Luxembourg
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Nahe Zukunft, brüchige Vergangenheit

Kunst am Bau

Auf einer Grünfläche neben der BnL wurde das Werk „Futures possibles, passés probables“ von Martine Feipel & Jean Bechameil eingeweiht. – Kunst, die fortan auch Passanten genießen können.

Das neue Skulpturen-Ensemble „Futurs possibles, passés probables“ von Martine Feipel und Jean Bechameil im Park der Nationalbibliothek.

Das neue Skulpturen-Ensemble „Futurs possibles, passés probables“ von Martine Feipel und Jean Bechameil im Park der Nationalbibliothek. Foto: Anouk Antony

Die ohnehin schon schmucke Nationalbibliothek hat nun auch ihre Kunst am Bau. Vier Jahre hat es gedauert, bis die Skulpturen standen. Mit Martine Feipel & Jean Bechameil wurde eines der renommiertesten Künstlerduos gewonnen, deren Werke auf den ersten Blick etwas akademisch wirken. „Futurs possibles, passés probables“ lautet der Titel ihrer Reihe von Skulpturen auf der Grünfläche neben der Nationalbibliothek (BnL).

Ein Prozent für Kunst am Bau

Die Integration künstlerischer Werke in oder an öffentlichen Gebäuden, sogenannter „Kunst am Bau“, ist eine der Möglichkeiten, Kunstwerke möglichst vielen zugänglich zu machen und in den Alltag zu integrieren. Der Staat verpflichtet sich dazu, einen Anteil von mindestens 1 Prozent der Bausumme hierfür zu verwenden. In Luxemburg erfolgte dies zum Beispiel am „Laboratoire national de santé“, wo Justine Blau im Juni 2020 mit ihrem Projekt menschlicher Zellen die Wände bespielte.

Am vergangenen Dienstag, den 5. September, enthüllten die Künstler Martine Feipel und Jean Bechameil eine große Skulptur in ihrem Ensemble von Skulpturen. – Allerdings nicht unmittelbar am Bau der BnL selbst, sondern auf einer anliegenden Grünfläche. Das Künstlerduo schafft von je her Installationen, die auf den Kontext reagieren, in den sie gestellt werden. Basierend auf Zeichnungen und Skulpturen, die ihnen als Vorlage dienen, versucht das Paar, Räume zu schaffen: ein verschobenes und wackeliges Universum, das sich a priori jeder Logik entzieht.

Auch ihr aktuelles Kunstwerk „Futurs possibles, passés probables“ ist - wie alle vorherigen Kunst-am-Bau-Projekte - in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium und der Administration des bâtiments publics entstanden.

Das Künstlerduo Feipel/Bechameil schafft von je her Installationen, die auf den räumlichen Kontext reagieren, in den sie gestellt werden.

Kulturministerin Sam Tanson unterstrich zur Einweihung, dass das Gesetz für Kunst am Bau vor Kurzem angepasst wurde. Es sei vereinfacht worden, mit dem Blick darauf, dass Künstlern noch besser unter die Arme gegriffen werden könne. Tanson, die frisch gebräunt im Wahlkampfmodus das Werk einweihte, zeigte sich froh darüber, dass Luxemburg dies nun genauso wie Frankreich und Deutschland macht.

Das Künstlerpaar Jean Bechameil und Martine Feipel bei der Einweihung ihres Kunstwerks am 5. September 2023.
Das Künstlerpaar Jean Bechameil und Martine Feipel bei der Einweihung ihres Kunstwerks am 5. September 2023.

Das Künstlerpaar Jean Bechameil und Martine Feipel bei der Einweihung ihres Kunstwerks am 5. September 2023. Foto: Anouk Antony

„Wann ist ein Gebäude fertig? Für die einen ist es, wenn die Lampen angebracht sind, für die anderen, wenn sie den Schlüssel ausgehändigt bekommen haben und endlich hineingehen können“, so der Direktor der Nationalbibliothek, Claude D. Conter. „Wenn es um öffentliche Gebäude geht, dann würde ich sagen, ein solches ist dann fertig, wenn im Rahmen von Kunst am Bau das Kunstwerk endlich vor der Tür steht oder wie hier am Haus.“

Vorbild „Les Brutalistes“

Manche erinnere das neue Werk vielleicht an ihre Installation „Les Brutalistes“ in Nantes, wo das Künstlerpaar Feipel/Beachameil auf einem Platz eine Skulptur schuf, die mit der Vertikalität des Viertels und der Organisation seiner Architektur spielt. Denn es sind ähnliche Skulpturen aus Beton und lackiertem Aluminium, die nun auf der Grünfläche neben der Nationalbibliothek zu sehen sind.

In Bezug auf ihr Werk in Nantes habe das Künstlerpaar einmal gesagt: Kunst dürfe nicht von Freizeit getrennt werden, sondern im Gegenteil sei es eine Frage des Erfindens in der Kunst, das die Schaffung neuer Formen der Existenz und des gesellschaftlichen Lebens ermöglicht.

„L'art ne devrait pas être séparé d'une forme de célébration et de loisir, mais au contraire il s'agit d'inventer un art qui permette de créer de nouvelles formes de coexistence et de vie sociale: inventer des cérémonies et des fêtes avec des règles sociales diversifiées, transgressives et ouvertes. Nous le considérons comme un acte d'inclusion sociale, d'ouverture à l'autre et aux valeurs démocratiques“, so Feipel und Beachameil einst über die Absicht hinter dem Werk „Les Brutalistes“, die aus Sicht Claude D. Conters auch auf ihr neues Werk an der BnL übertragen lasse.

