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Wie sich Kreuzberger gegenseitig das Leben schwer machen

Der Abend beginnt mit dem Eigenlob eines Berliner Politikers, von dem die wenigsten bisher gehört haben dürften. „Sie kennen mich vielleicht, ich habe kürzlich gefordert, dass der Görlitzer Park eingezäunt wird“, sagt Torsten Akmann, Staatssekretär für Inneres in der Berliner Senatsverwaltung.

Seine Idee, so Akmann, sei gar nicht so schlecht angekommen. Viele Medien hätten darüber berichtet. Beim Publikum, das sich an diesem Donnerstag Abend in der Kreuzberger Emmauskirche eingefunden hat, um über Deutschlands wohl bekanntesten Park zu debattieren, löst diese Erinnerung jedoch keinerlei Reaktion aus.

Ob es daran liegt, dass Akmann gänzlich unbekannt ist oder ob sein Zaunvorschlag in der medialen Dauerberichterstattung über den Görlitzer Park schlicht untergegangen ist, bleibt an diesem Abend unklar.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat zur Diskussionsrunde über den Görlitzer Park eingeladen, an die 150 Anwohner und Interessierte sind in die Kirche gekommen.

Senat plant den Görlitzer Park in der Nacht zu schließen

Um die Dealer aus dem Görlitzer Park zu vertreiben, überlegt der Berliner Senat diesen in der Nacht zu schließen. Dafür soll das ganze Areal mit Zäunen, Mauern und Toren abgeriegelt werden.

Quelle: WELT/ Thomas Laeber

Neben dem Berliner Staatssekretär diskutieren auch ein Polizeioberrat, eine Ethnologin und der Leiter des Kreuzberger Grünflächenamtes mit. Einen Stuhl haben die Veranstalter demonstrativ freigelassen. Er ist für Anwohner reserviert. Sie sollen heute Abend sagen, was ihnen auf der Seele brennt, wie es mit ihrem Park weitergehen soll.

Gleich zu Beginn beantwortet FES-Sprecherin Nora Langenbacher die Frage, die sich wohl jeder stellt: Monika Herrmann (Grüne) habe aufgrund eines anderen Termins nicht kommen können.

Die umstrittene Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg hatte die Debatte um den Görlitzer Park erst vor wenigen Tagen angeheizt, als sie in einem WELT-Interview freimütig einräumte, den kriminalitätsbelasteten Park nachts zu meiden.

„Der Görlitzer Park schadet dem Ansehen unserer Stadt“, sagt Akmann zu Beginn. Er sei kein Ruhmesblatt. Er finde nicht, dass Dealer Teil der Parkgemeinschaft seien oder es dort, wir jüngst geschehen, Fußballturniere mit Dealern geben sollte. Damit „verfestige“ man nur ihre Anwesenheit im Park.

Bei einem Gang durch den Park habe er feststellen müssen, dass sich dort fast ausschließlich Dealer, jedoch kaum Familien aufhielten. „Drogendealer haben dort nichts verloren“, sagt Akmann und erntet dafür beim Publikum überraschend viel Applaus und zustimmende Rufe.

Einer der Rufer setzt sich gleich vorne auf den Stuhl. Er wohne seit 30 Jahren am Park, sagt der Mann, die Situation werde immer schlimmer. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen, ich höre Menschen, die sich anschreien, die sich prügeln.“ Früher habe man sich im Park auf eine Decke setzen können, das sei nun nicht mehr möglich.

„Die Aggressivität hat stark zugenommen.“ Schulkinder, die morgens durch den Park liefen würden von Dealern regelmäßig mit den Worten angesprochen, ob sie nicht mal „was Härteres probieren“ wollten. Das habe ihm sein Sohn berichtet. Das Rezept des Mannes: Die Dealer vertreiben. „Zur Not bis an die Stadtgrenze nach Brandenburg.“

„Die lassen sich nicht mal eben vertreiben“, entgegnet Anne Bernegg, Sprecherin des „Parkrats“. Die Dealer hätten einen unglaublich langen Weg auf sich genommen und wenn die vertrieben würden, kämen ohnehin neue. „Wir müssen uns mit der Realität abfinden“, sagt Bernegg.

Sie selbst würde ihre beiden Kinder zwar nie allein in den Park lassen, fühle sich dort auch extrem unwohl, habe aber bewusst die Entscheidung getroffen, wieder hinzugehen. Abends trinke sie deshalb auch mal ein „Radler im Park“. Es gebe eben auch die „schönen Abende“ im Görli, sagt Bernegg.

