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Interview mit einem Bauern: „Pferdemist ist auch nicht recht“

Wann sind Sie zuletzt bei der Arbeit beschimpft worden?

Thorsten Winter

Thorsten Winter

Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

Erst vor einigen Tagen. Ich war auf einem Feldweg unterwegs und traf auf Spaziergänger.

Also auf einem betonierten Wirtschaftsweg.

Ja, genau. Von Acker zu Acker. Und die Spaziergänger haben mir nahegelegt, mit meinem großen Traktor den befestigten Weg zu verlassen und um sie herum zu fahren. Durch den Matsch, mit meinem schweren Gerät.

Den Spaziergängern war also nicht bewusst, dass der Betonweg für Bauern wie Sie angelegt worden ist und nicht für Jogger oder Spaziergänger?

So ist es. Das ist mit ein Grund für die derzeit laufenden Bauernproteste. Wir erfahren einfach zu wenig Anerkennung und Respekt für unsere Arbeit. Ich werde in meinem Beruf kaum noch akzeptiert. Das verstehe ich nicht.

Liegt es vielleicht daran, dass kaum noch jemand einen Bauern kennt und die meisten Menschen von Landwirtschaft keine Ahnung haben?

Ich denke, ja. Den meisten Leuten fehlt der Bezug zur Landwirtschaft. Deshalb fordern Kritiker auch Dinge von uns, die so nicht machbar sind.

Was meinen Sie im Einzelnen?

Ein Beispiel: Der Städter spricht gerne von Kunstdünger, wenn es um Mineraldünger geht. Den sollen wir nach Ansicht von Kritikern weniger einsetzen, was ich auch mache. Ich lasse öfter Bodenproben nehmen und nutze Satellitendaten für meine tägliche Arbeit, um Dünger und Pflanzenschutzmittel zu sparen. Schließlich kosten die mich bares Geld. Wenn ich aber Pferdemist statt Mineraldünger ausbringe, ist das vielen Leuten auch nicht recht. Denn Mist riecht ja.

Wie reagieren Sie auf diese Kritik?

Im Grunde ist es so: Samstags und vor allem sonntags kann ich fast nicht mehr auf den Acker fahren, weil sich Sportler und Spaziergänger von mir und meinem Traktor gestört fühlen. Unter der Woche schaue ich auf die Windrichtung, damit Mistgeruch oder Staub nicht in Richtung Stadt ziehen und ich Städtern möglichst nicht zu nahe trete. Dabei stelle ich doch Lebensmittel her, die wir brauchen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Entfremdung von der Landwirtschaft?

Wir müssen versuchen, mit der Stadtbevölkerung wieder in den Dialog zu treten. Das haben wir vernachlässigt. Früher war das nicht wirklich nötig, weil viele Städter in ihrer Familie einen Landwirt hatten oder zumindest einen kannten. Wenn ich mit Menschen aus der Stadt rede und Zusammenhänge erklären kann, höre ich oft: „Ach, so ist das.“

Sollten Kritiker der Bauern umgekehrt auch auf Sie und Ihre Kollegen zugehen?

Das wäre schön. Ich habe kein Problem damit, Rede und Antwort zu stehen. Es gibt tausend Dinge, die mich beschäftigen, und viele davon beschäftigen auch die Kritiker. Glyphosat zum Beispiel. Wir sollen das Totalherbizid nach dem Willen der Bundesregierung immer spärlicher nutzen, bis es dann von 2024 an gar nicht mehr verwendet werden soll. Dennoch wird auch danach immer noch in nahezu gleichem Umfang Glyphosat in Lebensmitteln nachgewiesen werden – und zwar aus Gütern aus dem Ausland. Im Zweifelsfall in Agrargütern von Flächen, für die Urwald gerodet worden ist. Das geht gar nicht. Dazu vermisse ich eine klare Haltung der Regierung.

Haben Sie selbst schon gegen das Agrarpaket der Bundesregierung und die verschärften Vorgaben zu Pflanzenschutz, Düngern und Gülle demonstriert?

Ja, ich bin mit meinem Traktor nach Bonn gefahren. Da habe ich übrigens auch Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren.

Zum Thema Insektenschutz: Sie haben diverse Blühstreifen angelegt und wollen mehr tun als von der Politik gefordert. Klappt das?

Na ja. Ich bin vom Landwirtschaftsamt gerade erst aufgefordert worden, einige Blühstreifen zu vernichten, da die Blühzeit weitgehend vorüber und vor allem die maximale Standzeit erreicht ist. Das will ich aber nicht, da ich Eier und Larven mit abräumen müsste. Außerdem halten sich in Blühstreifen gerne Hasen, Vögel und selten gewordene Rebhühner auf. Deshalb hatte ich beantragt, die Blühstreifen nicht antasten zu müssen. Das ist in ein paar Fällen aber abgelehnt worden.

Mit welcher Begründung?

Gefordert ist eine landwirtschaftliche Mindesttätigkeit. So sieht es das geltende Recht vor. Sonst entfällt die Förderung der Flächen durch die EU.