Vor allem aber sei es Kunst in einem öffentlichen Raum, an einem Ort der Begegnung, betonte der Direktor der Nationalbibliothek.

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Ein weiteres Spezifikum, so Conter, sei, dass dieses neue Kunstwerk auch mit dem Gedächtnis verbunden sei. Das Werk von Martine Feipel und Jean Bechameil finde man schließlich im Bestand der Nationalbibliothek. Genauso wie „The art of memory“ von Francis Amelia Yates, ein zentrales Werk, auf das sich das Künstlerduo explizit beruft.

Es braucht Zeit, bis so ein Projekt Gestalt annimmt, bis wirklich ein Dialog zwischen dem Gebäude und dem Kunstwerk entsteht.

Kevin Muhlen

Künstlerischer Leiter des Casino – Forum d’art contemporain und Jury-Mitglied 

Es brauche Zeit, bis so ein Projekt Gestalt annehme, bis wirklich ein Dialog zwischen dem Gebäude und dem Kunstwerk entstünde, so der Kunsthistoriker und künstlerischer Leiter des Casino – Forum d’art contemporain, Kevin Muhlen, der als Jury-Mitglied sprach.

Erinnerung und Zukunft in einem Werk

Natürlich sei auch ein Kunstwerk unmittelbar an der Bibliothek (einem Bau von Bolles+Willson architects möglich gewesen), aber die Skulpturen im Park provozieren wirklich eine Begegnung, stoßen Überlegungen an, brächten viel Farbe, interessante Formen mit, treten in einen Dialog mit den Betrachtern, mit ihren Formen. „Sie bringen räumliches Denken ein, aber auch historische und kulturelle Referenzen, die auf eine abstrakte Manier eingeführt werden und das Ganze zu einem interessanten Kunstwerk machen, das nicht nur einmal auf den Betrachter wirkt“, so Muhlen.

Die Skulpturen der Künstler Martine Feipel und Jean Bechameil im Park der BnL.
Die Skulpturen der Künstler Martine Feipel und Jean Bechameil im Park der BnL.

Die Skulpturen der Künstler Martine Feipel und Jean Bechameil im Park der BnL. Foto: Anouk Antony

Die Nationalbibliothek ist mit dem Nationalarchiv die wichtigste Institution für schriftliches Bauerbe.

Monique Kieffer

Ehemalige Direktorin der BnL

Auch die ehemalige Direktorin der Nationalbibliothek, Monique Kieffer kam bei der Einweihung zu Wort. Sie lobte das Projekt, das noch unter ihrer Ägide auf den Weg gebracht wurde. „Es ist wirklich ein Werk, das nach dem Dialog mit der Bibliothek schreit.“ Die Nationalbibliothek sei mit dem Nationalarchiv die wichtigste Institution für schriftliches Bauerbe.

Sie sprach mit Bezug auf den Skulpturentitel, den „Futurs probables“ davon, dass man einen pessimistischen Blick haben und sagen könne, unsere Zivilisation laufe Gefahr, dass später nur noch ein paar Reste in der Landschaft übrig blieben; man könne es aber auch optimistischer sehen – und dann stehe die Nationalbibliothek für Wissenschaft und Recherchen, aber auch für das breite Publikum, um die Wissensgesellschaft in Luxemburg fortzuentwickeln.

Aus der Zeit gefallen: künden von einstigem Glanz und verweisen auf eine ungewisse Zukunft. „Futurs possibles, passés probables“ von Martine Feipel und Jean Bechameil.
Aus der Zeit gefallen: künden von einstigem Glanz und verweisen auf eine ungewisse Zukunft. „Futurs possibles, passés probables“ von Martine Feipel und Jean Bechameil.

Aus der Zeit gefallen: künden von einstigem Glanz und verweisen auf eine ungewisse Zukunft. „Futurs possibles, passés probables“ von Martine Feipel und Jean Bechameil. Foto: Anouk Antony

Aktuelles Leitmotiv: Zerstörung von Kulturgütern

Ein zentrales Leitmotiv, die Problematik der Zerstörung von Kulturgütern, die Feipel und Bechameil unter anderem mit ihren Skulpturen aufgreifen, habe sich in den öffentlichen Raum verschoben … Das komme nicht zuletzt daher, dass bei uns immer mehr zu sehen sei, „dass Kunstwerke, aber auch literarische Werke kritisiert, zensiert, zerstört werden – durch Naturkatastrophen, Fanatismus, Mangel an Toleranz und weil der identitätsstiftende Charakter, den Monumente haben, von einem Teil der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert oder getragen wird“, so Kieffer.

Wer beiläufig durch den Park der BnL schlendert kann also beim Spaziergang fortan diese Skulpturen entdecken.

Tatsächlich erinnern die beige-hellen Skulpturen im Park an Fragmente vergangener Zivilisationen, vermag der Kunst-Betrachter Einzelheiten wiederzuerkennen. Das Werk als Ganzes führt in einen unsicheren Raum einer Archäologie der Formen und Skulpturen, die Geschichten der Menschheit erzählen, die zwischen den wahrscheinlichen Idealen der Vergangenheit und den Utopien einer möglichen Zukunft gefangen sind, daher der komplexe Titel des Werks.

Wer beiläufig durch den Park der BnL schlendert, kann also beim Spaziergang fortan diese Skulpturen entdecken, in denen natürlich - Kunstinterpretation ist subjektiv - jeder Zuschauer etwas Anderes zu sehen vermag.