Mischung aus Unwohlsein und Akzeptanz der Zustände

Diese Mischung aus Unwohlsein im Park und Akzeptanz der Zustände ist an diesem Abend kein Alleinstellungsmerkmal der Parkrat-Sprecherin. Andere Anwohner äußern sich ähnlich. Einer sagt, er habe durchaus Verständnis für die Dealerei, weil gerade westafrikanische Drogenhändler oftmals ihre Schleppergebühren abarbeiten müssten.

Er sei zwar auch „irre genervt“ von den Zuständen, die Dealer seien mindestens genauso pubertierend wie die eigenen Kinder. Der Unterschied: „Ich kaufe meinem Sohn die begehrten Turnschuhe, der junge Mann im Park muss sie sich erarbeiten.“

Eine andere Anwohnerin sieht die Schuld ausschließlich bei den Konsumenten, die sie „Easyjetsetter“ nennt. Die Gruppe, die nachts so laut Musik am Park höre, das seien Männer aus Guinea. Die dächten ganz naiv, dass sie hier einen Job finden, doch dann bekämen sie keine Arbeitserlaubnis.

In Guinea werde aber erwartet, dass sie Geld nach Hause schickten. Sprich: „Die sind total unter Druck“, sagt die Frau.

So werden in Berliner Parks Drogen gehandelt

Im Görlitzer Park in Berlin hat ein Parkmanager Zonen gekennzeichnet, in denen Dealer Drogen verkaufen sollen. Illegal bleibt das trotzdem. Nicht nur Anwohner stellen Sinn und Zweck infrage.

Quelle: WELT

Er glaube nicht, dass Dealer ein Problem seien, sagt ein anderer Mann. Die Jungs machten ab und zu ein bisschen Stress, ihn bedrücke aber etwas anderes: „Wie kriegen wir es hin, dass sie nicht mehr ständig Frauen und Kinder ansprechen? Ich wäre dankbar, wenn mir da jemand einen Tipp geben könnte.“

Spätestens nach diesen Wortbeiträgen verschiebt sich Stimmung in eine andere Richtung. Die Dealer sind nun die Opfer, nicht etwa die Anwohner. Das wird an diesem Abend so oft mantraartig wiederholt, dass die Botschaft irgendwann auch im Publikum ankommt.

Eine Anwohnerin wehrt sich dagegen, sagt, es entstehe der Eindruck, dass Drogendealer mehr Schutz als Anwohner erhielten. „Die Handlungsfähigkeit unseres Staates wird so der Lächerlichkeit preisgegeben“, sagt sie. Der Applaus fällt spärlich aus.

Am Ende liefert ausgerechnet Parkmanager Cengiz Demirci einen denkwürdigen Auftritt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt Demirci, der kürzlich dafür kritisiert wurde, den Dealern farblich markierte Zonen im Park zugewiesen und damit den Drogenhandel stillschweigend gebilligt zu haben.

„Ich spüre Fremdenfeindlichkeit“

„Die Konsumenten sind zu 90 Prozent weiß“, schreit Demirci in das übersteuernde Mikrofon. Im Publikum wird gejohlt und „jawohl“ gerufen. „Es ist nicht Kreuzberg, es ist nicht Berlin, es ist ein bundesdeutsches Problem“, ruft Demirci.

Noch einmal meldet sich daraufhin jener frustrierte Anwohner, der nachts laut eigener Aussage kein Auge mehr zutut. Doch mit seiner Klage bringt er eine Frau gegen sich auf, sie darf als letzte auf den Stuhl. „Sie überspitzen die Zustände, ich spüre Fremdenfeindlichkeit“, greift sie den Mann an.

Damit ist die Diskussion vollends eskaliert; ein anderer Anwohner pflichtet ihr bei und liefert in aufgeregtem Ton noch eine bizarre Anekdote. Als sein Sohn einmal mit dem Fahrrad im Park gestürzt sei, habe ihm nicht etwa ein weißer, sondern ein dunkelhäutiger Parkbesucher wieder auf die Beine geholfen.

Ende mit Floskel: Gemeinsam für den Görli kämpfen

Was sie aus dem Abend mitnähmen, will die FES-Sprecherin und Moderatorin am Ende von ihren Gästen wissen. Der Görli sei nicht nur „Sorgenkind“, sondern „Herzensangelegenheit“, antwortet Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamts in Friedrichshain-Kreuzberg. Das habe er heute Abend gelernt.

Und: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Lassen Sie uns gemeinsam für den Görli kämpfen.“