.

Gerade solche Freizeitangebote hätten einen für die Integration zentralen Effekt, sagt die Diakonie-Migrationsreferentin Antonia Annoussi: „Durch flankierende Angebote zum Integrationskurs beginnen die Menschen sofort, ihre frisch erworbenen Sprachkenntnisse anzuwenden, was sie wiederum ermutigt weiterzulernen.“ Und das sei für den Erfolg bei Sprachkursen von kaum zu überschätzendem Wert.

Das Flüchtlingsministerium stimmt all dem zu. Auch betont das Haus von Flüchtlingsminister Joachim Stamp (FDP), es unterstütze ja längst die Koordination von Ehrenamtlern und Organisationen, die Zugewanderte möglichst frühzeitig in einen Austausch mit Deutschen zu bringen versuchen. So wurden im „Komm-an-Programm“ inzwischen rund 1500 sogenannte „Ankommenstreffpunkte“ geschaffen, also Orte, an denen Zugewanderte und Einheimische sich begegnen können. Sie werden mit 13,4 Millionen Euro pro Jahr vom Land gefördert.

Aber: Eine bindende Verpflichtung des Landes zum lückenlosen Aufbau und dauerhaften Unterhalt solcher Begegnungsräume gibt es nicht. So weit mögen CDU und FDP nicht gehen. Damit ersparen sie sich womöglich Kritik einiger Experten. Der Bonner Kultursoziologe Hans Neuhoff zum Beispiel hatte bereits im Mai bei einer Landtagsanhörung zum Thema Integrationskurse geschimpft, in der Landespolitik fehle jedes Bewusstsein dafür, dass es „eine Bringschuld von Migranten“ gebe, „sich auch außerhalb der Unterrichtszeiten und von sich aus um das Erlernen der deutschen Sprache zu bemühen“.

Neuhoff sieht noch ein Hindernis für den effektiven Erwerb der deutschen Sprache für die Kursteilnehmer: Zumindest manche von ihnen könnten sofort nach Kursende wieder „in ihre Diasporas und Communitys“ zurückkehren, in denen kein Deutsch gesprochen werde. Die „Notwendigkeit alltäglicher Kontakte“ mit Deutschsprachigen fehle deshalb oft. Allerdings könnte man genau das auch als zusätzlichen Grund verstehen, warum sich das Land umso stärker um die Organisation eines deutschen Sprachraums für Zugewanderte bemühen sollte, erwiderten bei der Anhörung andere Experten.

Wie man die Argumente auch gewichten mag, eines wird gerade seit der LDS-Studie von niemandem mehr bestritten: Es muss etwas geschehen beim Spracherwerb. Sollte die Qualität der Sprachvermittlung nämlich nicht bald besser werden, bliebe laut LDS-Experten nur ein Ausweg: Man müsste die Ansprüche an die Deutschkenntnisse der neuen Mitbürger deutlich absenken.

Dieser Text ist aus WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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